
Heute wird der Autor Hans Pleschinski 60 Jahre alt. (
Unserem gemeinsamen Freund gratuliert seine Autorenkollegin Dr. Eva Gesine Baur (bekannt auch unter ihrem Pseudonym Lea Singer), die gerade auch bei C.H.Beck mit dem Mozart-ABC „das kürzeste Mozartbuch“ (wie sie selber sagt) veröffentlicht hat:
Dass wir uns auf einem Fest zum ersten Mal begegnet sind, einem dieser studentisch leichten Feste, die Dagmar Ploetz und Uwe Timm noch als Hundertjährige geben werden, war ein Zufall. Hans Pleschinski und ich trafen uns auf dem Küchenbalkon, wo er rauchte und ich kurz Sterne brauchte. Hans trug ein Hemd mit Rosen und rauchte so nonchalant, dass Dean Martin neidisch geworden wäre.
Feste, wenn sie gut sind, führen zu einem Gesprächsziel, das man gar nicht hat. Nach wenigen Minuten waren wir bei Johann Adolph Hasse gelandet. (Damit Sie weiterlesen können: Komponist, vor allem in Dresden, Mozart-Förderer, geboren 1699 in Bergedorf, nahe Hamburg, gestorben 1783 in Venedig). Hans wusste viel mehr über Hasse, als ich. „Il divino Sassone“ sagte er, Der göttliche Sachse, und er sagte es mit Emphase. Emphase trauen sich Intellektuelle heute fast nie.
Dass wir uns zufällig trafen, war ein Glück, denn wer Hans Pleschinski kennen lernen möchte, sollte das dem Zufall überlassen. Das linear Strukturierte scheint in der Choreographie seines Daseins nicht vorzukommen. Kleist hat Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden geschrieben. Hans ist der stille Meister im Verfertigen der Gedanken beim Gehen, beim nicht zielgerichteten Gehen. In seiner Mikroheimat, dem Münchner Glockenbach-und Gärtnerplatzviertel, kann man ihn täglich erleben, wie er flaniert, schlendert, bummelt, streunt, trödelt, spaziert. Für die sportliche Ertüchtigung hat er das wöchentliche Volleyballspiel. Selbst wenn wir uns auf dem Rad irgendwo treffen, zufällig, hat er seine Arabesken eingebaut, holt sich bei Zechbauer, dem Traditionshaus für Tabakwaren seit 1830, Nachschub und nimmt sich die Zeit, mir mit Kindergeburtstagsgesicht das orangefarbene Futter seiner maßgeschneiderten taubengrauen Lederjacke zu zeigen.
Es ergibt Sinn, die Bücher von Hans Pleschinski irgendwo aufzuschlagen und dem Zufall zu überlassen, welcher Satz einen zur Lektüre verführt. Verbot der Nüchternheit ist sein Kleines Brevier für ein besseres Leben überschrieben, ein Strauß aus heimatlichem Lüneburger Heidekraut, Porzellanrosen des Dix-huitième, Schilf vom Nachmittag eines Fauns und Münchner Stadtsumpfblumen. Ich las als Erstes: „Nichts jedoch übertrumpft an Wirkung Omas damalige Aufforderung: ‚Heute besichtigen wir das Schloss.‘ Seit jenem Sommertag um 1965 wurde das Schloss für mich zum Schlüssel für Kultur, Lebensart und erstrebenswerte Zivilisation.“ Damals war es das Schloss von Celle und Hans war neun. Mit neunzehn reiste er, zum angemessenen Proviantverzehr das silberne Taufbesteck im Rucksack, nach Versailles und gönnte es sich, „über so viel Schönheit fast verrückt zu werden“.
Doch er wusste längst, seit er mit seinem Cousin Wilhelm über die Dächer der niedrigen Wittingener Fachwerkhäuser balancierte, um Königin Marie Antoinette zu retten, dass Luftschlösser die einzigen sind, die Bestand haben. Das Festliche, was ihn an Schlössern bannt, ist seinem Grundwesen ephemer. Ein frühes Meisterwerk des Dreißigjährigen feiert einen historischen Größenwahnsinnigen, bekannt als Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, der sich im späten 17. Jahrhundert ein Schloss Versailles aus Holz errichten ließ.
