Die Hörbuchbranche ist in Aufruhr: Mehrere Verlage beschweren sich beim Börsenverein über ein „besorgniserregendes Geschäftsgebaren“ der Amazon-Tochter Audible.de [mehr…].
Audible hat etlichen Partnern die Verträge gekündigt. Anscheinend will Audible ausgewählte Vertragspartner in einen neuen Vertrag „zwingen“, der ein Streaming-Flatrate-Modell vorsieht. Die Kritik traf schon das bisherige Download-Abo-Modell, das den Kunden den Kauf zehntausender Hörbücher zum Einheitspreis ermöglicht, den Verlagen aber deutlich weniger Lizenzerlöse einbringt.

© Claus Setzer
BuchMarkt-Autor René Wagner sprach mit Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, über die marktbeherrschende Position des Download-Portals – und was man dagegen tun kann.
Herr Skipis, warum ist die Aufregung unter den Verlagen und auch beim Börsenverein derzeit so groß?
Alexander Skipis: Es ist dieselbe Kritik wie im vergangenen Jahr, als Amazon die Verlagsgruppe Bonnier unter Druck gesetzt hat, und es ist derselbe Mechanismus: Jemand missbraucht seine Marktmacht, um andere zu erpressen. Dem aber hat das Kartellrecht einen Riegel vorgeschoben. Natürlich muss im Einzelfall geprüft werden, ob ein Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung vorliegt. Hier steht aber jedenfalls außer Streit, dass Audible einen Marktanteil von geschätzten 90 Prozent an Hörbuch-Downloads hat und deshalb seine Vertragspartner nicht ohne Weiteres in diese benachteiligende Geschäftsmodelle hinein nötigen darf.
Wie kann der Börsenverein die Verlage bei der Klärung begleiten?
Wir prüfen aktuell die rechtliche Situation, was die Erwägung einschließt, klagende Verlage zu unterstützen. Natürlich haben wir aber auch unserem Mitgliedsunternehmen Audible ein Gespräch angeboten, denn wir sind nicht an rechtlichen Auseinandersetzungen, sondern einer rechtskonformen Gestaltung der Situation durch die Beteiligten interessiert. Klar ist, dass die Verhandlungen zwischen Audible und den Hörbuchverlagen sehr hart sind – da sind wir nicht naiv und das geht grundsätzlich auch in Ordnung. Entscheidend ist nur, dass dabei die Grenzen des kartellrechtlich Zulässigen nicht überschritten werden.
Was sind aus Ihrer Sicht die Konsequenzen für Verlage, die nicht mitmachen?
Das Problem, das die Verlage bei ihren Verhandlungen mit Audible haben, ist dessen absolut marktbeherrschende Position. Laufen Verträge aus oder werden diese gekündigt, wird einfach ein neuer Vertrag vorgelegt, der zwingend die Teilnahme an bestimmten neuen Geschäftsmodellen diktiert. Der bisherige Partner kann dann nur zusagen – oder seine Angebote verschwinden vollständig aus der Plattform von Audible, und zwar auch diejenigen, die er dort gerne aufrechterhalten sähe. Letzteres wäre, vor dem Hintergrund eines Quasi-Monopols des Händlers, das Aus für kleine und mittlere Verlage, für die der digitale Vertrieb zu einer wichtigen Umsatzsäule geworden ist. Dass kleine und mittlere Hörbuchverlage vielleicht in letzter Konsequenz vom Markt verschwinden, kann auch nicht im Sinne eines an attraktiven und vielfältigen Angeboten interessierten Händlers wie Audible sein.
Was entgegnen Sie Verlagen, die die neuen Bedingungen akzeptieren? Die meisten geben zu, dass sie auf Audible nicht verzichten können, und vertrauen darauf, dass das Portal den digitalen Hörbuchmarkt weiter voranbringt?
Es ist eine individuelle unternehmerische Entscheidung, welche Verträge ein Verlag mit welchen Partnern abschließt und welche nicht. Es kommt einem Verband wie dem Börsenverein nicht zu, Entscheidungen zu kritisieren, die seine Mitgliedsunternehmen treffen, zumal es sich dabei sicherlich kein Verlag leicht macht.
Was ist von Befürchtungen zu halten, dass hier ein Schritt zu einem „Ausverkauf“ des Kulturgutes Hörbuch getan wird?
Ich kann generell nur ausdrücklich davor warnen, die Qualität und Vielfalt von Literatur – ob als Hörbuch, E-Book oder gedrucktes Buch – aufs Spiel zu setzen. Bücher sind nun mal keine Waschmaschinen, sondern Kulturgut, und die Produkte sind nicht substituierbar. Unternehmen wie Amazon geht es aber nicht um Buchhandel, sondern schlicht um Handel.
Zum Glück kann man feststellen, dass die Käufer zunehmend ein Gespür dafür haben, was ihre Konsumentscheidungen bedeuten. Und sie sind bereit, anderen Konzepten zu folgen, die mehr ihren Bedürfnissen und Werten entsprechen. So hat es bei den E-Books die Tolino-Allianz geschafft, in weniger als zwei Jahren den Marktanteil des Kindle zu überholen. Eine solche Leistung ist nur möglich, wenn viele wichtige Marktteilnehmer sich zusammentun und konsequent ihr gemeinsames Ziel verfolgen – auch hier natürlich im kartellrechtlich zulässigen Rahmen.
Wo sehen Sie die weitere Entwicklung im digitalen Verkauf?
Prognosen dazu waren immer schon sehr schwer. Im Grunde waren alle bisherigen falsch, denn der Markt hat sich verhaltener entwickelt als gedacht. Internet und Digitalisierung sind aber eine riesige Chance: Wir können Produkte weiterentwickeln, um Inhalte zu den Menschen zu bringen. Ich vermute, dass die Anteile weiter steigen werden, aber langsamer als bisher.
Die politische Komponente unserer Arbeit wird noch an Bedeutung gewinnen. Denn es geht in Fällen wie dem vorliegenden nicht nur um unternehmerische Einzelschicksale, sondern um die kulturelle Vielfalt in unserer Gesellschaft. Wenn sich ein Produkt für den Produzenten im Verkauf nicht mehr lohnt, wird es dieses Produkt nicht mehr auf dem Markt geben. Ein fairer Ausgleich ist also zwingend nötig, denn sonst funktioniert der Markt nicht.







