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Simulierte NZZ-Website heizt Glaubenskrieg um Schweizer Preisbindung („nützt nur Amazon“) neu an

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Eine geschickt imitierte NZZ-Webseite (s. Abb.), angeblich aus dem Jahr 2016, liefert neue Munition im Richtungsstreit um die Schweizer Preisbindung. MIGROS-Chef Herbert Bolliger habe im Jahr 2011 durch seinen Kampf gegen die Preisbindung nicht nur den Buchhandel, sondern sich selbst gleich mit wegrationalisiert. Denn der Kampf gegen die Preisbindung habe allein Amazon genützt.

Der Hintergrund: In der Schweiz tobt der Kampf um das Preisbindungsgesetz. Dafür: der SBVV für die große Mehrheit der Schweizer Buchhändler. Dagegen: die größte Konsumgenossenschaft der Schweiz, MIGROS unter Chef Herbert Bolliger mit ihrer Billigbuchkette EXLIBRIS (110 Filialen). Im März oder Juni soll bei einer Volksabstimmung entschieden werden. MIGROS hatte die dafür erforderlichen 50.000 Stimmen in Rekordzeit beschafft, und wird wohl auch das gewünschte Ergebnis, ein NEIN zum Gesetz bekommen. Aber: Das könnte ein Pyrrhussieg werden.

Die simulierte Seite (aufwendig und täuschend ähnlich der NZZ-Webseite nachgebaut) schildert die dunkle Zukunftsvision: So wären dann ab 2012 Rabatte in der Schweiz möglich gewesen, auch wäre sofort eine eigene Schweizer Amazon Webseite amazon.ch gestartet worden, die es bis dato nicht gab. Mit der logischen Folge:

Im Rabattpreiskampf habe MIGROS dann dem viel größeren Amazon unterliegen müssen, vor allem bei den eBooks, die heute im Umsatz noch keine Rolle spielen, mit hohen Rabatten und dem passenden Lesegerät (Kindle) aber an Attraktivität gewinnen und das traditionelle Buch verdrängen könnten.

Auch hier waren die unbekannten Autoren der Website hochkreativ: Das eBook-Lesegerät, das sie Jeff Bezos unter dem Namen „Butterfly“ im Jahr 2015 annoncieren lassen, ist einerseits glaubwürdig genug beschrieben, andererseits so ausgefuchst, dass jeder es gegen sein iPhone und auch iPad eintauschen wollen. Und was machbar ist, wird auch gemacht werden: Damit wäre dann der zukünftige eBook-Markt fest in der Hand von Amazon.

Selten haben wir einen bedrohlicheren Blick in die Glaskugel geworfen – der Text macht mehr als nachdenklich. Denn was uns mit einem deregulierten eBook-Markt aus amazon wirklich droht ist nicht nur die totale Laien-Literatur-Schwemme. Es droht auch das Verschwinden eines Berufsstandes, der wichtige Arbeit geleistet hat, die dann niemand mehr leisten kann.

Die unbekannten Imitatoren haben ihre Seite mit Liebe zum Detail gebaut und ein paar hochkomische Trouvaillen am Rande eingebaut: Genscher bei der Piratenpartei? Matthäus beim FC Zürich? Eine deutsche Steuer-CD in der Schweiz?

Die Autoren verfügen offenbar nicht nur über sehr genaue Branchenkenntis, sondern auch über eine gute Portion (Galgen?)Humor. Davon zeugt schon allein die Passwortfrage, die so sinnlos simpel ist, wie die in Zeitungen üblichen Ankreuzfragen – es sind nur vier Ziffern und natürlich die des gemeinten Jahres: 2016.

Die Seite scheint allerdings noch nicht ganz fertig zu sein, denn unterhalb der ersten sieben Artikel kommen offenbar weitere noch nicht auf 2016 umgeschriebenen Original-Meldungen aus 2011 (obwohl andererseits schon alle weiterführenden Links ‚umgebogen‘ worden sind). Hätte die Seite erst im März (kurz vor der Abstimmung – wohl am 11. März 2012) publik werden sollen? Darauf deutet das Datum auf der Seite 6. März (Di) hin.

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