
an Ruth Schweikert
Das große Zelt auf dem Markt von Bergen war gestern Abend zum 42. Fest der feierlichen Amtsübergabe an die neue Stadtschreiberin gut besucht: Ruth Schweikert [mehr…] erhielt den Schlüssel zum Haus An der Oberpforte 4 von ihrer Vorgängerin Dea Loher.
Viele Bekannte aus dem Literaturbetrieb fanden sich unter den Zeltgästen, allen voran natürlich Adrienne Schneider, Tochter des Preisstifters und Fortführerin seines Werkes, Matthias Altenburg, Annette Reschke. Auch Monika Steinkopf, langjährige Inhaberin der nun geschlossenen Berger Bücherstube, war gekommen.
Vor der offiziellen Eröffnung wurde der 1975 gedrehte Film Der Stadtschreiber von Bergen mit Wolfgang Koeppen, dem ersten Amtsinhaber, gezeigt.
Mit besonders herzlichem Beifall wurde die „Schweizer Fraktion“ empfangen – die ehemaligen Stadtschreiber Peter Bichsel (1981/82) und Peter Weber (2004/05) feierten mit ihrer ebenfalls in der Schweiz beheimateten neuen Amtsinhaberin.
Bergen-Enkheims Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese begrüßte die Gäste und ging auf die aktuelle Situation in der Gesellschaft ein. „Was macht Propaganda so gefährlich? Sie greift nur eine Auswahl der Realität heraus und stellt diese als Wahrheit dar“, erklärte sie. An vielen Orten in der Welt werde militärisch gestritten und verbal hochgerüstet. Zunehmend schwieriger werde es, die Wahrheit herauszufinden. Deshalb seien Meinungsaustausch und Perspektivwechsel wichtig. Dem diene auch die Literatur.
Müller-Friese verwies darüber hinaus auf ein neues Projekt: Der Liederkranz Bergen-Enkheim vertone Stadtschreiber-Lyrik, die Premiere werde am 30. Oktober stattfinden.
Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth würdigte die 42-jährige Tradition der Stadtschreiberei in Bergen. Die Auswahl der Amtsinhaber zeige, dass die Jury an literarischer Qualität interessiert sei – viele Stadtschreiber haben neben dieser Auszeichnung weitere Literaturpreise erhalten, Herta Müllers Werk wurde sogar mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Das Hauptziel des Stadtschreiberpreises sei es, Neugier auf Literatur zu wecken.
Ruth Schweikert nehme sich Zeit für ihre Bücher, seit 1994 sind vier Romane und ein Theaterstück erschienen. „Frau Schweikert, hier können Sie sich ebenfalls Zeit nehmen, Sie müssen nichts und können alles tun, der Stadtschreiber von Bergen hat keine Residenzpflicht“, wandte er sich an die neue Amtsinhaberin.
Die Festrede hielt der Soziologe Heinz Bude, sein Thema: das Lachen. „Das lachende Volk ist ein dissidentes und unberechenbares“, stellte er seinen Ausführungen voran. Er bezog sich auf Michail Bachtin (1895 bis 1975), einen russischen Literaturwissenschaftler und Kunsttheoretiker. Bachtin beschäftigte sich mit der Lachkultur im Mittelalter. Das Volk setzte sich in dieser Zeit mit Lachen über Verbotenes und Verpöntes hinweg, besiegte so die Angst, die Menschen dumpf macht. „Das Volk, das lachte, machte sich lustig über die herrschende Klasse. Und heute? Können wir überhaupt noch lachen? Über Donald Trump, Wladimir Putin, Martin Blessing, Detlef Wetzel? Über die Kanzlerin? Nein, über Merkel nicht“, stellte Bude fest.
Plakate mit lachenden Menschen zeigten eine „the winner takes it all“-Pose, das Lachen des Neoliberalismus, des Egoismus. Sie seien peinliche Erfolgstypen.
Der Philosoph und Biologe Helmut Plessner begriff das Lachen und Weinen als menschliche Ausdrucksformen, das Lachen als „das katastrophische Ende aller Mimik und Gestik, weil man sich nicht mehr beherrschen kann“, erklärte Bude. Dieses Lachen sei ansteckend, führe zum kollektiven Gewinn gegenüber dem individuellen Verlust.
„Wir lachen nicht mehr, manchmal fühle ich mich wie in einem Land des Lächelns“, konstatierte der Soziologe. Lächeln allerdings bedeute Abstand, Ironie, auch Überlegenheit. „Lächelnd eilen wir allen Krisen vorweg“, stellte Bude fest.
