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Erste Frankfurter Literaturgeschichte vorgestellt

Monika Steinkopf und Heiner Boehncke

Die Berger Bücherstube in Frankfurt Bergen-Enkheim war voll geworden am gestrigen späten Nachmittag. Inhaberin Monika Steinkopf hatte einen besonderen „Auszubildenden“ an diesem Samstag gehabt, den Literaturwissenschaftler und Autor Professor Heiner Boehncke.

Nach seiner Arbeit als „Buchhändler“ stellte er sein neuestes Werk vor, das er gemeinsam mit Hans Sarkowicz schrieb: Was niemand hat, find ich bei Dir – Eine Frankfurter Literaturgeschichte, soeben erschienen im Verlag Philipp von Zabern.

„Der Verkauf mit dem Berater Heiner Boehncke lief heute gut“, stellte Monika Steinkopf fest. „Es war ein lustiger Arbeitstag.“ „Sagen Sie“, wandte Heiner Boehncke ein. Monika Steinkopf ließ sich davon nicht beirren und lobte Boehncke als „gelehrigen Azubi“.

Im Rückblick auf den Arbeitstag fand Heiner Boehncke bewundernde Worte für die engagierte, langjährige und allwissende Buchhändlerin Monika Steinkopf. Er warf auch einen Blick in die Zukunft der Buchhandlungen, die sich zwischen Tradition und Lieferservice von Internetversendern neu konstituieren müssen. „Die Zukunft liegt in der Beratung und im Kontakt mit den Menschen“, ist sich Boehncke sicher. „Im Internet kann man nicht leben.“

Dann ging er auf das neue Buch ein. Es ist die erste Literaturgeschichte einer deutschen Stadt. Leider konnte Co-Autor Hans Sarkowicz aufgrund eines anderen Termins nicht anwesend sein. Ihm jedoch sei viel zu verdanken. Beide konnten auf seine umfangreiche, in 30 Jahren gewachsene Sammlung zurückgreifen. „Hans Sarkowicz hat von Herbert Heckmann eine ‚Krankheit‘ übernommen, die Bibliomanie“, erklärte Boehncke. „Dabei ist die vollständigste private Sammlung von Francofurtensien entstanden, die ich kenne.“

So seien im Buch keine Zitate aus Sekundärliteratur zu finden, alles sei durch Originale belegbar. „Hans Sarkowicz’ Sammlung gibt dem Buch sicheren Grund“, unterstrich Boehncke. Sein Mitautor „kennt sich als Historiker verdammt gut aus“. So sei eine Literaturgeschichte parallel zur Stadtgeschichte geschrieben worden.

Eine große Rolle spielte Frankfurt seit 855 als Schauplatz der Königswahl. Das Wichtigste jedoch in Frankfurt am Main seien die Messen, die im 11. Jahrhundert ihren Anfang nahmen und durch das Messeprivileg Kaiser Friedrichs II. von 1240 beurkundet wurden. Frankfurt wurde zur Stadt der (damals lateinischen, heute englischen) Diskurse, die ersten Bücherrollen wurden wie Wein in die Stadt gebracht: in Fässern.

1220 wurde der Ort am Main freie Reichsstadt, in der ein herrschender Rat eine große Rolle spielte. „Andere Städte hatten einen Hof, Frankfurt hatte die Krönungsmessen“, betonte Heiner Boehncke und erzählte eine kleine Episode aus dem Leben des jungen Johann Wolfgang von Goethe, der, 14-jährig, seiner Freundin Gretchen 1764 einen guten Platz beim Schauspiel der Krönung Josephs II. verschaffte und ihr alles erklärte.

Schon früh war in Frankfurt das Verhältnis von Geist und Geld ausgeprägt. „Das ist heute noch genauso, nur haben sich die Wertigkeiten verändert“, konstatierte Heiner Boehncke.

Bei der Arbeit am Buch sei man auf viele kleine Überraschungen gestoßen. So zum Beispiel auf die Geschichte des Frankfurter Verlegers Leonhard Burck, dem die Autoren bereits in ihrer Biografie von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen [mehr…] begegnet waren. Er war der Stiefgroßvater des Simplicissimus-Autors.

1844 gründete Joseph Rütten in Frankfurt seinen politischen Verlag Literarische Anstalt, an der sich Zacharias Löwenthal, der sich ab 1857 Karl Friedrich Loening nannte, beteiligte. Sie verlegten zum Beispiel Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer & Consorten, 1845, von Friedrich Engels und Karl Marx. Zu einer weiteren Zusammenarbeit kam es allerdings nicht.

„Aus einer Literaturgeschichte vorzulesen ist ja eigentlich Blödsinn“, meinte Heiner Boehncke, „obwohl sie gar nicht so schlecht geschrieben ist.“ Der Autor beschränkte sich auf zwei kurze Passagen und erzählte lieber.

Das Buch berichte von fragilen Kräfteverhältnissen in Frankfurt, von einer Stadt, in der stets etwas los sei.
Mit den Jahren nach 1950 haben sich die Autoren bewusst nicht so intensiv beschäftigt, das liege ja noch sehr nahe und könne von allen Interessierten gut recherchiert werden.

Zum Abschluss der kurzweiligen Buchpräsentation überreichte Monika Steinkopf dem Literaturwissenschaftler ein kleines Bändchen: Die Bücherfeinde von William Blades. Es warnt vor Feuer, Wasser, Hitze, Staub, Vernachlässigung, Ignoranz und Engstirnigkeit – eben vor den schlimmsten Gegnern der Bücher.
Ein „Diplom“ über die Arbeit als Aushilfs-Buchhändler werde noch nachgereicht, versprach Monika Steinkopf.

JF

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