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Carel Halff: Elefantenhochzeit im E-Book – und ein neuer Marginalisierungs-Schub für den Buchhandel?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Weltbild-Geschäftsführer Carel Halff. er sagt: „Es ist d i e Chance für den deutschen Buchhandel. Endlich ein Standard, endlich eine Branchenlösung“.

Carel Halff, geboren 1951 in Haarlem/Niederlande und gelernter Verlagsbuchhändler, führt nach einer kurzen Station beim Deubner Verlag seit 1975 die Verlagsgruppe Weltbild GmbH und machte sie zu einem der führenden Buchhandels- und Versandunternehmen Europas. Zusammen mit Club Bertelsmann, Hugendubel, Thalia und Telekom schmiedete er die tolino-E-Book-Cloud-Plattform als nationale Alternative zu den Aktivitäten globaler Anbieter [mehr…].

Carel Halff – immer hart am Markt mit der günstigsten Reader-Hardware, eine Erfolgsmeldung jagte die andere: und jetzt geht Weltbild beim E-Book die Puste aus?

Carel Halff:
„Die Chance für den
deutschen Buchhandel.
Endlich ein Standard,
endlich eine
Branchenlösung“

Carel Halff: Ganz im Gegenteil. Diese Partnerschaft wird uns auf Augenhöhe mit Amazon, dem zurzeit stärksten Anbieter, bringen. Gemeinsam mit unseren Partnern schaffen wir den großen Gegenentwurf: auf der einen Seite ein geschlossenes System, auf der anderen – unserer Seite – ein offenes. Das bedeutet: der Kunde kann sein Gerät beim einen Partner kaufen, seine Inhalte beim anderen oder völlig woanders. Aber seine Inhalte hat er immer in derselben Cloud.

Damit man sich mal die Größenverhältnisse vorstellen kann – welche Marktanteile und Marktpositionen werden jetzt auf der „tolino“-Plattform fusioniert?

Carel Halff: Nach der letzten Untersuchung der GfK haben die „tolino“-Partner gemeinsam einen Marktanteil von über 35 % und liegen damit nur knapp hinter dem größten Anbieter mit knapp über 40 %. Es ist aber wichtig zu wissen, dass die Partner Wettbewerber bleiben, ihre eigenen Marken betreiben, ihre eigenen Preise machen, selbst wenn sie dieselbe Technik nutzen.

Gemeinsam wollen Sie mit dem Markt wachsen und nicht darüber hinaus – warum reicht Ihnen das?

Carel Halff: Das ist ganz sicherlich nicht meine Formulierung. Für Weltbild ist die Digitalisierung eine der größten unternehmerischen Chancen in der Firmengeschichte. In der Vergangenheit haben wir bereits gezeigt, wie gut wir Chancen zu nutzen wissen. Wir haben bereits jetzt einen Online-Anteil von 40 % und werden „tolino“ nutzen, um weiter zu wachsen. Das stationäre Geschäft wird durch das digitale beflügelt.

Das soll auch für E-Reader und E-Books gelten?

Carel Halff: Das gilt auch für „tolino“. Zur Zeit kaufen erst 3 % der Buchleser E-Books. Aber fast 100 % erwägen, es bald zu tun. Diese 97 % Unentschlossenen haben Hemmschwellen. Diesen unentschlossenen Interessenten bieten wir die Möglichkeit, in einer unserer 1500 Filialen den „tolino“ zur Hand zu nehmen, sich intensiv beraten zu lassen und festzustellen, wie wunderbar leicht der „tolino“ das digitale Lesen macht.

Was kann die neue Allianz, das Amazon nicht kann?

