Mechtild Borrmann ist eine wahre Allrounderin. Sie hat Ausbildungen als Erzieherin, Theaterpädagogin und Groß-und Außenhändlerin. Zuletzt hat sie sieben Jahre lang als Inhaberin ein Restaurant in der Altstadt von Bielefeld geführt. Wesentlich ist aber, dass Sie seit 2012 als freie Schriftstellerin in Bielefeld lebt. Mit Wer das Schweigen bricht schrieb sie einen Bestseller, der 2012 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet wurde. Für den Geiger bekam sie 2014 als erste deutsche Autorin den renommierten französischen Publikumspreis Grand Prix des Lectrices . 2015 wurde sie mit Die andere Hälfte der Hoffnung für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. In ihrem neuesten Roman Trümmerkind (Droemer) beschreibt sie das Leben eines Findelkinds im vom Krieg zerstörten Hamburg von 1946/1947. Das Buch wurde in Kritiken als „Crossover“ bezeichnet. Dies war Anlass für Fragen an die Autorin in der Reihe unserer wöchentlichen Autorengespräche.
BuchMarkt: Frau Borrmann, worum geht es in Trümmerkind?

Mechtild Borrmann: Ausgangspunkt für das Buch waren die sogenannten Trümmermorde in Hamburg. Im Januar und Februar 1947 wurden an verschiedenen Plätzen in der Stadt insgesamt vier Tote gefunden. Die Opfer konnten nicht identifiziert werden, die Tat wurde nie aufgeklärt. Um diese historisch verbürgten Fakten habe ich eine Geschichte geschrieben, die den Opfern eine fiktive Identität gibt.
Es geht um zwei Familien unmittelbar nach dem Krieg. Da ist zum einen Agnes Dietz in Hamburg, die sich mit ihrem Sohn Hanno und der Tochter Wiebke alleine durchschlagen muss, und trotz ihrer Armut ein weiteres Kind bei sich aufnimmt. Und da ist die Familie Anquist – Gutshofbesitzer in der Uckermark – die kurz nach Kriegsende enteignet werden und die russische Besatzungszone verlassen muss.
Ein dritter Erzählstrang spielt in den Jahren 1992/1993. Nach dem Mauerfall interessiert sich Anna, deren Mutter eine geborene Anquist ist, für das Gut in der Uckermark und entdeckt Ungeheuerliches.
Wie haben Sie sich mit dem damaligen Geschehen vertraut gemacht?
Was die Mordfälle betrifft, so habe ich mich an die Aufzeichnungen in den Polizeiakten gehalten (Personenbeschreibungen, Auffindesituationen, Obduktionsergebnisse) und nichts dazu erfunden. Um das Leben in der damaligen Zeit – sowohl in der Uckermark als auch in Hamburg – möglichst authentisch zu schildern, habe ich mit vielen Zeitzeugen gesprochen und natürlich viel gelesen. Aus diesem Material sind dann die Figuren des Romans entstanden.
Und was ist so besonders fesselnd, wieso kann der Buchhändler das gut verkaufen?
In einer Kritik habe ich gelesen, dass der Roman sich nicht eindeutig zuordnen lässt und man wohl von einem „Crossover“ sprechen muss. Das hat mir gut gefallen und trifft es ziemlich genau!
Sie sind also gar nicht darauf erpicht, unbedingt einen Kriminalroman zu schreiben?
Wenn ich mich für einen Stoff entschieden habe, dann denke ich nicht darüber nach, ob ich jetzt einen Kriminalroman, eine Familiengeschichte oder einen Historischen Roman schreibe. Mein Ziel ist es, eine spannende Geschichte zu erzählen, die den Leser von Anfang bis Ende interessiert und unterhält.
Also ein Buch für Jedermann?

Trümmerkind ist ein Buch für Krimi-Fans, Freunde des historischen Romans und Leser die gerne Familiengeschichten lesen gleichermaßen empfehlenswert. Außerdem beruht es auf einem wahren Ereignis und man erfährt viel über die Lebensbedingungen in der Besatzungszeit.
Das Buch kommt gut an, haben Sie mit solch einer positiven Resonanz gerechnet?
Dass das Buch so viele Buchhändler findet die Trümmerkind gerne weiter empfehlen, und dadurch so viele begeisterte Leser, damit habe ich nicht gerechnet und dafür bin ich aufrichtig dankbar. Wenn man ein Buch abgeschlossen hat gibt es diese Zeit des Hoffens und Bangens. Was wird wohl werden aus dieser Arbeit, an der man fast zwei Jahre gesessen hat? Als sich schon nach wenigen Tagen nach Erscheinen zeigte, dass es sehr gut angenommen wurde, konnte ich mein Glück kaum fassen. An den Erfolg eines Buches sind viele beteiligt, es ist nie nur der Autor. Da sind all die Mitarbeiter im Verlag. Vom Lektorat, über die Coverentwürfe bis hin zur Pressearbeit. Aber die entscheidenden Schnittstellen zwischen Buch und Leser sind die Verlagsvertreter und die Buchhändler vor Ort.
Und persönlich? Was lesen Sie da?
Tagsüber lese ich wieder viele Recherchematerial zu einem neuen Buch, aber auf meinem Nachttisch liegt von Adriaan von Dis Das verborgene Leben meiner Mutter (Droemer). Die nicht ganz einfache Lebensgeschichte einer nicht ganz einfachen Frau.
Die Fragen stellte Franziska Altepost
In der vergangenen Woche sprachen wir mit Fatma Aydemir über ihren neuen Roman Ellbogen.







