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Rolf-Bernhard Essig: Scheiß auf die Fakten! Oder: Nicht diese Töne!

Die Urheberrechtsdebatte verschärft sich immer weiter, der Ton der Kontrahenten wird ruppiger. Angefeuert wird sie von Forderungen der Piratenpartei und anderen, die die Gratiskultur des Internets unterstützen. In unserem Sonntagsgespräch erklärt der Meister des Fluchens, Rolf-Bernhard Essig, was ihn an dieser Diskussion am meisten nervt.

BuchMarkt: Sie sind also, ich zitiere aus Ihrem neuen Buch übers Fluchen: „ein Absatzknecht, ein Schriftstehler, Satzklempner, Kommagärtner und Wortwichser, ein Papierirrer, Geniesimulant und elender Skribent!“

Rolf-Bernhard Essig: Jedenfalls sind das Schimpfwörter, die man als Autor aktuell so um die Ohren gehauen bekommt. Vor allem in der Urheberrechtsdebatte die seit Monaten tobt. Bei „elender Skribent“ freu ich mich noch direkt. Das erinnert an Lessing oder Goethe.

Apropos, die beiden Klassiker konnten doch auch austeilen. So nach dem Motto: „Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent.“ Und war’s nicht Arno Schmidt, der sagte „I love a good hater“? Sind Sie und der Literaturbetrieb insgesamt einfach zu empfindlich?

Vielleicht. Wobei es genügend Autoren gibt, die inzwischen scharf zurückschießen. Vielleicht auch, weil sich Pöbeln auszahlt, nicht nur bei Bohlen. Ehrlich gesagt, es schimpfen zwei Seelen in meiner Brust. Die eine pfeift auf den Anstand und freut sich über deftige oder polemisch zugespitzte Argumente im Kampf um Bücher, neue Vertriebswege, Kunden. Die andere wettert gegen diese immer häufigeren und so verdammt persönlichen Schimpfkanonaden. Das schaukelt sich aktuell maßlos auf, ohne irgendwohin zu führen. „Scheiß auf die Fakten – volle Kraft voraus!“ Das war die dreiste Antwort auf meine detaillierte Kritik einer Polemik gegen Urheberrechtsverteidiger. Da denk ich oft: „Freunde, nicht diese Töne!“

Naja, wenn man was erreichen will, kann man schon mal drastisch formulieren. Bei Sibylle Berg auf Spiegel Online las ich jüngst: „Die Zahl der Arschgeigen wächst prozentual zu den anderen dreimal schneller, wie es scheint. Weil Idioten immer lauter sind. Einige tobende, gewaltbereite Herren in islamischen Ländern, die sich im Zweifel immer beleidigt fühlen, haben denselben Effekt wie zunehmende Shitstorms im Internet. Sie verbreiten Terror.“

Das ist wohl genau der Punkt. Wo schlägt der lustige, wütende, produktive Streit in Erpressung, Hass, ja Terror um? Dass Fluchen oder Schimpfen entlastet und erheitern kann: Das ist eine Binsenweisheit. Es macht Positionen oft schärfer, klarer. Aber wenn Hacker Blogs missliebiger Autoren lahmlegen oder automatisch generierte Mails Server von Urheberrechtsverteidigern überschwemmen und die piratengeile Netzöffentlichkeit nur schadenfroh spottet, dann ist Schluss mit lustig. Und was mich wirklich aufregt: Dass viele nicht mit offenem Visier kämpfen. Überall und besonders bei den widerlichsten Kommentaren im Netz: Deck-, Scherz- und Spitznamen. Früher auf dem Schulhof sagten wir: „Feiger Hund!“

Der Ton wird rauer. Das gilt für Autoren und Piratenpartei, aber auch für Verlage, Buchhandel, Internetvermarkter, Suchmaschinenbetreiber. Schaukelt sich da eine Panik hoch? Der Kuchen „Buchmarkt“ wird ja nicht größer, die Zahl derer, die etwas abhaben wollen, schon.

Panik? Ja, aber auch Wut! Bei meinen vielen Lesungen in Schulen und Buchhandlungen treffe ich auf Spott über die altmodischen Verteidiger einer untergehenden Kultur, gleichzeitig auf Unverständnis. Dafür, dass jetzt alles neu, anders und gratis sein soll. Ein Aufsatz Kathrin Passigs hat mich allerdings ertappt und ernüchtert. Der heißt „Standardsituationen der Technologiekritik“ und beweist leider: Unser aggressives Abwehren der schönen neuen Welten ist eine Art Reflex. Bei jedem Übergang zu einer neuen Technik hat es ähnliche Reaktionen gegeben. Also bei Einführung der Druckerpresse, der Schreibmaschine, der CD, des Computers, des Internets. Trotzdem wünsche ich mir auf dem Schlachtfeld der Bücher, Märkte und Meinungen von allen Kämpfern Mut zum eigenen Namen und zu kreativen Beschimpfungen!

Selbst wenn Sie das geistige Eigentum hochleben lassen, ein paar Schimpfwörter von Kollegen haben Sie doch übernommen. Oder?

Stimmt! Allerdings hauptsächlich von Gemeinfreien. Wie Rabelais, Sachs und Shakespeare schimpften: großartig! Mein Favorit ohne Frage: „Thou damned tripe visaged rascal“. Ich weiß nur nicht, ob ich das mit „Du verdammter kuttelgesichtiger Kerl“ oder mit „gekrösefressiger Schurke“ übersetzen soll. In meinem Buch sind dann noch ganz viele Dialektausdrücke, aber die kann ich nicht aussprechen, ohne mich lächerlich zu machen.

Warum nicht? Oscar Wilde meinte: „Die Menschheit nimmt sich selbst zu ernst. Wenn der Höhlenmensch zu lachen gewusst hätte, wäre die Geschichte anders verlaufen.“

Also gut. Lachen ist wie Fluchen ja ein Stück Lebenskraft. Im Fränkischen könnte ich die selbstgefälligen Dampfplauderer so beschimpfen: „Ausdroochärä“, „Babblära“, „Vollwaafm“, „Waafgrabfm“, „Koäfraidoochsraadschn“!

Rolf-Bernhard Essig, Jahrgang 1963, Autor, Entertainer, Dr. phil., hat gerade sein Buch Holy Shit! Alles übers Schimpfen und Fluchen bei Rütten & Loening mit Illustrationen von Papan publiziert. Der „Indiana-Jones der Sprachschätze“ (NZ) ist auch in einer täglichen Kolumne auf SWR 1 zu hören unter dem Titel Butter bei die Fische und derzeit mit seiner Redensartenberatung wieder auf Tour auch im Buchhandel. Kontakt: dr.essig@t-online.de

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