
Im Juni fand das Dokumentarfilmfestival Doxumentale in Berlin statt. Kulturmanagerin und Buchfrau des Jahres 2024 Yvonne de Andrés hat das begleitende Sachbuch-Programm kuratiert. Ein Interview.
Wie hat sich das Filmlizenzengeschäft in den letzten Jahren entwickelt? Gibt es einen Boom, von dem man angesichts der vielen neuen Streamingkanäle (mit ihren Eigenproduktionen) ausgehen könnte?
Yvonne de Andrés: Mit dem Aufstieg globaler Streamingdienste ist die Nachfrage nach Inhalten sprunghaft angestiegen – vor allem während der Corona-Pandemie. Neben Eigenproduktionen kauften viele Anbieter:innen zunächst verstärkt Lizenztitel ein, um ihre Kataloge schnell zu füllen. Die Folge: stark steigende Lizenzpreise bei begehrten Filmen und Serien. Doch dieser Boom hat sich gewandelt. Plattformen setzen zunehmend auf eigene Inhalte, um sich zu differenzieren und Abhängigkeiten zu reduzieren. Netflix produziert jährlich Tausende Stunden Originals, Disney+ und andere ziehen Fremdinhalte zurück und konzentrieren sich auf Exklusivität. Klassische Lizenzgeschäfte geraten dadurch zunehmend unter Druck – insbesondere für Anbieter:innen ohne eigene Plattform.
Zugleich hat sich der Markt globalisiert: Lizenzen werden immer häufiger international oder regional gebündelt vergeben. Klassische Verwertungsfenster wie Kino, Pay-TV oder DVD verlieren an Bedeutung oder verschwinden ganz. Neue Lizenzmodelle entstehen: Day-and-Date-Releases, bei denen Filme gleichzeitig im Kino und im Stream starten, gewinnen an Bedeutung. Auch werbefinanzierte Streaming-Angebote (FAST-Channels) erleben ein Wachstum – oft durch die Zweitverwertung älterer Inhalte.
Für kleinere Anbieter:innen bleibt der Zugang zu Premium-Inhalten schwierig. Dafür entstehen Nischenangebote, etwa im Arthouse- oder Dokumentarfilmbereich. Konsolidierung, strategische Partnerschaften und flexiblere Lizenzmodelle prägen die weitere Entwicklung.
Wie reagieren Verlage, bauen sie ihre Filmrechteabteilungen aus?
Bücher gelten in der Film- und Serienentwicklung als bewährte Stoffquelle – entsprechend groß ist das Interesse von Streamingdiensten, Studios und Produzent:innen an literarischen Vorlagen. Für Verlage ergeben sich daraus wachsende Chancen zur Zweitverwertung ihrer Inhalte. Die Branche reagiert zunehmend professionell und strategisch auf diese Entwicklung. Große Verlagshäuser wie Penguin Random House, HarperCollins oder Holtzbrinck (u.a. Rowohlt, S. Fischer) haben ihre Lizenzabteilungen deutlich ausgebaut. Einige Verlage gründen eigene Einheiten, etwa Random House Studio oder die Rowohlt Medienagentur, die exklusiv mit der Film- und Fernsehbranche arbeiten. Dabei beschränken sich Verlage nicht mehr auf den Rechteverkauf. Sie entwickeln aktiv mit – von Exposés über Treatments bis hin zu Serienkonzepten – und arbeiten eng mit Autor:innen zusammen, um Titel gezielt für audiovisuelle Formate aufzubereiten.
Auch in der Vermarktung setzen Verlage neue Akzente: Sie präsentieren ihre Titel auf Branchenevents wie der Frankfurter Buchmesse, der Berlinale oder der MIPTV in Cannes, um frühzeitig Kontakte zu Produzent:innen, Sendern und Plattformen zu knüpfen.
Im Rahmen der 42. Ausgabe des Internationalen Filmfests München wurden bis zum 6. Juli etwa nationale und internationale Film-Highlights sowie Weltpremieren gezeigt. Begleitend dazu bietet das Festival ein Rahmenprogramm mit Vorträgen an. Darunter das Thema „KI, XR & Co.: Wie erzählen wir künftig Geschichten?“. Dieses Programm wird vom Blauen Panther TV & Streaming Award in Zusammenarbeit mit XPLR: MEDIA in Bavaria organisiert.
Wenn Verlage zunehmend auch im Ausland verwerten, statt Lizenzen zu vergeben, was bedeutet das fürs Filmgeschäft?
