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Die SWR-Bestenliste für März

26 Literaturkritikerinnen und -kritiker nennen monatlich – in freier Auswahl – vier Buch-Neuerscheinungen, denen sie „möglichst viele Leser und Leserinnen“ wünschen, und geben ihnen Punkte (15, 10, 6, 3). Die Addition ergab für den März folgendes Resultat (in Klammern die Position der Februar-Bestenliste):
Platz 1 (5) 67 Punkte

IAN McEWAN: Kindeswohl
Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Diogenes Verlag, 224 Seiten, € 21,90*

Die Richterin Fiona Maye. Ihre Ehe ist am Boden. Und dann kommt der Fall dieses jungen Zeugen Jehovas: Darf er mit 17 über sein Leben entscheiden und eine Bluttransfusion einfach ablehnen? Darf sie über sein Leben entscheiden und die Transfusion erzwingen? Es geht um Überleben oder Würde der freien Entscheidung.

Platz 2 (-) 55 Punkte

STEFANO D’ARRIGO: Horcynus Orca
Roman. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn.
S. Fischer Verlag, 1.471 Seiten, € 58,00***

Als das Buch vor 40 Jahren in Italien erschien, stand es für elf Jahre auf der Bestsellerliste. Es wurde ehrfürchtig beraunt als Antwort Italiens auf den „Ulysses“ genauso wie auf Melvilles „Moby Dick“. Lange galt es als unübersetzbar. Fünf Tage einer Reise von Neapel nach Sizilien im Oktober 1943, am Ende des Zweiten Weltkriegs. „Es wäre nicht richtig, oder besser gesagt: Es wäre falsch, fahrlässig, kleinmütig, schwerhörig, blindäugig und unangemessen, über dieses Buch ohne eine gehörige Prise Pathos sprechen zu wollen: Was für ein Werk, was für eine Entdeckung!“ (Hubert Spiegel)
Platz 3 (-) 51 Punkte

NORBERT SCHEUER: Die Sprache der Vögel
Roman. C.H. Beck Verlag, 238 Seiten, € 19,90 **

Ein Soldat aus der Eifel, stationiert in Afghanistan. Einer seiner Vorfahren war als Vogelkundler hier – er tritt in seine Spuren. „Ich glaube nicht, dass Vögel allein zum Zweck der Fortpflanzung singen. Irgendetwas existiert im Leben, das mehr ist als wir selbst und für das es keine Sprache gibt. Vielleicht liegt darin der Grund, dass Vögel singen.“
Platz 4 (8) 48 Punkte

URSULA ACKRILL: Zeiden, im Januar
Roman. Verlag Klaus Wagenbach, 256 Seiten, € 19,90**

Leontine Philippi schweigt. Aber sie schreibt die Stadtchronik von Zeiden, mitten im Kriegswinter 1941, als der Krieg näher kommt und die Rumäniendeutschen auf einmal von den Deutschen wirklich gewollt sind – als Soldaten nämlich.
Ursula Ackrill wurde in Siebenbürgen geboren, studierte Germanistik und Theologie in Bukarest und lebt heute als Bibliothekarin und Schriftstellerin in Nottingham.
Platz 5 (-) 45 Punkte

ARNO GEIGER: Selbstporträt mit Flusspferd
Roman. Hanser Verlag, 288 Seiten, € 19,90*

„Arno Geiger hat einen unterhaltsamen, auch leicht lesbaren (Anti-)Bildungsroman verfasst, der gleichzeitig so genau und aktuell wie kaum ein anderer in diesem Frühjahr den Zeitnerv trifft. Denn die Gemütslage des 22-jährigen Julian, sein Zukunftsnebel, sein Dazwischenhängen, seine ruhelose Lethargie enthalten eine Wahrheit, an deren allgemeiner Gültigkeit der Leser nicht vorbeikommt.“ (Ursula März)
Platz 6 (-) 38 Punkte

MICHAEL WILDENHAIN: Das Lächeln der Alligatoren
Roman. Klett-Cotta Verlag, 242 Seiten, € 19,95**

Erst ist es das „Lachen der Alligatoren“. Dann das „Bellen der Alligatoren“. Michael Wildenhain erzählt von Marta und Matthias, von einer Liebe in Zeiten der RAF: „Wenn sie mich entdeckt, bin ich verloren“.
Platz 7 (-) 37 Punkte

MILAN KUNDERA: Das Fest der Bedeutungslosigkeit
Roman. Aus dem Französischen von Uli Aumüller.
Hanser Verlag, 144 Seiten, € 16,90**

„Alle sind sie auf der Suche nach der guten Laune“. Nach vielen Jahren ein neues Buch des 85-jährigen Autors von „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Früher war das Überleben in den totalitären Regimen des Ostblocks sein Thema – jetzt beginnt Kundera mit einer Nabelschau und feiert in seinem Alterswerk die Bedeutungslosigkeit als Schlüssel zur Weisheit und – eben – guter Laune.
Platz 8 (1) 34 Punkte

MICHEL HOUELLEBECQ: Unterwerfung
Roman. Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek. DuMont Buchverlag, 272 Seiten, € 22,99**

Paris als islamische Republik – ein gewagtes Denkspiel. Aber doch nur ein Buch. Dachte man. Es ist nach den Anschlägen von Paris plötzlich viel mehr daraus geworden. Und Michel Houellebecq, der Autor der philosophischen Groteske in grotesken Zeiten, bringt es mit seinem Roman auf die Titelseiten und in die Fernsehnachrichten.

