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Dr. Gerlinde Leichtfried: ein Thalia-Stipendium als Eliteförderung – aber was tun Sie, um die Nachwuchskompetenz in der Breite zu stärken?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Thalia– Direktorin Unternehmensentwicklung, Organisation und Personal Dr. Gerlinde Leichtfried.

Dr. Gerlinde Leichtfried, geboren in Linz, kam 2006 als Quereinsteigerin aus einem Beratungsprojekt zu Thalia. Sie ist Direktorin Unternehmensentwicklung, Organisation und Personal in der Thalia Holding und Mitglied der Geschäftsleitung. Gemeinsam mit der Zeppelin Universität Friedrichshafen hob sie im Sommer 2011 ein Stipendienprogramm für den Studiengang Kommunikation und Kulturmanagement aus der Taufe.

Dr. Gerlinde Leichtfried

Dr. Gerlinde Leichtfried, wie geht es „unserem Mann in Friedrichshafen“?

Gerlinde Leichtfried: Wir haben uns entschlossen, das Stipendium auf zwei Studierende aufzuteilen. Die Wahl fiel auf zwei Frauen. Ich bin mir sicher, es geht ihnen gut, denn sie haben sich sehr gefreut, diese Chance zu bekommen. Dabei ist das Master-Stipendium an der Zeppelin Universität nur ein Teil einer umfassenden Kooperation, in der es um Weiterbildung für die Praxis geht. Wir kooperieren mit der Zeppelin Universität, da sie aufgrund ihrer Ausrichtung einen wertvollen Beitrag für Thalia leisten kann: Sie wählt die Studierenden nicht allein aufgrund von deren Interessen und fachlicher Qualifikation aus. Wer das aufwändige Rekrutierungsverfahren durchlaufen hat, verfügt auch über eine eigene Meinung und kann diese vertreten. Dieser Fokus auf Führungsqualitäten und eine ausgeprägte Persönlichkeit ist für eine deutsche Universität sehr bemerkenswert. Beim Auswahlverfahren wirken unter anderem auch universitätsfremde Führungskräfte mit – ein Praxiskontakt, der auch die weitere Ausbildung trägt und prägt. Für uns bedeutet dies, dass wir mit den Studierenden in intensiven Kontakt hinsichtlich praktischen Erfahrungsaustauschs treten können. Für die Studierenden heißt dies, dass sie keine Ausbildung von der Stange bekommen und neben der Theorie auch wertvolle praktische Erfahrungen sammeln können. Die Wertschätzung, die sie dadurch erhalten, gibt ihnen motivierenden Rückenwind für ihre weitere berufliche Laufbahn. Auf diese Weise sind die Zusammenarbeit und der Austausch gewinnbringend für beide Seiten.

Welche Vorteile genießt der Stipendiat?

Gerlinde Leichtfried: Den beiden Damen wird zunächst jeweils die Hälfte der Studiengebühren für die Studiendauer von zwei Jahren erlassen. Darüber hinaus können sie sich allerdings auch über zahlreiche Leistungen nichtmonetärer Art freuen, die aus dem spezifischen Potenzial der Zeppelin Universität und der Kooperation mit Thalia hervorgehen. Dazu gehört nicht zuletzt ein Mentoring durch unsere Führungs- und Fachkräfte. Wir verstehen uns als Partner und Mentor der Stipendiaten und möchten sie langfristig auf ihrem Weg ins Berufsleben begleiten.

Man sollte meinen, es wimmle von begabten Gesellschafts- und Geisteswissenschaftlern, die für die Medienbranche bestens qualifiziert sind. Warum noch ein Thalia-Stipendium?

Gerlinde Leichtfried: Das Wesentliche an unserer Kooperation ist, dass nicht nur die fachlichen Aspekte im Vordergrund stehen, sondern auch die Förderung der Persönlichkeit. Da haben die Zeppelin Universität und wir dieselbe Philosophie und passen gut zusammen.

Viele Kunden zweifeln – und ver-zweifeln – an der Qualifikation der Kräfte, die sie im Laden bedienen und eigentlich als Stammkunden binden sollen: läge da nicht ein vielleicht unglamouröser, aber notwendiger Weg der Nachwuchsförderung?

Gerlinde Leichtfried: Unsere Kunden können das nicht sein, sonst hätten sie uns nicht zum Händler des Jahres 2011 gewählt. Wir haben in den letzten Jahren in Sachen Kundenservice und Kundenbindung gemeinsam mit unseren Mitarbeitern sehr viel gearbeitet. Das hat sich gelohnt und wir freuen uns, dass das Engagement und die Kompetenz unserer Mitarbeiter von unseren Kunden belohnt werden.

