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Patrick Hertweck: Die Kolonisierung der Köpfe – warum Bücher das Bollwerk unserer Freiheit sind

Patrick Hertweck (Foto: privat)

Der Kinderbuchautor Patrick Hertweck sorgt sich angesichts der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen um Fantasie, Freiheit und Demokratie und erläutert, warum Bücher dagegen halten müssen und können.

Lesen war einmal die Grundlage kritischen Denkens. Heute bestimmen Algorithmen, was wir sehen, glauben und wichtig finden. Smartphones lenken unsere Aufmerksamkeit und mit ihr unsere Weltsicht. Eine kleine Schicht aus digitalen Eliten und Investor:innen formt so mit Milliardenkapital und globaler Medienmacht die nächste Generation. Höchste Zeit, dass wir entschlossen gegensteuern und das Lesen von Literatur wieder als Quelle unserer Freiheit begreifen.

Wie aus Langeweile Lesen wurde

Es hat nicht viel gefehlt, und ich wäre nie ein Leser geworden. Meine Eltern stammen aus einfachen Verhältnissen und arbeiteten hart. In ihrem Alltag gab es kaum Platz für Bücher. Für Unterhaltung sorgten vor allem Samstagabendshows und die Sportschau. Geblättert wurde hauptsächlich in der regionalen Tageszeitung, der Fernsehzeitschrift und im Otto-Versandkatalog. Meine Portion an erfundenen Geschichten bekam ich über Vorabendserien und Hörspielkassetten.

In den Sommerferien 1980 oder 81 waren alle meine Freunde mit ihren Eltern im Urlaub. Es regnete ununterbrochen. In den drei TV-Sendern, die es damals gab, liefen nichts als öde Tierdokus und Wiederholungen.

So hockte ich in meinem Zimmer und blies Trübsal, während mich eine tödliche Langeweile quälte. Als ich die nagende Unruhe nicht mehr aushielt, griff ich aus reiner Verzweiflung nach einem Buch im Regal. Anfangs schweiften meine Gedanken ab und der Sinn der vielen Worte erschloss sich mir nur schwer. Doch ich blieb dran.

Und dann passierte das, was ich heute als die Magie des Lesens bezeichnen würde. Ohne dass ich es merkte, versank ich immer tiefer in der Geschichte. Über vierzig Jahre später trage ich die Szenen und Bilder jener Geschichte noch immer in mir, als hätten sie sich damals unauslöschlich eingebrannt.

Vom Lesen zur Reizschleife – wie uns Smartphones die Vorstellungskraft nehmen

„Das Internet scheint meine Konzentrations- und Denkfähigkeit zu untergraben. Ob ich online bin oder nicht, mein Verstand erwartet Informationen mittlerweile so aufzunehmen, wie das Netz sie verteilt: als einen rasenden Strom von Partikeln.“ – Nicholas G. Carr, „Die Oberflächlichkeit: Was das Internet mit unserem Gehirn macht“

Würde ich heute als Kind in der gleichen Situation wieder nach einem Buch greifen? Ich befürchte nicht. Denn heute wäre ich nicht mehr auf das überschaubare Fernsehprogramm angewiesen. Auf Streamingdiensten wie Netflix, Amazon Prime oder Disney Plus stehen rund um die Uhr abertausende Filme und Serien parat und laden zum endlosen Bingen ein. Vermutlich hätte ich auch eine Spielekonsole, die mich stundenlang beschäftigen würde. Und natürlich ein Smartphone, immer griffbereit.

Ein einziger Blick darauf, und meine Aufmerksamkeit wäre gebunden. Ganz ohne eigenes Zutun. Eine unaufhörliche Abfolge von Bildern und Clips würde mich in ihren Bann ziehen. Es wäre ein Leichtes, mit meinen Freund:innen in Kontakt zu treten, egal wo sie sich gerade in der wirklichen Welt aufhalten.

Beim Scrollen und Liken würde ich sicher die Zeit vergessen und mit jedem Wischen auch jede Langeweile und das leise Klopfen der Einsamkeit in mir.
Wenn man liest, entstehen die Bilder nicht vor den Augen, sondern im Kopf. Schrift und Fantasie verbinden sich, und aus Worten wächst eine Welt, die nachhallt, weil sie in einem selbst entsteht.

Aber was ist mit den Bildern, die in ununterbrochener Folge über das Smartphone in unser Gehirn gespült werden? Bleibt irgendetwas davon so bestehen wie die Eindrücke eines Leseabenteuers?

Stille, Tiefe, Denken – was uns das Scrollen raubt

„Jedes Mal, wenn ich auf mein Handy schaue, spiele ich am einarmigen Banditen, um zu sehen: Was habe ich diesmal bekommen? Das ist eine Methode, um den Geist der Menschen zu kapern und Gewohnheiten zu erzeugen, um Abhängigkeit zu formen.“ – Tristan Harris, Center for Humane Technology

Die Antwort liegt auf der Hand. Während ein Buch in uns nachklingt, verpuffen digitale Reize im Moment ihres Erscheinens. Was bleibt, ist eine Leere und die rastlose Sehnsucht nach dem nächsten Impuls.

Ich will das Smartphone nicht verteufeln. Es ermöglicht den ständigen Zugang zu Informationen, Wissen und Vernetzung. Doch es verändert auch die Art, wie Kinder denken, wahrnehmen und sich konzentrieren – und zwar rapide. Wer keine Langeweile mehr aushält und sich permanent in Reizketten bewegt, verliert die Fähigkeit zur Stille, zur Selbsttätigkeit und zum Nachdenken.

Wissenschaftliche Studien zeigen: Schon die bloße Anwesenheit eines Smartphones verringert unsere Denkleistung. Wer sich daran gewöhnt, ständig Medien parallel zu nutzen, verliert zudem die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Auch das Verständnis längerer, inhaltsreicher Texte ist auf dem Bildschirm signifikant schlechter als auf Papier. Wer nicht mehr tief liest, dem fällt auch das tiefere Denken schwer.

Und während hinter den Bildschirmen längst die Zukunft programmiert wird, zeigt sich die Gegenwart bei unseren Kindern: Seit zehn Jahren lese ich an Schulen. Lehrkräfte berichten immer häufiger, wie schwer es vielen Kindern fällt, beim Vorlesen zuzuhören oder eigene Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Auch ich erlebe das als Vater von drei Söhnen. Mein Jüngster war eines von nur wenigen Kindern in seiner Grundschulklasse ohne Handy. Wenn Freund:innen zu Besuch kamen, wurde kaum noch gespielt, sondern gescrollt.

So geraten Kinder in die Fänge jener Dopaminfänger:innen, die gezielt neuronale Belohnungszentren aktivieren, um Aufmerksamkeit in Profit umzuwandeln. Jeder Wisch, jedes Like, jeder impulsive Fingertipp löst einen kleinen wirkungsvollen Dopaminschub aus, um Nutzer:innen zu binden. Stunde um Stunde in digitalen Welten wächst der Einfluss jener, die diese kontrollieren.

Ich erzähle hier natürlich nichts grundlegend Neues. Die Folgen digitaler Dauerberieselung sind gut untersucht. Viele Studien belegen inzwischen den Rückgang von Konzentration, die sinkende Fähigkeit zum vertieften Denken, den Verlust innerer Vorstellungskraft und die wachsende emotionale Abhängigkeit von Reizen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen.

Doch aus meiner Sicht greifen Befunde zu kurz, wenn sie nur als Begleiterscheinungen gedeutet werden. Ich bin überzeugt: Diese Entwicklungen sind nicht bloß marktwirtschaftlich motiviert. Vielmehr bilden sie die Grundlage für etwas Größeres – und weitaus Gefährlicheres. Worum es dabei auch geht, führe ich im Folgenden aus.

