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Gerhard Roth erhält Jean Paul Preis

Gerhard Roth, Monika Schoeller

Der Bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle verlieh gestern Abend im Max-Joseph-Saal der Residenz München den mit 15.000 Euro dotierten Jean Paul Preis an den 1942 in Graz geborenen Erzähler Gerhard Roth.

Roth veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke und Drehbücher. Seine großen Romanzyklen Die Archive des Schweigens (1980-1991) und Orkus (1995-2011) umfassen allein insgesamt 15 Einzelwerke. Nach ersten Veröffentlichungen bei Suhrkamp erscheint seine Prosa seit 1978 bei S. Fischer. Die enge Verbundenheit des Autors zum Verlag kam gestern deutlich zum Ausdruck. Monika Schoeller, seit 1974 Verlagsleiterin der S. Fischer Verlage, freute sich sehr über die besondere Bayerische Anerkennung ihres Autors.

In der Bewertung der Jury heißt es: „Roths große Romanzyklen sind Entdeckungsfahrten in das Unbewusste. Sie thematisieren die Gewalt der menschlichen Verhältnisse, die verdrängte Geschichte vom letzten Jahrhundert bis in die Gegenwart und geben den Opfern eine Stimme. Seine Arbeiten erzeugen in ihrer klaren Sprache und den kriminalistischen Erzählstrukturen die Lust, die Wirklichkeit und das oft unverständliche Verhalten der Menschen in ihr zu deuten.“

In der Laudatio sagte Jörg Magenau über den 2014 erschienenen Roman Grundriss eines Rätsels: „Die Welt ist Schrift, ist Sprache, ist Zeichen, ist Geheimnis. Sie will entziffert werden. Diese Sichtweise hat mich sofort fasziniert, spätestens an der Stelle, an der die Spuren der Krähen im Schnee wie Schriftzeichen erscheinen und Vögel auf den Ästen sitzen wie Noten auf Notenlinien. Die Natur ist lesbar, wenn man sie zu lesen vermag, und vernehmbar wie Musik. Sie ist ein ästhetisches Phänomen. Die Frage ist nur: Wer schreibt? Und wie entsteht der Text? Das fragt man sich in diesem Buch völlig zurecht, weil der Protagonist, ein Schriftsteller-Alter Ego mit dem sprechenden Namen Artner – in dem nicht zufällig „Art“, Kunst, steckt – weil dieser Schriftsteller nach etwa 70 Seiten bei einer Gasexplosion in seiner Wiener Wohnung zusammen mit all seinen Manuskripten förmlich pulverisiert wird.“

Aber Gerhard Roth selbst hat sich alles andere als pulverisiert. „Auch mein Hausarzt ist da“, sagte Roth seine Dankesrede einleitend, die er dem viel zu früh verstorbenen Redakteur des Bayerischen Rundfunks Peter Laemmle widmete: „Zuerst lernte ich über Jean Paul das Universum kennen. Ich war 17 Jahre alt und lag nach einer Nierenverletzung, die ich mir beim Fußballspiel zugezogen hatte, krank im Bett – befreit vom Alltag und dem Gymnasium und geschwächt von der salzlosen und eiweißfreien Diät – als ich im Kofferradio zufällig die Lesung eines mir unbekannten Textes hörte.“ Darauf folgte eine besondere Annäherung an die Schriften Jean Pauls.

Der Jean-Paul-Preis des Freistaats Bayern wird alle zwei Jahre vergeben und würdigt das literarische Gesamtwerk eines deutschsprachigen Schriftstellers. Unter den bisherigen Preisträgern waren Friedrich Dürrenmatt, Botho Strauß, Horst Bienek, Herrmann Lenz, Günter de Bruyn, Herbert Rosendorfer, Gerhard Polt, Uwe Dick, Brigitte Kronauer.
nb

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