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Wolf-Rüdiger Feldmann: Wie geht die Digitalisierung der Schulen voran – und was sind die Folgen für Handel und Verlage?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Wolf-Rüdiger Feldmann, Geschäftsführer der Cornelsen Schulverlage GmbH.

Wolf-Rüdiger Feldmann, geb. 1955 in Bielefeld, ist seit 1973 bei der Cornelsen Schulverlage GmbH und verantwortet dort heute als Geschäftsführer Marketing und Vertrieb. Er ist außerdem u.a. stellvertretender Vorsitzender des Verband Bildungsmedien e.V..

Wolf-Rüdiger Feldmann, wer sich in den Schulen umsieht – als Mutter oder Vater zumal -, bei dem überwiegt der Eindruck, dass Digitalisierung dort heißt: „Lest das mal in Wikipedia nach, Kinder!“ – Täuscht dieser Eindruck?

Wolf-Rüdiger Feldmann,
UB Cornelsen Schulverlage

Wolf-Rüdiger Feldmann: Dieser Eindruck dürfte tatsächlich täuschen. Natürlich gibt es noch eine große Diskrepanz zwischen dem, was in der Schule vormittags – im Unterricht – passiert, und dem, was Schüler und Lehrer nachmittags in der Unterrichtsvor- und -nachbereitung tun. Nachmittags spielen Internet-Recherchen – oft von den Lehrern beauftragt – und die Online-Kollaboration über Lernplattformen wie Moodle, lo-net…

… ein Dienst der Cornelsen Schulverlage…

Wolf-Rüdiger Feldmann: … oder Fronter die Hauptrolle.

Vor 15 Jahren hieß es bei der Telekom „Schulen ans Netz“. Der gleichnamige Verein löste sich Ende 2012 auf – Gefechtsziel erreicht?

Wolf-Rüdiger Feldmann: Natürlich verfügen die Schulen in Deutschland heute weitestgehend über Internet-Anschlüsse, aber im allgemeinen fehlt in den einzelnen Klassenzimmern die Ausstattung an Bandbreite, Netzwerktechnik, Hardware und Software, die notwendig ist, um digitale Medien wirklich nennenswert im Unterricht einzusetzen oder um Unterricht mit erheblichen digitalen Bestandteilen durchzuführen.

Ist das nicht eigentlich ein alarmierender Befund?

Wolf-Rüdiger Feldmann: Wieso alarmierend? Am Anfang muss doch die Frage stehen: Wofür soll das gut sein? Wenn es um die Digitalisierung des Unterrichts geht, erleben wir ständig, dass über Lösungen diskutiert wird, aber wir wissen oft gar nicht, für welches Problem. Es gibt eine Menge Probleme, die die Schule hat – aber ob Digitalisierung die richtige Lösung für diese Probleme ist, ist noch gar nicht ausgemacht. Das schadet der Diskussion. Man muss sich zuerst fragen: für welche Problemstellung suchen wir nach Lösungen.

Da würde mir so einiges einfallen. Alle Eltern, die ihre Kinder morgens unter zwölf Kilo schweren Schulranzen davonwanken sehen, müssten doch hurra schreien bei der Vorstellung, dass fast alles, was da die jungen Wirbelsäulen deformiert, auf einem Tablet-PC Platz hat.

Wolf-Rüdiger Feldmann: Dieses behauptete Risiko körperlicher Schädigungen durch schwere Schulranzen ist eine Mär. Aber damit hätte man immerhin eine Zielstellung. Wenn es uns diese Zielstellung wert ist, müssen wir als Gesellschaft eben die notwendige schulische Infrastruktur finanzieren. Zusätzlich brauchen die Schüler zu Haus und im Klassenzimmer W-LAN, Hardware und vieles mehr. Aber wollen wir nicht vielleicht doch das Geld nehmen, um die Zahl der Schulabbrecher zu verringern oder die Eingangsvoraussetzungen für Abiturienten an den Hochschulen zu verbessern? Natürlich muss immer darüber nachgedacht werden, was der optimale Medienmix im Unterricht ist, da haben die digitalen Medien sicherlich Chancen und Potenziale, die sie den analogen überlegen machen könnten. Die Frage ist aber immer auch: wer finanziert das?

In vielen Schulen wurden sogenannte iPad-Klassen gegründet und sofort Gegenstand von Neid-Debatten. Wie viele davon gibt es, und was genau hat es damit auf sich?

Wolf-Rüdiger Feldmann: Ich habe keinen Überblick über die Zahl der Schulversuche mit – herstellerneutral gesprochen – Klassen, in denen alle Schüler über eine Hardware verfügen. Auch Forschungsergebnisse über den Langzeiterfolg sind mir nicht bekannt. In den USA allerdings wurden einige Experimente mit Tablets aufgegeben, da sie offensichtlich nicht funktioniert haben. Das heißt nicht unbedingt, dass digitale Schulbücher nicht funktionieren k ö n n e n ; aber was allein zählt, sind konkrete Resultate, konkrete Lernergebnisse.

Wie hoch ist der Druck von Elternseite auf die Schulen, sich in Richtung Digitalisierung von Lernmitteln zu bewegen, und an welcher Stelle gibt es Widerstand?