Wenn Algorithmen mehr wissen als wir – und lenken, was wir denken

„Facebook könnte bereits gewonnen haben und das würde das Ende der Demokratie in diesem Jahrhundert bedeuten. Es ist möglich, dass wir diesem System aus Paranoia und Tribalismus, das auf Profit beruht, nicht mehr entkommen können. Es ist einfach zu mächtig und wird alles auseinanderreißen. Am Ende bleiben wir in einer Welt von Oligarchen und Autokraten zurück.“ – Jaron Lanier, Informatiker

Während junge Menschen zunehmend die Fähigkeit verlieren, längere Texte zu erfassen oder selbstvergessen in Geschichten zu versinken, wächst der Einfluss jener, die digitale Inhalte kontrollieren. Algorithmen in den sozialen Netzwerken wie Instagram, X oder TikTok spalten uns in digitale Stämme auf. Empörung und Zugehörigkeit werden wichtiger als Fakten. So entstehen Echokammern, in denen sich Misstrauen, Angst und Hass verstärken. Für viele besteht ein immer größerer Teil des digitalen Alltags aus sogenanntem Doomscrolling, dem zwanghaften Konsum negativer Nachrichten, der nicht informiert, sondern erschöpft, stresst und den Blick für das Wesentliche vernebelt. Es fällt immer schwerer zu unterscheiden, was relevant ist und was bloße Stimmungsmache. Welche Probleme unsere Freiheit, unsere Existenz und unseren Wohlstand tatsächlich bedrohen und welche nur aufgebauscht sind, um uns abzulenken. So verlieren wir das Gespür dafür, was uns als Gesellschaft wirklich betrifft.
Im Zentrum dieser Entwicklung stehen Kinder und Jugendliche. Für sie verlieren Zeitungen, Bücher und seriöse Nachrichten dramatisch an Bedeutung. Eine deutsche Studie zeigt: Menschen über 65 lesen im Schnitt 54 Minuten täglich. 18 bis 29-Jährige hingegen nur noch elf Minuten. Zugleich verbringen laut einer aktuellen Erhebung Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren inzwischen durchschnittlich rund vier Stunden und 15 Minuten pro Tag an ihrem Smartphone.

Wer die Jugend kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Deshalb werden Kinder und Jugendliche zum Hauptangriffsziel dieser digitalen Macht. Angesichts ökologischer Zerstörung, drohendem Klimakollaps, wachsender sozialer Ungleichheit und der Umwälzungen in Bildung und Arbeitswelt müsste die nächste Generation laut werden und für ihre Zukunft eintreten. Doch stattdessen steht zu befürchten: Ein Großteil der Heranwachsenden wird betäubt auf Bildschirme starren, statt hinter die Dinge zu blicken; die Meinung für Wahrheit halten, Zustimmung für Denken, und nicht bemerken, dass sie von unsichtbaren Kräften gesteuert wird.

Mark Zuckerberg treibt das Prinzip der Abhängigkeit auf die Spitze. Wenn es nach ihm geht, sollen künftig KI-Bots reale Freund:innen ersetzen. Was wie ein düsteres Science Fiction-Szenario klingt, folgt einer durchtriebenen Marktlogik: Einsamkeit wird gezielt forciert und in Abhängigkeit verwandelt. Wir werden gläsern und berechenbar und selbst unsere intimsten Innenwelten zur Ware.
Und hier zeigt sich die zentrale These: Die Folgen digitaler Dauerberieselung sind keineswegs nur Nebenwirkungen. Sie bilden das Fundament unserer Manipulierbarkeit. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass hinter den Algorithmen Kräfte stehen, die nichts Geringeres im Sinn haben als die Kontrolle über unsere Gedankenwelt und letztlich die Aushöhlung unserer demokratischen Ordnung.

Wie die Herren der Plattformen das Narrativ der Nachrichten übernehmen

„Sechs Unternehmen besitzen alle Algorithmen, die wir benutzen. Sie entscheiden, was wir sehen und was wir nicht sehen. Und sie haben sich letztlich aus rein kapitalistischen Gründen dafür entschieden, dass es sich auszahlt, wenn wir uns gegenseitig hassen. Wut bringt Gewinne.“ — Reshma Saujani, US-amerikanische Anwältin und Autorin

Wem gehören die digitalen Welten, die unseren Alltag bestimmen? Die Hebel zentraler Plattformen liegen heute in den Händen dreier Männer: Mark Zuckerberg, Elon Musk und Larry Ellison. Im Hintergrund agieren Finanziers wie Peter Thiel, Marc Andreessen und David Sacks. Sie bündeln Plattformen, Medien, Künstliche Intelligenz und digitale Infrastrukturen zu einem Machtkomplex, der sich demokratischer Kontrolle entziehen will und auf Verhaltenssteuerung, Überwachung und politische Einflussnahme setzt. Was Rupert Murdoch mit Fox News begann, wird nun algorithmisch perfektioniert. Eine Schlüsselrolle spielt die rechtskonservative Familie Ellison. Mit Milliardenkapital greift sie gezielt in Nachrichteninhalte ein. David Ellison formt mit Skydance Media den US-Konzern Paramount Global um und richtet die Nachrichtensparte CBS News politisch neu aus. Liberale Inhalte verschwinden, stattdessen dominiert ein „anti-wokes“ Narrativ. Nächster geplanter Erwerb: Warner Bros. Discovery mit Zugriff auf CNN und HBO. Beobachter:innen befürchten, dass auch diese Sender künftig eher den Mustern von Fox News folgen als unabhängigem Journalismus. Auch die Film- und Serienproduktion von Warner könnte sich dann stärker auf nationalistische Heldenepen und klischierte Feindbilder konzentrieren, statt auf Menschenschicksale, innere Konflikte und komplexe Identitäten.

Gleichzeitig steht die Übernahme von TikTok durch ein Trump-nahes Investor:innenkonsortium unter Larry Ellisons Führung im Raum. Auch hier könnten Algorithmen bald gezielt rechtspopulistische Inhalte fördern.
Zuckerbergs Meta zieht sich mit Facebook, Instagram, Threads und WhatsApp aus der Faktenprüfung zurück, investiert Milliarden in KI und orientiert sich zunehmend an autoritären Kräften.

Elon Musk hat mit X (ehemals Twitter) eine zentrale Plattform in ein Radikalisierungsinstrument verwandelt: Rechtsextreme Gruppen haben dort massiv an Reichweite gewonnen. Musk selbst unterstützte Trumps Wahlkampf mit über 250 Millionen Dollar und nutzt X, um Verschwörungserzählungen zu verbreiten und demokratische Institutionen gezielt zu untergraben. Auch in Deutschland profitieren rechte Parteien wie die AfD zunehmend von dieser Dynamik: Studien zeigen, dass Algorithmen bei X und auch TikTok junge Wählergruppen gezielt mit AfD-Inhalten in Berührung bringen.

Jeff Bezos kontrolliert nicht nur die Washington Post, sondern mit Prime Video, Twitch, GoodReads, und weiteren Diensten große Teile der modernen Mediennutzung. Über AWS dominiert Amazon zusätzlich zentrale digitale Infrastrukturen wie Cloud-Services und Datenverarbeitung.

Über allem stehen Larry Ellison und Peter Thiel. Mit Oracle und Palantir kontrollieren sie sicherheitsrelevante Infrastruktur: von staatlichen Cloudregionen über militärische Netzwerke bis hin zu Geheimdiensten. Eine Machtstellung, die früher nur Staaten vorbehalten war. Was Rupert Murdoch mit Schlagzeilen begann, setzen sie mit Rechenzentren, KI und Plattformlogik fort – eine Revolution von oben, die das Denken von innen heraus kolonisiert.

Und derweil macht die ideologische Einflussnahme trump-naher Gruppen längst nicht mehr bei TV-Sendern, Zeitungen oder sozialen Medien halt. Auch die Unterhaltungsindustrie ist betroffen: Saudi-Arabien und Affinity Partners von Jared Kushner sind inzwischen mit Electronic Arts verflochten, einem der größten Gaming-Konzerne der Welt. Millionen Jugendliche verbringen dort täglich Stunden. Die Spieleplattformen sammeln dabei nicht nur Daten über Verhalten und Emotionen, sondern formen unbemerkt Werte, Ideale und Weltbilder. Wer diese Kanäle kontrolliert, beeinflusst die nächste Generation.

Der Schlüssel zum Erfolg dieser neuen Herrscher liegt darin, mit ihrer Finanzmacht die Kontrolle über das Denken zu übernehmen. Die Eliten aus Technik und Finanzwelt wissen: Macht wird heute nicht mehr durch Gewalt gesichert, sondern durch die Steuerung der Aufmerksamkeit. Ängste werden gezielt in Wut auf Minderheiten, Geflüchtete oder sozial Schwache umgelenkt, zum Schutz derer, die im Verborgenen profitieren. Jede autoritäre Strategie richtet sich zuerst auf die Medienkontrolle, systematisch und flächendeckend, bis zur vollständigen Gleichschaltung.

Für die Investigativjournalistin Carole Cadwalladr markiert diese Entwicklung den Zerfall der internationalen Ordnung in Echtzeit. Sie warnt, dass wir bereits in einer Architektur des Totalitarismus leben. Einer Ordnung, die einer kleinen Wirtschaftselite unermesslichen Reichtum gewährt, solange sie politische Loyalität zeigt.

