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Thomas Montasser: „Tomorrow never dies“

An dieser Stelle schreibt Literaturagent und Autor Thomas Montasser regelmäßig über Absonderlichkeiten des Literaturbetriebs – heute geht es um Literatur. Denn die wird immer gebraucht!

Am 30. Dezember des vergangenen Jahres erreichte mich eine Mail, dass Hey! Publishing seinen Betrieb einstelle. Ein kleiner Verlag, hinter dem ein großer Verlegername steckte: Johannes Heyne. Hey! wollte ein bisschen anders sein, ein bisschen unkonventioneller und hauptsächlich digital orientiert, ein Start-up also, vielleicht auch ein Spielzeug für einen bücherverliebten, neugierigen Schöngeist.

Womit wir bei Edel wären. Der Verlag kündigte im letzten Jahr ebenfalls an, sich teilweise selbst abzuschaffen, das eBook-Label stelle man zum Jahresende ein, die Literatur, das Sachbuch ebenfalls. Kochbuch, Kinderbuch und Sportbuch würden weitergeführt. Auch hinter Edel steckt eine interessante Verlegerpersönlichkeit, der ziemlich legendäre Musikkaufmann Michael Haentjes, der vor Jahren verkündete, dass er als bücherverliebter, neugieriger Schöngeist ein Spielzeug wolle und deshalb einen Verlag gegründet habe.

Nach dem Generationenwechsel zu Haentjes jun. hat nun also auch Edel seine Verlagsambitionen drastisch zurückgefahren. Gut, das Nobelkomittee in Stockholm wird seinen Abgang verschmerzen. Vielleicht hätte sogar der Sportbuchmarkt überlebt ohne Edel Sports. Traurig ist es trotzdem.

Auch sonst gab es ja allerlei Verkäufe und Rückzüge in 2022, und weitere stehen bevor. Oft sind es Verlage, die darauf hoffen, irgendwo unterzukommen, um nicht nach vielen Jahren leidenschaftlicher Arbeit einfach nur sang- und klanglos die Pforten schließen zu müssen. Gleichzeitig erreicht die Bestsellerei Höhepunkt um Höhepunkt, mitunter erscheinen uns die Verkaufsflächen der Großfilialisten wie monothematische Pop-up-Stores, in denen neben einzelnen Autorenmarken nichts mehr für wert befunden wird, präsentiert zu werden. Eine Seite im Stern verkauft kein einziges Buch zusätzlich, aber eine Verkäuferin aus Wedel kann via Booktok einen Bestseller machen. Amazon spielt das Paralleluniversum der Selfpublisher gnadenlos gegen die tradierten Verlage aus und mutet ihnen einen höllischen Preiskampf zu … Okay, der Befund ist so eindeutig, dass die Diagnose eigentlich nur lauten kann: Untergang des Abendlands!

Es könnte einem schon angst und bange werden.

Allerdings ist das Verlagssterben kein neues Phänomen, das gab es auch früher. Auf meinem Doderer prangt das Signet von Biederstein, auf meinem Pasternak das der Deutschen Buch-Gemeinschaft. Umbrüche sind quasi der Alltag der Buchbranche. Und sie haben keineswegs in den Abgrund geführt! Die Kolportage- und Fortsetzungsromane von einst zählen heute zur Weltliteratur. Die größten Geschichten, die das Kino erzählt hat, basieren auf Romanen, das Internet hat uns das eBook und damit die jederzeitige unmittelbare Verfügbarkeit von Literatur ermöglicht und sogar ein Revival des Konzepts Buchclub mit sich gebracht. Amazon hat, um auch mal was Gutes über den Erzschurken der Branche zu sagen, Autoren auffindbar und verfügbar gemacht, für die sich der Sortimentsbuchhandel zu fein war. Seghers hat über die Nazis gesiegt, Pasternak über die Sowjets und Rushdi über die Mullahs (die hoffentlich bald den Weg der anderen gehen). Keine Revolution – kulturell, technisch oder politisch – konnte die Literatur in die Knie zwingen. Warum? Weil wir sie brauchen. Gute Geschichten sind der Treibstoff für unsere Seele. Und wenn die Zeiten schwer sind, dann helfen sie uns, sie durchzustehen.

Ja, auf dem Buchmarkt sind die Zeiten gerade auch schwierig. Weshalb ich unendlich froh bin, dass wir an der Quelle für die Medizin sitzen: Literatur. Denn die wird immer gebraucht. Und wir sind die Produzenten. Deshalb sollten wir nach guter chinesischer Tradition vor allem die Chance sehen: Tomorrow never dies! Das Abendland lebt weiter.

Zuletzt schrieb Montasser über unverlangt eingesandte Manuskripte.

 
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