Seit Nikolaustag fragen wir wieder bis zum 6. Januar 2023 (Heilige Drei Könige) in der Buchbranche herum: „Wie war Ihr Jahr?“. Heute beantwortet Monika Osberghaus (Verlegerin Klett Kinderbuch) unseren „anderen Fragebogen“:

Welcher Tag war Ihr schönster diesem Jahr?
Das war ein Junitag kurz vor Pfingsten. Wir hatten gerade mit unserer Aktionswoche rund um Alea Horsts Buch „Manchmal male ich ein Haus für uns“ angefangen, die ersten Schulklassen waren da. Und sie fragten Alea Löcher in den Bauch. Sie waren so aufnahmebereit und so intensiv interessiert, so positiv aufgeregt über das, was sie hier hörten und sahen. Sie fingen sichtlich Feuer für das Thema (Kinderalltag im Flüchtlingslager). Da wusste ich: Es war genau gut, dieses Buch zu machen.
Worüber haben Sie sich 2022 am meisten geärgert?
Über den klebrigen Einheits-Zuckerguss, der über viele neuere Kinderliteratur gekippt wird, vor allem, wenn es um Diversity-Themen geht – und über die damit einhergehende pädagogische Besserwisserei, von der die Kinderbücher aber gar nicht besser werden, nur langweiliger und weniger wahrhaftig.
Was war 2022 Ihr schönster Erfolg?
Wir konnten uns trauen, mit dem Verlag in schönere, größere Räume umzuziehen
Und Ihr traurigster Misserfolg war?
Das wundersame, vor Ambivalenz und Schönheit schillernde Buch „Kleine weite Welt“ von der begnadeten Tanja Székessy wird vom Buchhandel nicht geliebt und kommt zurück, dabei ist es so ein Schätzchen!
Ihre schönste Buchhandlung/Ihr liebster Verlag in diesem Jahr?
Die Buchhandlung am Freiheitsplatz in Hanau: herzliche Stimmung, tolle Kolleg:innen, toller Chef und ein gerade richtig mittelkleines Sortiment, das ich sofort tütenweise rausschleppen könnte, so sehr passt es zu meiner aktuellen Neugier.
Ob es mein liebster Verlag ist, weiß ich gar nicht, aber ich bewundere ihn: Guggolz.
Von welchem Thema wollen Sie (warum) im kommenden Jahr nichts mehr lesen?
Von der Angst vor zwei oder drei rechten Verlagen auf der Frankfurter Buchmesse und der Forderung, diese Verlage deshalb von der Messe auszuschließen. Wenn so etwas groß ausgespielt wird, hilft das vor allem diesen rechten Verlagen und pumpt das Thema zu unwürdiger Größe auf.
Und über welches Thema wollen Sie mehr lesen?
Natürlich über mein Thema: Kinderliteratur! Am liebsten schön kritisch und mit Überblicksartikeln und leidenschaftlichen Debattenbeiträgen in allen Feuilletons, so wie es sich gehören würde, also nicht nur affirmativer Empfehlungsservice ohne Schärfe und Glanz.
Welchen Fehler aus diesem Jahr möchten Sie im kommenden Jahr vermeiden?
Ich bin manchmal sehr schnell begeistert und wecke damit zu viele Hoffnungen. Da muss ich kühler und zurückhaltender werden.
Und welchen Fehler werden Sie trotzdem wiederholen?
Das hab ich nicht vor. Es gibt ja sicher neue Fehler, die schon Schlange stehen, denn die Löcher des Wissens wandern.
Welches Buch hat Ihnen in diesem Jahr besonders viel Freude gemacht?
„Die große Marie Marcks“, der herrliche Schuber zum 100. Geburtstag aus dem Antje Kunstmann Verlag. Das habe ich direkt zweimal hintereinander mit heißer Anteilnahme gelesen und wie einen starken Film durch und durch miterlebt.
Welches wird Ihr wichtigstes Buch im neuen Jahr?
Es werden mindestens zwei sehr wichtige Bücher. Eines erzählt vom Helfen und das andere vom Sterben. Und beide auch vom jeweils anderen.
Von wem würden Sie gern auch mal die Antworten auf diesen Fragebogen lesen?
Von einer langjährigen Mitarbeiterin im Wirtschaftsministerium, denn nach all den vorigen Jahren muss 2022 für sie echt spannend gewesen sein.
Welche Frage, die wir nicht gestellt haben, hätten Sie eigentlich gern beantwortet?
Was fehlt Ihnen bei Ihrer inhaltlichen Arbeit?
Hier können Sie die auch beantworten:
Uns fehlt im kinderliterarischen Bereich eine institutionell organisierte Nachwuchs-Ausbildung der Autorinnen und Autoren, wie es die Literaturinstitute in Leipzig, Hildesheim und Biel für die Erwachsenenliteratur anbieten. Wenn ich wie Zeitfracht viel Geld für die Leseförderung übrig hätte, würde ich das dahinein investieren.
Gestern antworte Clemens Birk morgen fragen wir Joachim Kaufmann