So entsteht eine Oligarchie, in der sich Macht und Reichtum an der Spitze ballen, während große Teile der Bevölkerung sozial, wirtschaftlich und politisch entrechtet werden. Was in Orwells 1984 noch eine Vision war, könnte im digitalen Zeitalter zur bedrückenden Realität werden.

Während öffentliche Mittel für Bildung, Gesundheit und Kultur schrumpfen, wachsen Reichtum und Einfluss einer Handvoll Tech-Milliardäre ins Gigantische: Die 19 reichsten US-Haushalte vereinen laut Institute for Policy Studies ein Vermögen von über 2,6 Billionen Dollar – genug, um den gesamten Staatshaushalt der Schweiz über Jahre zu finanzieren. Mit solcher Finanzkraft können demokratische Institutionen nicht mehr konkurrieren, denn sie reicht, um Öffentlichkeit zu kaufen, Politik zu formen und Regeln zu diktieren.
Was daraus folgt, ist ein digitaler Feudalismus: gegründet auf Datenkontrolle und algorithmischer Herrschaft. Russland dient als Blaupause: Abschaffung der Gewaltenteilung, Gleichschaltung der Medien, Justiz als Waffe gegen Andersdenkende. Eine kleine, unermesslich reiche Oligarchie herrscht über eine verarmte Mehrheit. Stabilität entsteht durch Überwachung, Einschüchterung und eine Propagandamaschinerie, die jede alternative Wirklichkeit verdrängt.

Die Zukunft gehört den Stärksten – das Credo der Tech-Bros

„Die großen kommerziellen Social Media-Plattformen sind keine neutralen Informationsvermittler, sondern strategisch handelnde Akteure.“ – Pascal Schneider, Medienwissenschaftler, Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität

Die Männer, die heute unsere digitale Welt gestalten, geben sich als Visionäre. Doch ihre Ideologie ist alles andere als zukunftsgewandt – sie ist technokratisch, antisozial und zutiefst antidemokratisch.

Tech-Oligarchen wie Peter Thiel, Elon Musk und Marc Andreessen entstammen einem libertären Milieu, vertreten inzwischen jedoch offen das Dark Enlightenment, eine Philosophie, die Demokratie für überholt erklärt und stattdessen einen autoritären Techno-Staat anstrebt, geführt wie ein Konzern, mit dem Präsidenten als CEO. In einem Essay für das Cato Institute schrieb Thiel: „Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie vereinbar sind.“ In der Weltsicht dieser Männer sollen sich Menschen „in Strukturen von Herrschaft und Unterwerfung einfügen“. Wer nicht mitspielt, wird aus der Ordnung entfernt.
Wenn diese Männer von „männlicher Energie“ sprechen, dann meinen sie Macht und Rücksichtslosigkeit. Sie stilisieren sich zu Übermenschen, feiern ihren Reichtum, zelebrieren grotesk teure Hochzeiten vor historischen Kulissen, fliegen für ein Wochenende in abgelegenste Skigebiete oder schießen Freund:innen ins All.

Was sie unter Innovation verstehen, ist oft dreiste Aneignung: Mark Zuckerberg etwa ließ seine KI-Systeme mit Millionen literarischer Werke trainieren – ohne Zustimmung der Urheber:innen. Diese Geringschätzung von Kunst, Kultur und geistigem Eigentum zeigt: Was nicht käuflich ist, wird einfach genommen.

So entsteht ein technologischer Herrenmenschenkult, in dem Freiheit zum Privileg der Mächtigen wird und Demokratie zum Hindernis. Der Mensch wird zur Ware, die Welt zum Rohstofflager. Während frühere Industrielle als Philanthrop:innen Bibliotheken stifteten oder wissenschaftliche Einrichtungen förderten, schippern sie mit ihren schwimmenden Palästen über die Ozeane, als wäre Dekadenz ihr standesgemäßes Vorrecht.

Douglas Rushkoff bringt es in seinem Buch Survival of the Richest auf den Punkt: „For them the future of technology is about only one thing: escape from the rest of us.“

Während sich diese kleine, egozentrische Elite auf Rückzug, Kontrolle und digitale Vorherrschaft vorbereitet, sollen künftige Generationen in einer Scheinrealität aufwachsen, die von KI-generierten Bildern, synthetischen Stimmen und algorithmisch gefilterten Nachrichten geprägt ist. Spätestens mit der AR-Brille wird die digitale Ebene zur Norm und das, was sich hinter dem Bildschirm abspielt, zur einzig verbliebenen Wirklichkeit.

Ich frage Sie: Würden Sie dem geschniegelten Hausbesitzer mit dem schmierigen Dauergrinsen Ihre Wohnungsschlüssel anvertrauen, damit er im Urlaub nach der Katze sieht, obwohl Sie wissen, dass er jeden Cent aus Ihnen herauspresst, das Haus verfallen lässt, heimlich Ihre Daten ausspäht und Ihnen im Treppenhaus rechte Parolen ins Ohr drückt? Nein? – Warum also misstrauen wir nicht stärker den Inhalten, die unsere Kinder Tag für Tag über die Kanäle eben jener selbsternannten Herrenmenschen konsumieren?

Vielleicht glauben Sie, das gehe uns nichts an. Doch Europa steht längst im Visier der neuen Rechten in den USA und ihrer Hintermänner. Sie wollen nicht nur unser Denken – sie wollen unsere Daten, unser Geld, unsere Zukunft. Mit ihren Plattformen sitzen sie mitten unter uns und wir sind ihre Zielscheibe.

Aber was können wir dem entgegensetzen? Ich bin überzeugt, wir müssen bei den Wurzeln beginnen, auf denen unsere freie Welt beruht: beim Lesen. Denn wer liest, bleibt wach. Wer versteht, lässt sich nicht lenken. Wer Fragen stellt, ist schwerer zu beherrschen. Lesen ist der Anfang von allem und der wirksamste Schutz gegen Manipulation.

Lesen oder verlieren

„Bücher sind ein Brückenschlag zwischen Herz und Verstand. Sie sind das wichtigste Bollwerk der Demokratie.“ – Hape Kerkeling (aus seiner Dankesrede beim Bayerischer Buchpreis 2025)

Das alles mag alarmistisch klingen. Und glauben Sie mir, ich möchte nicht als rückwärtsgewandter Pessimist erscheinen, der die Moderne verteufelt. Auch ich würde lieber zuversichtlich nach vorn blicken, technische Errungenschaften feiern und an eine bessere Zukunft glauben. Nur fällt mir das angesichts von Klimakrise, Kriegen und dem schleichenden Verlust unserer Freiheit immer schwerer. Denn diese Entwicklungen sind real und sie schreiten schneller voran, als wir es uns noch vor wenigen Jahren vorstellen konnten. Ein Blick in die USA zeigt, wohin dieser Weg führt: Oligarchie, die Verrohung des öffentlichen Diskurses, das Erstarken reaktionärer Bewegungen, begleitet von Nepotismus, Mediengleichschaltung und der gezielten Demontage demokratischer Institutionen. Es liest sich wie der Plot eines dystopischen Romans. Doch es wird Wirklichkeit.

Weil das Lesen mein eigenes Leben nachhaltig geprägt hat, bin ich mehr denn je überzeugt: Bücher sind unsere letzte Bastion gegen Manipulation. Sie ermöglichen freies Denken. Und genau das macht sie so gefährlich für jene, die Kontrolle suchen.

Warum ich das so entschieden vertrete, zeigt der Blick nach Amerika: Studien belegen, dass sich die Lesefähigkeit ganzer Generationen dort dramatisch verschlechtert hat. Laut OECD erreichen 28 Prozent der Erwachsenen nur noch die niedrigste Lesestufe. Über die Hälfte liest auf dem Niveau von Sechstklässler:innen.

Gleichzeitig verschwinden unabhängige Medien: In den vergangenen zwanzig Jahren wurden über 2.500 lokale Zeitungen eingestellt. Die Folge: Einfache Lügen verfangen leichter als komplexe Zusammenhänge.

So überrascht es nicht, dass ein Wahlvolk, das kaum noch liest, trotz der offenkundigen Lüge vom Wahlbetrug und der für jeden einsehbaren Agenda Project 2025 der Heritage Foundation Donald Trump erneut ins Weiße Haus gewählt hat. Nun wird die älteste Demokratie der Welt zu Grabe getragen – nicht durch äußere Feind:innen, sondern durch Lüge, Hass und Verblendung aus ihrem Innern.