Wolf-Rüdiger Feldmann: Das kann ich nicht belastbar einschätzen, dazu haben wir auch keine Marktforschung. Unsere subjektive Einschätzung: der elterliche Druck ist nicht sehr stark. Eltern wissen meist, dass Lernen in erster Linie ein sozialer Prozess ist. Entscheidend ist ein guter Lehrer, der Wertschätzung und Kompetenz vermittelt. Das funktioniert losgelöst von dem Medium, mit dem gearbeitet wird. Kriegsentscheidend waren Schulbücher noch nie, das werden auch digitale Medien nicht sein, das ist und bleibt der Lehrer.

Die kostenlose mobile Cornelsen-Schulbuch-App wurde bis dato etwa 2.500-mal runtergeladen – ein Indiz für die tatsächliche Nachfrage?

Wolf-Rüdiger Feldmann: Wir haben unsere Schulbücher in digitaler Form als PDF am Markt. Die Nachfrage danach entspricht unserer Erwartung. Nicht jeder will das digitale Medium als 1:1-Abbildung nutzen. Der Vorteil für den Schüler ist überschaubar – abgesehen vom Gewicht im Schulranzen und der Möglichkeit, z.B. im digitalen Schulbuch eigene Notizen zu hinterlegen. Bei den Lehrerversionen ist das anders: Den Lehrern bieten wir einen Unterrichtsmanager auf Basis der Schülerbücher mit Rich-Media-Einbindung. In den im Unterricht vorgesehenen Einführungsphasen kann damit besser präsentiert werden, Unterreicht kann einfacher vorbereitet werden, zusätzliche Medienelemente reichern den Unterricht an.

Internet-Unternehmen benutzen gern das schiefe Bild von „Ökosystemen“, die es für den digitalen Medienkonsum zu schaffen gilt, und meinen damit primär, den Anwender von ihren Leistungen abhängig zu machen. Im gewollt föderativen Bildungsmarkt ist der „Customer Lock-in“ offensichtlich keine Option – andererseits weiß jeder, der mal einen Computerkurs gemacht hat, dass ohne straffe Nutzerführung nicht mal unter Erwachsenen ein effizienter Gruppenunterricht stattfinden kann. Sind solche Ökosysteme für den Unterricht im Einsatz?

Wolf-Rüdiger Feldmann: Nein, die reinen Ökosysteme, wie sie uns aus den USA bekannt sind – ich denke zum Beispiel an die Firma mit dem Obststück im Logo – sind in Deutschland an den Schulen nicht verbreitet, und sie können bei mündigen Verbrauchern nicht langfristig funktionieren. Cornelsen verfolgt die entgegengesetzte Strategie der größtmöglichen Unabhängigkeit von einzelnen Systemen oder Hardwareplattformen. Wir wollen so offen sein, wie es die Technik erlaubt. Wir müssen uns am Curriculum orientieren und dem Lehrer die Arbeit erheblich erleichtern. Daher werden wir uns als Bildungsmedien-Anbieter immer technikneutral verhalten.

Sind alle Ihre Lehrbuchreihen bereits als digitale Medien für den jugendlichen Endverbraucher verfügbar?

Wolf-Rüdiger Feldmann: Nein, verfügbar sind primär die Titel der sogenannten Frontlist, also die neueren Lehrwerke. Wenn wir die Backlist digitalisieren wollten, müssten wir Fremdrechte nachträglich für die digitale Nutzung erwerben. Das macht nicht wirklich Sinn, denn in den Schulen sind immer noch Lehrwerke im Einsatz, die fünf Jahre und älter sind. Deswegen werden wir uns weiterhin auf die aktuellen Titel konzentrieren.

Die Besorgung von Schulbüchern und die Belieferung der lokalen Schulen rettet heute so manchen Buchhändler über die sommerliche Saure-Gurken-Zeit. Wird das digitale Geschäft nicht fast zwangsläufig an ihm vorbeigehen? Wofür wird er dann noch gebraucht?

Wolf-Rüdiger Feldmann: Die digitalen Angebote der Cornelsen Verlage entstehen rund um das gedruckte Schulbuch. Das gedruckte Schulbuch wird weiterhin ausnahmslos über den Handel geliefert. Insofern ist unsere digitale Strategie handelsfreundlich, wir ersetzen das gedruckte Werk nicht, sondern wir ergänzen es. Solange das gedruckte Buch Voraussetzung für die Nutzung des digitalen Inhalts ist, ist der Handel unverändert beteiligt. Aber in der Tat ist eine Abhängigkeit von der Frage erkennbar, wie lange gedruckte Schulbücher Akzeptanz haben. Nach unserer Auffassung wird das noch lange Jahre der Fall sein. Wenn das nicht mehr so ist, wird das die Rollenverteilung vermutlich beeinflussen.

Wenn man den Vergleich mit anderen digitalen Märkten zieht, könnte die Rolle des Logistikers für die letzte Meile ersatzlos wegfallen.

Wolf-Rüdiger Feldmann: Verlage leben definitiv nicht vom Buchdruck, und Schulbuchverlage schon gar nicht. Unsere Wertschöpfung liegt in der Übersetzung von mehrjährigen curricularen Vorgaben in Unterrichts- und Lernprozesse, die zu einem standardisierten Bildungsabschluss führen. Wir sind problemlos in der Lage, solche Lehrwerksysteme analog und digital zu produzieren. In punkto Innovation werden wir dem Markt immer etwas voraus sein, ansonsten sind wir Dienstleister für die Umsetzung von Lehrplänen in Unterrichtskonzepte, und damit bestimmen jedes Bundesland und die jeweiligen Sachaufwandsträger, ob wir digital oder analog produzieren.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, E-Commerce-Unternehmen, Buchhändler und Dienstleister bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Stammdaten und deren Qualitätssicherung sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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