Christiane Munsberg ist im Club Bertelsmann für die Kultur verantwortlich. Auf der Programmpressekonferenz für „Leipzig liest“ beklagte sie, dass die Literatur aus den Medien verschwindet – und hat damit eine Diskussion angeregt – was Anlass war für unser heutiges Sonntagsgespräch.
Die 21. Auflage von „Leipzig liest“ findet vom 15. bis zum 18. März statt – únd der Club Bertelsmann war von Angang an dabei: Er initiierte 1992 das literarische Rahmenprogramm der Leipziger Buchmesse und ist bis heute einer der Hauptunterstützer. Auf dem Blauen Sofa in der Glashalle werden in diesem Jahr knapp 60 Autoren ihre Neuerscheinungen vorstellen. Außerdem ist der Club mit fünf Veranstaltungsreihen in der Stadt präsent, darunter die Reihe „Jüdische Lebenswelten“.
Frau Munsberg, Sie beklagen, dass die Literatur aus den Medien verschwindet.
Christiane Munsberg: Und damit stehe ich nicht allein. Ich habe in den letzten Wochen viele Gespräche in der Branche geführt, die diesen Eindruck bestätigen. Aufhänger für

Im Fernsehen findet Literatur
eigentlich kaum noch statt –
und wenn überhaupt:
frühestens ab 23 Uhr
mich war, dass Medien eine Schlüsselrolle bei „Leipzig liest“ spielen. Dieses Literaturfestival ist eine einzigartige Verbindung von Buchmesse, also Business, und Literaturfestival, also Autorenbegegnung. Hier kann man hautnah erleben, wie Literatur entsteht und vermarktet wird, wie aus Lesern Zuhörer und Debattierer werden. Als Multiplikatoren dienen die Medien, die – außer vielleicht bei der Frankfurter Buchmesse – bei keinem deutschen Literaturfestival so zahlreich vertreten sind wie hier in Leipzig. Außerhalb dieser beiden Branchen-Events sieht es aber deutlich anders aus.
Nach welchen Gesichtspunkten stellen Sie Ihr Programm für „Leipzig liest“ zusammen?
Unsere Leseförderung in Leipzig und Frankfurt funktioniert so: Wir kümmern uns um wichtige und (noch) unbekannte Autoren, aber wir brauchen freilich auch die großen namhaften Schriftsteller, wenn wir öffentlich wahrgenommen werden wollen. Vor allem wollen wir aber Autoren vorstellen, die sich als Schriftsteller verstehen. Denn uns geht es darum, einen Autor, sein Werk und seine Leser in Beziehung zu setzen. Uns interessiert nicht in erster Linie das publikumswirksame „Event“. Mit diesem Ansatz unterscheiden wir uns zunehmend von den Medien.
Inwiefern?
In der medialen Begleitung und Aufbereitung von Büchern und Autoren beobachten wir die Ablösung des Literaturbegriffs: So gehörte bei den Titeln, die die Verlage uns für Veranstaltungen in Leipzig angeboten haben, nur noch knapp die Hälfte zur Belletristik. Mich wundert das, weil die Belletristik zu den wichtigsten Bereichen im deutschen Buchhandel gehört.
Wie erklären Sie sich das?
Vielleicht liegt es daran, dass die Verlage uns vorrangig Titel für das Blaues Sofa nennen, die sie für „fernsehtauglich“ halten? Damit ließe sich erklären, warum mehr als die Hälfte der Non-Fiction-Titel so genannte „Promi-Bücher“ sind. Wir würden gerne eine größere Vielfalt internationaler Literaten auf unser Blaues Sofa bringen.
Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen findet Literatur eigentlich kaum noch statt – und wenn überhaupt: frühestens ab 23 Uhr. Kulturmagazine berichten nur noch in Ausnahmefällen über Literaten – und wenn sie es doch einmal wagen, stürzen sich alle Magazine auf die gleichen prominenten Autoren. Wir brauchen diese wenigen Inseln unbedingt – ich bin aber überzeugt, dass es besser wäre, mehr und unterschiedlichere Zugänge zu Literatur zu finden. Warum widmet sich kaum jemand dem Lesen als Phänomen, das sich heute sehr stark wandelt, etwa beim Thema Social Reading?
Und die Presse? Der Hörfunk?
Regionale Zeitungen bringen weniger Literaturrezensionen, aus überregionalen Zeitungs-Redaktionen hören wir Klagen, dass die Verlage Budgets für freie Rezensenten kürzen. Von freien Rezensenten erfährt man, dass Ihre Beiträge schlechter honoriert werden. Lediglich der Hörfunk bietet täglich Buchrezensionen unterschiedlichster Couleur – und zwar nicht, weil Buchtipps billig zu produzieren sind, sondern weil, so hört man, die Hörer das heftig verlangen. Das ist ein Beleg dafür, dass der Wunsch nach Literatur in den Medien bei den Leser, beim Publikum da ist.
Wie lässt sich der Wunsch der Leser denn erfüllen?
„Leipzig liest“ setzt ein Zeichen für die Lesekultur. Der Club Bertelsmann engagiert sich seit mehr als 20 Jahren für diese Art von Leseförderung und erfüllt damit auch heute noch Reinhard Mohns Wahlspruch: „Wenn die Menschen nicht zu den Büchern kommen, dann bringen wir die Bücher zu den Menschen.“ Wir wollen authentische Begegnungen mit Autoren vermitteln, in denen unser Publikum das Wesen und das Wesentliche der Literatur erfahren kann. Wir brauchen mehr von dieser Art Leseförderung!
Wie erreichen Sie Ihr Publikum?
Von unserem Publikum verlangen wir bei „Leipzig liest“ keine Eintrittsgebühren, weil wir die Einstiegsbarriere niedrig halten wollen. Wir kooperieren mit unterschiedlichen Medienpartnern aus dem Feuilleton, um mit der Expertise dieser Multiplikatoren ein größeres Publikum wirksam zu erreichen. Wenn Autoren, Bücher und Literatur in unserem Leben nicht mehr sichtbar sind, dann verschwindet auch ein großes Stück Lesekultur in Deutschland.
Wie geht es mit dieser Debatte weiter?
Ich wünsche mir, dass wir alle in der Branche diese Gedanken nicht als Ewiggestriges und „Früher war alles besser“-Trauer abtun. Vielmehr ist es an uns, die wir im literarischen Kosmos unterwegs sind, die Analyse dieser Situation zu schärfen und dann selber etwas zu unternehmen, damit die Literatur in der Vielfalt, die wir brauchen sichtbar bleibt.
Die Fragen stellte Margit Lesemann