Ebenso wenig verwundert es, dass unter dieser Regierung unbequeme Bücher aus Schulbibliotheken entfernt werden, darunter Anne Franks Tagebuch und die Holocaust-Erzählung Maus. Was früher nur in Diktaturen geschah, passiert nun im Namen angeblicher Elternrechte. Die neue Rechte weiß: Wer kontrolliert, was Kinder lesen, zieht ihnen das Fundament einer freien Gesellschaft unter den Füßen weg.

Darum müssen wir den Bogen schlagen von der gesellschaftlichen Lage zur Literatur, denn dort entsteht das Gegengewicht. Literatur ist der Ort, an dem Kinder lernen, frei zu denken. Wo sie begreifen, dass es mehr als eine Wirklichkeit gibt. In einer Zeit, in der viele von aktiven Browser:innen zu passiven Konsument:innen geworden sind, ist das von entscheidender Bedeutung. Empathie, kritisches Denken und demokratisches Verständnis hängen unmittelbar mit Lesekompetenz zusammen. Bildungsforscherinnen wie Anke Grotlüschen warnen, dass geringe Lesekompetenz Menschen anfälliger für populistische Botschaften macht.

Früher war Lesen ein Privileg der Eliten, später wurde es zur Grundlage der Aufklärung. Die Alphabetisierung ebnete den Weg zu Menschenrechten und Demokratie. Unsere freie Welt verdankt sich einer Revolution des Lesens.
Was aber geschieht, wenn wir damit aufhören? Wir verlieren die Fähigkeit, Zusammenhänge zu begreifen. Vor allem das Lesen von Literatur verlangt Geduld, Gedächtnis und Beteiligung. Anfang, Mitte und Ende müssen miteinander verbunden werden. So entsteht ein innerer Zusammenhang, ein gedanklicher Raum, der auf Bildschirmen nicht existiert.

Wenn Jugendliche heute fast nur noch digitale Inhalte konsumieren, die der Logik des Hypertexts folgen und in flüchtigen Häppchen aufgenommen werden, verkümmern Konzentration, Geduld und Mitgefühl, und mit ihnen die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und Widersprüche auszuhalten.

Die britische Kinderbuchautorin Malorie Blackman hat recht, wenn sie sagt: „Bücher erlauben es, die Welt mit den Augen anderer zu sehen. Lesen ist eine Übung in Empathie, eine Übung darin, für eine Weile in den Schuhen eines anderen zu gehen. Fiktion ist eine unglaublich wichtige Kraft bei der Prägung von Kindern.“

Was jetzt zu tun ist

Vielleicht ist es ein Kampf gegen Windmühlen. Aber es ist ein Kampf, den wir führen müssen.

Vieles geschieht bereits: Stiftung Lesen, der Vorlesewettbewerb oder Unterstützung von Schullesungen durch Initiativen wie der fbk Baden-Württemberg leisten wertvolle Arbeit. Doch das reicht nicht aus. Lesen darf keine Ausnahme sein. Es muss wieder zur Regel werden.

Dazu braucht es konkrete Schritte. Hier ein paar Ideen:

• Medienmündigkeit fördern – durch einen verpflichtenden Handyführerschein für Kinder
• Altersgrenzen durchsetzen – mit effektiver Prüfung vor Zugang zu sozialen Plattformen
• Bibliotheken stärken – durch Lesepädagoginnen und Literaturvermittler an jeder Schule
• Lesen sichtbar machen – durch nationale Kampagnen von Buchhandel, Verlagen, Schulen und öffentlich-rechtlichen Medien
• Vorlesen verankern – mit einer festen Schulstunde pro Woche, gelesen von echten Stimmen
• Mehr Lesungen von Autorinnen und Autoren an Schulen mit persönlichen Einblicken in das Schreiben, die Entstehung von Büchern und die Bedeutung des Lesens im eigenen Leben
• Vor allem sollten Verlage mehr Mut zeigen. Sie sind nicht nur  Wirtschaftsunternehmen, denn wer Bücher macht, gestaltet Kultur und trägt Verantwortung dafür. Es darf nicht allein um Auflagen und wirtschaftlichen Erfolg gehen, sondern darum, unterschiedliche Stimmen hörbar zu machen, Vielfalt zu bewahren und Räume zu öffnen, die uns in andere Lebenswelten, Gedanken und Gefühle eintauchen lassen.
• Und schließlich braucht es einen institutionalisierten, regelmäßigen und öffentlichen Dialog zwischen Bildung, Medien, Politik und Kultur.

Denn Lesen ist mehr als Bildung. Es ist Selbstverteidigung mit friedlichen Mitteln, Widerstand gegen Verdummung und Gleichgültigkeit, ein Schutz vor jeder Form geistiger Unterwerfung.

Um es mit den Worten von Werner Herzog zu sagen: „Read, read, read!“

Teilen Sie meine Sorgen oder betrachten Sie die Entwicklungen aus einer anderen Perspektive? Vielleicht sehen Sie auch optimistischer in die Zukunft und halten den Inhalt meines Essays für überzogen. Wie auch immer: Ich freue mich über jede Rückmeldung, die zur Diskussion anregt und das Thema in die Öffentlichkeit trägt.

Patrick Hertweck

Quellen

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Ward, A. F. et al. (2017): Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity. Journal of the Association for Consumer Research, 2(2), 140–154., https://www.journals.uchicago.edu/doi/10.1086/691462

Ophir, E., Nass, C. & Wagner, A. D. (2009): Cognitive control in media multitaskers. PNAS, 106(37), 15583–15587, https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.0903620106

Delgado, P. et al. (2018): Don’t throw away your printed books: A meta-analysis on the effects of screen reading on reading comprehension. Educational Research Review, 25, 23–38., https://www.uv.es/lasalgon/papers/Delgado%202018%20dont%20throw%20away%20your%20printed%20books.pdf?

American Psychological Association (2022): Why young brains are especially vulnerable to social media. APA News. https://www.apa.org/news/apa/2022/social-media-children-teens

GQ: „The Conscience of Silicon Valley – Jaron Lanier“, 5. Juni 2019, https://www.gq.com/story/jaron-lanier-tech-oracle-profile

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ZDF heute: „Studie: Jugendliche verbringen mehr als vier Stunden täglich am Handy“, 13. Juli 2023, https://www.zdfheute.de/wissen/bildschirm-nutzung-studie-kinder-jugendliche-entwicklung-100.html

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The Washington Post: „CNN’s future at stake as owner Warner Bros. Discovery seeks sale“, 21. Oktober 2025, https://www.washingtonpost.com/business/2025/10/21/warner-bros-discovery-sale-cnn/

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Reuters: „Electronic Arts to go private in 55 billion USD deal with PIF and Silver Lake“, 29. September 2025, https://www.reuters.com/business/media-telecom/electronic-arts-go-private-55-billion-deal-with-pif-silver-lake-2025-09-29/

C. Cadwalladr: „This Is What a Digital Coup Looks Like“, TED Talk, veröffentlicht auf TED.com, https://www.ted.com/talks/carole_cadwalladr_this_is_what_a_digital_coup_looks_like/transcript

Wall Street Journal, „America’s Richest Families Gain $700 Billion Since 2020“, 21. Oktober 2023, https://www.wsj.com/economy/1-trillion-richest-families-wealth-increase-bc13874a?

TIME: “What We Must Understand About the Dark Enlightenment Movement”, 07 März 2025, https://time.com/7269166/dark enlightenment history essay/

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The Guardian: „Tech oligarchs are gambling our future on a fantasy“, 3. Mai 2025, https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/may/03/tech-oligarchs-musk

New York Post: „Inside plans for Mark Zuckerberg’s massive $260 M bunker on secluded Hawaiian island“, 4. März 2024, https://nypost.com/2024/03/04/tech/inside-plans-for-mark-zuckerberg-massive-260m-bunker-on-secluded-hawaiian-island/

Prospect Magazine: „Billionaires want to abolish death. But do we really want to live forever?“, 7. April 2022, https://www.prospectmagazine.co.uk/culture/38534/billionaires-want-to-abolish-death.-but-do-we-really-want-to-live-forever

The Guardian: „Zuckerberg approved Meta’s use of ‘pirated’ books to train AI models, authors claim“, 10. Januar 2025, https://www.theguardian.com/technology/2025/jan/10/mark-zuckerberg-meta-books-ai-models-sarah-silverman

Goodreads: „Survival of the Richest: Escape Fantasies of the Tech Billionaires“, (Ausgabe „Work/Quotes/94895746“), https://www.goodreads.com/work/quotes/94895746-survival-of-the-richest-escape-fantasies-of-the-tech-billionaires

The Guardian: „Zuckerberg hailed AI ‘superintelligence’. Then his smart glasses failed on stage“, 27. September 2025, https://www.theguardian.com/commentisfree/2025/sep/27/zuckerberg-ai-glasses-fail