Verlage sichern sich stärkeren kreativen Einfluss und achten gezielt auf markenkonforme Adaptionen, die den Buchverkauf flankieren. Für Produktionsfirmen und Streamer:innen steigt damit die Komplexität in der Zusammenarbeit. Lizenzverträge sind seltener exklusiv, sondern fragmentiert nach Rechten, Territorien und Verwertungsfenstern. Vor allem bei internationalen Bestsellern lassen sich Stoffe kaum noch zu günstigen Konditionen voroptionieren.
Gleichzeitig eröffnen sich neue Kooperationsmodelle. Verlage bringen nicht nur Inhalte und Zielgruppen mit, sondern auch Ressourcen – von Marketingnetzwerken über Social Media bis hin zu Eigenmitteln für Co-Finanzierungen. Literarische Stoffe bieten nicht nur erzählerische Tiefe, sondern oft auch eine bestehende Leser:innenschaft – ein klarer Vorteil in einem Markt, in dem Aufmerksamkeit zu einer der wichtigsten Währungen geworden ist.
Im Gegenzug beteiligen sie sich an Erlösen und erhalten strategischen Zugang zu audiovisuellen Märkten. Die Stoffentwicklung wird dadurch internationaler, plattformübergreifender und zunehmend englischsprachig gedacht. Für kleinere Produktionsfirmen wird der Zugang zu attraktiven Titeln dadurch anspruchsvoller. Frühzeitige Partnerschaften oder engere Allianzen mit Verlagen werden zur Voraussetzung. Die Rolle klassischer Literaturagenturen als alleinige Vermittler:innen wird dabei neu verhandelt.
Der Wandel von der Rechtevergabe zur aktiven Stoffverwertung verändert das Filmgeschäft grundlegend. Verlage verstehen sich zunehmend als Content-Partner:innen – und setzen dabei auf kreative Mitgestaltung, ökonomische Teilhabe und internationale Reichweite.
Die Verfilmung literarischer Stoffe ist recht gängig. Aber können Verlage auch an Dokumentarfilmen mitverdienen? Und wie stellen sie das an?
Buchverlage beteiligen sich zunehmend aktiv an der Auswertung von Sachbüchern, Biografien oder Recherchen im dokumentarischen Bereich. Voraussetzung ist, dass sie über die Rechte an urheberrechtlich geschützten Inhalten verfügen, die sich für filmische Adaptionen eignen – etwa durch exklusive Informationen, besondere Recherchestrukturen oder originäre Perspektiven.
Kerninstrument bleibt hier die Lizenzvergabe: Verlage veräußern Verwertungsrechte – etwa für Textausschnitte, Archivmaterial oder Interviewtranskripte – direkt oder über zeitlich begrenzte Optionen. Bei eigenem, bislang unveröffentlichtem Material steigen die Verhandlungsspielräume. Zunehmend treten Verlage jedoch nicht mehr nur als reine Rechtegeber:innen auf. Einige beteiligen sich auch bei Dokumentarfilmen als Koproduzent:innen, bringen fachliche Expertise ein oder vermitteln Kontakte zu Interviewpartner:innen und Quellen. Erlöse entstehen dann nicht nur über Lizenzgebühren, sondern auch über Beteiligungen an Produktion und Auswertung.
Ein weiterer Trend: Immer häufiger entsteht das Buch zum Film, nicht umgekehrt. Dokumentationen schaffen Aufmerksamkeit und emotionale Reichweite, das Buch liefert Kontext und Vertiefung. Ein prominentes Beispiel: Torsten Körners „Die Unbeugsamen“, zuerst als viel beachteter Kinodokumentarfilm, später als Buch bei Kiepenheuer & Witsch.
Zudem setzen viele Produktionen heute auf prominente Erzähler:innen – etwa Hannes Jaenicke, Ingo Zamperoni oder Natalie Portman – was Reichweite und mediale Durchdringung verstärkt. Auch für Verlage erhöht das die Attraktivität ihrer Stoffe, da sie Teil crossmedialer Narrative mit gesellschaftlicher Relevanz werden.
Die dokumentarische Auswertung eröffnet Verlagen neue Einnahmequellen, mehr Einfluss auf die Umsetzung und nachhaltige Sichtbarkeit für ihre Inhalte. Wer frühzeitig strategisch agiert, kann sich in diesem wachsenden Markt erfolgreich positionieren.
Sind das Zufallsprodukte oder lässt sich da ein Geschäftsfeld systematisch aufbauen?
Die filmische Verwertung dokumentarischer Buchstoffe ist längst kein Zufall mehr, sondern entwickelt sich zu einem professionell geführten Geschäftsfeld vieler Buchverlage. Ziel ist es, dokumentarisch relevante Inhalte frühzeitig zu identifizieren, aktiv zu entwickeln und systematisch für audiovisuelle Formate zu vermarkten.
