
In der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt wurde gestern Abend in einer feierlichen Veranstaltung die Anne Frank Gesamtausgabe, gerade bei den S. Fischer Verlagen erschienen, präsentiert.
Peter Sillem, Gesamt-Sachbuchleiter bei S. Fischer, sprach mit der Autorin, Frank-Übersetzerin und -Biografin Mirjam Pressler, Anne Franks Cousin Buddy Elias und die Schauspielerin Fritzi Haberlandt lasen aus Briefen und aus dem Tagebuch.
In ihrer Begrüßung wies Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933-1945, auf die 1992 am Standort Leipzig eingerichtete Anne-Frank-Shoah-Bibliothek, eine der Sondersammlungen der Deutschen Nationalbibliothek, hin.
„Dieser Abend ist so etwas wie die Heimkehr von Anne Frank in ihre Geburtsstadt“, begann Peter Sillem das Gespräch mit Mirjam Pressler. Anneliese Marie Frank wurde am 12. Juni 1929 geboren, 1933 zog die Familie Frank nach Aachen, im Februar 1934 nach Amsterdam. Am 6. Juli 1942 begaben sich die Franks in den Untergrund in das Hinterhaus in der Prinsengracht 263, kurz vorher hatte Anne Frank ihr Tagebuch auf Niederländisch begonnen.
Die Gesamtausgabe enthält neben den drei Fassungen des Tagebuchs auch bisher wenig bekannte Erzählungen, sämtliche bekannten Briefe, Fotos und Hintergrundmaterial.
Mirjam Pressler ist ziemlich sicher, dass Anne eine gute Schriftstellerin geworden wäre – hätte ihr Lebensweg einen anderen Verlauf genommen. „Im Hinterhaus war sie auf sich zurückgeworfen. In beengten Verhältnissen mussten sich acht Menschen auf 50 Quadratmetern einrichten, natürlich kam es zu Zank und Streit untereinander. Sonst passierte nichts. Nur Anne schrieb.“ Der im Frühjahr 1944 im Radio gesendete Aufruf von Minister Bolkestein, Mitglied der niederländischen Exilregierung, die Besatzungszeit zu dokumentieren, war das Schlüsselerlebnis für Anne: Sie überarbeitete ihre Aufzeichnungen, fertigte eine zweite Fassung an. Ihr erstes Tagebuch führte sie daneben weiter.
Annes Vater Otto Frank gab nach dem Krieg eine kompilierte dritte Fassung heraus, die erste Ausgabe erschien unter dem Titel Het Achterhuis 1947 in den Niederlanden. „Otto Frank hat aus den beiden Fassungen eine Leseausgabe gemacht, obwohl er Dinge, die er nicht interessant oder ungerecht fand, herausstrich. Außerdem war die Seitenzahl der ersten Ausgabe begrenzt“, sagte Mirjam Pressler. Mit der Gesamtausgabe könne das Publikum nun mit Erkenntnisgewinn vergleichen. Presslers Verhältnis zu Anne Frank habe sich vor allem mit der kritischen Ausgabe verändert.
Anne Frank ist längst zum Symbol geworden, in ihrem Tagebuch steht die ungeschönte Wahrheit. Mit der Gesamtausgabe lässt sich nicht nur das Bild Anne Franks konturieren, der Leser bekommt auch einen Überblick über die Familie, in der ein enormer Zusammenhalt deutlich wird.
Die Frage, wie es passieren konnte, dass eine 15-Jährige, die das ganze Leben noch vor sich hätte haben sollen, im Vernichtungslager Bergen-Belsen in den Tod geschickt wurde, kann allerdings auch diese Ausgabe nicht beantworten. Aber das Buch regt erneut zum Nachdenken darüber an.
JF