Hape Kerkeling: „Bücher sind ein Brückenschlag zwischen Herz und Verstand. Sie sind das wichtigste Bollwerk der Demokratie.“ (Gastbeitrag), Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Oktober 2025, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/hape-kerkeling-feiert-das-buch-als-bollwerk-der-demokratie-accg-110754511.html?u

U.S. Department of Education, National Center for Education Statistics, Program for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC): “Highlights of U.S. National Results”, https://nces.ed.gov/surveys/piaac/2023/national_results.asp

The Washington Post: „Every week, two more newspapers close — and ‘news deserts’ grow larger“, 29. Juni 2022, https://www.washingtonpost.com/media/2022/06/29/news-deserts-newspapers-democracy/

Forward, „Texas school district agrees to remove Anne Frank’s Diary, Maus, ‘The Fixer’ and 670 other books after right-wing groups’ complaint“, 6. Oktober 2023, https://forward.com/fast-forward/627490/texas-school-district-agrees-to-remove-anne-franks-diary-maus-the-fixer-and-670-other-books-after-right-wing-groups-complaint

A. Grotlüschen: „Wer schlecht lesen kann, ist anfällig für Populismus“, ZEIT ONLINE, 2. September 2025, https://www.zeit.de/familie/2025-08/lesekompetenz-schreiben-level-one-piacc-grotlueschen-gxe?

M. Blackman, Interview in The Guardian, 23. August 2014, https://www.csmonitor.com/Books/chapter-and-verse/2014/0826/Misquote-has-UK-children-s-laureate-Malorie-Blackman-defending-her-cry-for-more-diversity-in-children-s-books

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14 Antworten

  1. Lieber Patrick Hertweck,
    ein weiteres Mal ein herzliches Dankeschön und Chapeau für Ihren tollen Text!
    Nein, ich habe leider keine optimistischere Sicht anzubieten!
    Und ich habe eine ähnliche Sozialisation wie Sie hinter mir – mit einem Unterschied: Mein Vater war als Schriftsetzer in der „Schwarzen Kunst“ tätig und brachte mir Zeitung und Buch nahe.
    Dann war ich 40 Jahre Lehrer (D-G-SK-WR) und bin heute (72) als Lesepate, Vorleser und fünffacher Opa unterwegs. Und alle meine EnkelInnen teilen meine Liebe zu Büchern.
    „Lesen von Literatur wieder als Quelle unserer Freiheit“ – alle Feinde der Freiheit und Demokratie haben die Gefahr durch das Buch, durch Literatur erkannt.
    Wir zwei zumindest bleiben standhaft – und Cretins wie Zuckerberg, Musk und alle anderen sollen keine Chance haben!

  2. Ja – es wäre tatsächlich bemerkenswert, wenn Autoren sich erst dem Lesen widmeten, um daraus eigene Gedanken und Stimmen zu entwickeln. Stattdessen greift mancher lieber auf unveröffentlichte Manuskripte „guter Freunde“ zurück und reicht sie als eigene Einfälle ein. Eine Art Altmodisches in Reinform: Plagiat unter dem Deckmantel der Vertrautheit.

    Nun entdeckt derselbe plötzlich die Lust als falscher Prophet aufzutreten… auf einem Fundament, das eher an ein klappriges Gerüst erinnert als an tragfähigen Grund.

    1. Darauf schielend, dass für äußerst schlichte Gedanken ein Preis am Ende des Regenbogens wartet. Jemand liest sein Leben lang nicht oder kaum, um dann ganz plötzlich das Lesen als „Bastion“ zu stilisieren. Ich frage mich, ob dieser eine auch nur 5 Bücher aus dem westlichen literarischen Kanon benennen kann, geschweige denn diese gelesen hat. Mit etwas Background-Wissen ausgestattet in dieser Sache, erlaube ich mir Zweifel. Buchkultur? Nun denn..

  3. Patrick Hertweck beschreibt detailliert und treffsicher die Auswirkungen einer Krankheit und bietet Gegenmaßnahmen an unter „ Was jetzt zu tun ist“ . Die Krankheit ist, etwas vergröbernd beschrieben, das Handy, etwas genauer gesagt, sein exzessiver Gebrauch durch die jüngere Generation. Will man gegen eine Krankheit vorgehen, gibt es zwei Möglichkeiten: Man bekämpft oder lindert die Symptome. Das ist im Prinzip nichts Schlechtes, hat aber meist zwei Nachteile : Es hat Nebenwirkungen, die manchmal schlimmer sein können als die Krankheit. In weiten Bereichen der Medizin ist das heute das Mittel der Wahl, weil es einen großen Vorteil hat: Es wirkt schnell, und es hilft der Pharmaindustrie. Manchmal gibt es keine Alternative. Wer einen Herzinfarkt hatte, kann wohl seinen eigenen Beitrag leisten, daß es zu keinem zweiten kommt, durch Änderung seiner Lebensweise, aber er wird kaum auf die Einnahme von Cholesterinsenkern und Gerinnungshemmern verzichten können, Nebenwirkungen hin oder her. Der zweite Nachteil: Das oft erfolgreiche Bekämpfen von Symptomen verhindert die Ermittlung und Beseitigung der Ursachen, und nur dann kann man ja von Heilung sprechen.
    Patrick Hertweck bietet Maßnahmen an, die an die Ursache gehen. Diese lassen sich in zwei Gruppen einteilen : Zwang und Freiwilligkeit. Freiwilligkeit in dem Sinne, daß die Alternative, das Lesen, nahegebracht und attraktiver gemacht wird. Über die Erfolgsaussichten dieses Weges macht er sich keine Illusionen. Wir sehen es doch alle in diesen Tagen an den Türen anläßlich St.Martin : Wenn ich den Kindern einen Korb hinhalte, in dem Äpfel und Schokoriegel liegen, greifen alle nach den Schokoriegeln. Die Süßigkeit bietet schnellen Genuß, beim Apfel muß ich erst reinbeißen und dann noch kauen ( für viele Kinder schon eine Zumutung ) , habe dann auch noch klebrige Finger und dann erst den subtilen Genuß der Apfelaromas. Subtilität ist aber heute ohnehin nicht gefragt, bei Kindern und Jugendlichen am allerwenigsten. Das Handy ist der Schokoriegel, das Buch der Apfel. Was kann ich dagegen tun ? Ich lege nur noch Äpfel in den Korb. Das hilft, aber nächstes Jahr klingelt dann bei mir kein Kind mehr. Dann muß ich eben die Nachbarn davon überzeugen, nächstes Jahr genauso vorzugehen wie ich. Das ist das, was Patrick Hertweck mit seinem Maßnahmenbündel vorschlägt, was auch helfen würde, aber kaum realistisch ist.
    Zweite Möglichkeit : Zwang. Tatsächlich greift die Einsicht um sich, daß an den Schulen der Gebrauch des Handys eingeschränkt werden muß, und daß Altersgrenzen für bestimmte Inhalte gesetzt werden. Andere Länder (z.B. Australien und Neuseeland) sind in dieser Beziehung rigoroser als Deutschland. Solcher Zwang hilft, aber ob er dauerhaft hilft, ist fraglich. Politische Entscheidungen, die einem solchen Zwang zugrunde liegen, werden gegenwärtig von der älteren Generation getroffen. Ob die jüngere Generation, die „ Handy-Generation“, später solche Entscheidungen übernimmt, ist fraglich.
    Was bleibt, ist die Hoffnung. Und die Gewißheit, daß in der Zukunft , so wie auch in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, Innovationen kommen, die außerhalb unserer Vorstellungskraft liegen und das „Handyproblem„ gegenstandslos machen.

  4. Die Banalisierung des Lesens

    Vorausgesetzt, der Autor hat tatsächlich ein breites Spektrum an Literatur gelesen, müsste sich diese Erfahrung irgendwo in der Tiefe und Originalität seiner eigenen Bücher widerspiegeln. Doch wer seine Kinderromane kennt, findet darin weder sprachliche Raffinesse noch gedankliche Komplexität. Die Ideen sind flach, vorhersehbar, pädagogisch harmlos – das Gegenteil jener geistigen Freiheit, die er in seinem Essay so emphatisch beschwört.