Hans, der Sohn eines Schmieds, hatte von diesem Vater gelernt, wie Feste gehen. Der ließ im Klub Germania vom Tischler Ausklapptafeln zimmern und von allen verfügbaren Kindern alle verfügbaren Sitzgelegenheiten herbei schleppen. „Wir schleppten gern, denn das Räumen verhieß: Fest.“ Ohne Champagner und Festtagsbraten. Es gab Zungenragout, Wein von Mosel,-Saar-Ruver, Vanille- und Mokkapudding.
Auf jedem Fest ist Hans der ideale Gast für den Gastgeber, weil er als praktizierender Lebenskünstler den Kern der art de vivre kennt, jenes Trotzdem. Den Augenblick feiern trotz mangelnder Küchenroutine und Stühle, trotz Gefährdung, trotz beschränkter finanzieller Mittel, trotz familiärer Verwerfungen, trotz Krisen, sogar trotz eines Todesfalls, der ans Innerste greift. Bildnis eines Unsichtbaren bescherte ihm den Durchbruch, ein als Roman komponierter Abgesang auf seinen Lebensmenschen, den Galeristen Volker Kinnius, dessen langsames Sterben an Aids Hans Pleschinski bis zu Schluss begleitet hatte. Ich weiß genau, welche Stelle mich ansprang, als ich den Roman in der Buchhandlung irgendwo aufschlug: Durch Aids wirkte Paris entvölkert, entzaubert. Lange hatten sie an der Seine geglaubt, dem Virus mit Rotwein und Knoblauch Paroli bieten zu können. Am Ende war Serge auf 43 Beerdigungen gewesen. Auch Hans in München.
Bis heute setzt sich Hans Gefährdungen aus, fuhr ins homophobe Russland und las aus diesem ins Russische übersetzen, dort index-verdächtigen Roman. Wer ihn kennt weiß, dass er ein Lobgesang auf das Leben ist. Kein lauter, eher einer der Zwischentöne, ob Orange und Taubenblau, wie die Lederjacke, oder Mauve wie eine kleine Gallé-Vase zu Hause.
Das Direkte, das Explizite widerspricht dem Gebot der Diskretion, die wie der Einsatz des Apercus und die Verwendung des Semikolons zu seinen zeitlosen altmodischen Eigenschaften gehört. Hans kann die Klappe halten, wenn es um Intimitäten und Vertraulichkeiten geht. In seinem Bestseller Königsallee über eine vergessene Liebe von Thomas Mann kommt er auch niemals zur Sache. Erotik ist nicht eindeutig. Was in der Königsallee Wirklichkeit und was Fiktion ist? Hans Pleschinski lässt beides changieren, als wäre das Buch aus dem Seidentaft gefertigt, den Madame de Pompadour trug, und die kennt der Romanist und Germanist, Übersetzer, Herausgeber, und Chevalier des Arts et des Lettres besser als Louis XV.
Als Hans bei uns an Weihnachten ein Kapitel aus dem unveröffentlichten Manuskript vorlas, erfuhren wir, dass auch hier der Zufall Regie geführt hatte. Nachdem er auf die Geschichte mit dem jungen Klaus Heuser gestoßen war und mehr wissen wollte, aus erster Hand, von Verwandten, aus Briefen, suchte er einfach die Telefonnummern der Heusers im Großraum Düsseldorf heraus. Die erste Nummer war bereits die richtige.
Dass Hans jetzt schon 60 wird, muss auch ein Zufall sein. Aber Vorwand für ein Fest. Oder für die Lektüre jenes von Hans entdeckten und kommentierten Erinnerungsbuchs einer jüdischen Salonière, das aus der Zufallsbegegnung mit Heusers Familie entstand: „Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht“.
Am Abend feierte der Verlag C.H.Beck diesen Geburtstag: Die rauschende Party in der Schwabinger Seidlvilla ging bis weit nach Mitternacht. Illustre Gäste aus Verlag, Medien und Autoren, wie Eva Gesine Baur, Dennis Scheck oder Tilman Spengler gaben dem Autor der „Königsallee“ die Ehre. Nach Begrüßungsreden des Verlegers Jonathan Beck und des Kulturreferenten Hans-Georg Küppers lauschten die Gäste den Musikarrangements von Alexander Krampe und seinem Ensemble der Kammeroper München.
Falls Sie auch gratulieren möchten: post@pleschinski.de
Möchten auch Sie jemandem aus Ihrer Buchhandlung/Ihrem Verlag zum „Runden Geburtstag“ gratulieren? Dann mailen Sie uns einen kleinen Text und ein Foto des Jubilars/der Jubilarin: redaktion@buchmarkt.de, Stichwort: Runde Geburtstage}







