Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an De Gruyter-Geschäftsführer Sven Fund.
Dr. Sven Fund, geboren 1973 in Georgsmarienhütte, verantwortet seit 2008 als alleiniger Geschäftsführer die Geschicke von De Gruyter, dem größten deutschsprachigen Verlag für Geisteswissenschaften. Unter seiner Ägide produzierte der Verlag wiederholt (meist positive) Schlagzeilen – zuletzt durch die Ankündigung eines Mitarbeiter-Beteiligungsprogramms, das 2013 begonnen hat. Fund hat in Münster, Berlin und St. Louis Politikwissenschaft, Geschichte und Publizistik studiert und sich seine ersten beruflichen Sporen bei Bertelsmann und Springer Science verdient. Er ist zudem Lehrbeauftragter am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität in Berlin.
Dr. Sven Fund: Mitarbeiter-Beteiligung bei De Gruyter – haben Sie sich von Google & Co. inspirieren lassen?

Sven Fund: Unsere Blaupause war nicht in erster Linie Google, sondern viele Mittelständler, auch große Medienunternehmen wie etwa Bertelsmann, bei denen es seit Jahrzehnten solche Beteiligungsmodelle gibt. Wir haben überlegt, mit welchen Maßnahmen wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an das Unternehmen binden können, und die Beteiligung ist ein Steinchen in diesem Mosaik.
Genussrechte – erklären Sie doch bitte mal, wie das funktioniert, falls ein anderer Verleger Ihrem Beispiel folgen will…
Sven Fund: Genussrechte sind eine Form, die Mitarbeiter am Kapital zu beteiligen, ohne sie am Stimmrecht zu beteiligen. Natürlich haben die Kollegen Einfluss auf geschäftliche Entscheidungen und auf den Geschäftsverlauf und machen ihn tagtäglich geltend. Die Genussrechte sind eine Form, sie wie Gesellschafter am wirtschaftlichen Erfolg zu beteiligen. Aber in der Gesellschafterversammlung sind sie nach wie vor nicht stimmberechtigt.
Was kann denn da so rausschauen für einen mittelgroßen Genussrechtsinhaber in einem durchschnittlichen Geschäftsjahr?
Sven Fund: Unser Modell sieht eine Verzinsung der Einlage vor. Wenn De Gruyter ein positives Betriebsergebnis hat, bekommt der Anleger 4 % – angesichts der Kapitalmarkt-Situation ist das ein ganz sehenswerter Zins. Wenn wir in einem Geschäftsjahr das prognostizierte Betriebsergebnis übertreffen, klettert sein Zins auf bis zu 8 %.
Und wenn er richtig Pech hat, ist nach sechs Jahren die komplette Einlage weg…
Sven Fund: Das wäre schon ein dramatisches Pech. Aber ja – den Gesellschaftern ging es auch darum, nicht nur die Schokoladenseite des Kapitalmarkts zu zeigen. Das Modell sieht vor, dass im Falle von Verlusten zunächst die Verzinsung und erst dann das Darlehen aufgebraucht wird. De Gruyter hat übrigens seit über zehn Jahren keine Verluste geschrieben und hatte jetzt eine Reihe von ausgesprochen guten Jahren. Das deutet nicht auf ein greifbares Risiko hin.
Wenn ich als beteiligter Mitarbeiter mitten drin feststelle: Dr. Fund beschließt lauter Sachen, die einfach nichts werden können – was mache ich dann?
Sven Fund: (lacht) Dann hätten Sie besser rechtzeitig nachgedacht. Im Ernst: eine Entscheidung für die Mitarbeiterbeteiligung ist unumstößlich. Jeder Mitarbeiter hat eine Verpflichtung, sich frühzeitig kundig zu machen. Wir informieren unsere Kolleginnen und Kollegen übrigens seit drei Jahren in wenigstens dreimonatigen Abständen über alle unternehmensrelevanten Vorgänge und auch über den Unternehmenserfolg. Wer da noch überrascht ist, hat nicht gut aufgepasst.
Ist das Programm ein Zeichen der Zuwendung nach traurigen Nachrichten über Standortschließungen…?
