Das vor einem halben Jahrhundert von Hans Magnus Enzensberger gegründete Kursbuch wird 50. „Kursbücher schreiben keine Richtungen vor. Sie geben Verbindungen an, und sie gelten solange wie diese Verbindungen“, formulierte Enzensberger vor 50 Jahren die Zielrichtung der neuen Zeitschrift.
Am 10. Juni erscheint nun die Jubiläumsedition Kursbuch 182: „Das Kursbuch. Wozu?“ – und das muss gefeiert werden, denkt der heutige Kursbuch-Verlag Murmann und ruft alle Buchhändler zur großen Schaufenster-Aktion auf. Der Verlag stellt Plakate und Postkarten mit Zitaten aus 50 Jahren Kursbuch zur Verfügung. Bestellen Sie das Material für Ihre Schaufenster-Aktion bei vertrieb@murmann-publishers.de. Über Fotos des Schaufenster oder der Ladengestaltung freut sich der Verlag ebenfalls sehr.
Über die heutige Bedeutung des Kursbuches hat BuchMarkt den Verleger Sven Murmann um ein Interview gebeten.

Das Kursbuch war einmal das wichtigste Organ der intellektuellen Linken. Nach einigen Verlagswechseln – von Klaus Wagenbach, über Rowohlt bis zur Zeit – wurde es 2008 jedoch wegen zu geringer Auflage eingestellt. Vor knapp vier Jahren haben Sie es in Ihren Verlag geholt. Warum?
Sven Murmann: Mit der Wiederbelebung des Kursbuchs 2012 wollten wir einem Medium eine zweite Chance geben. Wir sind davon überzeugt, dass wir eine Lücke besetzen können, wenn es uns gelingt mit den Schwerpunktthemen Relevanz zu zeigen. Dabei bedeutet Relevanz für uns nicht unbedingt brennende Aktualität, sondern vor allem meinen wir Relevanz in der Tiefe.
Was meinen Sie damit?
Der besondere Charme des Kursbuchs ist, dass es ein Hybrid aus Buch und Zeitschrift ist. Dabei legen die Herausgeber Armin Nassehi und Peter Felixberger besonderen Wert auf Perspektivenvielfalt und Multidisziplinarität. Damit entgehen wir der potentiellen Langeweile eines akademischen Sammelbandes. Auch unsere Kunststrecke spielt für diesen lebendigen Charakter eine zentrale Rolle.
Für das anspruchsvolle Sortiment stellt das Kursbuch eine unverwechselbare Besonderheit dar. Durch unsere traditionelle Aufmachung wollen wir an die kritische Rolle des „alten“ Kursbuchs anknüpfen, unterscheiden uns aber doch deutlich vom Kursbuch der 70ger Jahre. Wir sind weder links noch rechts, sondern ein Medium für den aufgeklärten Pluralismus.
Eignet sich das Kursbuch für den Buchhandel?

Der Buchhandel ist und bleibt der wichtigste Ort für das Kursbuch. Denn dort ist die Nische für intellektuellen Austausch und Vertiefung. Wir denken sogar daran, eine kleine Buchedition rund um das Kursbuch zu etablieren.
Wer braucht heutzutage überhaupt noch das Kursbuch?
Kritik mit Tiefgang wird weiterhin nachgefragt. Politische Aufklärung findet nicht in Talkshows statt. Die Sphäre des Kursbuchs ist unterhalb der Oberfläche. Wenn Sie ein Kursbuch zu relevanten Themen wie Privatheit, Ausbeutung, Freiheit lesen, dann unternehmen Sie einen Tauchgang, bei dem Sie mit der Vielfalt des Unterwasserlebens konfrontiert werden. Wir wenden uns an Leser, die auch mal ins Ungewisse, Überraschende, Noch-Nicht-Gesehene tauchen wollen.
Wen genau soll das Kursbuch ansprechen? Wer ist die Zielgruppe?
Das Kursbuch ist ein Ort des intellektuellen Widerstands in einem Meer halbgaren Medienbreis.
Es wendet sich an alle, die noch die Entfaltungslinie eines Arguments auf 20 bis 30 Seiten schätzen und die Offenheit eines Diskurses suchen. Das reicht vom prüfungsstrangulierten Studenten bis zum geistig unterversorgten Manager.
Wie kommen die Themen zustande? Sind aktuelle politische Geschehnisse Themengeber?
Unsere Themen setzen an den Widersprüchen und Paradoxien moderner Gesellschaft an. Warum optimieren wir uns zu Tode, warum lieben wir Krisen oder warum ist Moral nicht nur gut? Das ist das Salz in der Suppe. Politische Kurzfristigkeit und ideologische Eindeutigkeit sind kein Maßstab.
Mit welchem Thema wird sich das nächste Kursbuch beschäftigen?
Wir planen ein Kursbuch zum Thema Flucht. Auch hier ist unser Anspruch, das Thema anders als die anderen Medien vorgehen und die Frage mehrdimensional angehen. Die übernächste Ausgabe wird die Rolle der Kunst in der Gesellschaft heute zum Schwerpunktthema haben.
Sie feiern 50 Jahre Kursbuch. Wie wird das Kursbuch in weiteren 50 Jahren aussehen?
In 50 Jahren wird das Kursbuch hoffentlich noch das kleine Widerstandsnest sein, das jenseits riesiger Datenkraken und einer kolossalen Überwachungsarchitektur einen unabhängigen Platz hat.