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Thomas Montasser: The King’s Men

Thomas Montasser

An dieser Stelle schreibt Literaturagent und Autor Thomas Montasser regelmäßig über Absonderlichkeiten des Literaturbetriebs:

„Sie kennen das vielleicht auch: Man steht am Postschalter (also in der Regel: in einem Zigaretten-Dampf-Kaugummiladen mit mickrigem Zeitschriftenangebot und gelber Theke) und hat Grund zur Klage. Weil das Paket nicht da ist, obwohl es doch auf dem Zettel steht. Weil der Umschlag zwei Millimeter zu groß ist und man deshalb das vierfache Porto zahlen soll. Weil man eine halbe Stunde in der Schlange stand und jetzt erfährt, dass es die falsche Schlange war … Aber wenn man dann das tut, was Menschen eben in solchen Fällen tun, nämlich sich beschweren, dann lautet die Antwort nicht: „Sie haben recht, das tut uns wirklich leid, wie können wir das wieder für Sie in Ordnung bringen?“, sondern: „Ja, also ich kann da nix dafür. Das hab ich mir nicht ausgedacht.“

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post AG ist leider gerade nicht zur Hand. Was also tun? Einfach mal in der Zentrale anrufen und das Gespräch suchen? – Sie lachen zu Recht! Denn sowas gibt es schon seit langem nicht mehr. Die Konzerne haben eine Kunst daraus gemacht, den Kontakt des Geschäftspartners in die höheren Ebenen durch viele Zwischenebenen, vorgeschaltete Call-Centers (die zum Beispiel in Kalkutta sitzen oder in Puerto Rico) und vor allem durch jede Menge Bots zu verbauen („Wenn Sie mehr über unsere Angebote erfahren wollen, wählen Sie bitte die Eins. Wenn Sie …“, „Halten Sie bitte ihre Kundennummer, die Vorgangsnummer und Ihre persönliche PIN bereit …“ und, das Beste: „Wir müssen nur noch prüfen, ob Sie ein Mensch sind“).

Was, so fragen Sie sich vermutlich längst, hat dieser Ausflug in die Welt der Servicewüsten mit dem Buchmarkt zu tun, über den der Herr Agent hier gefälligst zu berichten hat?

Viel, antwortet der Herr Agent. Immer mehr sogar! Denn das Konzept rollt uns seit einiger Zeit zunehmend als Welle eines managementgetriebenen verlegerischen Missverständnisses entgegen. Immer öfter berufen sich die Kolleginnen und Kollegen in den Lektoraten oder in den Vertragsabteilungen auf „Richtlinien, an denen wir leider nichts ändern können“. Immer öfter halten Sie uns „Anweisungen von ganz oben“ entgegen, über die wir uns leider bei allem Verständnis und aller kollegialen Beziehung nicht hinwegsetzen können. Wir, das meint auch uns, diejenigen, die auf der Seite der Kreativen stehen.

Dass Honorare zunehmend gestückelt werden, hatte ich kürzlich schon beklagt. Interessanterweise wurde das zur Mode, als es für Guthaben ohnehin keine Zinsen gab. Warum dann auf dem Geldsack sitzen, statt die Autoren zu unterstützen? – „Weil wir das jetzt leider so machen müssen.“ Naja, wenn’s so ist …

Dass Abrechnungen lieber nur noch jährlich statt halbjährlich erfolgen sollen, das ist doch eigentlich nicht fair, oder? – „Stimmt schon. Ist aber leider jetzt eine Konzernrichtlinie. Da können wir nichts machen.“ Okay, das muss man natürlich einsehen.

Dass man keinesfalls mehr als ein Viertel der Gewinne aus eBook-Verkäufen an die Autoren abgeben will, selbst wenn man kein Lektorat, keinen Satz und keinen Vorschuss zahlen musste, weil das Buch schon seit langen Jahren existiert? – „Wir zahlen nie mehr als 25 %. Das ist so.“ – Ja, also, wenn’s so ist …

Der neueste Clou: Ein bedeutender Verlag beschließt, Lizenzen konzernintern zu vergeben. Das bedeutet, dass er 40 % der eigentlich dem Autor zustehenden Honorare für sich selbst behält, nämlich als „Lizenzgeber-Anteil“. Das kann doch nicht sein, oder? – „Das hat die Konzernleitung in Timbuktu (Ort v. d. Red. geändert) beschlossen, daran sind wir leider gebunden.“ – Ja dann …

An den Ober-Guru halten sie sich alle in den Verlagen. Vielleicht hinterfragen sie es ja. Aber sie agieren wie the king’s men: Immer munter in die Schlacht und keinen zehennagelbreit nachgeben!

Ich habe mehrmals in aller Freundschaft mitgeteilt: „Ich wüsste gerne den Vollidioten, der sich den Scheiß ausgedacht hat. Bitte schicken Sie ihm doch diese Nachricht gerne mit persönlichen Grüßen von mir weiter. Ich möchte mit ihm darüber sprechen! Ich möchte mir von ihm selbst erklären lassen, warum das alles nicht anders geht. Ich möchte verstehen, warum man seine Autoren schlecht behandeln muss und warum man ihre Einnahmen dringend zugunsten des Verlags reduzieren muss. Wenn er mir das nachvollziehbar erklären kann, vielleicht bin ich dann schlauer und vielleicht kann ich es dann auch meinerseits den Autoren erklären.“

Sie ahnen es: In solche Höhen ist ein Vordringen ebenso wahrscheinlich wie die persönliche Reklamation beim Post-Chef am Postschalter. Deshalb mache ich mich hier in aller Bescheidenheit zum Narren, indem ich für die ewige Chronik des Verlagswesens einen Wunsch hinterlege: Ihr da oben, denkt bitte mal an die Leute, von denen nicht zuletzt ihr selbst auch lebt! Und Ihr da viel weiter unten, versucht bitte mehr zu vermitteln zwischen den Halbgöttern in Gucci und dem arbeitenden Proletariat in den Dichterstuben! Es macht auch Euch die Arbeit leichter, weil ihr dann nicht wegen jeder Unsinnigkeit mit uns ringen müsst. Denn „allgemeine Konzernrichtlinien“ sind und bleiben für den Rest der Welt nun einmal unverbindlich. Danke.“

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3 Antworten

  1. Ich möchte an dieser Stelle einfach mal ein virtuelles Herz vergeben für diese herrliche Kolumne des Kollegen, die mir fast immer aus der Agentinnenseele spricht! Danke, Thomas Montasser. Auf dass es nicht nur mich erfreuen möge, dass wir mit all diesen Absurditäten nicht alleine sind, sondern dass sich vielleicht, vielleicht auch in den Köpfen etwas bewegt. Das wär was!

  2. Erhellend wie immer und mit klarer Kante. Danke dafür, lieber Thomas Montasser. Einmal mehr schlage ich drei Kreuze (obschon Agnostiker), dass ich dank meines Agenten bei Aufbau gelandet bin, wo ich mich ausgesprochen fair behandelt fühle – gemessen an dem, was Sie kolportieren. Vielleicht, weil Aufbau zwar Markt-, aber nicht Konzernzwängen unterliegt?

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