
Seit dem 6.12. (Nikolaustag) bis zum 6.1. (Heilige drei Könige) fragen wir wieder in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“ Heute beantwortet Kerstin Gleba, Cheflektorin Belletristik & stellv. Verlegerin bei Kiepenheuer & Witsch, unseren „anderen“ Fragebogen.
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Welcher Tag war Ihr schönster in diesem Jahr?
Ich greife drei raus. Einmal: Als Dave Eggers mit „Der Circle“ von 0 auf 1 der Spiegel-Bestsellerliste schoss und zeitgleich auch der „Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944“ auf Platz 8 einstieg. Zum zweiten: Als ein Autor mit einer Verspätung von schlappen zehn Jahren sein Romanmanuskript abgab und sofort klar war: Das Warten hat sich gelohnt. Und drittens: Unser KiWi-Betriebsausflug im sogenannten Hochsommermonat August, als wir drei Stunden im strömenden, erstaunlich kalten Regen die Lahn runtergepaddelt sind, die Kanus vollliefen und wir dennoch oder gerade deswegen einen Höllenspaß miteinander hatten, auch später, als wir uns in vollkommen durchnässten Klamotten vor dem Kamin des Campingplatzes versammelten, statt auf der Wiese zu grillen. Ein mit allen Wassern gewaschenes Team, ein großes Glück, solche Kolleginnen und Kollegen zu haben.
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Worüber haben Sie sich 2014 am meisten geärgert?
Bestürzt war und bin ich über das Wiedererstarken der Hooligan- und Neo-Nazi-Szene, und weil auch im Internetzeitalter räumliche Nähe immer noch etwas bedeutet: Besonders aufgewühlt hat mich der Hooligan-Aufmarsch Ende Oktober in Köln.
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Was war 2014 Ihr schönster Erfolg?
Mehrfach nahm KiWi 2014 Platz 1 im Bestsellerranking der Verlage sowohl in der Hardcover Belletristik als auch im Hardcover Sachbuch ein. Uns freut besonders, dass wir diesen Erfolg gemeinsam mit Autorinnen und Autoren erzielt haben, die wir seit vielen Jahren bei KiWi verlegen. Darunter: Christine Westermann, Dave Eggers, Thomas Hettche, Volker Kutscher, Giovanni di Lorenzo, Frank Schätzing oder Volker Weidermann. Schön, wenn eine vertrauensvolle Zusammenarbeit solche Früchte trägt.
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Und Ihr traurigster Misserfolg war…?
Stuart Nadlers wunderbarer amerikanischer Generationenroman „Ein verhängnisvoller Sommer“. Wer das Buch gelesen hat, liebt es. Viele aber haben es wohl schlicht übersehen.
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Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?
Ich liebe die Buchhandlungen in meinem Veedel: Buchladen Sülzburgstraße, die Buchhandlung Olitzky-Ruland, Der andere Buchladen. Warum? Weil die Kolleginnen und Kollegen ihr Publikum kennen, bestens beraten, immer wieder überraschen und viel für das kulturelle Leben des Viertels tun, auch außerhalb der Ladenöffnungszeiten.
Meine Blaupause für die schönste aller Buchhandlungen wird allerdings auf immer die Buchhandlung „Taraxacum“ in Leer bleiben, die 1979 von unserem leider viel zu früh verstorbenen Vertreter Michael Wübbelsmann gegründet wurde und bis 2005 bestand. Wenn ich als Jugendliche aus dem Rheinland in die Ferien zur Verwandtschaft nach Ostfriesland fuhr, war sie mein Lieblingsausflugsziel. Die Nordsee konnte da nicht mithalten.
6
Von welchem Thema wollen Sie (warum) im neuen Jahr nichts mehr lesen?
Wenn es Missstände gibt, will ich natürlich darüber lesen. Insofern möchte ich eher sagen, auf welche Themen ich sehr gerne verzichten würde: Ladenschließungen, Insolvenzen, Steuerungerechtigkeit – und ich plädiere für die Abschaffung des Begriffs „Weglasstitel“.
7
Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?
Wie es Menschen gelingt, vernetzt zu sein und dennoch das Zeitfenster zur Lektüre von Büchern offen zu halten und wieder auszudehnen. Ich experimentiere da selbst jeden Tag aufs Neue.
8
Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie nächstes Jahr vermeiden?
Zu wenig schlafen.
9
Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?
Siehe 8.
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Welches Buch hat Ihnen dieses Jahr besonders viel Freude gemacht?
Saša Stanišićs großartiger Roman „Vor dem Fest“. Und bei der gemeinsamen Lektüre mit meiner Tochter: Kirsten Boies „Seeräuber Moses“ und „Leinen los, Seeräuber Moses“.
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Welches wird Ihr wichtigstes Buch im kommenden Jahr?
Da könnte ich ganz viele nennen. Ich erwähne eines, das schon allein durch seine Prachtausstattung aus dem Rahmen fällt: Das Buchkunstwerk „S“ von J.J. Abrams und Doug Dorst. Das Buch der Bücher, das zeigt, welche Erfahrungen man im Leben allein durch und im Medium Buch machen kann.
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Von wem würden Sie auch gern mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?
Sabine Dörlemann, die mit ihrem Verlag seit über 10 Jahren ein fantastisches literarisches Programm auf die Beine stellt.
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Und welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie gern beantwortet?
Was wird aus Reinhold Joppich?
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Hier können Sie die auch beantworten:
Der aktivste und zugleich entspannteste Ruheständler, den die Branche je gesehen hat. Reinhold gehört auf immer zur KiWi-Familie, und wir werden auch in Zukunft noch viel Freude mit ihm haben, wenn auch abseits vom Verlagsalltag.
Morgen antwortet [Hans Schmidt, gestern stellte sich Mathias Siebel unseren Fragen [mehr…].]