
Heute Vormittag erhielt Navid Kermani in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der zum 66. Mal verliehen wurde. Seine klare, erschütternde Rede rüttelte auf und ließ die Menschen im ersten Augenblick fast sprachlos, auf alle Fälle sehr nachdenklich zurück.
Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann erinnerte in seinem Grußwort an die europäische „Wertegemeinschaft, die für den Schwächeren einsteht, gegenüber dem Fremden gastfreundlich ist, sich mit dem Verfolgten solidarisiert“. Diese Werte würden gerade einem Stresstest unterzogen.
„Lieber Herr Kermani“, wandte sich Feldmann an den Preisträger, „eines der Rechte ist das Recht auf freie Meinungsäußerung. Sie machen davon radikal Gebrauch. Wir bewundern und unterstützen das.“
Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Heinrich Riethmüller leitete sein Grußwort mit Hyperions Schicksalslied von Friedrich Hölderlin ein. Heute habe das Leid der Welt für jeden aufgeklärten und politisch denkenden Menschen eine andere Dimension bekommen.
„Für das Leid der Welt, und somit auch für das Leiden an der Welt, ist der Mensch selbst verantwortlich. Wir können uns nicht mehr damit herausreden, nichts zu wissen, wir können uns nicht auf das Schicksal berufen, sondern wir müssen uns unserer Verantwortung stellen.“
Riethmüller verurteilte das verabscheuungswürdige, fremdenfeindliche Attentat auf die Kölner Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker – eigentlich hatte sie zur Verleihung des Friedenspreises in die Paulskirche kommen wollen.
Der Vorsteher würdigte den Schriftsteller Navid Kermani, der als Reisender, Wissenschaftler und Mensch verschiedene Kulturen und zumindest zwei Weltreligionen aus eigenem Erleben intensiv kennengelernt und studiert habe. Kermani stelle mit seinen Reden, Essays, akademischen Büchern und mit seinen Romanen ein beeindruckendes Werk zur Verfügung, mit dem die Leser Kermanis Haltung nachvollziehen und die eigene Meinung prüften, Urteile und Vorurteile hinterfragen könnten. „Er beschreibt diese scheinbar fremden Welten und Ansichten, er erklärt uns, wie viel die großen Weltreligionen miteinander verbindet, und er schlägt Alternativen für ein friedliches Zusammenleben vor, auch in dem Wissen um die nicht lösbare Aufgabe“, sagte Riethmüller.
Mit Kermani werde ein Kosmopolit ausgezeichnet, der glaubwürdig und engagiert für Toleranz, Offenheit und Frieden werbe.
Die Laudatio auf den Preisträger hielt Norbert Miller. Er ging auf Kermanis Entwicklung ein: „Die beherrschende Figur hinter dem aufgespannten Gitter der prägenden Familienschicksale ist der Großvater. Als Bankdirektor in Isfahan auf den bürgerlichen Fortschritt vertrauend, als Familienoberhaupt in weit zurückreichenden Traditionen des Islam verwurzelt, prägt er die Erinnerung und das Denken seines Enkels.“
Anschließend ging Miller auf einzelne Reportagen und Bücher Navid Kermanis ein.
Zum Abschluss seiner Lobrede fügte er an: „Im September 2008 war der Berichterstatter Kermani auf der … Insel Lampedusa, um über die von Schleppern auf Booten eingepferchten Flüchtlinge zu berichten. Er trifft dort auf den französischen Kapitän eines Frontex-Schiffes, das eigentlich dafür da ist, die Flüchtlinge von Europa abzuhalten, dem es aber während eines Sturms gelungen war, 65 Somalier zu retten. Befragt, wie er seine Haltung mit seiner Aufgabe in Einklang bringen könne, bricht es aus dem Kapitän heraus: ‚Wenn ich ein Holzboot mit 65 Menschen auf dem offenen Meer sehe, dann ist mir Frontex scheißegal, dann denke ich nicht an Immigration, an Papiere, an Zollbehörden. Dann rette ich sie verdammt noch Mal.’ Menschenrecht ist auch Menschenpflicht.“
Miller sei stolz und glücklich, dass der Friedenspreis in einem Augenblick, da die Fluchtbewegung das Ausmaß einer Völkerwanderung annehme, an Navid Kermani verliehen werde und er ihm als Erster gratulieren dürfe.
Nach Übergabe der Auszeichnung hielt Navid Kermani seine beeindruckende, fast acht Seiten umfassende Rede unter dem Titel Über die Grenzen – Jacques Mourad und die Liebe in Syrien.