Verlage arbeiten dabei eng mit Autor:innen, Produktionsfirmen und Sendern zusammen. Rechteverträge werden zunehmend so gestaltet, dass sie neben klassischen Lizenzgebühren auch Koproduktionsbeteiligungen und Erlösanteile vorsehen. Parallel professionalisieren viele Verlage Prozesse zur Rechteklärung, Stoffentwicklung und zum Crossmedia-Marketing – auch um die Sichtbarkeit von Buch und Film wechselseitig zu verstärken. Kooperationen mit Streamingdiensten oder öffentlich-rechtlichen Sendern werden gezielt aufgebaut. Der Fokus liegt dabei auf nachhaltiger Stoffentwicklung, nicht auf Einzelerfolgen. Angesichts des anhaltenden Bedarfs an gut recherchierten Dokumentationen und exklusiven Inhalten gewinnt dieser Bereich für die Verlagsbranche weiter an strategischer Relevanz.
Wie groß oder spezialisiert muss ein Verlag sein, um systematisch davon zu profitieren?
Für die filmische Verwertung dokumentarischer Buchstoffe braucht es keinen Großverlag – wohl aber klare Voraussetzungen. Entscheidend ist weniger die Größe des Hauses als die Kombination aus thematischer Relevanz, professioneller Rechtearbeit und strategischem Marktzugang. Ein breites Sachbuch-Portfolio, Biografien oder investigative Titel erhöhen die Chancen, bieten aber keine Garantie. Auch kleinere Verlage können erfolgreich sein, wenn sie inhaltlich spezialisierte Nischen wie Geschichte, Wissenschaft oder True Crime besetzen und mit exklusivem Material punkten.
Fehlt die interne Struktur, kann auch die Zusammenarbeit mit spezialisierten Agenturen oder Literaturvermittler:innen zielführend sein. Entscheidend ist, dass Rechte professionell geklärt sind, die Themen Substanz haben – und jemand im Haus das Geschäft versteht.
Und wer kann bzw. würde diesen Verlagen aufs Pferd helfen?
Besonders die schon angesprochenen Literaturagenturen mit Fokus auf Film- und TV-Rechte sind wertvolle Partner:innen. Sie kennen den Markt, verfügen über Kontakte zu Produzent:innen, Verleiher:innen und Streamingdiensten und helfen bei der optimalen Positionierung der Stoffe sowie der Vertragsgestaltung.
Auch die Zusammenarbeit mit erfahrenen Dokumentarfilmproduzent:innen ist entscheidend. Diese bringen das nötige Know-how für Entwicklung, Finanzierung und Produktion mit und unterstützen beim Zugang zu Fördermitteln, Sendern und Vertrieb. Juristische Beratung ist ebenso wichtig, um Rechte sauber zu klären und komplexe Lizenzverträge rechtssicher zu gestalten. Mediendienstleister:innen und Branchenberater:innen helfen zudem beim Aufbau interner Strukturen, der Mitarbeiter:innenschulung und der Entwicklung passender Geschäftsmodelle. Branchennetzwerke und Verbände wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sowie Filmförderinstitutionen bieten Verlagen Zugang zu Branchenveranstaltungen, Fortbildungen und wichtigen Informationen. Partnerschaften mit Streamingplattformen und Sendern eröffnen direkte Vertriebswege und liefern wertvolles Markfeedback.
Der Erfolg im Dokumentarfilmgeschäft hängt maßgeblich von der engen Zusammenarbeit zwischen Verlag und audiovisuellen Partner:innen ab. Wer diese Unterstützung gezielt nutzt, schafft die Grundlage für eine professionelle und nachhaltige Verwertung seiner Inhalte.
Als bestes Sachbuch wurde im Zuge der Doxumentale „Berauscht der Sinne beraubt: Eine Geschichte der Ekstase“ (Propyläen) von Racha Kirakosian ausgezeichnet. Die Begründung der Jury: „Mit analytischer Klarheit und historischer Fundiertheit beleuchtet ‘Berauscht der Sinne beraubt’ die Grundlage unserer Vorstellungen von Ekstase.“
Yvonne de Andrés ist Kulturmanagerin in Berlin und Co-Gründerin von „Power To Transform!“ Sie wurde zur BücherFrau des Jahres 2024 gewählt. Das Branchennetzwerk zeichnete sie damit für ihr entschlossenes Engagement für Diversität, Geschlechtergleichstellung und Intersektionalität aus.