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Klemperer-Buchpremiere mit Burghart Klaußner, Daniel Kehlmann und Adam Soboczynski

Befragt von ZEIT-Feuilletonchef Adam Soboczynski, schilderte Daniel Kehlmann, wie er schon als Student Victor Klemperers Tagebücher (erschienen ab 1995) gelesen hat. Begeistert hat ihn damals vor allem die Offenheit des schreibenden Beobachters Klemperer; diese Begeisterung fand neue Nahrung durch seine Lektüre des soeben veröffentlichten Revolutionstagebuchs 1919 (Aufbau Verlag):

„Wenn einer so schreiben kann wie Klemperer, dann interessiert einen alles, was er berichtet.“ Die ZEIT hatte sich sofort für diese erstaunliche Entdeckung interessiert und in Kehlmann einen kompetenten Gesprächspartner am Donnerstagabend im Deutschen Theater Berlin gefunden.

Der Romanist Victor Klemperer bemühte sich nach dem Ende des 1. Weltkriegs um eine akademische Laufbahn. Bevor er eine Dozentur an der Münchner Universität bekam, schlug er sich in München als Berichterstatter für die Leipziger Neuesten Nachrichten durch. Viele seiner feuilletonistischen Reportagen (Soboczynski: „eine seltene Kategorie“) sind nie erschienen, weil die Post von München nach Leipzig damals noch nicht wieder zuverlässig funktionierte. Umso besser, dass wir diese genau beobachteten, atmosphärisch dichten „teilnehmenden Beobachtungen“ heute endlich lesen bzw. hören können (Hörbuch bei Aufbau Audio, gelesen von Burghart Klaußner).

Der Aufbau Verlag, die ZEIT und das Deutsche Theater hatten ebendiesen Schauspieler und Hörbuchsprecher engagiert, um zwei längere Passagen vorzutragen. Er machte seine Sache großartig. Schnell gelesen, mal dramatisch, mal süffisant, mal sarkastisch, gelegentlich von Gesten unterstützt, konnte man sich wie in der staunenden Menge der Münchner von 1919 fühlen, die nicht so recht begriffen, was sich da in ihrer Stadt abspielte. Es war irgendwie „Bohème, die Revolution spielte“, fast auf gut bayerisch eine Gaudi – aber am Ende doch eine Tragödie mit insgesamt ca. tausend Toten. Kehlmann dazu: „Es war die Zeit der ganz großen Experimente – in allen Künsten. Was aber Künstler nicht so gut können, ist langweiliger Pragmatismus.“ Die Niederschlagung der bayerischen Räterepublik, die vermutlich auf Dauer ohnehin nicht überlebt hätte, bedeutete nämlich auch die Grundsteinlegung für München als spätere „Hauptstadt der Bewegung“.

Das Berliner Publikum hat seinen preußischen Spaß an den Schilderungen der unvorstellbar chaotischen Verhältnisse im München von 1919, als die intellektuellen, schwärmerischen und letztlich doch als „Jud und Preiß“ empfundenen Räte-Führer zunächst genug Unterstützung fanden, um vor den Augen all der verdutzten, revolutionsungewohnten Bayern erst den König und dann die gemäßigten Sozialdemokraten davonzujagen.

Keinen Spaß verstanden Teile des Publikums, als Kehlmann erwähnte, dass er seinerzeit Klemperers L.T.I. (das berühmte Notizbuch eines Philologen über die Sprache des Dritten Reiches, erschienen 1947) noch nicht gelesen hatte (er ist Jahrgang 1975, war also erst gerade zwanzig). Die empört geraunten Kommentare dazu im Publikum des Deutschen Theaters diskreditieren allerdings keineswegs den kundigen Gesprächspartner Kehlmann, wohl aber eine erstaunliche Zahl selbstgerechter Besserwisser im Auditorium. Sie brachten es sogar durch Klatschen so weit, dass nach knapp einer Stunde Soboczynski sein kluges Gespräch mit Kehlmann abbrechen musste, um Burghard Klaußner das Feld für eine zweite Lesepassage zu überlassen.

Man darf gespannt sein, wie das Münchner Publikum das Buch und die Beobachtungen des unter dem Pseudonym A.B. (Anti-Bavaricus) schreibenden Klemperer aufnehmen wird (Buchvorstellung und Lesung ebenfalls mit Burghart Klaußner am 16. Juli im Münchner Literaturhaus). Buch und Hörbuch sind jedenfalls mehr als Zeitdokumente für Spezialisten – Klemperers Texte schärfen das Bewusstsein gegen die fatalistische Haltung, im Nachhinein alles immer für unausweichlich zu halten.
us

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