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Patrick Hertweck: „Was bleibt vom Lesen?“

Patrick Hertweck (Foto: Jens Dörre)

Der Kinderbuchautor Patrick Hertweck sorgte bereits mit seinem ersten Meinungsbeitrag auf buchmarkt.de für Aufsehen. In einer Fortsetzung führt er seine Gedanken weiter und fragt sich, was passiert, wenn Algorithmen und Aufmerksamkeit den Ton angeben – und warum Literatur mehr sein muss als bloßer Eskapismus. Ein Gastbeitrag.

Als Denis Scheck in seiner Dankesrede zum Friedrich‑Perthes‑Preis die Genres Romantasy und New Adult als „Hirnpest in Buchform“ brandmarkte, war die Empörung vorhersehbar – und dennoch aufschlussreich. Denn die reflexhaften Reaktionen aus der Community zeigen eindrücklich, wie gering heute die Bereitschaft ist, über literarische Maßstäbe zu diskutieren. Doch welche Folgen hat diese Haltung für das literarische Erzählen?

Dieser Text ist kein Plädoyer gegen Eskapismus in Buchform, sondern ein Appell: Gerade in bewegten Zeiten, in denen Unsicherheit und Reizüberflutung das Denken lähmen, brauchen wir mehr denn je Literatur, die unbequem, wild und poshlost-frei ist – Romane, die etwas riskieren.

Dass Denis Scheck kein Freund weichgespülter Unterhaltungsprosa ist, war längst bekannt. Doch als er in seiner Rede – bezeichnend überschrieben mit „Drachenscheiße bleibt Drachenscheiße“ – Romantasy und New Adult als „Hirnpest in Buchform“ bezeichnete, entlud sich ein Sturm der Entrüstung in den Kommentarspalten aller Plattformen.

Hand aufs Herz: Den Ärger der Fangemeinde kann ich gut nachvollziehen. Schließlich nahm Deutschlands wohl prominentester Literaturkritiker auf empfindsame Leser:innen-Seelen wenig Rücksicht. Seine Kritik war schonungslos und zielte ins Herz einer Community, die längst ihr eigenes Koordinatensystem aus Erzählmustern, Lesegewohnheiten und reichweitenstarken Autorinnen in den sozialen Medien entwickelt hat. Zudem sprach er dem Eskapismus durch das Abtauchen in Buchwelten die Daseinsberechtigung ab – zu Unrecht, wie ich finde.

Natürlich darf ein Buch einfach nur trösten, uns aus dem grauen Alltag entführen – oder schlicht unterhalten. Darum darf es knisternde Romantasy mit „spicy“ Drachenhütern ebenso geben wie New Adult mit tränenreichen Ménage-à-trois in Elite-Internaten – oder Hot-Summer-Romanzen mit Feelgood-Vibes als Mallorca-Beach-Lektüre. Selbst Arztromane im Groschenheft-Format – warum nicht, wenn sie irgendwen für eine Weile glücklich machen. Lesen bedeutet Freiheit. Und was gelesen wird, ist eine zutiefst persönliche Entscheidung. Niemand sollte anderen vorschreiben, warum, wie oder wozu sie lesen.

Gerade deshalb liegt es mir fern, Romantasy und New Adult per se an den Pranger zu stellen. Und doch sind auch mir beide Genres ein Dorn im Auge.

Romantasy wird Platzhirsch

Weshalb? – Die serielle Struktur dieser Gattungen – Trilogien, Pentalogien oder gar Heptalogien sind längst Standard – sorgt für eine regelrechte Flut an Neuerscheinungen. Inzwischen dominieren sie den Belletristikmarkt in einem Ausmaß, das kaum noch verhältnismäßig – und angesichts sprechender Titel wie Kingsnakes Beute – Nur ihr Blut wird mich retten oder Die gestohlene Gefährtin des Alphas – Paranormale Werwolf-Romanze – auch nicht angemessen ist.

Besonders Romantasy hat sich in den vergangenen Jahren heimlich, still und leise vom Randphänomen zum tonangebenden Genre entwickelt – eine Entwicklung, die sich längst auch zahlenbasiert belegen lässt: So stieg der Umsatz im Fantasy-Segment allein 2024 um über 35 Prozent – maßgeblich befeuert durch den anhaltenden Boom romantischer Fantasy-Stoffe.

Kaum eine Woche vergeht in diesem Jahr, in der nicht mindestens ein Titel aus diesem Genre die SPIEGEL-Bestsellerliste erklimmt – etwa House of Verity, der Abschluss der Zodiac-Chroniken von Marah Woolf, The Wind Weaver – Sturmverführt, Auftakt der Reign of Remnants-Reihe von Julie Johnson, oder Das zerrissene Herz, das Finale der Empire of Sins and Souls-Trilogie von Beril Kehribar. Wie deutlich die Marktmacht dieses Trends inzwischen ist, zeigt ein Blick auf den internationalen Buchhandel: Onyx Storm, Band 3 der global erfolgreichen Empyrean-Reihe von Rebecca Yarros, verkaufte sich 2024 binnen einer Woche fast drei Millionen Mal – eine Zahl, die selbst im internationalen Buchgeschäft Seltenheitswert hat. Man muss wohl kaum eigens erwähnen, dass der Titel auch im deutschsprachigen Raum direkt an die Spitze der Bestsellerlisten stürmte.

Die schiere Menge dieser vertrauten, stilistisch genügsamen Geschichten mit hohem Wiedererkennungswert verengt inzwischen die Marktvielfalt, senkt die Ansprüche an das geschriebene Wort – und befeuert bedenkliche Entwicklungen.

Deshalb stimme ich Schecks Grundaussage zu: Es ist Zeit, das Buch wieder ernst zu nehmen – und Literatur zu fördern, die mehr will als das endlose Wiederkäuen narrativer Schablonen. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf den gesellschaftlichen Auftrag der Literatur: widerständig, erkenntnisfördernd und formal bewusst gestaltet. Sie sollte unbequeme Fragen stellen, Gegenwartsdiagnosen wagen und den Diskurs über unser Zusammenleben befördern, anstatt sich vordefinierten Marktbedürfnissen zu unterwerfen. Genau diese Qualitäten fehlen weiten Teilen der Romantasy- und New Adult-Literatur – zumindest nach Schecks Einschätzung, der ich in diesem Punkt zustimme.

Darum sollten wir den Begriff Literatur jenen Texten vorbehalten, die herausfordern, anecken und Denkprozesse anstoßen und nicht solchen, die bloß formelhaft auf Publikumserfolg hin produziert werden.

Lifestyle statt Inhalt

Bevor wir die strukturellen Folgen betrachten, lohnt sich ein Blick in die Welt der Romantasy- und New Adult-Community. Was macht die Faszination dieser Buchtrends aus? Um dieser Frage nachzugehen, bin ich tief in den Kosmos von Bookstagram, BookTube und vor allem BookTok eingetaucht – und habe mich durch zahllose Clips geklickt.

