„Ist die Ausbildung in Not?“, fragten wir im BuchMarkt-August-Heft den JDBK-Bildungsgangleiter Peter Cremer (S.48). Die prekäre aktuelle Situation veranlasste nun auch die Regionalgeschäftsstelle NRW des Börsenvereins, das Gespräch mit dem Sortimenterausschuss in Frankfurt am Main zu suchen und ein Schreiben aufzusetzen, das die Schulen in Gesprächen mit den Ministerien verwenden können. Anlass für ein Sonntagsgespräch mit Regionaldirektorin Gabriele Schink.
BuchMarkt: Frau Schink, ist die Schulsituation wirklich so drastisch?

Gabriele Schink: Wir bemerken auf jeden Fall einen starken Rückgang der Ausbildungsplätze seit einigen Jahren. Die Zahlen liegen für 2013 noch nicht aktuell vor, aber die aus den letzten Jahren sind alarmierend. In manchen Regionen wird kaum noch ausgebildet.
Woran liegt das?
Unter anderem daran dass die Wege zur Berufsschule zu weit werden, weil dort Klassen ganz eingestellt werden, weil wiederrum zu wenig ausgebildet wird. Das ist ein Teufelskreis: schrumpft eine Klasse, wird der Schulstandort eingestellt – gibt es keinen Schulstandort in der Nähe mehr, sind die Wege für den Einzelnen oft zu lang. Die Folge ist, dass Betriebe sich ganz genau überlegen, ob sie ausbilden oder nicht, ob eine Internatsbeschulung in Frage kommt, oder ob eine örtliche Berufsschule außerhalb NRWs gut zu erreichen ist. Ich denke da an den Raum Bielefeld. Die Klasse dort besteht nicht mehr, Auszubildende in der Region müssen nach Dortmund oder gehen nach Osnabrück.
Sind auch die Bewerberzahlen an sich rückläufig? Wenn ja, warum?
Da schildern uns die Betriebe ganz unterschiedliche Eindrücke. Manche haben weiterhin viele und auch starke Bewerberinnen und Bewerber. Manche schildern, dass sie Schwierigkeiten haben, jemand geeignetes zu finden. Andererseits gibt es aber auch immer wieder Unternehmen, die Bewerbungen bekommen, aber nicht ausbilden. Insgesamt ist es natürlich so, dass es weniger Jugendliche gibt. Dass die Konkurrenz zu anderen Einzelhandels- oder auch Medienberufen größer geworden ist, dass die neue Form des Bachelorstudiums nochmal mehr Ausbildungsaspiranten gleich nach der Schule an die Uni lockt. Und sicher müssen wir etwas am Image des Buchhändlers/ der Buchhändlerin tun, ihn stärker als bisher bei allen Branchenteilnehmern und in der Außendarstellung als Medienberuf etablieren!
Und warum bilden immer weniger Buchhandlungen aus?
Wir führen das auf die allgemeine Unsicherheit im Buchhandel zurück. Wenn die Umsatzzahlen schlecht aussehen, dann überlegt sich ein Kaufmann auch, ob man das Ausbildungsengagement einschränken kann. Unsere Ausbildungsreferentin hört am Telefon oft: Ausbilden ist so teuer. Man rechnet die Lohnnebenkosten ein, den zeitlichen Aufwand, der die Ausbildung dem Team in der Einarbeitungszeit kostet, die Berufsschulzeiten, Arbeitsmaterialien usw…
Aber dafür bekommt der Betrieb doch auch eine Gegenleistung…
Genau, dass die Ausbildung auch eine Investition in die Zukunft ist, wird selten gegen gerechnet! In die Zukunft der Branche, aber auch in die Zukunft des eigenen ausbildenden Unternehmens. Wir hören im Moment so oft, dass erfolglos Nachfolger gesucht werden – hier hätte es geholfen, frühzeitig jemanden aufzubauen! Und frischer junger Wind entwickelt ein Team auch immer weiter. Eingespielte Abläufe kommen zwangsläufig regelmäßig auf den Prüfstand, neue Ideen werden eingebracht und diskutiert, das macht ein Unternehmen flexibel und anpassungsfähig!
Was unternimmt der Börsenverein gegen diese zurückhaltende Stimmung?
Wir versuchen, die Betriebe bestmöglichst in der Organisation der Ausbildung zu unterstützen. Bei uns bekommt man Materialien, um die Ausbildung optimal vorzubereiten, und wird in schwierigen Situationen beraten. Kurse zur Ausbildereignung gibt der mediacampus, unsere gemeinsam mit dem Campus organisierten Seminare sind für Azubis 30 Prozent günstiger (für die Fachlehrer kostenfrei). Wir stellen Materialien für Ausbildungsunternehmen bereit, um BeweberInnen anzusprechen; wir stellen die Buchberufe auf Ausbildungsmessen und Literaturevents vor. Alle Büros des Börsenvereins, ob auf Länderebene oder in Frankfurt haben AnsprechpartnerInnen in Sachen Ausbildung – das Thema wird also hoch aufgehängt bei uns im Verband.
