
Hans Schmidt wird heute 65 Jahre alt. Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, gratuliert ihm zum runden Geburtstag:
Normalerweise hält sich mein Interesse für Gipsbüsten von Geistesgrößen in Grenzen. Zwei jedoch stehen seit Jahr und Tag in meinem Arbeitszimmer: eine – ganz in Rot – zeigt Friedrich Schiller und stammt aus dem Hause Reclam, die andere – ganz in Weiß – den Verleger und Buchhändler Friedrich Campe. Überreicht hat sie mir 1999 dessen Nachfolger Hans Schmidt, der damals den 222. Geburtstag Campes im Nürnberger Buchhaus Campe feierte. Wir arbeiteten seinerzeit für denselben Arbeitgeber, die Ganske-Verlagsgruppe, und ich wunderte mich nur kurze Zeit darüber, warum sich dieser Mann so wenig um runde Jubiläen scherte.
Hans Schmidt ist ein unverwechselbarer Kopf in dieser Branche. Schon äußerlich passt der fest im Fränkischen Verankerte nicht in die Riege der gestriegelten Buchmanager, die man ebenso gut bei Modediscountern oder im Automobilhandel unterbringen könnte. Mit seinem langen, graumeliert-krausen Haar, das er oft zu einem Zopf zusammenbindet, fällt Schmidt auf – doch nicht deswegen ist er Hecht im Karpfenteich, sondern weil er eine durch alle Fasern seines Körpers gehende Leidenschaft ausstrahlt, eine Leidenschaft, Strategien zu entwickeln, die „sein“ Buchhaus Campe zu einem immer wieder neu zu entdeckenden Anziehungspunkt machen.
Der gelernte Schreiner kam nach Stationen im kirchlichen Büchereiwesen und als Buchhändler in Forchheim und Kronach 1990 nach Nürnberg, um das Buchhaus Campe aufzubauen und zu leiten. „Ein Haus für Menschen, die Bücher lieben“ – das wollte er bieten, und um das zu erreichen, kreierte er zusammen mit seiner Arbeits- und Lebenspartnerin Sabine Gauditz permanent neue Ideen, die sich nicht damit begnügten, eingeführte Rezepte der Konkurrenz abzukupfern. So genießen die Weihnachtsdekorationen bei Campe längst legendären Ruf, und so sucht er das für ihn magische Dreieck „Raum – Sortiment – Mitarbeiter“ stets zu optimieren.
„Wenn’s alle machen, mach’ ich es anders“, lautet eine von Schmidts Maximen. Davon ließ sich der 2012 vom BuchMarkt zum „Buchhändler des Jahres“ gewählte Schmidt nie abbringen, auch nicht, als das Buchhaus Campe an die Thalia-Gruppe verkauft wurde – ein Schock für viele, die befürchteten, ihr vertrautes Sortiment verlöre fortan sein eigenständiges Profil und würde im Ketteneinerlei untergehen. Schmidt hat alle Widerstände überwunden, seine inzwischen 3.600 qm umfassende Buchhandlung an die Spitze des Thalia-Umsatzrankings geführt. Mitarbeiter müssen, wie er es ganz altmodisch sagt, „Glanz in den Augen“ haben, denn nur dann spiegele sich der später in den Augen der Kunden wider.
Es war und ist mir immer eine Freude, mich mit Hans Schmidt zu unterhalten – gleichgültig, ob es um den Buchhandel oder seine ungebrochene Reiselust (zuletzt fünf Wochen China!) geht. Was er nach dem 19. Mai, wenn er seinen Fünfundsechzigsten feiert und sein Büro in der Nürnberger Karolinenstraße räumt, tun wird, darüber muss man sich keine Sorgen machen. Mit seiner 2001 gegründeten Firma Arte Perfectum werden Sabine Gauditz und er weiterhin vieles bewegen, nicht nur in Nürnberg. Und die Bücher verliert Hans Schmidt, dieser so angenehm Unorthodoxe, mit Sicherheit nicht aus den Augen. Als Zwölfjähriger fiel ihm Rudolf Adolphs Werk „Liebhabereien mit Büchern“ in die Hände, das Kompendium eines bibliophilen Journalisten mit dem bezeichnenden Untertitel „Ein Handbuch als Hohe Schule für alle, die mit Büchern umgehen“.
Liest man nach, was Adolph seinerzeit im Kapitel „Lob des Buchhändlers“ schrieb, scheint man mit einem Mal zu verstehen, was Hans Schmidt zeitlebens angetrieben hat: „Denn wenigen Berufen eröffnet sich der Mensch so wie dem Buchhändler. Er muss es natürlich verstehen, den Käufer richtig zu behandeln. Richtige Menschenbehandlung ist die elementarste Voraussetzung für diesen Beruf, damit er für alle Beteiligten fruchtbar sei.“ Hans Schmidt hat das wunderbar umgesetzt.
Rainer Moritz
Wer auch gratulieren möchte: Schmidt@arte-perfectum.de
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