Die Buchvorstellungen verrieten meist überraschend wenig über Inhalt oder Stil – dafür umso mehr über Ausstattung, Farbschnitt, Sondereditionen und das beruhigende Gefühl, ein „richtig schönes Buch“ zu besitzen. All das schien wichtiger als der eigentliche Inhalt. Bücher als Wohnaccessoires, abgestimmt auf die Einrichtungsgegenstände und die Dekorationsobjekte eines skandinavischen Möbelhauses.

Beispiele gefällig? Hier einmal drei Zitate im O-Ton:

Darf ich euch dieses Schmuckstück hier vorstellen? Praeda von Isabel North – das ist der zweite Band der Regions-Reihe und kommt mit einem exklusiven Page Overlay. Ein echtes Sammlerstück.

Ein weiteres Highlight ist die Dilogie The Scarlet Crown. Band 1 und 2, beide mit wunderschönem Farbschnitt, und – jetzt kommt’s – mit Charakterkarten!

Heute sind meine letzten Ausgaben von Throne of Glass angekommen. Ich mag das Design, ich mag die Farbschnitte auch, ich finde die richtig cool. … sind Hardcover, ich liebe Hardcover. Ich weiß noch nicht, ob ich den Wendeumschlag benutze oder ob ich die normalen Umschläge drum lasse. Das muss ich erstmal ausprobieren.

Solche Beiträge sind keine Ausnahme, sondern die Regel. Sie alle spiegeln – zumindest aus meiner Sicht – ein irritierendes Verständnis von Literatur. Offenbar stehen weniger die Inhalte im Fokus als vielmehr Ausstattung, Aufmachung und das Gemeinschaftsgefühl einer klar umrissenen Fangemeinde. Die Handlung scheint dabei eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Wenn überhaupt von ihr die Rede ist, dann dreht sich alles um eine Heldin, die zwischen Schicksal und Sixpacks hin- und hergerissen ist – bis alles in einer „spicy“ Szene gipfelt.

BookTok im Verteidigungsmodus

Bei meinem Ausflug in die farbenfrohe Welt der BookTok-Clips und Bookstagram-Posts ist mir natürlich auch die Empörung über Schecks Rede nicht entgangen. Auffällig war jedoch, dass in den allermeisten Beiträgen und Kommentarspalten eine fundierte Verteidigung der gefeierten Buchreihen ausblieb. Nur selten fanden sich Argumente gegen den Vorwurf des formelhaften Eskapismus oder für die Relevanz und literarische Qualität dieser Genres. Kaum ein Verweis auf sprachliche Vorzüge, vielschichtige Figuren, intertextuelle Bezüge oder Bedeutungsebenen, die gesellschaftliche Themen und Konflikte aufgreifen – kurz: sehr wenig von dem, was man gemeinhin anführt, wenn man Literatur nach sprachlichen, formalen und inhaltlichen Kriterien ernsthaft verteidigen möchte.

Diese stellvertretenden Stimmen aus den Kommentarspalten verdeutlichen vielleicht die Tonlage:

Es geht alten weißen Männern wie ihm unterm Strich gar nicht um die Bücher, sondern um diejenigen, die diese Bücher schreiben und lesen: Frauen. Was Frauen feiern, kann in deren Augen kaum ernsthafte Literatur sein.

Oh Gott, wieder einer, der der Zielgruppe nicht entspricht und trotzdem seinen Senf dazugeben muss. Typisch Mann.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass es manche Männer einfach nicht lassen können, den Frauen jedes Stück Freude zu nehmen.

Herr Scheck ist für mich der Inbegriff für einen alten weißen Mann, der es nicht ertragen kann, dass Frauen mit Literatur erfolgreich sind und alles, was sie schreiben, zerreißen muss.

Klingen diese Reaktionen wie eine erwachsene Auseinandersetzung mit pointierter Kritik an bestimmten Büchern? Wohl kaum.

Denis Scheck hatte in seiner Rede ausdrücklich betont, gute Drachengeschichten zu schätzen – darunter Werke von Autorinnen wie Cornelia Funke oder Ursula K. Le Guin. Außerdem hatte er seine Kritik an Romantasy und New Adult ausführlich begründet. Doch kaum war der letzte Satz verklungen, rollte bereits eine erstaunlich einhellige Welle moralischer Entrüstung durchs Netz. Statt einer differenzierten Auseinandersetzung: Kanonendonner aus den Kommentarspalten. Kaum ein Versuch, seinen Argumenten mit Gegenargumenten zu begegnen. Stattdessen: reflexartiges Lagerdenken, moralische Totschlagkeulen, konsequentes Ausweichen vor jeder inhaltlichen Diskussion.

BookTok als Safe Space

Was aber sind die Ursachen für diese Reaktionen?

Es wirkt, als hätten wir es nicht bloß mit aufgebrachten Leser:innen zu tun, sondern mit einer emotional fest verschworenen Community. Was sie eint, ist kein klassisches Literaturverständnis, sondern die Begeisterung für vertraute Figurenkonstellationen, fiktive Welten, übernatürliche Kräfte, Liebesgeschichten mit Hindernissen – und meist mehr als nur eine Prise Spice. Wer diese Erzählmuster öffentlich hinterfragt, gilt rasch als Spielverderber oder gar als frauenfeindlicher Querulant.

Denn man verletzt ein ungeschriebenes Gesetz: Der Gegenstand der Liebe darf nicht infrage gestellt werden. In solchen Bubbles geht es weniger um kritische Auseinandersetzung als um emotionale Resonanz, Zugehörigkeit und das beruhigende Gefühl, sich unter Gleichgesinnten aufgehoben zu wissen.

Wie stark die Codes und Erwartungen inzwischen zementiert sind, lässt sich vielleicht an einem kleinen Gedankenexperiment ablesen: Stellen wir uns vor, einige gefeierte „Female Fantasy“-Romane auf BookTok – samt obligatorischer Erotik – stammten nicht von einer jungen, TikTok-affinen Autorin, sondern von einem älteren Mann. Sagen wir: Helmut Meier, 63, pensionierter Deutschlehrer aus Castrop-Rauxel, Mitglied im Kegelverein, der unter dem Pseudonym Seraphina Nightbloom veröffentlicht. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen: Der Aufschrei wäre laut – und die Empörung über solch „abstoßende Männerfantasien“ groß.

Was also sagt das über diese Bücher – und über unseren Umgang mit ihnen? Darüber ließe sich trefflich streiten. Doch eines ist sicher: Mit dem, was Denis Scheck unter Literatur versteht, hat das wenig zu tun. Denn Lesen bedeutet nicht, Harmonie zu suchen – sondern Widerspruch, Wirklichkeit und Wirkung auszuhalten. Seine Kritik zielt also nicht auf das Geschlecht der Schreibenden, sondern auf den Verlust von Reibung, Tiefe und stilistischem Anspruch.

