Home > News > „Grundsätzlich ist eine Messeteilnahme für uns Pflicht – nur die Tiefenentspannung fehlt“

„Grundsätzlich ist eine Messeteilnahme für uns Pflicht – nur die Tiefenentspannung fehlt“

Die Buchbranche vor der Buchmesse: Das Selbstvertrauen und die gewohnte Leichtigkeit sind  angesichts des Kostentsunamis bei den Verlagsauslieferungen, dem spürbaren Mangel an Selbstvertrauen bei den Verlagen, dem Nachschub- und Preisdruck bei allen Sparten noch nicht wieder da.. Was ist jetzt zu tun und in welcher Stimmung geht der Geschäftsführer einer Verlagsauslieferung auf die Messe? Das war Anlass für unser heutiges Sonntagsgespräch mit BroCom – Geschäftsführer Matthias Heinrich.

Matthias Heinrich vorsorglich schon mit Energie-Sparschal: „Wir sind uns bewusst, dass auch die Verlage an vielen Stellen höhere Kosten verkraften müssen. Letztlich sitzen wir aber alle in einem Boot, das nicht in Schieflage geraten darf“

Jahr drei mit Corona. Geht man jetzt als Unternehmer wieder sorgenfrei auf die Buchmesse nach Frankfurt?

Matthias Heinrich: Völlig tiefenentspannt geht man seit Corona auf Veranstaltungen wie die Buchmesse sicher nicht mehr, mit diesen Dimensionen und den globalen Besuchermassen in zwar geräumigen aber geschlossenen Räumen. Ich bin geimpft, mehrfach ‚geboostert‘ und werde für mich alle individuellen Vorsichtmaßnahmen und die Vorgaben der Messe einhalten. Da fühle ich mich schon sicher. Selbst wenn es aber für Dritte komisch wirkt, eine Maske werde ich zusätzlich auf dem Gelände und auch an unserem Stand selbst ohne Pflicht immer tragen. Grundsätzlich bestreiten wir von Brockhaus/Commission die Messe aber mit einem Rumpfteam, um eine mögliche Ansteckungsgefahr auf ein Mindestmaß zu reduzieren und im Saisongeschäft keine Ausfälle zu provozieren.

Was musste in letzter Zeit und muss aktuell alles weggesteckt werden? Die Pandemie, hohe Preise an allen Beschaffungsmärkten, die Lieferkettenproblematik, Ukraine-Krieg! Jetzt kurz vor der Messe kommen noch die explodierenden Energiepreise hinzu, wo führt das alles hin? Sparen Sie deshalb beim Messeauftritt?

Grundsätzlich ist eine Teilnahme auf der Messe für uns Pflicht. Wir haben uns vor einem Jahr gegen einen eigenen Stand und für eine Workstation entschieden, die wir dieses Jahr unter Corporate Design- und Corporate Identity-Gesichtspunkten etwas veredeln. Das ist natürlich deutlich billiger als ein eigener Stand. Letztes Jahr war die Workstation alternativlos, weil die erste Messe Light nach Corona überhaupt nicht wirklich planbar war. Viele Ziele konnten wir auch mit der Teilnahme an der Workstation erreichen. Seit die Messe ab Freitag für Endverbraucher öffnet, ist die Teilnahme über die volle Zeit an einem eigenen Stand auf der Messe für ein Dienstleistungsunternehmen mit reinen B2B-Kontaktinteressen spürbar unattraktiver geworden. Die Workstation ist deshalb ein guter Kompromiss, Nutzen und Kosten stehen in einer gesunden Relation. Und für die Zukunft: Schaun mer mal!

Aber die Kosten laufen der Branche weiter davon. Werden das Thema Kosten oder Preisgestaltung ein Thema auf der Messe?

Die Preisentwicklungen an den Beschaffungsmärkten haben uns veranlasst, die Preise bei unseren Kunden in den letzten Monaten oder aktuell moderat anzuheben. Überwiegend stieß dies auf Verständnis, wenigen Kunden stieß es auf. Grundsätzlich werden steigende Kosten mit Sicherheit überall ein Thema auf der Messe sein, in allen Sparten. Was den Zwischenbuchhandel angeht: Betrachtet man die Relevanz der Logistik- und Distributionsleistung für Verlage im Rahmen der gesamten Wertschöpfungskette, entsteht unser Anspruch auf auskömmliche Einnahmen sicher nicht aus einer ungerechtfertigten Position heraus. Wir sorgen bei ständig steigenden Anforderungen für eine der wichtigsten Funktionen in der Lieferkette. Das muss auch honoriert werden. Wir sind uns bewusst, dass auch die Verlage an vielen Stellen höhere Kosten verkraften müssen. Letztlich sitzen wir aber alle in einem Boot, das nicht in Schieflage geraten darf.

Der Börsenverein hat sich dazu für die Branche auch mit einem Hilferuf an die Politik gewandt …

… gut, dass unser Verband seine Lobbyarbeit stets an den aktuellen Rahmenbedingungen neu verortet. Dabei müssen die Interessen aller Sparten berücksichtigt werden. In unserer Branche ist die Verzahnung in der Lieferkette sehr stark ausgeprägt, es gibt also nicht die Verlage, den Handel oder den Großhandel.

Gibt es Kostenfaktoren, die sich im Zwischenbuchhandel besonders bemerkbar machen?

