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Wenn das Bild das Wort hat – ein Workshop der Stiftung Illustration

Am vergangenen Freitag und Samstag folgten rund 80 Interessierte der Einladung der Stiftung Illustration nach Troisdorf. Beim sechsten Workshop im Bilderbuchmuseum auf Burg Wissem stand das Wirkungsgefüge von Bild und Text im Mittelpunkt (s. unsere Bildstrecke am Ende der Textstrecke).

„Wenn das Bild das Wort hat“ lautete das Motto, das in zahlreichen Beiträgen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wurde. Die Tagung hatte Mareile Oetken konzipiert, Koordinatorin für Kinder- und Jugendliteratur an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Sie unterhielt sich zu Beginn mit der Illustratorin Stefanie Harjes: „Wenn das Bild auf seinem Wort besteht“ lautete die Überschrift über diesem Werkstattgespräch.

Dabei erhielten die Zuhörer Einblick in den Arbeitsprozess der Illustratorin. Das Cover des Buchs Kafka (Ravensburger Buchverlag) zum Beispiel entstand teilweise aus einer Schreibtischunterlage, die Stefanie Harjes bei der Arbeit an der vorangegangenen Anthologie von Manfred Mai benutzt hatte. Eindrucksvoll schilderte sie das Assoziative und Persönliche ihrer Arbeit als Illustratorin und gab einen ersten Einblick in ein Buch, das im kommenden Jahr bei Ravensburger erscheinen wird: Warum ist Rosa kein Wind? (nach einer Zeile aus einem Text von Durs Grünbein) ist eine von Christine Knödler herausgegebene Anthologie mit „Gedichten und Geschichten vom Leben, Lieben & Fliegen“.

Illustrator Aljoscha Blau wurde von Journalistin Sarah Wildeisen befragt: „Wenn das Bild zuerst das Wort hat“. Für Das Kind im Mond (Peter Hammer) habe er sich viel Zeit genommen, weil er die Geschichte von Jürg Schubiger „bloß nicht verunstalten“ wollte. Sie sei wie ein Gedicht. Gute Gedichte aber solle man lieber nicht illustrieren, es sei denn, man finde eine besondere Herangehensweise. Er habe sich eingeschränkt, um mehr Freiheit zu haben, und sich farblich auf Grautöne festgelegt. Die „Kritzeleien“ (Aljoscha Blau), die in seinen Büchern oft zusätzlich zu den Bildtafeln auftauchen, stammen aus seinen Skizzenbüchern.

Auch nach dem Abendessen wurde das Thema der Tagung wieder aufgegriffen und spielerisch umgesetzt: Referenten und Teilnehmer wechselten sich mit Text und Bild auf einem langen Papier ab, das schließlich versteigert wurde. Es gewann Aladin-Verleger Klaus Humann.

„Wenn das Wort das Bild fordert“ war der Titel des Gesprächs zwischen Autor Thomas Rosenlöcher und Hinstorff-Lektor Thomas Gallien am Samstag Morgen. Darin erfuhren die Zuhörer u.a., dass auch für Thomas Rosenlöcher das Schreiben von Kindergeschichten nicht einfacher sei als das seiner Texte für Erwachsene. So saß der Lektor einst so lange vorm Haus des Autors, bis er schließlich doch noch dessen Kindergeschichten mit nach Hause nehmen konnte. Verlegt wurden bislang die Bilderbücher Der Mann, der an den Klapperstorch glaubte (Illustrationen: Maja Bohn) und Der Mann, der lieber tot sein wollte sowie das Leporello Das langgestreckte Wunder (Illustrationen: Jacky Gleich).