Doch denkt die Fangemeinde überhaupt in solchen Kategorien? Viel entscheidender scheint der Wunsch, zwischen Bücherregalen, BookTok-Videos und den eskapistischen Welten der Romantasy einen Rückzugsort zu finden – einen Schutzraum vor dem Alltag, vor Unsicherheiten und dem ständigen Rauschen schlechter Nachrichten.

Insofern überrascht es kaum, dass Eskapismus zur Maxime wird – und Phänomene wie Romantasy und New Adult gerade in beunruhigenden Zeiten Hochkonjunktur haben.

Ein Heilsbringer für den Buchmarkt?

Für die Buchbranche ist das Ganze ein Glücksfall. Während allerorten die Leserzahlen sinken und es zugleich immer schwerer wird, den Nachwuchs fürs Lesen zu gewinnen, ohne ihn ganz an die Verlockungen permanenter Bildschirmberieselung zu verlieren, gelingt es ausgerechnet diesen Formaten, ein junges, leicht entflammbares Publikum zu erreichen – mit einem unschlagbaren Erfolgsmodell.

Was könnte der Branche Besseres passieren als eine digital vernetzte, eng verschworene Gemeinschaft, die sich in BookTok-Clips vor farbsortierten Bücherwänden gegenseitig ihre Must-Reads empfiehlt, mit Neuerscheinungen prahlt – und dabei die Sammelleidenschaft entfacht? Da passt es bestens, dass die meisten Geschichten in ausufernden Reihen erscheinen – denn wer den ersten Band erworben hat, möchte in der Regel alle besitzen. Bis auch die letzte Lücke im Billy-Regal gefüllt ist.

Kein Wunder also, dass Programmverantwortliche Autorinnen mit offenen Armen empfangen, die das Begehren treffsicher bedienen und auf Social Media bereits eine loyale Gefolgschaft um sich geschart haben. In vielen Fällen ist das heute weit mehr wert als der teuerste Marketingetat.

Und wer nun argwöhnt, mit wachsender Reichweite könnten womöglich die Ansprüche an eingereichte Manuskripte sinken, der soll sich bitte schämen.

Hinter dem Scheinwerferlicht

Doch wie steht es um jene Autorinnen und Autoren, die in anderen Literaturgattungen schreiben – oder deren Prosa sich keiner klar umrissenen Zielgruppe und keinem narrativen Korsett beugt?

Ja, es gibt sie noch – Autor:innen anderer literarischer Spielarten, die durchaus Erfolge feiern und sich, allen Unkenrufen zum Trotz, um die Veröffentlichung ihrer Romane keine Sorgen machen müssen. Krimi- und Thrillerautor:innen, dazu schriftstellernde Tatort-Prominenz wie Axel Milberg, Andrea Sawatzki oder Katja Riemann. Die Stars des Literaturbetriebs: jene allseits bekannte Riege renommierter Autor:innen anspruchsvoller Prosa, deren Werke von der verbliebenen Literaturkritik in Funk, Fernsehen und den führenden Feuilletons verlässlich besprochen werden – und deren Auflagen sich durchaus sehen lassen können.

Wer sich jedoch unter Autor:innen im Schatten der bekannten Namen umhört, spürt, wie dünn die Luft dort inzwischen geworden ist. Immer häufiger lehnen Agenturen und Verlage Projekte ab – unabhängig von literarischem Gehalt oder sprachlicher Qualität. Zwei Rückmeldungen aus dem Kreis befreundeter Autoren beleuchten exemplarisch die Gründe:

Für Ihr aktuelles Projekt sehen wir leider keine Chance. Zurzeit ist in den Verlagsprogrammen schlicht kein Ort für moderne Gothic Stories vorgesehen.

und:

Eine wirklich schöne und gut geschriebene Geschichte … Aber Coming-of-Age aus männlicher Perspektive lässt sich derzeit ohne prominenten Namen wie Christoph Kramer oder Matthias Brandt nicht verkaufen.

Solche Einschätzungen hört man mittlerweile häufig – und fragt sich unweigerlich: Wirklich? Sind das heute die Maßstäbe? Und wenn ja: Was sagt das über den Zustand unserer literarischen Gegenwart aus?

Ich erinnere mich gut daran, wie gerne ich Bücher wie Tschick (Wolfgang Herrndorf), Die Mitte der Welt (Andreas Steinhöfel) oder The Body (Stephen King) gelesen habe. Und ich liebe sie bis heute. Damals war es mir völlig gleich, wann oder von wem diese Geschichten geschrieben wurden – solange sie mich in andere Biografien entführten, in Lebenswelten, die fremd und vertraut zugleich wirkten. Geschichten, die vom Zeitgeist, von jugendlichen Umbrüchen und inneren Kämpfen erzählten – spannend, mitreißend, ehrlich. Und ich kenne kaum jemanden, der diese Bücher nicht ins Herz geschlossen hätte.

Wenn ähnliche Inhalte heute angeblich keinen Platz mehr auf dem Markt finden, drängt sich eine Frage auf: Wie kann es dann sein, dass Das Leben fing im Sommer an – der Debütroman von Christoph Kramer, einem ehemaligen Fußballnationalspieler, der eine fiktionalisierte Coming-of-Age-Geschichte im Sommer 2006 erzählt – in diesem Jahr die Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste eroberte? Liegt es tatsächlich nur am prominenten Namen, dass hier sämtliche Marktgesetze außer Kraft gesetzt wurden? Und falls dem so ist – was sagt das über unser heutiges Lese- und Kaufverhalten?

Oder gibt es sehr wohl ein Publikum für solche Bücher – doch eine zunehmend verunsicherte Branche scheut sich, Zeit und Mittel in Manuskripte zu investieren, deren Erfolg nicht durch mediale Bekanntheit abgesichert ist? Denn während Literatur abseits von Romantasy und New Adult mit schwindenden Leserzahlen und sinkenden Umsätzen zu kämpfen hat, setzen Verlage bevorzugt auf prominente Gesichter – auf Autor:innen, deren öffentliche Präsenz den Absatz kalkulierbar macht. Ein gelungenes Debüt eines Unbekannten hingegen gilt als Wagnis. Doch wer nichts mehr wagt, wird auf Dauer kaum neue Impulse in den Markt bringen können.