„An dem Tag, als mich die Nachricht vom Friedenspreis erreichte, am selben Tag wurde in Syrien Jaques Mourad entführt“, begann Kermani. Er habe Pater Jacques, der die katholische Gemeinde von Qaryatein betreute und gleichzeitig dem Orden von Mar Musa angehöre, im Herbst 2012 kennengelernt. Mar Musa „ist eine wohl einzigartige christliche Gemeinschaft, denn sie hat sich der Begegnung mit dem Islam und der Liebe zu den Muslimen verschrieben“, erklärte Kermani. Für ihn mutete der Ort utopisch an, an dem „Tag für Tag Duzende, Hunderte arabische Muslime anklopften, um ihren christlichen Geschwistern zu begegnen.“
„Als ich Pater Jacques 2012 besuchte, war der Gründer der Gemeinschaft, der italienische Jesuit Paolo Dall’Oglio, kurz zuvor des Landes verwiesen worden. Zu laut hatte Pater Paolo die Regierung Assad kritisiert, die den Ruf des syrischen Volkes nach Freiheit und Demokratie, der neun Monate lang friedlich geblieben war, mit Verhaftungen und Folter beantwortete, mit Knüppeln und Sturmgewehren und schließlich auch mit ungeheuren Massakern und sogar Giftgas, bis das Land schließlich im Bürgerkrieg versank“, erläuterte Kermani.
Pater Paolo habe vergeblich in Europa um Unterstützung für die syrische Demokratiebewegung geworben, vergeblich die Vereinten Nationen aufgefordert, eine Flugverbotszone einzurichten, vergeblich vor dem Krieg der Konfessionen gewarnt, vergeblich versucht, die Mauer der Apathie zur durchbrechen. Im Sommer 2013 sei Pater Paolo noch einmal heimlich nach Syrien zurückgekehrt, um sich für muslimische Freunde einzusetzen. Er sei selbst vom „Islamischen Staat“ entführt worden – seit 28. Juli 2013 fehle jede Spur von ihm.
Kermani sei von Pater Jacques, dem nun allein die Leitung der Gemeinschaft von Mar Musa oblag, stark beeindruckt gewesen. Der Pater konnte fast alle Christen der Gemeinde zum Bleiben bewegen, sagte: „Wir Christen gehören zu diesem Land, auch wenn das die Fundamentalisten weder bei uns noch in Europa gern hören. Die arabische Kultur ist unsere Kultur.“
Aufrufe westlicher Politiker, gezielt arabische Christen aufzunehmen, seien Pater Jacques bitter aufgestoßen. „Derselbe Westen, der sich nicht um die Millionen Syrer schere, die quer durch alle Konfessionen friedlich für Demokratie und Menschenrechte demonstrierten, derselbe Westen, der den Irak zugrunde gerichtet und Assad sein Giftgas geliefert habe, derselbe Westen, der mit Saudi-Arabien im Bunde stehe und damit dem Hauptsponsor des Dschihadismus – dieser gleiche Westen sorge sich nun um die arabischen Christen? Pater Jacques fuhr fort: ‚Diese Politiker befördern mit ihren unverantwortlichen Äußerungen genau jenen Konfessionalismus, der uns Christen bedroht’“, berichtete Kermani.
Pater Jacques habe vor seiner Entführung einer französischen Freundin geschrieben: „Die Bedrohung durch den IS, dieser Sekte von Terroristen, die ein fürchterliches Bild des Islams abgeben, ist in unserer Gegend angekommen … Einzusehen, dass wir verlassen sind, ist fürchterlich – verlassen zumal von der christlichen Welt, die beschlossen hat, auf Distanz zu gehen, um die Gefahr von sich fern zu halten. Wir bedeuten ihnen nichts.“
Er, Kermani, könne den Islam nicht auf diese Weise verteidigen, dürfe es nicht: „Wer als Muslim nicht mit dem Islam hadert, nicht an ihm zweifelt, nicht ihn kritisch hinterfragt, der liebt den Islam nicht“, stellte der Friedenspreisträger fest. „Alle maßgeblichen theologischen Autoritäten der islamischen Welt haben den Anspruch des IS verworfen, für den Islam zu sprechen, und im Detail herausgearbeitet, inwiefern dessen Praxis und Ideologie dem Koran und den Grundlehren der islamischen Theologie widerspricht. Und vergessen wir nicht, dass es an vorderster Front Muslime selbst sind, die gegen den IS kämpfen, Kurden, Schiiten, auch sunnitische Stämme und die Angehörigen der irakischen Armee“, erklärte Kermani. „Das muss man alles sagen, will man nicht dem Trugbild aufsitzen, das Islamisten und Islamkritiker wortgleich entwerfen: Dass d e r Islam einen Krieg gegen d e n Westen führt. Eher führt der Islam einen Krieg gegen sich selbst, will sagen: wird die Islamische Welt von einer inneren Auseinandersetzung erschüttert, deren Auswirkungen auf die politische und ethnische Kartographie an die Verwerfungen des Ersten Weltkriegs heranreichen dürften“, schätzte Kermani ein.
