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Menschliche Bücher in Zeiten der KI

Josia Jourdan (Foto: privat)

Josia Jourdan gehört zu den profiliertesten jungen Stimmen der Schweizer Buchszene. Mit 14 Jahren betrieb er den meistgelesenen Buchblog des Landes, heute ist er Autor des Essaybands Fehlfunktion und schreibt u. a. für die ZEIT, das NZZ am Sonntag Magazin und den Tagesspiegel. Er hat die Schweizer Buchbranche in digitalen Strategien und auf BookTok begleitet. Bei BuchMarkt veröffentlicht er seine monatliche Kolumne „Josias Branchenblick“. Im Oktober geht es um eines der wichtigsten Themen der Gegenwart: KI.

Auf BookTok gibt es kaum ein Thema, das für so viel Aufregung sorgt wie der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Buchbranche. Sobald bekannt wird, dass ein großer Verlag Cover, Klappentexte oder gar ganze Passagen mithilfe von KI erstellt hat, folgen empörte Reaktionen. Für viele junge Leser:innen wirkt es wie ein Verrat: ausgerechnet dort, wo sie Echtheit und Nähe suchen, sollen plötzlich Algorithmen die Arbeit übernehmen.

Die Ablehnung ist deutlich: Sie wollen keine KI-Bücher, sondern menschliche Stimmen. Stimmen, die unvollkommen, subjektiv und unverwechselbar sind. Das Überraschende ist dabei: Gerade im digitalen Raum, der von Automatisierung geprägt ist, wächst der Wunsch nach dem Gegenteil: nach Büchern, die spürbar von Menschen geschrieben wurden.

Aber dieser Wunsch ist an Bedingungen geknüpft. Denn wenn die sprachliche Qualität menschlicher Werke sinkt, wenn Verlage beliebige Geschichten oder glatte Texte veröffentlichen, dann kann eine Maschine das genauso gut. Oder besser. KI stellt die Branche damit vor ein Paradox: Nur wenn Literatur Anspruch, Haltung und echte Perspektiven bewahrt, bleibt sie unersetzbar.

Gleichzeitig sehe ich: Ein großer Teil meiner Generation nutzt KI längst. Nicht, um Romane am Fließband zu produzieren, sondern als Sparringpartner. Für Reflexion, zum Sortieren von Gedanken, manchmal sogar, um Dinge auszusprechen, die man sonst niemandem anvertraut. KI wird nicht nur Werkzeug, sondern auch Gegenüber… eine seltsame, aber alltägliche Intimität.

Für die Buchbranche heißt das: Die Angst vor dem Ersatz ist nur ein Teil der Debatte. Genauso wichtig ist die Frage, wie wir mit Transparenz umgehen. Wenn KI in Prozessen vorkommt – bei Übersetzungen, im Marketing, im Lektorat – dann muss das klar gekennzeichnet sein. Ehrlichkeit schafft Vertrauen, Heimlichkeit zerstört es.

Die eigentliche Chance liegt aber woanders. KI zwingt uns, genauer hinzusehen, was wir an Literatur wirklich schätzen. Ist es die perfekte Handlung? Die makellose Sprache? Oder nicht vielmehr die Haltung, die Unvollkommenheit, die Resonanz einer echten Stimme?

Vielleicht ist genau das die Aufgabe der kommenden Jahre: Bücher als bewussten Gegenentwurf zu einer Welt zu positionieren, in der alles jederzeit generiert werden kann. Nicht schneller, nicht billiger, nicht gefälliger – sondern menschlicher.

Josia Jourdan

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Eine Antwort

  1. Der Wunsch, die Literatur von KI freizuhalten, kann ich sehr gut nachvollziehen. Wir haben deshalb gemeinsam mit Lektor:innen, Übersetzer:innen und Grafiker:innen die Initative „AI-free Media“ gegründet (siehe gleichnamige Webseite), damit Kreative für ein Werk eine Selbstverpflichtung zu KI-Freiheit abgeben und ein Zertifikat erhalten können.

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