Ja: Das sind einmal die immens gestiegenen Verpackungskosten, die jede Sendung für sich isoliert unrentabler machen. Viel härter trifft alle Zwischenbuchhändler mit ihren großen Lager- und Produktions-/Distributionsstätten aber der explosive Anstieg der Energiekosten, die sich zum Teil bei den variablen Abnahmemengen vervielfachen könnten.

Helfen Sie mir, das nachzurechnen?

Ganz vereinfacht ausgedrückt: Wenn die Energiekosten 2% vom Umsatz ausmachen, dann sind es selbst bei günstigstem kombiniertem Strom- und Gaseinkauf bei einer Verfünffachung zukünftig ab 01.01.2023 voraussichtlich wenigstens 10%. Die Erlöse müssten dann massiv überproportional steigen, damit es betriebswirtschaftlich bei den Margen in unserer Branche nicht am Ende zunehmend schwieriger wird. Ärgerlich ist, dass es sich bei den aufgerufenen Strompreisen zwar um Markt-, aber durch einen Preismechanismus regulierte Preise handelt. Ich atme also manchmal Luft, die mir von dritter Seite künstlich verdünnt wird. Hier ist die Politik gefragt, auch unsere Branche nicht zu übersehen und den energie-intensiven Unternehmen in irgendeiner Weise Unterstützung zu bieten.

Kann man hier ad-hoc Lösungen zur Erlössteigerung finden? 

Das ist für uns kurzfristig sehr schwer. Da wir vom Warenumschlag unserer Verlage abhängen, können wir die Erlösentwicklung nur mittelbar bei deren Marktdurchdringung durch ein perfektes Placement unterstützen. Den Erfolg am Markt machen deren Programme und Inhalte aus. Und natürlich sollten wir neue Verlage für die Auslieferung gewinnen, was bei uns auch gut funktioniert. Aber das ist auch kein kurzfristiger Prozess.

Wenn man das so klar sieht: Wie reagiert man in Ihrer Position? Mit sofortigen Sparmaßnahmen?

Bereits im März mit Beginn des Ukraine-Kriegs und der Gasversorgungskrise haben wir bei Brockhaus/Commission eine Task-Force ‚Energiesparkonzepte‘ ins Leben gerufen, die über unser Nachhaltigkeitskonzept hinaus kurzfristig Sparmaßnahmen entwickeln soll und es auch tut. Aber wir sind in unseren Möglichkeiten limitiert, wie auch der klassische Verbraucher. Auch wir werden die Heiztemperatur vertretbar senken, Bewegungsmelder optimieren, Technik wenn immer möglich im Ruhemodus fahren.

Hat das nicht Auswirkungen auf den funktionierenden Betriebsablauf?

Das darf es natürlich nicht. Die Ware muss zwingend auch im Winter trocken gelagert werden und die Technik störungsfrei funktionieren. Dazu braucht es eben einen hohen Grundversatz an eingesetzten energetischen Ressourcen. Wir müssen während aller Krisen den Markt im Sinne unserer Kunden bedienen, dazu benötigen wir ein Mindestmaß an Ressourcen. Sparen ja, tot sparen nein. Denn wir wollen weiterhin die Bedürfnisse aller Kunden bestens befriedigen.

Kann man als Unternehmen mehr versorgungsseitige Autarkie anstreben?

Klar, das versuchen wir. Im Zuge unserer Nachhaltigkeitsinitiative haben wir gemeinsam mit einem Anbieter eine Photovoltaikanlage auf dem Dach projektiert und konzipiert, mit der wir unseren gesamten Stromverbrauch abdecken und zusätzlich Strom ins Netz einspeisen werden. Das Projekt ist in der Umsetzungsphase, die Finanzierung gesichert, der Starttermin ist aber erst für das nächste Jahr klar fixiert. Damit versorgen wir uns selbst mit Strom, wahrscheinlich sogar mit Überhang. Nun warten wir auf die Installation und die Verfügbarkeit des benötigten Materials. Wir hätten die Anlage lieber heute als morgen, wenn gleich die Investitionshöhe zunächst vor der Amortisation recht hoch ist. Günstigeres Gas haben wir damit aber auch noch nicht.

Der Börsenverein hat die Politik um Hilfe gebeten, reicht das aus Ihrer Sicht? Wo könnte die Lobbyarbeit verstärkt werden?

Für uns ist es ganz wichtig, dass auch die Politik erkennt, dass der Zwischenbuchhandel unverzichtbarer Teil der Branche ist, ein wertschöpfungsrelevanter Transmissionsriemen, damit die Ware der Verlage in den Buchhandel kommt. Die Verlage und der Handel sind das Gesicht der Branche, aber jedes Frontend, sei es kulturell und/oder wirtschaftlich relevant, braucht ein funktionierendes Backend. Nicht nur die Energieintensität unserer Sparte macht und trifft uns gerade sehr empfindlich. Alle Verbände müssen darauf drängen, dass es zu Lösungen für Entlastungen bei den Energiepreisen kommt, auch der Börsenverein. An dieser Stelle möchte ich mich bei den beiden Stephans, Schierke und Könemann, bedanken, die die Interessen des Zwischenbuchhandels im Verband hervorragend vertreten. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, als Zwischenbuchhändler außerhalb der Branche Gehör zu finden.

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz       

 

Anzeige

 

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige