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Impressionen von der Verleihung des Lessingpreises

Aus der Hand von Hamburg Kultursenatorin Barbara Kissler haben am gestrigen Sonntag zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Autoren den angesehensten und traditionsreichsten Literaturpreis der Freien und Hansestadt erhalten: der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch den großen Preis und der Autor Finn-Ole Heinrich den Förderpreis.

Zur sonntäglichen Matinee als Abschluss der Lessing-Theatertage (16.000 Besucher in 14 Tagen) war das Thalia-Theater gut gefüllt. Und es war gewiss eine Veranstaltung, die dem Namensgeber und Denkanstifter Lessing gefallen hätte. Mit dem Lessing-Appell „Wir müssen, müssen Freunde sein“ beschloss Thalia-Intendant Joachim Lux seine Begrüßung. Die Verlierer, die Ausgegrenzten, die im Dunkeln sollen ins Bewusstsein der Gesellschaft geholt werden.

In seiner erwartungsgemäß anspielungsreichen und gedanklich klaren Laudatio würdigte Jan-Philipp Reemtsma Schivelbusch als jemand, dessen Beobachtungsgabe uns hilft, in alltäglichen Szenarien gesellschaftliche Entwicklungen zu entdecken. Der gewöhnliche Kaffee to-go in der Bahnhofshalle verweist auf drei Phänomene, die Schivelbusch als gesellschaftsprägende Veränderungen analysiert und höchst spannend geschildert hat: die Eisenbahn als kontinuierliches Verkehrmittel, die künstliche Beleuchtung als Unabhängigkeit vom natürlichen Tageslauf und der Kaffee als das Standardgetränk der bürgerlichen Rationalität. Nicht die Bedürnisse der Menschen führen zu Erfindungen, sondern die Erfindungen schaffen neue Bedürfnisse – und Eingriffsmöglichkeiten, wie Schivelbusch in seiner launigen, herrlich unakademischen Dankesrede am Bespiel der NSA-überwachung erläuterte.

Finn-Ole Heinrich

Katrin Hörnlein, bei der ZEIT für die Kinderbuchseiten zuständig, stellte Finn-Ole Heinrich vor: 31 Jahre alt, schreibt seit 14 Jahren, seit acht Jahren hauptberuflich. Die jugendlichen Kinder der Bürger kennen ihn schon, denn sein Roman Räuberhände ist Abiturstoff in Hamburg. Auch wenn Finn-Ole Heinrich „keine Botschaft in die Welt zu blasen hat“, wie Katrin Hörnlein formulierte, er bringt ihnen die Welt der Literatur näher; nicht indem er doziert, sondern indem er erzählerisch auf den Punkt bringen kann, was junge Leute auf der Suche nach dem eigenen Weg bewegt.

Wer von den Jüngeren Finn-Ole Heinrich einmal erlebt hat, der vergisst ihn auch nicht wieder. Und es ist keine moderne Form von Kinder-Kasperltheater, wenn hundert Kinder im Saal unisono „Freerk, du Zwerg!“ rufen, es ist die Empathie mit dem kleinen Außenseiter, der sich nicht unterkriegen lässt. 100 Veranstaltungen mit Kindern hat er im letzten Jahr absolviert, hier eine Theaterpremiere, da eine Stadtschreiber-Stelle, 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis, und jetzt den Lessing-Förderpreis.

Dieser ist, so Senatorin Barbara Kissler, zwischen Sprachkunst und Philosophie angesiedelt. Dass ein junger Autor für seine Kinderbücher eine Auszeichnung im Lessingschen Geist der „versöhnenden Aufklärung“ erhält, ist zugleich ein Signal gegen die kindertümelnde Tralala-Kultur, der wir in den Medien und eben auch in Kinderbüchern massenhaft begegnen. Finn-Ole Heinrich zeigt, dass man sich dem nicht beugen muss. Die Kinder in seinen Kinderbüchern muss man einfach lieben, in all ihrer Liebesbedürftigkeit, ihrer Kratzbürstigkeit, ihrer Unbeugsamkeit, ihrem Erfindungsreichtum, ihrer fröhlich-unerschrockenen Entschlossenheit. Manchen Erwachsenen möchte man in den Hintern treten. Paulina Schmitt, seine neueste Heldin („einzigartig, ungewöhnlich spektakulär, grenzenlos mirakulöse) erlebt „erstaunliche Abenteuer“. Aber dabei geht es nicht um ausgedachtes Zeug, sondern um die Höhen, Tiefen und Untiefen, die das Leben auch Kindern schon zumutet. Paulina nennt sich Maulina, und sie hat allen Grund zu maulen.

Finn-Ole Heinrich wurde schon gefragt, ob es in seinen Büchern „nicht einfach mal heiter sein kann“. Katrin Hörnlein schloss ihre Laudatio mit den Worten: „Ich wünsche dir, dass du weiter Probleme machst“. Da lacht der ganze Saal. Es ist ein leises Lachen, durchzogen von aufgemunterter Nachdenklichkeit.

Ulrich Störiko-Blume

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