Carel Halff: Gegen ein geschlossenes System haben wir hier ein offenes, zugängliches System ohne überflüssige Einschränkung der Kunden. Aber natürlich entscheidet nicht nur die Technik, die ist nur eine Voraussetzung. Wenn ich mal subjektiv sein darf: unser Gerät ist viel schöner. Es liegt besser in der Hand. Wir haben die schönere Verpackung. All dies wird viele Kunden überzeugen. Und wir haben das beste Preis-Leistungs-Verhältnis. Bei Weltbild wird der Einführungspreis knapp unter 100 € liegen. Vor allen Dingen haben wir mit zur Zeit 300.000 lieferbaren Titeln das reichhaltigste deutschsprachige Angebot und bauen das Programm laufend aus. Unter allen diesen Gesichtspunkten haben wir sehr gute Chancen, uns durchzusetzen.

Was ändert sich für Ihre Bestandskunden?

Carel Halff: Die können ihre bereits gekauften Inhalte weitestgehend automatisiert in die „tolino“-Cloud migrieren – egal wo sie sie gekauft haben.

Es wird weiter DRM geben. Passt dazu Ihre Aussage, „tolino“ sei offen nach allen Seiten?

Carel Halff: Auch darin besteht unsere Offenheit. Wir wollen alle verfügbaren Inhalte zur Verfügung stellen. Dazu gehört es, dem Anbieter die Wahl zu überlassen, ob er seine Inhalte mit DRM gegen illegales Kopieren schützt.

Werden Sie davon profitieren, dass Amazon gerade in der Verbraucherkritik steht?

Carel Halff: Darauf wollen wir nicht hinaus. Wir wollen mit „tolino“ für den Kunden ein klasse Angebot machen und uns nicht lange mit den Schwierigkeiten eines Wettbewerbers aufhalten.

Werden Sie beim Inhalte-Ankauf gemeinsame Sache machen?

Carel Halff: In diesem Punkt kann ich nur von Hugendubel und Weltbild sprechen. Wir beziehen alle unsere Inhalte über Pubbles, eine eigenständige Gesellschaft, an der Bertelsmann, Hugendubel und Weltbild beteiligt sind. Pubbles bereitet den Content auf und stellt ihn zur allgemeinen Verfügung. Jeder kann dort einkaufen, der das will.

Welche Rolle spielt der Großhandel jetzt noch in der „tolino“-Allianz?

Carel Halff: Der Großhandel ist in erster Linie eine Beschaffungsstelle für den Handel. Wenn ein Großhändler über eine Endverbraucher-Schnittstelle in Wettbewerb mit seinen Kunden tritt, ist das zunächst ein Bruch des Systems und muss separat bewertet werden. Der Markt ist übrigens groß genug für viele Systeme.

Wenn die Allianz kein Kunde mehr beim Großhandel ist, wird dieser dann überhaupt im E-Book-Geschäft noch überleben können?

Carel Halff: Das spielt meines Erachtens eine nachgeordnete Rolle. Diese Frage stellen Sie besser KNV und Libri.

Wenn es keinen Großhandel mit E-Books mehr gibt –ist das dann nicht das Aus für alle E-Book-Träume des niedergelassenen Handels?

Carel Halff: Ich denke, „tolino“ ist d i e Chance für den deutschen Buchhandel. Endlich ein Standard, endlich eine Branchenlösung. Wir werden auf den Börsenverein zugehen und mit ihm Lösungen suchen, wie wir mehr Partner integrieren können. Vielleicht müssen diese Lösungen für Independents anders aussehen als für Filialisten. Da will ich nicht vorgreifen.

Wie hat man sich die von Nina Hugendubel beschworene notwendige „menschliche Nähe“ im Verkauf der Reader und der Inhalte vorzustellen?

Carel Halff: Dass Buchhändler sich gegen E-Books sperren, halte ich für ein nicht begründetes Vorurteil. Die ganz große Mehrheit unserer Mitarbeiter steht dem digitalen Lesen vorbehaltlos offen gegenüber. Es hat bereits in der Vergangenheit umfangreiche Schulungen gegeben und wird weitere geben. Und es wird Präsentationsmöglichkeiten geben. Ab dem 7. März 2013 werden wir in allen Filialen den „tolino“ prominent platzieren und aktiv verkaufen.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Die Qualitätssicherung von Katalogdaten ist sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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