Natürlich: Auch ohne Promi-Bonus gelangen bisweilen junge, unverbrauchte Stimmen mit starken Texten ins Rampenlicht – etwa Hengameh Yaghoobifarah (Ministerium der Träume), Claudia Schumacher (Liebe ist gewaltig) oder Caroline Wahl (22 Bahnen). Doch sind diese Bücher tatsächlich Ausdruck eines vielfältigen Literaturbetriebs – oder lediglich die sichtbare Spitze eines weit größeren Gebirges, dessen Fundament im Verborgenen liegt? Erblicken auch Romane mit literarischer Substanz nur noch dann das Licht der Buchwelt, wenn sie zur passenden Erzählung über ihre Autor:innen passen – zu Persönlichkeiten, die sich als Marke inszenieren lassen?

Dann ist zu befürchten, dass zahlreiche ebenso gute, bewegende, sprachlich überzeugende Bücher ungedruckt und folglich ungelesen bleiben – nicht, weil sie schlechter wären, sondern weil ihre Schöpfer:innen nicht ins gängige Präsentationsschema passen.

Wäre das nicht ein deutliches Anzeichen dafür, dass der eigentliche Gegenstand – das literarische Werk – zunehmend in den Hintergrund rückt? Dass Personalisierung und marktkonforme Inszenierung auch jenseits der genannten Trends auf dem Vormarsch sind? Statt in erster Linie auf Qualität richtet sich die Aufmerksamkeit offenbar zunehmend auf Reichweite, Wiedererkennbarkeit und maximale Verwertbarkeit. Und währenddessen geraten andere Gattungen, andere Perspektiven aus dem Blick – und mit ihnen ein Teil jener Vielfalt, die Literatur im besten Sinne ausmacht.

Was fehlt, macht Platz für Beliebiges

Genau darin liegt die Gefahr: Wenn bestimmte Stimmen verstummen und relevante Themen systematisch unterrepräsentiert bleiben, verengt sich das literarische Feld Immer mehr Autor:innen, deren Stoffe nicht dem Mainstream entsprechen, verschwinden aus den Programmen. Gleichzeitig servieren Verlage dem Publikum immer häufiger das, was sich ohnehin gut verkauft. Das Ergebnis: eine Flut an Büchern, die bereitwillig konsumiert und ebenso rasch wieder vergessen werden. Während das, was Literatur eigentlich vermag – Wahrnehmung schärfen, innerlich erschüttern, neue Perspektiven öffnen – immer seltener zum Zug kommt.

Manchmal, wenn ich durch eine der großen Buchhandlungen schlendere und an meterlangen farbexplosiven Präsentiertischen vorbeikomme, auf denen Dutzende – nein, Aberdutzende! – aktuelle Romantasy- und New-Adult-Titel aufgetürmt liegen – mit Schnörkeln auf Cover, Buchrücken und Vorderschnitt – fühle ich mich nach einer Weile psychedelisch benebelt, als hätte ich ein Mandala unter Stroboskoplicht ausgemalt. Dann frage ich mich schläfrig, welche Bücher hier womöglich keinen Platz mehr finden. Bücher etwa von Schreibenden, die nicht liefern, was erwartet wird – sondern dem nachgehen, was sie selbst umtreibt. Texte, geboren aus Zweifeln, Ängsten oder Wut über den Zustand der Welt – Geschichten, die nicht gefallen wollen, sondern abzweigen: manchmal auf abseitige Pfade. Kurzum: Vielleicht spürt man sie hier deutlicher als anderswo – die Abwesenheit jener Stimmen, aus deren Feder die unberechenbare Literatur fließt, die Denis Scheck so inständig einfordert.

Nach dem Rausch die Ernüchterung?

Was aber geschieht, wenn der gegenwärtige Boom von Romantasy und New Adult irgendwann verebbt – wie jeder Trend, ganz gleich, wie flach der Tümpel ist, in dem er kreist? Wenn selbst die kunstvollsten Buchschnitte irgendwann als Ladenhüter verstauben?

Im besten Fall – und das wäre zu wünschen – macht sich ein Teil der heutigen Leserschaft auf zu neuen literarischen Ufern. Vielleicht erleben dann auch literarisch anspruchsvollere Texte eine Renaissance – und jene ambitionierten Autor:innen, die durchgehalten haben, dürfen wieder auf eine Bühne hoffen, die im heutigen Literaturbetrieb eher einer verborgenen Nische gleicht.

Doch seien wir ehrlich – wahrscheinlicher ist ein anderes Szenario.
Ein Publikum, das über Jahre hinweg mit gleichförmiger, seichter Lektüre gefüttert wurde, wird literarischer Komplexität irgendwann nicht mehr gewachsen sein. Es wird sich womöglich anderen Medien zuwenden und in den Serienwelten von Netflix & Co. versinken.

Oder – mein persönliches Schreckensszenario – wendet es sich einer ganz neuen, „innovativen“, nie dagewesenen Form von Prosa zu: dem KI-generierten Wunschroman? Gestaltet nach persönlichen Vorlieben per Keyword-Eingabe, feinjustiert nach Genre-Präferenzen, standardisierten Erzählformeln und idealtypischen Figurenkonstellationen. Ein Textformat wie gemacht fürs Denken im Stand-by-Modus: geschmacksneutral, leicht konsumierbar – und garantiert ballaststofffrei für Kopf und Geist.

Bücher, die keine Autor:innen mehr als Projektionsfläche benötigen – weil der Kult um sie in narzisstische Selbstbespiegelung umschlägt. Denn wer Stichworte und Plotpoints eingibt, wird zur Co-Autor:in. Dass man dabei lediglich einige Wunschvorgaben eingetippt hat – darüber sieht man vermutlich gern hinweg.

Immerhin hält man am Ende ein Buch in Händen, das einzig für einen selbst geschrieben wurde – ein Text, der den eigenen Vorstellungen bis ins Detail entspricht. Der Gipfel dieser Entwicklung mündet möglicherweise darin, dass wir uns selbst namentlich als Heldinnen und Helden in die Geschichte schreiben lassen, in denen wir dann in Superheldenmanier über uns hinauswachsen dürfen, um auf den automatisch generierten Seiten dem Bösen in der Welt die Stirn zu bieten.

Bücher auf Knopfdruck

Kaum verwunderlich: Amazon, Meta und andere stehen mit entsprechenden Angeboten längst in den Startlöchern – ausgestattet mit AI-Technologien, die systematisch auf genau diesen Zweck vorbereitet wurden: trainiert mit Millionen urheberrechtlich geschützter Bücher, oft ohne Einwilligung der Rechteinhaber, um künftig exakt das zu generieren, was das Individuum wünscht oder was der Algorithmus nahelegt.

Schon jetzt graben die gigantischen E-Commerce-Plattformen dem klassischen Buchhandel kontinuierlich das Wasser ab. Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat anlässlich des 30-jährigen Bestehens von Amazon eindrücklich dargelegt, wie das Unternehmen seine Marktstellung über Jahrzehnte systematisch ausgebaut hat – mit gravierenden Folgen für Verlage, Buchhandlungen und die Preisstruktur.