Was sind Ihre Standards für die Kompetenz und Qualifikation des Personals im Laden?

Gerlinde Leichtfried: Die absolute Grundvoraussetzung ist die Service-Orientierung. Ganz wesentlich dabei ist, dass hier keine Floskeln aus Verkaufsschulungen abgespult werden. Vielmehr arbeiten wir gemeinsam mit unseren Mitarbeitern daran, die Bedürfnisse der Kunden herauszufinden und dafür zu sorgen, dass sie mit einem guten Gefühl den Laden verlassen und gerne wiederkommen. Ein weiterer wichtiger Fokus ist die Sortimentskompetenz. Bereits in der Vergangenheit haben wir in dieser Disziplin immer exzellent abgeschnitten, was auch an der traditionell guten Sortiments-Ausbildung der Buchhändler und an ihrer hohen Identifikation mit dem Produkt Buch liegt. Bedingt durch die Erweiterung unseres Angebots durch neue Sortimente ist es notwendig, diese Kompetenz weiterhin abzusichern und auch auf neue Sortimente zu übertragen. Der Kernbereich betrifft das Thema Multichannel. Unsere Mitarbeiter sind auch hier versierte Kenner und können unseren Kunden erklären, was eine App ist oder wie unser E-Book-Reader Oyo funktioniert. Servicebereitschaft und Kompetenz stehen bei uns an oberster Stelle – über alle Sortimentsbereiche oder Verkaufskanäle hinweg.

Schöpfen Sie dabei aus dem Vollen, oder ist die Rekrutierung qualifizierter Buchhändler aufwändig?

Gerlinde Leichtfried: Die Antwort liegt dazwischen. Im Moment haben wir keinen akuten Mangel, wir rechnen aber mittelfristig damit, dass die Rekrutierung schwieriger wird. Wesentlicher Ansatzpunkt, auch in Zukunft gute Mitarbeiter zu haben, ist für uns die Ausbildung. Medienwandel und Technologie lassen heute den Beruf des Buch- und Medienhändlers wieder attraktiver werden; die Zielgruppe ab 18 findet das „cool“. Wir müssen nur aktiv dran bleiben und uns als Unternehmen präsentieren, das jungen Menschen eine berufliche Perspektive bietet. Alle unsere Auszubildenden gehen seit diesem Sommer zum Blockunterricht zum mediacampus nach Frankfurt-Seckbach, wo auch Thalia-spezifische Inhalte geschult werden. Insgesamt möchten wir Quantität und Qualität der Auszubildenden steigern und dabei auch Perspektiven für eine Weiterbeschäftigung im Unternehmen schaffen. Wer zum Beispiel nach der Ausbildung studieren möchte und das entsprechende Potenzial mitbringt, den unterstützen wir mit weiterführenden Angeboten.

Engagieren Sie sich auch auf dieser Ebene branchenpolitisch?

Gerlinde Leichtfried: Im Branchendurchschnitt sind ca. 5% der Verkaufskräfte im Buchhandel Azubis, unser Ziel ist es, 2012 noch auf 15% zu kommen. Langfristig visieren wir einen Anteil von 20% -25% an. Mit dem mediacampus und Frau Kolb arbeiten wir weiter an der Ausarbeitung der Ausbildungsschwerpunkte und gestalten damit den Ausbildungs-Alltag weiter aktiv mit.

In welche Richtung wird sich das Berufsbild des Buchhändlers bei Thalia langfristig entwickeln?

Gerlinde Leichtfried: Bei uns wird der Buchhändler zum Medien-und Multichannel-Händler, der die Kunden kompetent berät, egal welche Darreichungsform der Inhalt besitzt, den ein Kunde haben möchte. Hier sind unsere Mitarbeiter aktuell besonders gefordert, jedoch ermöglichen wir ihnen auch, in diesem Bereich eine besondere Kompetenz aufzubauen und vielfältige Möglichkeiten zu nutzen. Hierbei fordern und beanspruchen wir für unsere Mitarbeiter einen Wissensvorsprung, den diese täglich unter Beweis stellen. So ist die kompetente Beratung beispielsweise ein zentraler Schlüssel zum Erfolg unseres eReaders OYO. Nur durch die Fachkenntnis und die Begeisterung unserer Mitarbeiter war es möglich, den hohen Beratungsbedarf der Kunden zu erfüllen und einen entsprechenden Servicelevel zu bieten.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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