    Was bedeutet es überhaupt, viel zu lesen?
    Quantität ersetzt nicht Qualität. Wer unreflektiert konsumiert, bleibt ebenso gefangen wie der, der sich nur von Algorithmen füttern lässt. Lesen ist kein moralisches Privileg, sondern eine Frage der Lebensumstände und Prioritäten. Der Autor verkennt, dass viele Menschen in diesem Land ganz andere Kämpfe führen: Sie arbeiten 40 bis 50 Stunden pro Woche, sorgen für Kinder, pflegen Angehörige, tragen wirtschaftliche Sorgen und leben unter ständigem Druck. Das Lesen, das er als Bollwerk der Freiheit preist, ist für sie kein Zeichen geistiger Trägheit, wenn es fehlt, sondern Ausdruck eines Mangels an Zeit und Ruhe.

    Wer sind die „Lesenden“, von denen Hertweck spricht?
    Er meint offenbar jene, die sich leisten können, Muße als Tugend zu pflegen. Doch Freiheit ist kein ästhetisches Nebenprodukt des Bücherregals, sondern entsteht aus sozialer Sicherheit, Bildungsgerechtigkeit und ökonomischer Teilhabe. Wer über „die Jugend“ und „die Manipulation durch Algorithmen“ klagt, aber die gesellschaftlichen Ursachen – Prekarisierung, Arbeitsverdichtung, Ungleichheit – ausblendet, verwechselt Symptom und Struktur.

    Schließlich bleibt der Vorwurf an den Autor selbst: Wer anderen moralisch vorschreibt, wie sie ihre Aufmerksamkeit zu verwenden haben, sollte selbst Maßstäbe erfüllen. Aus seiner Biografie lässt sich kein übermäßiger Arbeitseinsatz, keine berufliche Härte und, gemessen an seiner literarischen Produktion, auch kein außergewöhnlicher Bildungshunger erkennen. Vielleicht liegt darin der eigentliche Widerspruch seines Textes: Er beklagt die Oberflächlichkeit einer Zeit, deren Spiegel er selbst ist.

    Wer nämlich viel und Unterschiedliches gelesen hat, vor allem bereits in Kinderjahren, hat sich zumindest die Grundlage geschaffen, einen Spürsinn für Originalität zu entwickeln.

    1. Lieber Herr Reilly, wir freuen uns über jeden Beitrag zu einer konstruktiven Diskussion. Allerdings wäre es schön, wenn diese nicht unter mehreren verschiedenen Pseudonymen derselben Absenderadresse passieren würde. Wir sind sicher, dass Herr Hertweck sich sehr wohl intensiv mit dem dargestellten Thema auseinandersetzt.
      Vielen Dank und herzliche Grüße, Hanna Schönberg, BuchMarkt-Redaktion

  5. Patrick Hertwecks Essay beeindruckt durch seine Dringlichkeit und die Leidenschaft, mit der er für das Lesen als Grundlage von Freiheit, Empathie und kritischem Denken eintritt. Besonders stark wirkt die Verbindung seiner eigenen Lese-Biografie mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die er beschreibt: vom verregneten Sommer der frühen 80er bis zur heutigen, von Algorithmen geprägten Welt. Seine zentrale Botschaft, dass Bücher ein Bollwerk gegen Manipulation darstellen, ist nicht nur überzeugend formuliert, sondern auch berührend – gerade weil sie sowohl persönlich als auch politisch argumentiert.
    Zutreffend ist Hertwecks Hinweis, dass digitale Reizüberflutung Konzentration, Vorstellungskraft und Lesekompetenz schwächen kann und dass diese Entwicklungen weitreichende Folgen für demokratische Prozesse haben. Auch die Sorge um die zunehmende Macht weniger Tech-Konzerne und die algorithmisch geformte Öffentlichkeit ist berechtigt und verdient breite Aufmerksamkeit.
    Dennoch könnte man an einigen Stellen ergänzend fragen, ob die Gegenüberstellung von digitalen Medien und Literatur nicht ein wenig scharf ausfällt. Digitale Räume können – richtig genutzt – ebenfalls kreative Potenziale eröffnen und Jugendlichen Zugang zu vielfältigen Stimmen ermöglichen. Vielleicht braucht es weniger ein Entweder-oder als vielmehr eine Kultur der Balance und eine aktive digitale Bildung, die Kinder befähigt, sowohl online als auch offline kritisch zu bleiben.
    Auch erscheint die Skizze eines drohenden digitalen Feudalismus in ihrer Zuspitzung diskussionswürdig. Zwar sind die beschriebenen Tendenzen real, doch gleichzeitig gibt es weltweit auch Gegenbewegungen: Initiativen für digitale Ethik, strengere Regulierungen, kritischen Journalismus und engagierte zivilgesellschaftliche Gruppen, die Einfluss und Macht hinterfragen.
    Gerade deshalb ist Hertwecks Kernanliegen so wichtig: Die Stärkung des Lesens als Grundlage freier Meinungsbildung. Sein Beitrag lädt ein, über die Rolle von Literatur in einer digitalen Welt neu nachzudenken – und genau darin liegt seine größte Stärke.

  6. Lieber Herr Hertweck, ich finde, Ihr Text macht an mehreren Stellen ein wichtiges „Fass“ auf, aber er bleibt mir zu sehr in der Rolle des Kulturpessimisten stehen. Ja, Smartphones und soziale Medien sind ein echtes Problem, wenn Kinder damit weitgehend allein gelassen werden. Hohe Bildschirmzeiten, dauernde Ablenkung, endloses Scrollen – das alles kann Konzentration und Fantasie schwächen, und es gibt genügend Studien, die zeigen, dass permanente Handypräsenz die Fähigkeit zur Fokussierung beeinträchtigt. Genauso richtig ist die Sorge um die Lesekompetenz: Wer schlecht liest, hat es schwerer, komplexe Argumente nachzuvollziehen und ist anfälliger für populistische Vereinfachungen. Und auch die Macht großer Plattformen und ihrer Algorithmen ist keine Einbildung – sie verstärken Hass, Polarisierung und einfache Feindbilder, und das trifft junge Menschen besonders hart. An diesem Problembefund würde ich gar nicht viel widersprechen.

    Es stört mich aber, wie sehr der Text in ein altbekanntes Muster rutscht. Früher das gute, tiefe Lesen, heute der oberflächliche Bildschirm – und dazwischen ein klarer Bruch. Dabei gab es Medienpaniken schon immer: Roman, Radio, Kino, Comics, Fernsehen, Videospiele – jedes Mal hieß es, jetzt wird die Jugend verdorben. Heute sind es Social Media und Smartphones. Der Unterschied ist vielleicht in Tempo und Reichweite, aber nicht darin, dass „jetzt zum ersten Mal“ alles auf der Kippe steht. Gesellschaft passt sich an, Regeln und Kompetenzen entstehen nicht von heute auf morgen, sondern Schritt für Schritt. Neue Medien bringen Risiken und Chancen, nicht nur Verblödung, sondern auch neue Zugänge zu Wissen, Beteiligung, Community. Ihr Text tut so, als wäre der aktuelle Wandel qualitativ völlig anders und fast nur destruktiv – das ist historisch und empirisch zumindest verkürzt.

    Dazu kommt eine sehr harte Gegenüberstellung: Hier das Buch als Ort von Tiefe, Empathie und Freiheit; dort der Bildschirm als reine Reizschleife, die nur Leere und Manipulation produziert. Das übersieht schlicht, dass es auch im Digitalen hochwertige Inhalte gibt – aufklärende Dokus, sorgfältig recherchierte Longreads, seriöse Online-Medien, gute Bildungsplattformen, sogar Spiele, die kritisches Denken und Kooperation fördern. Und umgekehrt gibt es natürlich auch Bücher, die nichts als Schrott oder Propaganda sind. Die entscheidende Frage ist doch nicht „Buch oder Bildschirm“, sondern: Welche Inhalte, in welchem Kontext, mit welcher Begleitung? Wer das Digitale pauschal zum Sumpf erklärt, wird der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen nicht gerecht – und erreicht sie am Ende auch nicht.

    Ein weiterer Punkt, der mir fehlt, ist der Blick auf soziale Unterschiede. In den Kommentaren zum Artikel wurde das schon angerissen: Lesen ist nicht nur eine Frage von Willenskraft, sondern auch von Zeit, Geld und Stress. Wer Schichtdienst schiebt, Care-Arbeit leistet und jeden Monat um die Miete kämpft, hat weniger Ressourcen für „Muße mit Buch“ – und kann auch seinen Kindern weniger davon vorleben. Es macht einen Unterschied, ob ein Kind in einer ruhigen Wohnung mit eigenem Zimmer, vollen Bücherregalen und entspannten Eltern aufwächst oder in einem Umfeld mit wenig Platz, viel Lärm und permanenten Sorgen. Sie sprechen ausführlich über Tech-Oligarchen, aber kaum über diese Dimension. So landet man schnell bei der impliziten Botschaft: Wer nicht liest, ist selbst schuld – und blendet aus, wie stark Strukturen, Bildungssystem und soziale Lage mit darüber entscheiden, ob ein Kind überhaupt eine faire Chance auf „Lesefreiheit“ hat.