(Quelle: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/30-jahre-amazon-jeff-bezos-ein-schwieriges-kapitel-fuer-den-schweizer-buchhandel)

Dieser Trend dürfte sich weiter zuspitzen – vor allem dann, wenn Tech-Giganten wie Amazon oder Meta nicht nur Bücher vertreiben, sondern sie bald auch vollautomatisch und zu Minimalpreisen selbst herstellen.

Was nach dystopischer Fiktion klingt, ist in Wahrheit oft nur eine halbe Umdrehung von der Wirklichkeit entfernt. Stellen wir uns also folgendes Szenario vor: Geschichten, wie sie heute auf BookTok tausendfach gefeiert werden, stammen morgen aus einem KI-Modell – in Sekundenschnelle erzeugt, garniert mit dem passenden Wunschtitel. Maßgeschneidert, maximal gefällig. Schon dieser Gedanke ist verstörend – doch er wird noch unheimlicher, wenn man sich vor Augen führt, welchen ideologischen Weltbildern einige der mächtigsten Tech-Milliardäre anhängen: radikal-libertär, autoritätsnah, mit der Überzeugung, es gebe eine geistige wie genetische Hierarchie unter Menschen. Nicht selten bekennen sie sich offen zu rechter Politik – mal aus Kalkül, mal aus Überzeugung. Und wer über solche Macht verfügt, wird sie nutzen, wenn man ihn lässt.

Ich möchte mir nicht ausmalen, dass genau solche Denkhaltungen künftig unbemerkt in Texte einfließen, von Algorithmen verwoben – und als schleichendes Gift in unser Unterbewusstsein sickern, vorbei an jeder Form redaktioneller, literarischer oder ethischer Kontrolle.

Spätestens dann sind wir Lichtjahre entfernt von dem, was Denis Scheck unter Literatur versteht – ein geistiger Raum, der unsere Wut über den Zustand dieser Welt weckt.

Mehr als ein Konsumgut

Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendjemand so etwas freiwillig lesen will. Allerdings konnte ich mir vor Jahren auch nicht vorstellen, dass ich einmal auf einem Handy kurze Filmchen sehen würde, die so präzise auf meine Reize zugeschnitten sind, dass ich das Gerät kaum noch aus der Hand legen kann. Darum bin ich mir nicht sicher, ob es künftig überhaupt noch eine Rolle spielt, ob hinter einem Buch ein Mensch steht. Eine Randnotiz dazu: Audible, der zu Amazon gehörende Hörbuchdienst, hat kürzlich angekündigt, künftig auf KI-Stimmen zu setzen – statt wie bisher professionelle Sprecherinnen und Sprecher zu engagieren, die den Aufnahmen Leben und Gefühl verleihen. Da sage ich nur: Nachtigall, ick hör dir trapsen…

Wie also verändert sich unser Verständnis von Literatur, wenn Reiz, Reichweite und Wiedererkennbarkeit zunehmend über Inhalt und Sprache entscheiden? Wächst das Ungleichgewicht zwischen den E-Commerce-Giganten und dem unabhängigen Buchhandel weiter, wenn auch die letzte Bastion – das Geschriebene selbst – den Marktmechanismen und Algorithmen überlassen wird? Und haben Verlage, wie wir sie kennen und schätzen, dann überhaupt noch eine Zukunft?

Meine Überzeugung: Wenn die Lesekultur vor die Hunde geht – wenn immer weniger Menschen der Wirkung von Literatur noch Bedeutung beimessen, im Sinne Schecks: widerständig, erkenntnisträchtig, formbewusst –, dann steht nicht nur der Buchhandel am Abgrund. Dann steht es um etwas Grundsätzlicheres schlecht – um unsere Fähigkeit zur Reflexion, zur Einfühlung, zum demokratischen Diskurs. Literatur ist schließlich weit mehr als bloß ein Konsumgut im Sortiment. Sie ist ein Instrument der Aufklärung, ein Medium geistiger Selbstvergewisserung, ein Resonanzraum für komplexe Gefühle – und ein Bollwerk gegen die Parolen der Vereinfacher, Populisten und autoritären Verführer.

Wer Literatur auf Marktlogik reduziert, hat ihren Wert nicht verstanden.

Die entscheidende Frage lautet: Wie lässt sich in einer Zeit, in der wir durch gedankenloses Scrollen abstumpfen und geistige Anstrengung als Zumutung empfinden, die Lust auf anspruchsvolle Lektüre neu entfachen?

Sprache ein Bollwerk?

Zum Schluss eine kleine Anekdote:

Während ich an diesen Zeilen schrieb, kam mein ältester Sohn herein – zehnte Klasse am Gymnasium – und klagte über die aktuelle Schullektüre. Drei Kapitel müsse er lesen, und das Buch selbst sei „einfach nur schrecklich langweilig“. Als er mir verriet, um welches Buch es sich handelte, wäre ich beinahe vom Schreibtischstuhl gefallen: Patrick Süskinds Das Parfum.

Ich schluckte meine spontane Entrüstung herunter, setzte mich zu ihm und erzählte, warum mich dieser Roman einst so tief beeindruckt hatte. Wie sehr ich Süskinds Sprachgewalt bewundere – und, ja, ein wenig beneide. Wie mich Sinnlichkeit, Wahnsinn und die düstere Schönheit dieser Geschichte damals gepackt haben. Dann schlug ich vor, dass wir das Buch parallel lesen – jeder für sich, aber zur selben Zeit. Zur Einstimmung las ich ihm die ersten Seiten laut vor.

Ich will nicht behaupten, dass ihn seither glühende Begeisterung gepackt hätte. Er kämpft sich eher durch. Doch wenn wir über die Handlung sprechen, ist er mit Temperament dabei. Die Lektüre lässt ihn nicht unberührt. Und das ist ja schon mal etwas.

Aber was ich eigentlich erzählen wollte, ist dies: Als ich beim Vorlesen jene Passage erreichte – „… ja sogar der König stank, wie ein Raubtier stank er, und die Königin wie eine alte Ziege, sommers wie winters …“ –, veränderte sich etwas im Gesicht meines Sohnes. Erst hob er die Augenbrauen, dann grub sich ein Lächeln in seine Wangen.

In diesem Moment wusste ich: Jetzt hatte ihn das Buch am Haken.

Denn Sprache kann etwas. Manchmal sperrt sie sich, kostet Überwindung, fordert Konzentration, Aufmerksamkeit – und mitunter einen zweiten Blick, bis sie sich erschließt. Doch wenn man sich auf sie einlässt, ihr mit Geduld begegnet, geschieht etwas. Es öffnet sich eine Welt – erst zögerlich, dann mit wachsender Selbstverständlichkeit. Plötzlich trägt einen die Sprache durch die Seiten, zieht einen hinein in ein Leseabenteuer, das die Augen öffnet – und manchmal ein Leben lang begleitet.

