
Kaum ein aktueller Roman hat mehr hochrangige Auszeichnungen erhalten wie Eugen Ruges In Zeiten des abnehmenden Lichts (Rowohlt) [mehr…]: Erst den Döblin-, dann den Aspekte- und zuletzt den Deutschen Buchpreis. Gestern Abend las der Autor in Düsseldorf vor ausverkauftem Haus.
Selinde Böhm und Rudolf Müller war von Anfang an klar, daß die Plätze in ihrer Literaturhandlung im Heine Haus nie und nimmer ausreichen würden, wenn Eugen Ruge kommt: So legten sie die Veranstaltung gleich ins Auditorium der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, eine Einrichtung, mit der die Buchhändler seit Jahren freundschaftlich verbunden sind. Und sie hatten richtig gerechnet: Der Saal war knallevoll (und im Anschluß an die Veranstaltung nahm die Schlange zum Signiertisch kein Ende).

Lothar Schröder von der Rheinischen Post moderierte den Abend – Ruge las aus drei Kapiteln seines Romans, der sich aus der Spiegel-Bestsellerliste nicht vertreiben läßt: Dort steht er auf Platz 1.
Ruge erläuterte die Struktur des Romans – allein daran hat er ein ganzes Jahr herumgeknobelt: Aus sechs verschiedenen Perspektiven wird die gleiche Geschichte erzählt, dazwischen“gestreut“ ist die Vorgeschichte, die chronologisch gebaut ist. Und es gibt ein paar Kapitel, in denen der Held sozusagen über allem steht – Kapitel, die lange nach der Wende in Europa spielen, die im Buch übrigens nicht erzählt wird – ein weiterer Kunstgriff des Autors.
Über den Inhalt des Romans muß hier nichts mehr gesagt werden: Erzählt wird nicht allein der Untergang einer Familie, sondern auch das Verschwinden des kommunistischen Weltreiches. Ruge räumte ein, daß er sich beim Schreiben schwergetan habe, um genau diese Leichtigkeit hinzubekommen, die den Roman auszeichnet. Wortwitzig und wortmächtig erzählt er seine Geschichte, die mit den schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts zu tun hat: Zweiter Weltkrieg, Stalinismus.

Nachdem er für die ersten Kapitel den Döblin-Preis bekomme hatte, interessierten sich natürlich mehrere Verlage für das Manuskript. Rowohlt-Verleger Alexander Fest, der den Zuschlag erhielt, ließ seinem neuen Autor – einem Romandebütanten von fast 57 Jahren – freie Hand, drängte auf keinen Abgabetermin, wußte wohl von Anfang an, daß ein solches Werk sich nicht erzwingen läßt, sondern reifen muß. Und als Ruge nach Abgabe des Manuskripts noch ein Kapitel nachlieferte, während man bei Rowohlt schon ans Drucken dachte, war auch das kein Problem. Jedenfalls kein unüberwindliches. Inzwischen wird das Buch in alle europäischen Sprachen übersetzt und erscheint – als Spitzentitel in einem mittelständischen Verlag – in den USA.
Warum man diesen Roman unbedingt noch vor Weihnachten kaufen muß, da gab der Autor den Buchhändlern zum Schluß der Veranstaltung ein schlagendes Argument an die Hand: Im Buch gibt es schließlich auch ein „funktionierendes Rezept“ für eine Weihnachtsgans…