Der Mann, der an den Klapperstorch glaubte wurde überdies von Balance Film als Trickfilm umgesetzt, der beim Workshop zu sehen war. Das Interessante an den Bildern zu seinen Kinderbüchern sei die Frage „Was passiert mit meinem Text?“, erklärte Thomas Rosenlöcher. „Manchmal kommt eine Dimension hinzu, von der ich nichts wusste, eine innen sitzende Intention, die hervorgekehrt wird durch eine andere Sprache – das Bild.“

„Text und Bild im Dialog“: Autorin und Illustratorenberaterin Karin Gruß und Illustrator Tobias Krejtschi gaben Auskunft über ihr gemeinsames Projekt Ein roter Schuh (Boje). Das politische Bilderbuch war in einem langen Prozess entstanden, nachdem Karin Gruß in einem Nachrichtensender an einem Tag in Berichten aus dem Gaza-Streifen immer wieder eine Szene gesehen hatte, in der ein Junge auf einer Bahre transportiert wurde. „Was passiert zwischen der Szene dort und dem Betrachter, der hier in seinem Sessel sitzt?“, fragte sie sich und schrieb die Geschichte aus Sicht des Vermittlers – eines Journalisten.

Recherchiert habe sie nicht weiter für das Buch, erklärte Karin Gruß. Tobias Krejtschi hingegen sammelte viele Informationen zur Person des Kriegsfotografen. Werk und Leben von Kevin Carter, Robert Capa und James Nachtwey waren Inspirationen für seine Bilder zum „roten Schuh“.

Zu dritt bestritten Autor Bart Moeyaert, Illustratorin Rotraut Susanne Berner und Klaus Humann ein Gespräch unter dem Titel „Wenn das Bild immer mitredet“. Dabei ging es u.a. um die Prämisse, dass jeder Beteiligte eines Buchprojekts das Optimale aus seiner Arbeit herausholen müsse. Der Spruch „Ist doch nicht schlecht“ sei für sie „ein Alptraum an Entscheidungshilfe“, erklärte Rotraut Susanne Berner. Bart Moeyaert verriet, dass er besondere Herausforderungen liebe: „Nichts ist so fesselnd wie ein Auftrag, der dich anders denken lässt.“ So hat er beispielsweise Texte für Musik-Aufführungen geschrieben.

Klaus Humann ermuntert mit der Aladin-Bilderbücherei Illustratoren dazu, eigene Geschichten zu schreiben und brachte u.a. die aus dem Graphic Novel-Bereich kommende Isabel Kreitz dazu, sich ans Bilderbuch zu wagen. Beim Workshop der Stiftung Illustration im Vorjahr hatte er Illustrationen von Maria Luise Witte entdeckt, die er anschließend mit der Illustration des neuen Buchs von Hermann Schulz, Warum wir Günter umbringen wollten, beauftragt hatte.

Und so nahm wohl auch in diesem Jahr jeder der Teilnehmer neue Ideen mit. Das Treffen ging zu Ende mit einem Gespräch zwischen Illustratorin Anne Hofmann und der stellvertretenden Leiterin des Bilderbuchmuseums Pauline Liesen. Anne Hofmann ist die Preisträgerin des diesjährigen Troisdorfer Bilderbuchstipendiums. Vom Trickfilm kommend, erläuterte sie den langen Entwicklungsprozess ihres im Rahmen des Stipendiums entstandenen Bilderbuchs Osman, der Angler (Aladin).

Ihre Bilder sind in Troisdorf noch bis zum 16. Oktober zu sehen, die Ausstellung wurde am Samstag Abend eröffnet. Ein schöner Ausklang eines gelungenen Workshops.

Beim Workshop aufgelesene Lesetipps:

Saul Frampton: Wenn ich mit meiner Katze spiele – woher weiß ich, dass sie nicht mit mir spielt? Montaigne und die Fragen des Lebens (Knaus), empfohlen von Hans-Joachim Gelberg

Gianni Rodari: Die Grammatik der Phantasie (Reclam), empfohlen von Karin Gruß

Maurice Sendak: Caldecott & Co. Gedanken zu Büchern und Bildern (Aladin, ET: November), empfohlen von Klaus Humann

Toon Tellegen/Ingrid Godon: Ich wünschte (mixtvision), empfohlen von Rotraut Susanne Berner

… sowie die Ausstellung Unter vier Augen. Porträts sehen, lesen, hören, noch bis zum 20. Oktober zu sehen in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und der dazu bei Kerber erschienene Katalog, empfohlen von Karin Gruß

Weitere Infos: www.stiftungillustration.de, www.bilderbuchmuseum.de

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