Vielleicht gelingt der Zugang zu sprachlich gehaltvollen Bücher genau so: mit einem einzigen, gut gesetzten Satz, der etwas in uns zum Klingen bringt.

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6 Antworten

  1. Danke, Patrick Hertweck, danke, Denis Scheck! Ihr beide habt einem alten weißen Mann, 40 Jahre Deutschlehrer, 72 Jahre jung, seit 67 Jahren Leser, eine große Freude gemacht!
    Vorab: Ich schätze Autorinnen und Autoren gleichermaßen, nur muss der Text, egal ob Lyrik, Erzählung, Roman oder Drama, gut sein, mir gefallen. Ich weiß nicht, wie viele Bücher ich mein eigen nenne – meine Frau sagt: viel zu viele! – aber ich habe in meinem Leserleben tausende von Büchern gelesen, manche verschlungen (Grass, Brecht, Thomas Bernhard, Patrick Süskind u.v.a.), manche erlitten (klassisch: Pawel Huelle – Das letzte Abendmahl). Und im Dachgeschoß schlummern Hunderte SF- und Phantasie-Werke, darunter natürlich auch von Ursula K. Le Guin. Aber in diesem Genre ist Ray Bradbury mein absoluter Favorit.
    Zum Äußeren: Die Farbschnitte der einschlägigen Community-Literatur schocken mich in der Buchhandlung immer wieder. Früher (‚alter weißer Mann‘) sammelte ich TB-Kataloge, dtv war neben Diogenes mein Lieblingsverlag, ich schätzte von früher Jugend an die weißen TB mit den Titel-Vignetten von Celestino Piatti. Und heute: Nur noch Einheitskram incl. der aufwändigen Farbschnitte – unterm Strich aber langweilig und wohl nur für die Community zu Sammlerstücken hochzustilisieren. A propos: Früher ’schätzte‘ man eine Autorin/einen Autor bzw. war ein ‚Fan‘ von … Heute ist man Teil einer Community, einer literarischen Peer-Group, und findet alles Mega, was die Community Mega findet.
    Und ein weiteres Outing: Mit 13 lag ich sechs Wochen auf einer internen Isolierstation, und in meiner Verzweiflung las ich etwa drei Tage lang 10-12 Jerry-Cotton-Romane, Western und Perry-Rhodan. Danach war ich kuriert und war froh, dass ich „Die Blechtrommel“ in die Finger bekam.
    Im November 1979 stand an der Seminarschule die 1. Lehrprobe an, Grundkurs Deutsch d12, Thema „Bestseller“, mit ‚Aufstellern‘ aus der Buchhandlung und vielen Beispielen. Wie würde diese Lehrprobe wohl heute aussehen?
    Aber: Ich besitze und liebe eine Prachtausgabe von Tolkiens „Der Herr der Ringe“ in der Übersetzung von Wolfgang Krege, knallrotes Buchleinen, roter Farbschnitt – eben die Prachtausgabe der Cotta’schen Buchhandlung. Darin spielt auch ein grausiger Drache mit – aber dieses Jahrhundertwerk ist frei auch nur von Spuren von „Drachenscheiße“.
    Nochmal Danke an die Herren Hertweck und Scheck – gut, dass es euch gibt!

    1. Lieber Patrick Hertweck,
      es macht Spaß zu lesen, was Sie über die LeserInnen von heute denken. Sie sind nicht arrogant, sondern tatsächlich besorgt und so hoffnungsvoll, wenn Ihr Sohn auf die „stinkenden Könige“ reagiert. Aber was, wenn ein Kind keine Eltern hat, die zur Kenntnis nehmen, wie es um die Lesefreude ihrer Kinder bestellt ist? Ich fürchte, das trifft viele Kinder: uninteressierte Eltern.
      Und vor allem, Sie setzten mit Ihrem Text bei den Jugendlichen an. Das ist aber nicht sinnvoll, denn LESEN fängt spätestens mit der Geburt an. Ich habe fast 60 Jahre mit Kinderbüchern gearbeitet, als Buchhändlerin, 1974/75 als Assistentin von Jochen Gelberg im Verlag, ich habe mein Studium der Kinderliteratur gewidmet und ich habe in meinem Leben über 4000 Vorträge bei Elternabenden in Kindergärten und Schulen gehalten, auch 12 Jahre lang für Libri Buchhändler-Seminare gemacht. Alles in Auseinandersetzung mit der Frage: was sind sinnvolle Kinderbücher. Resultat: es fängt mit den Pappbilderbüchern an. Wenn Kinder hier mit den Büchern versorgt werden, in denen sie selber schon lesen können…wenn Sie mögen dann schauen Sie unter „leseleben.de“ nach, da können Sie erfahren, welche Bücher für Kinder schon im Krabbelalter lesbar sind und was das meint. Und es geht kein Weg daran vorbei: entweder sie erfahren hier, dass Lesen, dass Bücher für ihr Leben eine unendliche Bereicherung sind, oder es wird je später, je mühsamer Kindern zu vermitteln, dass Menschen die nicht lesen durchaus, wenn sie viel Glück haben, ein angenehmes Leben führen können. Dass aber jedes Buch eine neue Welt für sie bieten kann, darauf müssen sie dann verzichten. Von Bildung, Kultur, Reisen in Länder, die es gar nicht gibt, ganz zu schweigen. Wenn sie Pech haben, dann laufen sie ein Leben lang billigen Ideen hinterher und wissen nichts davon, dass man nur von anderen Menschen lernen kann, die Kunst in Wort, Bild und Musik mit Ihrem Publikum teilen.
      Ihrem Sohn würde ich viele Bücher empfehlen können…probieren Sie doch mal von Gary Paulsen: Allein in der Wildnis – oder von Lorenz Pauli: Der beste Notfall der Welt…dazu gibt es eine Originalrezension eines 12 Jährigen, der über den Titel stolperte…wie kann ein Notfall ein bester sein? und wie können Jungs, die sich nicht leiden können doch beste Freunde werden…
      Viel Freude beim LESEN und über das Gelesene mit Ihrem Sohn sprechen
      wünscht Ihnen Gabriele Hoffmann