Platz 9 (-) 30 Punkte

TEJU COLE: Jeder Tag gehört dem Dieb
Roman. Aus dem Englischen von Christine Richter-Nilsson.
Hanser Berlin Verlag, 176 Seiten, € 18,90 **

Das nigerianische Lagos: Korrupt, gewalttätig und sehr lebendig, eine Megacity auf einem Kontinent, der lange als schlafender Riese wahrgenommen wurde. Teju Cole, Amerikaner nigerianischer Abstammung, schrieb über seinen Aufenthalt dort einen Blog – In Nigeria erschienen die Texte erstmals 2007 als Buch, noch vor seinem großen Romanerfolg „Open City“. „Flüchtig wie ein Bild, das mit weit offener Blende aufgenommen wurde“.
Platz 10-12 (9) 25 Punkte

DANILO KIŠ: Familienzirkus
Die großen Romane und Erzählungen
Übersetzt von Ivan Ivanji, Anton Hamm, Katharina Wolf-Grießhaber.
und Ilma Rakusa.
Carl Hanser Verlag, 912 Seiten, € 34,90 **

Eine seltsame Sprache, eine seltsame Zeit. Vor 25 Jahren starb der jugoslawische Dichter Danilo Kiš. Bildreich und sinnlich führt er ein in die Welt des untergegangenen Jugoslawien. „Hast du Max Ahasverus gesehen?“ platzte er heraus, so wie eine reife Pflaume in den Schlamm fällt. „Ja, Eduard, ja. Ich habe ihn gesehen. Er bot mir Schwanenflaum an. Madame, reiner Schwanenflaum gefällig?“
Platz 10-12 (-) 25 Punkte

ÉDOUARD LOUIS: Das Ende von Eddy
Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.
S. Fischer Verlag, 206 Seiten, € 18,99 *

„Schau mal, das ist Bellegueule, der Schwuli.“ Der Autor, vom Protagonisten kaum zu trennen, hat darauf bestanden, dass sein Lebensbericht als „Roman“ bezeichnet wird – wenn es doch nur einer wäre! So aber ist es die authentische Chronik einer unerträglichen Kindheit und Jugend. Und ein Überraschungserfolg in Frankreich. Der Autor ist gerade mal 22 Jahre alt.
Platz 10-12 (-) 25 Punkte

LYDIA TSCHUKOWSKAJA: Untertauchen
Roman. Aus dem Russischen von Swetlana Geier.
Dörlemann Verlag, 256 Seiten, € 18,90 **

Ein Klassiker der oppositionellen russischen Samisdat-Literatur. Die Autorin gehörte zum Umfeld der Dichterin Anna Achmatowa und setzte sich später unter anderem für Alexander Solschenizyn ein. Ihr Mann verschwand 1937 im stalinistischen Terror: „Ich lebe. Das ist es. Ich lebe, ich lebe immer noch, obwohl man ihn mit Knüppeln ins Wasser getrieben hat. Er kam für einen Augenblick, um mir das vorzuwerfen.“

Die Persönliche Empfehlung

im März von Denis Scheck (Köln):
KLAUS MODICK: Konzert ohne Dichter
Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, € 17,99

„Was ist nur in die Jury des Leipziger Buchpreises gefahren, dass sie Klaus Modicks geistreiches Meisterwerk übersehen und nicht als einen der besten Romane nominiert hat? Sind die Kollegen etwa Opfer jener Kleingeistigkeit, Hybris und Ehrpusseligkeit geworden, wie sie Modick in seinem amüsanten Portrait der Worpsweder Künstlerkreise rund um Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke schildert? Kann ich mir nicht vorstellen. Ich glaube, sie haben Modicks Roman einfach noch nicht gelesen.“ (Denis Scheck)

*** (vermutlich) schwierigere Lektüre
** (vermutlich) mittelschwere Lektüre
* (vermutlich) leichtere Lektüre

Literatur im SWR Fernsehen

Donnerstag, 5. März um 23.15 Uhr
Sonntag, 8. März um 8.45 Uhr
Sonntag, 15. März um 10.15 Uhr in 3sat
„lesenswert“ mit Denis Scheck
Gast: Leif Randt / 3 Bücher der Bestenliste März

Donnerstag, 19. März um 23.15 Uhr
Sonntag, 22. März um 8.45 Uhr
„lesenswert“ mit Denis Scheck
Gäste: Matthias Politycki und Christoph Keller

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