Sven Fund: Ich glaube nicht, dass das traurige Nachrichten waren. Die Schließung des Standorts Tübingen wurde erwartet – allen war klar, dass wir besser wirtschaften, wenn wir uns auf größere Standorte konzentrieren. Unternehmerische Entscheidungen dieser Art gilt es fairerweise möglichst frühzeitig bekannt zu geben, das haben wir getan und den Schließungstermin auf verschiedene personelle Veränderungen, die ohnehin bevorstanden, abgestimmt. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekamen einen Arbeitsplatz in Berlin angeboten – uns ging es nicht darum, uns von Mitarbeitern zu trennen.
Anders als angekündigt, ging es demnach nicht ohne Kündigungen ab?
Sven Fund: Eine Kollegin kommt aus Tübingen mit nach Berlin, die übrigen bleiben an ihrem Wohnort und haben unser Abfindungsangebot angenommen. Das ist zu respektieren, aber schade. In Osnabrück, wo wir nur das Büro geschlossen haben und Heimarbeitsplätze einrichten, bleiben alle neun Kolleginnen und Kollegen bei De Gruyter, das freut uns sehr.
Sie bezeichnen das Beteiligungsprogramm als „die letzte Maßnahme eines umfangreichen Programms von De Gruyter, hervorragendes Personal und Talente der Verlagsbranche zu gewinnen und langfristig ans Unternehmen zu binden“ – was war da noch?
Sven Fund: Wir haben 2008 begonnen, indem wir allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen variablen Gehaltsbestandteil gegeben haben – der liegt zwischen zehn und 35 %. Andere Komponenten waren an unseren vielen Standorten von Peking über Berlin bis Boston nicht so leicht umzusetzen, der Teufel steckt oft im Detail. Es gibt ein ganzes Paket größerer und kleinerer Maßnahmen von kontinuierlicher Fortbildung über ein Führungskräfte-Entwicklungsprogramm, einen Think Tank für junge Nachwuchskräfte bis hin zur gesunden Ernährung, Zuschüssen fürs Yoga-Studio, zur Innenhofbegrünung oder sozialen Nachbarschaftsprogrammen wie Vorlese-Patenschaften in Berlin oder vergleichbare Aktivitäten in Boston und München. Das alles soll unser Bemühen ausdrücken, mehr zu sein als nur ein Unternehmen und unserem unternehmerischen Tun einen übergreifenden, gesellschaftlichen Sinn zu geben.
Ein bisschen klingt das auch nach „War for Talents“ – ist die Lage am Personalmarkt so ernst? Andere Verleger würden sagen: wir sind ein Hauptstadtverlag, wir sind groß, das muss reichen…
Sven Fund: Dennoch gibt es Bereiche, zum Beispiel in der Herstellung, bei denen wir uns schwertun, ausreichend qualifiziertes Personal zu finden. Ja, das ist definitiv ein War for Talents.
Zielen Sie damit auf etablierte Profis aus anderen Verlagen, oder wollen Sie attraktiv werden für den akademischen Nachwuchs, der sich überhaupt erst noch überlegen muss, ob Verlage für ihn genug Zukunftsperspektiven bieten?
Sven Fund: Sowohl als auch. Wir interessieren uns für den richtigen Mix in der Belegschaft. Wir brauchen erfahrene Leute, genauso wie wir Studienabsolventen interessieren müssen. Neben den betrieblichen Aufgaben soll auch unser Mitarbeiterprogramm für dieses Interesse sorgen. Vor Überraschungen ist man dabei nicht sicher: Unsere Zuschüsse für sportliche Aktivitäten wurden eingangs von einigen als „Nachwuchsförderung“ bezeichnet. Aber im Verlauf hat sich gezeigt, dass die älteren Kolleginnen und Kollegen dies auch stark in Anspruch nehmen.
Wie wird die Mitarbeiterbeteiligung angenommen?
Sven Fund: Das wissen wir noch nicht. Wir haben aber schon einige positive Meldungen, obwohl wir es erst jetzt auszurollen beginnen. In den nächsten Wochen folgen einige Informationsveranstaltungen – danach ließe sich sicher mehr sagen.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.