  2. Hallo Patrick Hertweck,
    ich habe ihre beiden Beiträge gelesen und verstehe Ihre Bedenken und teilweise auch berechtigte Angst.
    Ich lese selbst hin und wieder gern NA und dachte ich melde mich hier mal zu Wort.
    Das klassische New Adult handelt von jungen Frauen, die nach der Schule ihren Weg finden, sei es im Studium, in der Ausbildung oder sonst wo. Dazu kommt dann die erste oder zweite Beziehung und ja dann auch eine Spicy Szene. Auch in späteren New Adult Büchern, in denen die Protagonisten beruflich schon etwas weiter sind und dann weitere Beziehungen führen, zeigen den Weg einer jungen Frau. Daran ist erstmal nichts verwerfliches. In den Spicy Szenen geht es primär um die Lust der Frau und ich finde es ist nichts schlechtes daran, dass junge Frauen auf diese Weise aufgeklärt werden können. Denn ganz ehrlich in der Schule lernt man das nicht. (Mal im Verhältnis die meisten Bücher besitzen Spice mit 20 Seiten maximal 50 Seiten und das ganze Buch hat 600 Seiten und dennoch wird bei Kritik oft nur auf dieses Thema eingegangen.)
    Die Entwicklung, die es aktuell genommen hat, auch mit den steifen Tropes die erfüllt werden müssen, finde ich auch etwas schade. Mir persönlich verraten die Tropes nämlich viel zu viel.
    Aber ich finde das neue Sub-Genre Romance-Suspence sehr interessant, da geht es meist um eine ursprünglich gute/glückliche Beziehung, die ungesunde Züge annimmt. Und ja, man liest es eher zur Entspannung abends auf der Couch oder im Bett, aber man darf nicht vergessen, was primär junge Frauen aus diesem Buch unbewusst oder bewusst herausnehmen. Vielleicht erkennen diese Frauen in ein paar Jahren schneller, wenn ihre Beziehung ungesunde Züge annimmt und sie so schneller und besser aus der Situation wieder herauskommen. Diese Bücher geben (trotz mehr oder weniger Spice) jungen Menschen sehr viel.

    Was das Thema Marktsättigung angeht: Ich kann es auch beobachten, dass das ganz klassische NA/YA langsam diese Grenze erreicht. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die aktuelle Leserschaft, die auf SocialMedia auch unterwegs ist, auch älter geworden ist und nun Geschichten über Protas in ihrem Alter lesen wollen. Und der ein oder andere Verlag reagiert da schon drauf. Schauen Sie sich mal das neue Imprint Pola von Bastei Lübbe an. Ich finde das ist ein sehr schöner Weg, um so die ursprünglichen NA Leser*innen an die Literatur heranzuführen. Ich finde es ist wichtig, die Leser*innen die jetzt in dem NA Alter sind, zum Lesen dieser Bücher zu bekommen. Die die schon älter sind, werden sich dann hoffentlich andere Bücher suchen. Denn ich glaube es ist wichtig zu erwähnen, dass NA vor allem etwas über das Alter der Protagonist*innen und der Leser*innen aussagt. Die Geschichten sind alle im Alter von 16 bis 30. NA deckt einen Markt den es früher nicht gab, nämlich: Zwischen Jugendbuch und Erwachsenen Literatur. Deshalb glaube ich nicht, dass die aktuelle Leserschaft die nächsten 20 Jahre diese Bücher lesen wird. Wir brauchen eine offenere Kultur um diesen Leser*innen zu zeigen, dass es andere tolle Genre für sie gibt, wenn sie dann älter werden. Das Treten/“bashen“ der einzelnen Genre nützt uns garnichts, eher das man anfängt zukünftige Leser*innen von Literatur zu verprellen, weil man ihnen vorwirft, dass sie vorher nichts vernünftiges gelesen hätten.
    Sie erwähnen das Krimi und Thriller Genre, dass ist meiner Meinung nach doch auch „nur“ ein Unterhaltungsgenre und dieses hat doch auch seine Daseins Berechtigung, warum dann nicht auch andere?

  3. Toll, dass sich mal ein Gastautor einen langen, komplexen Beitrag leistet, der eine Menge Themen anpackt und mit vielen sehr klugen Beobachtungen und Überlegungen behandelt. Blibt die Frage nach dem Huhn und dem Ei: Müssen die Verlage andere Stoffe anbieten und also ihrerseits nachfragen? Müssen die Buchhandlungen andere Stoffe nachfragen? Und was bedeutet das für die Autorinnen und Autoren: Jetzt wieder auf mehr Originalität setzen, statt auf das „sichere Pferd“ der rollenden Welle? Wer muss die Impulse geben?
    Letztlich wird es so sein, wie es immer ist: Die Welle wird ausrollen – und irgendwann kommt eine andere. Für den Moment müssen wir gut aufgestellt sein. Mit tollen Ideen, starken Texten, dem Mut, etwas Neues auszuprobieren. Und natürlich dem nötigen Quentchen Glück.
    Allen, die jetzt Freude an Büchern entdeckt haben, weil sie sie -und sei es nur als Objekte – so mögen, sei zugerufen: Es gibt noch viel mehr zu entdecken! Grandiose Heldinnen und Helden, wundervolle Erzählstimmen, lebensverändernde Geschichten! Augen auf und rein ins Vergnügen!