Der Schluss seiner Ausführungen klang versöhnlich: „Wir können noch über uns selbst lachen, eine anthropologische Möglichkeit erkennend und merkend, dass wir in der Welt nicht alleine sind.“
Dea Loher schlug den Bogen zu ihrer Antrittsrede vor einem Jahr. Damals erzählte sie von ihrem Besuch im Monk’s House im südenglischen Rodmell, in dem Viginia Woolf lebte, und im Charleston Farmhouse, in dem Woolfs Schwester Vanessa Bell wohnte. Loher hörte dabei von Molly Bowman – sie sei die Tochter der Haushälterin von Charleston Farmhouse gewesen und nach Bergen gezogen. „Ich hatte die öffentliche Hoffnung, etwas über Molly herauszubekommen“, bekundete Loher. Sie habe während ihrer Amtszeit einen Brief aus Bad Nauheim bekommen, der auf eine 2007 verstorbene Molly Brown verweist. Vielleicht könnte die ja …? Diese Molly sei allerdings nicht der Abenteuer wegen aus England abgereist, sondern geflohen, weil sie Zeugin eines Verbrechens geworden sei. „Über viele Monate hinweg war das der vielversprechendste Hinweis“, äußerte Loher.
Außerdem habe sie ein Stück Pappe im Briefkasten An der Oberpforte gefunden, auf das der siebenjährige Tim geschrieben hatte „Molly ist doof“.
Mehrere Begegnungen mit Menschen, die in irgendeiner Form einen Bezug zu Molly hatten, erwiesen sich als Sackgassen, darunter die Erklärung, dass weder Bergen noch Enkheim, sondern vielmehr das Senckenberg-Museum gemeint sein müsse. Dort habe ein Experte namens Schneider, Spezialist für Schrumpfköpfe, gearbeitet, wahrscheinlich mit einer Molly verheiratet. „Diesem Hinweis bin ich dann nicht mehr nachgegangen“, erklärte Loher. Aber ihr habe geträumt, dass irgendjemand das Licht in der Abstellkammer des Stadtschreiberhauses angeschaltet habe. Als Loher nachschauen wollte, entdeckte sie die Aufschrift an der Wand: „Molly was here“. „Nun wollte ich keine Hinweise mehr“, äußerte die Stadtschreiberin.
Eine skurrile Begegnung mit einer Hundebesitzerin und den Initialen M. B. habe sie im Frühjahr noch erlebt, doch auch diese Spur führte zu keinem Ergebnis.
Dea Loher übergab anschließend ihrer Nachfolgerin Ruth Schweikert den symbolischen Schlüssel für das Stadtschreiberhaus sekundenschnell und unspektakulär.
Die neue Amtsinhaberin bedankte sich für die Auszeichnung und erinnerte an Max Frisch – er hielt übrigens 1981 zum Amtsantritt von Peter Bichsel die Festrede. Frisch schrieb 1965: „Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und gekommen sind Menschen. Sie fressen den Wohlstand nicht auf, im Gegenteil, sie sind für den Wohlstand unerlässlich.“ Man hat diese Arbeitskräfte in der Schweiz „Saisonniers“ genannt, so als wären sie Pflanzen, die im Sommer blühten und im Winter verschwänden. „Frisch hat mit seinen Worten den Fremdarbeitern nicht geholfen. Aber er hat Anderen einen Blickwinkel eröffnet“, stellte die Stadtschreiberin fest.
Man habe jetzt zwar keine Flüchtlinge gerufen, aber trotzdem kommen Menschen. Schweikert sprach über ihre Zweifel, die sie plagen, seit sie von der Auszeichnung mit dem Stadtschreiberpreis erfuhr. Könne sie diesen Preis überhaupt annehmen? Sei es nicht sinnvoll, das Haus an Flüchtlinge weiterzureichen? Oder mit ihnen gemeinsam dort zu leben? Oder zumindest ein Freitags-Essen zu veranstalten, das allen offen stehe, Flüchtlingen, Nachbarn, Interessierten.
Ruth Schweikert klärte anschließend Unstimmigkeiten über ihr Geburtsjahr auf und erzählte von den Hintergründen, die zu diesen unterschiedlichen Angaben führten. Ihre Mutter habe sie spät darüber aufgeklärt dass Ruth eigentlich als uneheliches Kind geboren wurde und die Eltern erst ein Jahr später heirateten – eine Tatsache, die der Mutter zu schaffen machte. Das Gespräch hat in Tübingen stattgefunden, nach einem Besuch im Hölderlin-Turm. Die Lyrik Friedrich Hölderlins beeindruckte die junge Ruth Schweikert: „Ich wollte unbedingt wahnsinnig werden – wenn solche Gedichte dabei gelingen“, gestand sie.
„Stellen Sie sich dieses Festzelt einen Moment lang als Flüchtlingszelt vor“, kam Schweikert auf ihren Ausgangspunkt zurück. Flüchtlinge wollen niemandem etwas wegnehmen, sie wollen nur ihr eigenes Leben gestalten. Sicher sei die Ankunft so vieler Menschen eine Herausforderung. „Diese Herausforderung müssen wir annehmen. Ein Flüchtlingshaus An der Obergasse 4 wird wohl eine Vorstellung bleiben. Aber die Freitags-Essen möchte ich einrichten“, schloss Ruth Schweikert und erhielt dafür langen und herzlichen Applaus.
JF