    Besonders problematisch finde ich die Forderung nach einem verpflichtenden „Handyführerschein“ für Kinder. Es gibt solche Führerschein-Projekte ja schon – meist als Unterrichtseinheiten, am Ende gibt es ein Zertifikat, und darin geht es um Datenschutz, Mobbing, Urheberrecht, Passwortsicherheit. Das kann sinnvoll sein, als sichtbares Zeichen: „Wir haben uns mit dem Thema beschäftigt“. Sie gehen aber einen Schritt weiter und fordern einen verpflichtenden Führerschein. Das klingt nach Zugangsvoraussetzung, nach einer Art Erlaubnisschein – und da sehe ich mehr Risiken als Chancen.

    In der Realität haben viele Kinder ihr erstes Smartphone längst, bevor irgendein offizieller „Führerschein“ denkbar wäre. Die Geräte kommen über Eltern, ältere Geschwister, gebrauchte Handys, Geteiltes. Ein einmaliger Test zu einem bestimmten Zeitpunkt ändert wenig, wenn der Alltag und das Verhalten der Erwachsenen gleich bleiben. Entscheidend ist nicht der Stempel auf einem Kärtchen, sondern eine dauerhafte Begleitung. Medienkompetenz entsteht nicht in einer Prüfung, sondern in vielen Gesprächen, gemeinsamen Situationen und dem Erlauben von Fehlern – bei Kindern und bei Eltern.

    Pädagogisch halte ich den Führerschein-Ansatz sogar für gefährlich, wenn er mit Kontrolle verknüpft wird. Wenn Kinder das Gefühl haben: „Erst wenn Schule oder Staat mir offiziell erlauben, darf ich in den digitalen Raum, in dem meine Freunde längst sind“, dann fördert das vor allem eines: Versteckspiel. Geheime Accounts, Zweithandys, Nutzung bei Freunden, Verschweigen von Problemen. Und genau das ist fatal bei Themen wie Cybermobbing, sexualisierter Gewalt, Nacktbildern oder manipulativen Inhalten. Kinder und Jugendliche müssen wissen: Ich kann sagen, wenn etwas mich verstört oder mir Angst macht, ohne dass mir sofort das Handy weggenommen oder mir eine Erlaubnis entzogen wird. Nur so entsteht Vertrauen, damit sie Cybermobbing oder falsche Informationen ansprechen, ohne Angst vor Verurteilung zu haben.

    Wir wissen außerdem aus Praxis und Forschung: Zielgerichtete Medienbildung – also gemeinsam lernen, wie man Quellen prüft, Fake News erkennt, Privatsphäre schützt, respektvoll kommuniziert – stärkt Kinder und Jugendliche messbar. Verbote und starre Zugangshürden können kurzfristig Nutzung drosseln, aber sie bauen keine Kompetenzen auf. Die Konflikte wandern dann oft nur aus dem sichtbaren Raum der Erwachsenen in private Chats und Nischenplattformen. Ein „Handyführerschein“ kann ein Baustein sein, wenn er eingebettet ist in einen längeren Lernprozess und nicht als Eintrittskarte in die digitale Welt missverstanden wird. Als zentrale politische Forderung wirkt er hingegen eher wie ein symbolischer Hebel, der Handlungsfähigkeit signalisiert, aber das eigentliche Problem – fehlende kontinuierliche Medienbildung und fehlende Zeit der Erwachsenen – kaum löst.

    Bücher sind wichtig, da bin ich ganz bei Ihnen. Aber sie sind heute nur ein Teil eines größeren Medien-Ökosystems. Wenn wir Freiheit und kritisches Denken stärken wollen, sollten wir nicht in eine nostalgische Haltung zurückfallen, in der das Buch alles Gute verkörpert und der Bildschirm alles Schlechte. Viele Menschen über fünfzig neigen dazu, Dinge zu verteufeln, die ihnen zu schnell sind oder die sie nicht vollständig verstehen – das ist menschlich, aber kein guter Kompass für Bildungspolitik. Entscheidend ist, dass wir Kinder nicht allein lassen: weder mit dem Roman noch mit TikTok. Wir brauchen mehr Vorlesen und mehr Vorleben, mehr Gespräche und weniger moralische Panik, mehr echte Medienkompetenz bei Jugendlichen und Eltern statt eines zusätzlichen Scheins, den man vorzeigen muss. Nur dann werden Kinder wirklich medienmündig – mit und ohne Handy.

  7. Sehr geehrter Herr Hertweck,
    besten Dank für Ihren engagierten Text. Ich schätze es sehr, dass Sie die Themen Aufmerksamkeit, Lesen und demokratische Urteilskraft so klar aufnehmen. Die Herausforderungen, die der digitale Wandel mit sich bringt, betreffen uns alle, und ich verstehe gut, weshalb Sie hier eine zunehmende Dringlichkeit sehen.

    Beim Lesen Ihres Beitrags hatte ich jedoch den Eindruck, dass das Digitale in einem relativ engen Rahmen erscheint, während das Buch sehr stark als Gegenpol gesetzt wird. Aus meiner Sicht wäre ein breiteres Bild hilfreich. Digitale Medien sind nicht nur Quellen der Zerstreuung, sondern bieten – richtig begleitet – auch Zugang zu Wissen, Kreativität, Zusammenarbeit und selbstständigem Denken. Entscheidend ist weniger das Medium als die Kompetenz, mit der man es einsetzt.

    Gleichzeitig wirkt Ihre Darstellung teilweise doch recht anprangernd und pessimistisch. Ich verstehe die Besorgnis gut – dennoch wünscht man sich heute eher Lösungen, die Menschen mitnehmen, stärken und zu eigenen Schritten ermutigen. Viele suchen gerade in einer komplexen Welt eher positive, handlungsorientierte Perspektiven statt Verbote oder Einschränkungen.

    Gerade darum scheint mir eine umfassende Medienkompetenzbildung zentral – nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern ebenso für Eltern und Erwachsene. Viele fühlen sich im Umgang mit Algorithmen, Informationsflüssen oder manipulativen Mechanismen selbst unsicher. Ohne ein gemeinsames Verständnis geraten Diskussionen schnell ins Moralische, was selten hilfreich ist.

    In der Schweiz gibt es bereits Strukturen, die zeigen, wie breit Gesundheits-, Medien- und Beziehungskompetenz gedacht werden kann. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sowie Gesundheitsförderung Schweiz fördern seit Jahren Schutzfaktoren und psychische Widerstandskraft. Programme wie „Take Care“ stellen Jugendlichen, Eltern und Lehrpersonen Materialien zur Verfügung, welche Themen wie digitale Überforderung, psychische Belastungen oder Konflikte aufgreifen. Auch im Bereich Kinder- und Jugendschutz werden Massnahmen zur physischen, psychischen und sexuellen Integrität definiert. Zudem haben Kinder mit besonderen Bedürfnissen Anspruch auf integrative oder speziell gestaltete schulische Unterstützung. Fachorganisationen weisen seit längerem darauf hin, wie stark psychische Belastungen junge Menschen betreffen – ein Hinweis darauf, dass Medienkompetenz immer auch Beziehungskompetenz und Gesundheitsförderung umfasst.

    Eine häufig unterschätzte Dimension betrifft die Verschiedenheit von Zugängen zum Lesen. Nicht alle Menschen können lange oder komplex aufgebaute Texte problemlos aufnehmen. Dazu gehören Personen mit Neurodivergenz wie ADHS, Menschen mit Legasthenie oder anderen Lese- und Schreibschwächen, Menschen mit geistiger Behinderung sowie solche mit fehlenden oder erst im Aufbau befindlichen Sprachkenntnissen.

    Gerade im Bereich der Inklusion wurde vieles über Jahre eher vernachlässigt. Heute ist klar, wie wichtig es ist, Inhalte so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen überhaupt die Chance haben, ihnen zu folgen. Das bedeutet auch: leicht verständliche Sprache, einfache Strukturen, kurze Sätze und alternative Darstellungsformen. Für viele Menschen funktionieren komplexe Texte oder „überschlaue Bücher“ schlicht nicht. Und um es offen zu sagen: Auch Ihr eigener Text ist in seiner anspruchsvollen Sprache für einen Teil der Bevölkerung – gerade Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen – kaum zugänglich. Ich verstehe, was Sie ausdrücken möchten, aber genau diese sprachliche Dichte macht das Lesen für viele nahezu unmöglich.