  4. Die Richtigkeit der vorgestellten Diagnose der literarischen Qualität der Romantasy- und New Adult-“Literatur“ und der literarischen Ergüsse von Leuten, deren einziges Verdienst es ist, ihr Gesicht im Fernsehen gezeigt haben zu dürfen und damit in die Gilde der „ Promis“ aufgestiegen zu sein, steht außer Frage. Und daß diese Art von Schriften inzwischen den größten Teil des Buchmarktes dominiert, ist auch jedem klar, der sich schon mal an den Wühltischen am Eingang der großen Buchhandlungen vorbeigezwängt hat. Nur in einem Punkt möchte ich etwas einwenden: Daß der äußeren Gestaltung der Bücher von Teilen der „ Community“ soviel Bedeutung beigemessen wird, ist nichts Schlechtes und nichts Neues. Schon im 18., vor Allem aber im 19.Jahrhundert spielte das äußere Erscheinungsbild von Büchern eine Rolle. Damals gab es die renommierten „ Pressen“ wie z.B. „ Bremer Presse“, „Ludwigspresse“ und etliche weitere, die aufwändig gebundene, aus edlem handgeschöpftem Büttenpapier hergestellte Exemplare mit Goldschnitt und goldenen Initialen der einzelnen Kapitel versehene Bücher herstellten ( „getrüffelte“ Exemplare) und teuer verkauften.
    Ein Buch kann eben auch visuellen und haptischen Genuß bieten. Vielleicht ist es auch nur ein Fetisch auf hohem Niveau? Auch das ist nichts Schlimmes.
    Für mich ergeben sich aus Patrick Hertwecks diagnostischem Befund Fragen :
    1. Ist dieser immense Zuwachs an Zuspruch für diese „ Literatur“ ein isoliertes Phänomen oder ist er als Teil und Ausfluß einer gesellschaftlichen Entwicklung zu sehen, die viele, vielleicht sogar alle Bereiche unseres Lebens erfasst hat?
    2. Ist er schädlich?
    3. Wenn ja, für wen?
    4. Lässt er sich beeinflussen?
    5. Ist es überhaupt sinnvoll, ihn beeinflussen zu wollen?
    1.Frage : Ist dieser immense Zuwachs an Zuspruch für diese „ Literatur“ ein isoliertes Phänomen oder ist er als Teil und Ausfluß einer gesellschaftlichen Entwicklung zu sehen, die viele, vielleicht sogar alle Bereiche unseres Lebens erfasst hat ?
    Der gesamte gesellschaftliche Diskurs geht seit Jahren aus der Tiefe an die Oberfläche. Die Aufmerksamkeitsspanne geht flächendeckend gegen Null. Beispiele: Die politische Auseinandersetzung und die Meinungs- und Willensbildung finden heute vorwiegend im Fernsehen statt. Noch vor wenigen Jahren gab es dort Interviews eines Günther Gaus und Kollegen, die in die Tiefe gingen. Sie ließen ihren Gesprächspartner nicht mit Worthülsen und vorgestanzten Formulierungen entwischen, sondern bohrten wie ein Zahnarzt an der Stelle , wo es wehtut. Wenn man sich heute die Talkshows von Lanz, Maischberger, Illner und Konsorten, oder die Vorwahlkampfsendungen ( alle vier Jahre „ Bürger fragen, dürfen aber nicht nachfragen“ ) ansieht, kommen einem die Tränen: Ausweichen, Fragen beantworten, die gar nicht gestellt wurden, ins Wort fallen. Nächstes Beispiel: Diskussionen in den sozialen Medien ( In Wirklichkeit sind es ja asoziale Medien) : Austausch von Beleidigungen. Nächstes Beispiel, besonders besorgniserregend: Diskussionen im privaten Kreis, in Familie, beruflichem Umfeld, Bekanntenkreis.“Heikle“ Themen werden ausgeklammert, oder aber diejenigen, die im Mainstream liegen, führen das grosse Wort, pflügen die Minderheit unter, diese zieht sich verbittert zurück und wählt aus Rache AfD ( „ man darf ja nicht mal mehr sagen, daß…..“ )
    2.Frage : Ist diese gesellschaftliche Entwicklung schädlich?
    Diese Entwicklung, die natürlich auch den Literaturbetrieb erfasst hat ( was hat sie denn nicht erfasst? ) ist zweifellos schädlich, denn sie polarisiert und gefährdet den Grundkonsens und die Kompromissbereitschaft, die Grundpfeiler freiheitlicher demokratischer Gesellschaften. Wir können ja diesen Prozess des Vormarsches von Oberflächlichkeit, Intoleranz und Faschismus in Echtzeit verfolgen, dazu genügt ein Blick auf die Schlagzeilen der Tagespresse.
    3.Frage: Für wen ist diese Entwicklung schädlich?
    Diese Frage ist trivial, und leicht zu beantworten: Für uns alle, vor Allem aber für unsere Kinder und Enkelkinder. Im Speziellen ist sie jeweils für einzelne Gruppen schädlich, in unserem Fall für die Autoren, die sich dem Trend der Verflachung widersetzen
    4.Frage : Lässt sich diese Entwicklung beeinflussen?
    Nein, allenfalls im mikroskopisch kleinen Bereich der individuellen Wirkung im Privaten. Es handelt sich um globale Entwicklungen, die sich nicht vorhersehen, nicht verhindern und nicht bremsen lassen. Die Stellungnahme von Denis Scheck, dessen Stimme immerhin Gewicht hat, wird nicht einmal im engen Raum des Literaturbetriebs irgendwelche Wirkung haben. Die Digitalisierung und die Entwicklung des Internets, welche die unheilvolle , von Patrick Hertweck exemplarisch für den Literaturbetrieb beschriebene Wirkung ursprünglich verursacht haben, kamen wie ein Tsunami über uns. In der Geschichte der Menschheit gab es schon einmal eine ähnliche Entwicklung, die zwar deutlich langsamer, aber ähnlich tiefgreifend eine radikale Zeitenwende verursacht hat : Die Erfindung des Buchdrucks. Damals dauerte es noch Jahrhunderte, bis die bestehende Gesellschaftsordnung auf den Kopf gestellt war, indem Klerus und Adel ihre absolute Vormachtstellung verloren, die gegenwärtige, oben beschriebene Entwicklung brauchte nur Jahrzehnte . Wenn man sich die Entwicklung der künstlichen Intelligenz ansieht, gewinnt man den Eindruck, dass die nächste Zeitenwende nur noch Jahre entfernt ist.
    5.Frage : Ist es sinnvoll, diese Entwicklung beeinflussen zu wollen ?
    Aus den obigen Ausführungen ergibt sich mit logischer Konsequenz : „ Nein“. Wer es versucht, weckt nur Aggressionen und Widerstand ( im konkreten Fall: „ Shitstorms“ ) und bewirkt so allenfalls das Gegenteil des Beabsichtigten. Auf den speziellen Fall des Literaturbetriebs bezogen: Denis Scheck und Patrick Hertweck laufen Gefahr, sich in der Rolle des Hundes, der den Mond anbellt, wiederzufinden.
    Also resignieren? Widerstand leisten, auf Gefahren hinweisen hilft, zwar nur dem Warner selbst, aber das ist ja auch schon was. Was auch hilft, ist die Gewißheit, daß die Zukunft nicht das bringt, was aus heutiger Sicht naheliegt. Zukunft ist etwas anderes als die Extrapolation der Vergangenheit über die Gegenwart hinaus. Vor wenigen Jahren wurde der Tod des Buches vorausgesagt, es kam aber ganz anders, das Buch lebt, wenn auch nicht das Buch, das wir uns wünschen. Und die Leser, die hochwertige Bücher kaufen, gibt es immer noch, sie sind wohl auch nicht weniger geworden, nur sind eben die anderen, die die uniforme Massenware kaufen, mehr geworden. Und im Übrigen: Die sachlich wohlbegründete Klage über die Verflachung des Niveaus auf dem Buchmarkt hat auch einen materiellen Hintergrund: Die Verfasser anspruchsvoller, seriöser Literatur sind zurecht frustriert darüber, daß die Geldströme des Kulturbetriebs an ihnen vorbeifließen. Das gilt auch in ähnlicher Weise für den Bereich der Musik. Aber: Noch nie in der Geschichte der Menschheit konnten Künstler von den Ergebnissen Ihrer Tätigkeit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Entweder hatten sie Einkünfte aus anderer, oft überaus profaner Tätigkeit, oder sie wurden von Adel oder Kirche in irgendeiner Weise „gesponsert“, waren also letzten Endes Almosenempfänger. Das trifft sogar auf Giganten wie Goethe, Schiller oder Hölderlin zu. Erst im 20.Jahrhundert änderte sich das, aber auch heute ist der Zugang zu den Fleischtöpfen den „gepushten“ Mainstream- Künstlern und einigen wenigen Superstars vorbehalten.

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