
Gestern Abend konnte der Schweizer Nimbus Verlag, Wädenswill am Zürichsee, im Frankfurter Presseclub zwei neue Schwergewichte präsentieren: Die Ausstellungen des legendären Berliner Kunstsalons Cassirer.
2011 waren die ersten beiden Bände unter dem Titel „Das Beste aus aller Welt zeigen“ und „Man steht da und staunt“ erschienen. Sie zeichnen die Anfänge des Kunstsalons in den Jahren 1898 bis 1901 sowie die Ausstellungen von 1901 bis 1905 nach [mehr…]
„Auf mehr als 2500 Seiten Text und mit über 2500 Bildern, die damit insgesamt bis jetzt vorliegen, wird die qualitative Dichte der Cassirer-Ausstellungen, die unerreicht ist und bislang nicht dokumentiert wurde, sichtbar“, unterstreicht Verlags-Inhaber, Herausgeber und Geschäftsführer Bernhard Echte.
Die Geschichte zu diesem Mammutprojekt beginnt vor über 25 Jahren. So hörte Echte im Herbst 1988 einen erstaunlichen Vortrag von Walter Feilchenfeldt über van Gogh und Cassirer. „Feilchenfeldt hatte ja einen Teil der Ausstellungskataloge in der eigenen Bibliothek“, erläuterte Bernhard Echte. Bis 1914 hatte Paul Cassirer 14 Van-Gogh-Ausstellungen gemacht.
Zwar scheiterte das erste Buchprojekt, dafür erschien eine Studie zur Rezeption von Vincent van Gogh in Deutschland von Walter Feilchenfeldt. „Der Cassirer drängte sich uns auf“, bemerkt Echte. Bei einer „Bohrprobe“ in der Berliner Presselandschaft zu Zeiten des Kunstsalons wurde man fündig. „Es gab damals 12 bis 15 beachtenswerte Zeitungen, manche erschienen sogar dreimal täglich“, skizziert Echte das Umfeld. „Der Kaiser brachte Kunst damals eher mit Hans Thoma in Verbindung – da kam Cassirer mit van Gogh“, schildert Bernhard Echte die Zeit.
Walter Leistikow, Organisator der Berliner Secession, hatte Paul Cassirer auf van Gogh aufmerksam gemacht.
Doch in den damaligen Zeitungen gab es keine Fotos. Die Kritiker mussten also die Bilder höchst detailliert beschreiben. „Das geschah oft in langen Spalten“, erläutert Echte. Eine die Augen anstrengende Sisyphosarbeit am Microfiche-Gerät war notwendig. In den Bänden seien jedoch nur 25 bis 30 Prozent der Texte wiedergegeben. Allerdings ist durch die Reproduktion der Bilder nun für jeden Leser nachvollziehbar, worum es sich handelt. „Man entdeckt übrigens ganz wunderbare Autoren wie beispielsweise Oskar Bie“, ergänzt Echte. Die Titel der einzelnen Bände sind Zitate aus Rezensionen. So stammt „Den Sinnen ein magisches Rauschen“ von Wilhelm Micheels. Überraschend sei gewesen, dass kaum Frauen unter den Kunstkritikern zu finden waren. Und wenn, dann zeichneten sie nur mit ihren Initialen. („Ist doch heute nicht viel anders“, bemerkt eine Dame im Publikum.)
Im zweiten Schritt musste mit dem Werkverzeichnis abgeglichen werden, um welches Bild es sich handelte. „Walter Feilchenfeldt ist darin Spezialist, er wusste genau, welche Bilder beschrieben wurden und wo sie sich befinden“, würdigt Echte den Mitinhaber und Mitherausgeber.
Ebenfalls durchforstet wurde die Korrespondenz zwischen Paul Cassirer und Johanna van Gogh-Bonger, der Schwägerin Vincent van Goghs. Der Briefwechsel befindet sich im van Gogh Museum Amsterdam.
Bei der Arbeit an den nun inzwischen vier Büchern über die Kunstausstellungen im Salon Cassirer sei auch die gegenseitige Inspiration der Künstler erkennbar. Cassirer veranstaltete außerdem Wanderausstellungen. „Dabei ist es interessant, die unterschiedlichen Ankündigungen in den einzelnen Städten zu lesen“, erwähnt Bernhard Echte.
Die Darstellung der Ausstellungen sei weit mehr als eine kunsthistorische Faktensammlung, daran lasse sich auch ein Stück Zeitgeschichte ablesen, werden Entwicklungen im Bereich der Kunst und in der Gesellschaft deutlich.
Während für die Jahre 1904 bis 1910 die Geschäftsbücher des Kunstsalons noch existieren und bei der Zuordnung halfen, wird es für die folgenden Jahre schwierig.
1914 konnten die ausgestellten Bilder noch gut verkauft werden, 1915, im zweiten Kriegsjahr, wendete sich das Blatt: Die Sammler veräußerten ihre Bilder auf Auktionen. Statt der bis dato gewohnten Kunstkritiken veröffentlichten die Zeitungen nun Auktionsberichte.
„Vielleicht werden dann auch noch ein paar mehr Bücher notwendig“, schließt Echte seinen „Kurzdurchgang über 1324 Seiten“.
„Zu jedem Jahrgang gibt es einen einführenden Text. Es ist das literarische i-Tüpfelchen zusätzlich zur Forschungsarbeit“, fügt Walter Feilchenfeldt hinzu.
Inzwischen hat Philip Wilson durchs abendliche Verkehrschaos zum Veranstaltungsort gefunden. Er bringt ebenfalls eine Novität mit: Van Gogh. The Years in France, erschienen bei Philip Wilson Publishers, London.
Bereits 2009 erschien bei Nimbus Vincent van Gogh. Die Gemälde 1886-1890. Händler, Sammler, Ausstellungen von Walter Feilchenfeldt. Das Neue an Wilsons Ausgabe ist, dass jedes Bild datiert werden kann. „Ich bin aber kein Kunsthistoriker, sondern Verleger“, schwächt Wilson ab. Seit 1977 arbeitet er selbstständig, war vorher bei Sotheby’s Publications tätig. Sein Vater hatte das Auktionshaus davon überzeugt, auch zu verlegen.
JF