Am 22. September veranstalten Sie auch wieder die alljährliche Azubi-Schiffsfahrt…
Ja, die Azubi-Schifffahrt veranstalten wir seit den 90ern, um dort Azubis zu vermitteln, welche Aufstiegschancen und Arbeitsfelder unsere Branche zu bieten hat – denn es ist auch wichtig, den Nachwuchs in der Branche zu halten! Oft hört man nämlich auch: Ich bilde nicht mehr aus, die Azubis wandern doch eh nach der Ausbildung ab in eine andere Branche.
Steht der mediacampus des Börsenvereins denn nicht in Konkurrenz zu den staatlichen Berufschulen?
Nein, wir arbeiten eng mit den Berufsschulen in NRW aber auch mit dem mediacampus zusammen, um den Fachlehrern hier die bestmögliche Unterstützung zu geben. Wir haben mittlerweile nur noch drei Standorte in NRW, in denen Buchhandelsklassen existieren. In Köln, Düsseldorf und Dortmund. Das war vor 5 Jahren noch anders, da waren es noch doppelt so viele! Um den Schulen unsere Unterstützung zu versichern, haben wir zu Schuljahresbeginn eine Stellungnahme zu der aktuellen Situation in NRW abgegeben. Hierin betonen wir, dass eine Beschulung vor Ort für viele Unternehmen wichtig ist!
Aber trägt der mediacampus nicht dazu bei, dass den staatlichen Berufsschulklassen die Schüler fehlen? Durch das Abwerben von großen Filialisten wie Thalia und der Mayerschen?
Konkurrenz belebt das Geschäft, sag‘ ich mal. Auch innerhalb der Schulen in NRW kann der Betrieb wählen, die Bindung an einen Schulstandort wurde aufgehoben. Dass große Unternehmen, mit vielen Auszubildenden in den verschiedenen Standorten, die schon die verschiedenen IHKs zu händeln haben, froh sind, wenn sie zumindest in schulischen Fragen nur einen Ansprechpartner haben, können wir gut verstehen. Für viele Unternehmen kommt es aber nicht in Frage, auf dem Campus auszubilden.
Wir brauchen also beide Arten der buchhändlerischen Ausbildung?
Ja, auf jeden Fall. Für viele Unternehmen ist es eine organisatorische Frage: 1,5 Tage die Woche auf den Azubis verzichten, oder 9 Wochen am Stück. In manche Dienstpläne lässt sich das eine oder das andere besser integrieren. Das ist sehr individuell. Manche Azubis können sich auch nicht vorstellen, neun Wochen von Zuhause weg zu sein, sind vielleicht familiär gebunden. Manche aber genießen die Zeit, konzentriert ausschließlich mit KollegInnen aus dem Buchhandel zusammen zu sein. Die Qualität der Schulen unterscheidet sich nicht, das sieht man immer wieder in den Abschlussnoten. Es ist wichtig, dass beide Angebote nebeneinander funktionieren und vom Börsenverein gleichermaßen unterstützt werden! Dass beide Beschulungsangebote sich ergänzen, beflügeln, einander zuarbeiten und gut vernetzt agieren, dafür setzen wir uns ein, wir sind sicher, dass so alle Ausbildungsunternehmen eine Beschulung auf höchstem Niveau garantieren können und dass wird der Branche auch bei aktuellen und zünftigen Herausforderungen helfen.
Wie sieht denn Ihre, bzw. die Reaktion des Börsenvereins auf die aktuelle Situation aus?
Unsere Hoffnung ist es, die drei verbliebenen Schulstandorte zu stärken und sichere Klassen zu etablieren. In Bundesländern, in denen die Situation schon so ist, dass es nur noch eine zentrale Schule gibt oder nach Frankfurt geschickt werden soll, gibt es außerdem finanzielle Unterstützung vom Land – das wünschten wir uns für NRW auch. Gespräche mit der NRW-Landesregierung werden wir anstoßen.
Was sind Ihre nächsten Schritte?
Wir möchten auch im Bundesverband in Frankfurt und auf ehrenamtlicher Schiene ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die örtlichen Berufsschulen eine wichtige Säule in der Ausbildungsarbeit der Buchbranche ist. Dafür bemühen wir uns um Gespräche mit dem Sortimenterausschuss, zum Beispiel. Mit den Ausbildungsreferentinnen der Länder ist unsere Ausbildungsreferentin eng vernetzt, hier werden immer wieder gemeinsame Projekte angestoßen. Wir warten nun die neuen Zahlen der Unterstufen in den Berufsschulen ab und setzen uns dann ggfls. mit den BildungsgangleiterInnen zusammen.
Die Fragen stellte Maria Altepost