
Zwei Herren am Strand heißt der im Feuilleton gefeierte neue Roman von Michael Köhlmeier (Hanser), gestern Abend stellte er ihn (Moderation Felicitas von Lovenberg) im Düsseldorfer Heine Haus vor.
Ob es sein inzwischen 16. oder 17. Roman sei, fragte Felicitas von Lovenberg den österreichischen Autor eingangs, aber so genau wußte es Michael Köhlmeier auch nicht. Auf jeden Fall ist der Roman nach seinen Großwerken Abendland und Die Abenteuer des Joel Spazierer wieder ein großer Wurf, auch wenn er mit rund 250 Seiten eher schmal daherkommt.
Zwei Herren seilen sich von einer Party ab – sie kennen einander nicht – aber sie sprechen vertraut über ihre Kindheitstraumata, als wären sie die besten Freunde. Keine fiktiven Charaktere hat sich Köhlmeier für seinen Roman gewählt, sondern zwei Jahrhundertgestalten, die auf ganz unterschiedliche Weise das vergangene Jahrhundert geprägt haben: Charlie Chaplin und Winston Churchill.
Köhlmeier hat akribisch recherchiert, und leichtgläubige Leser mögen glauben, daß sie einen mehr oder minder biographischen Text vor sich haben. Stimmt ja auch. Aber Vorsicht! Köhlmeier (dem man stundenlang zuhören möchte, wenn er liest – was man freilich mit dem beim Hörverlag von ihm selbst eingelesenen Hörbuch tun kann – und sollte) ist ein Meister des „Als ob“ und sein Werk ein Roman. Viele Referenzstellen gibt es im Buch, die, so von Lovenberg, Journalisten sicher häufig gegoogelt haben, ohne fündig zu werden, wie auch: Köhlmeier hat sie erfunden. Z.B. eine Abhandlung von Adorno. (Daß ihm freilich eine Zuhörerin einer anderen Lesung Unglaubwürdigkeit bescheinigte, weil er es mit dem Literatur-Nobelpreis für Winston Churchill doch zu toll getrieben habe, ist eine schöne Anekdote, vor allem, wenn man sie aus dem Mund des Erzählers selbst vernimmt.)
Zwei Herren am Strand – beide bekämpfen auf ihre Weise Hitler, und wissen doch, der deutsche Diktator ist ihnen im Wesen nicht unähnlich. Auch sie sind „harte Knochen“, weit entfernt, „lupenreine Demokraten“ zu sein. Und so, stellte Köhlmeier dar, ist Hitler in diesem intimen Zweiergespräch der abwesende Dritte – damit spielt der Autor auf Schillers Bürgschaft an – die man beim Lesen seines Buches zumindest im Hinterkopf haben sollte.
Zwei Jahre hat Köhlmeier an seinem Roman über zwei mythische Figuren der Weltgeschichte zwei Jahre gearbeitet – immer nahe am wirklichen Geschehen. Aber eben nicht im Sinne einer faktendominierten Geschichtsschreibung. Weshalb man den Figuren wahrscheinlich näherkommt als in jedem Geschichtsbuch. Kann man mehr von einem Roman erwarten?