Der IS habe nicht erst heute begonnen und auch nicht erst mit den Bürgerkriegen im Irak und in Syrien. „Seine Methoden mögen auf Ablehnung stoßen, aber seine Ideologie ist der Wahhabismus, der heute bis in die hintersten Winkel der islamischen Welt wirkt und als Salafismus gerade auch für Jugendliche in Europa attraktiv geworden ist. Wenn man weiß, dass die Schulbücher und Lehrpläne im IS zu 95 Prozent identisch mit denen Saudi-Arabiens sind, dann weiß man auch, dass die Welt nicht nur im Irak und in Syrien strickt in verboten und erlaubt eingeteilt wird – und die Menschheit in gläubig und ungläubig. Gesponsert mit Milliardenbeträgen aus dem Öl, hat sich über Jahrzehnte in Moscheen, Büchern und im Fernsehen ein Denken ausgebreitet, das ausnahmslos alle Andersgläubigen zu Ketzern erklärt, beschimpft, terrorisiert, verächtlich macht und beleidigt. Wenn man andere Menschen systematisch, Tag für Tag, öffentlich herabsetzt, ist es nur folgerichtig – wie gut kennen wir das aus unserer eigenen, deutschen Geschichte -, dass man schließlich auch ihr Leben für unwert erklärt. Dass ein solcher religiöser Faschismus überhaupt denkmöglich wurde, dass der IS so viele Kämpfer und noch mehr Sympathisanten findet, dass er ganze Länder überrennen und Millionenstädte weitgehend kampflos einnehmen konnte, das ist nicht der Beginn, sondern der vorläufige Endpunkt eines langen Niedergangs auch und gerade des religiösen Denkens“, schlussfolgerte Kermani.
„Vielleicht ist das Problem des Islams weniger die Tradition als vielmehr der fast schon vollständige Bruch mit dieser Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, seine zivilisatorische Amnesie“, merkte der Preisträger später an.
Es gebe keine islamische Kultur mehr, jedenfalls keine von Rang: „Was uns jetzt um die Ohren und auf die Köpfe fliegt, sind die Trümmer einer gewaltigen Implosion.“
Der Schock, den die Nachrichten und Bilder des IS erzeugt hätten, sei gewaltig, er habe auch Gegenkräfte freigesetzt. „Endlich formiert sich auch innerhalb der islamischen Orthodoxie ein Widerstand gegen die Gewalt im Namen der Religion.“ In Asien, Südafrika, im Iran, in der Türkei und nicht zuletzt unter den Muslimen im Westen entwickle sich ein neues religiöses Denken. Das geeinte Europa sei noch immer ein erstrebenswertes Modell: „Wer vergessen hat, warum es Europa braucht, muss in die ausgemergelten, erschöpften, verängstigten Gesichter der Flüchtlinge blicke, die alles hinter sich gelassen, alles aufgegeben, ihr Leben riskiert haben für die Verheißung, die Europa immer noch ist“, unterstrich Kermani.
Aber: „Nur drei Flugstunden von Frankfurt entfernt werden ganze Volksgruppen ausgerottet oder vertrieben, Mädchen versklavt, viele der wichtigsten Kulturdenkmäler der Menschheit von Barbaren in die Luft gesprengt, gehen Kulturen und mit den Kulturen auch eine uralte ethnische, religiöse und sprachliche Vielfalt unter, die sich anders als in Europa noch bis ins 21. Jahrhundert einigermaßen bewahrt hatte – aber wir versammeln uns und stehen erst auf, wenn eine der Bomben dieses Krieges uns selbst trifft wie am 7. und 8. Januar in Paris, oder wenn die Menschen, die vor diesem Krieg fliehen, an unsere Tore klopfen“, kritisierte Kermani.
Und weiter: „Nichts ist uns eingefallen, um den Mord zu verhindern, den das syrische Regime seit vier Jahren am eigenen Volk verübt. Und ebenso haben wir uns abgefunden mit der Existenz eines neuen, religiösen Faschismus, dessen Staatsgebiet etwa so groß ist wie Großbritannien und von den Grenzen des Irans bis fast ans Mittelmeer reicht. Nicht, dass es einfache Antworten darauf gäbe … aber wir stellen uns nicht einmal ernsthaft die Frage. Eine Organisation wie der IS mit hochgerechnet 30.000 Kämpfern ist für die Weltgemeinschaft nicht unbesiegbar – sie darf es nicht sein.“
Kermani warnte: „Der IS wird den Horror so lange steigern, bis wir in unserem europäischen Alltag sehen, hören und fühlen, dass dieser Horror nicht von selbst aufhören wird … Und je länger wir warten, desto weniger Möglichkeiten bleiben uns. Anders gesagt, ist es schon viel zu spät.
Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen? Ich rufe nicht zum Krieg auf. Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt – und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlich. Denn dieser Krieg kann nicht mehr allein in Syrien und im Irak beendet werden. Er kann nur von den Mächten beendet werden, die hinter den befeindeten Armeen und Milizen stehen, Iran, die Türkei, die Golfstaaten, Russland und der Westen. Und erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen.“
Navid Kermani informierte zum Schluss seiner Rede darüber, dass Pater Jacques Mourad vor einigen Tagen von Bewohnern des Städtchens Qaryatein, Muslimen, befreit wurde und nach Mar Musa zurückgekehrt sei. Das gebe Hoffnung.
„Ein Friedenspreisträger soll nicht zum Krieg aufrufen. Doch darf er zum Gebet aufrufen“, sagte der Ausgezeichnete. Alle in der Paulskirche versammelten Menschen kamen seinem Aufruf nach und schickten ihre Gebete und ihre guten Wünsche für die Freiheit der Geiseln nach Syrien und in den Irak.
JF