    Wenn wir über Freiheit, Teilhabe und Bildung sprechen, gehört Barrierefreiheit zwingend dazu. Für manche Menschen sind audiovisuelle, interaktive oder sprachlich vereinfachte Formate nicht eine Wahl, sondern die einzige Möglichkeit, überhaupt mitzuhalten.

    Zusätzlich halte ich die Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen für zentral. In Ländern wie Dänemark gehört Empathie, Perspektivwechsel und Konfliktfähigkeit selbstverständlich zum Unterricht. Gerade im digitalen Raum wirken solche Fähigkeiten stabilisierend und verhindern Polarisierung.

    Vor diesem Hintergrund erscheint mir eine zu einseitige Darstellung des digitalen Wandels eher heikel. Wenn moderne Medien vor allem als Bedrohung beschrieben werden, kann dies Menschen, die sich mit der Geschwindigkeit der Entwicklungen schwertun, eher verschliessen als öffnen. Viele wünschen sich heute Orientierung, Mut und Zutrauen – nicht zusätzliche Verbote oder neue Strenge.

    Hinzu kommt, dass ich nachvollziehen kann, weshalb der Buchmarkt solche Texte gerne veröffentlicht. Traditionelle Verlage haben naturgemäss ein Interesse daran, das Buch als Leitmedium positiv erscheinen zu lassen. Dabei entstehen oft Beiträge, die dem gedruckten Wort eine besondere moralische Bedeutung zuschreiben und digitale Formate eher kritisch behandeln. Auch das ist verständlich, aber ich denke, dass hier ein gewisses Umdenken stattfinden sollte. Die Vielfalt heutiger Medienlandschaften verlangt danach, unterschiedliche Zugänge ernst zu nehmen und nicht ein einzelnes Medium als „richtiger“ oder „wertvoller“ auszuzeichnen.

    Ich fände es daher sinnvoll, den Blick stärker darauf zu richten, wie wir Medienmündigkeit als Ganzes stärken können: mit Neugier statt Abwehr, mit Empathie statt Alarmismus und mit dem Vertrauen, dass digitale und analoge Räume einander sinnvoll ergänzen. Dazu gehört auch, unterschiedliche Lern- und Wahrnehmungsformen ernst zu nehmen und zu respektieren.

    Ihr Text setzt einen wichtigen Impuls. Vielleicht könnte ein nächster Schritt sein, weniger die Vergangenheit als Bezugsrahmen zu nehmen und stattdessen Bedingungen zu schaffen, die es Kindern und Erwachsenen ermöglichen, gleichzeitig zu lesen, kritisch zu denken, empathisch zu handeln und digitale Werkzeuge sicher und selbstbewusst zu nutzen – in jener Form, die ihren individuellen Fähigkeiten entspricht.
    Darin sehe ich eine Freiheit, die auch in einer komplexen Welt Bestand hat.

  8. Liebes BuchMarkt-Team,
    da ich in meinem vorherigen Kommentar über leicht verständliche Sprache gesprochen hatte, möchte ich dies auch selbst leben. Darum sende ich Ihnen meinen Text nun in vereinfachter Sprache. Es sollte allen Menschen wichtig sein, dass jeder Mensch den gleichen Wert hat und gleichberechtigt behandelt wird.

    Sehr geehrter Herr Hertweck,
    vielen Dank für Ihren Text.
    Sie schreiben über Lesen, Aufmerksamkeit und unsere Demokratie.
    Das sind wichtige Themen.
    Ich verstehe gut, warum Sie sich Sorgen machen.
    Viele Menschen fühlen sich heute unsicher in der schnellen digitalen Welt.

    Beim Lesen Ihres Textes hatte ich aber den Eindruck, dass Sie Bücher und digitale Medien sehr stark gegeneinanderstellen.
    Das Buch wirkt bei Ihnen als „gut“.
    Digitale Medien wirken bei Ihnen als „schlecht“.
    Ich denke: So einfach ist es nicht.

    Digitale Medien können auch hilfreich sein.
    Man kann damit lernen, kreativ sein und mit anderen Menschen zusammenarbeiten.
    Wichtig ist nicht das Gerät, sondern wie Menschen es nutzen.
    Dafür braucht es gute Begleitung und gute Bildung.

    In Ihrem Text klingt vieles sehr kritisch und manchmal auch pessimistisch.
    Viele Menschen möchten heute aber gerne Lösungen hören, die Mut machen.
    Sie möchten lernen, wie sie sich in digitalen Räumen sicher fühlen können.
    Und sie möchten Unterstützung – keine zusätzlichen Verbote.

    Sehr wichtig finde ich die Medienbildung.
    Und zwar nicht nur für Kinder.
    Auch viele Erwachsene brauchen Hilfe dabei, digitale Inhalte zu verstehen.
    Viele wissen nicht, wie Algorithmen funktionieren oder wie man Informationen prüft.
    Wenn wir darüber nicht gemeinsam sprechen, entstehen schnell Missverständnisse und Streit.

    In der Schweiz gibt es schon gute Programme:
    Zum Beispiel „Take Care“ oder Angebote vom Bundesamt für Gesundheit und von Gesundheitsförderung Schweiz.
    Dort geht es um psychische Gesundheit, Verhalten im Netz, Konflikte und Schutz von Kindern.
    Das zeigt: Medienbildung ist mehr als „Bildschirm an oder aus“.
    Es geht auch um Beziehung, Kommunikation, Sicherheit und Gefühle.

    Wichtig ist ausserdem:
    Nicht alle Menschen können gut oder gerne lange Texte lesen.
    Viele Menschen mit ADHS, Legasthenie, Lernschwierigkeiten oder wenig Deutsch können komplexe Texte nicht gut verstehen.
    Auch Menschen mit Behinderungen brauchen oft einfache Sprache.
    Deshalb sollten Texte so geschrieben sein, dass möglichst viele Menschen sie lesen können.

    Ihr Text ist für viele Menschen schwer verständlich.
    Das meine ich nicht böse.
    Aber es zeigt, wie wichtig barrierefreie Sprache ist.
    Ein Text erreicht nur diejenigen, die ihn überhaupt verstehen können.

    Lernen und Wissen gibt es in vielen Formen.
    Manche Menschen lernen durch Lesen.
    Andere lernen durch Hören, Videos, Bilder oder Gespräche.
    Alle diese Wege sind wertvoll.

    Ich kann auch verstehen, dass Verlage gerne Texte veröffentlichen, die das Buch besonders loben.
    Das passt gut zum Geschäftsmodell.
    Aber unsere Welt ist heute vielfältiger.
    Es braucht mehr Offenheit für unterschiedliche Medien und unterschiedliche Lernwege.

    Ich finde es deshalb wichtig, dass wir uns fragen:
    Wie machen wir alle Menschen medienmündig?
    Wie geben wir ihnen Mut statt Angst?
    Wie zeigen wir, dass digitale und analoge Welt zusammen funktionieren können?
    Wie können alle Menschen – egal wie sie lernen – gut dabei sein?

    Ihr Text setzt einen wichtigen Impuls.
    Vielleicht könnte der nächste Schritt sein, neue Wege zu zeigen:
    Wie Kinder und Erwachsene lernen können, kritisch zu denken, empathisch zu handeln und digitale Werkzeuge sicher zu nutzen.
    Und zwar so, wie es zu ihren Fähigkeiten passt.

    Eine Persönliche Anmerkung am Schluss.
    Wenn Sie über Ihre Eltern schreiben, dass sie „aus einfachen Verhältnissen stammen“ und „keine Bücher hatten“, kann das leicht so wirken, als wäre diese Lebensform weniger wert.
    Ich weiss, dass Sie es wahrscheinlich nicht so meinen.
    Aber viele Menschen aus ähnlichen Familien fühlen sich durch solche Sätze abgewertet.
    Auch meine eigenen Erfahrungen zeigen mir:
    Menschen können klug, warmherzig, neugierig und wertvoll sein – ganz unabhängig davon, wie viele Bücher im Regal stehen, und aus welchen „Verhältnissen“ stammen.

  9. Ich habe Ihren Artikel mit großer Aufmerksamkeit und voller Zustimmung gelesen. Sie beschreiben eindrücklich und detailliert eine der größten Gefahren unserer Zeit: die immer stärkere Konzentration politischer und medialer Macht in den Händen weniger Akteure, deren Einfluss sich durch die technischen Entwicklungen unserer Tage noch beschleunigt. Diese klare, gut belegte Analyse ist notwendig, wenn wir verstehen wollen, welche Dynamiken hier am Werk sind und welche Verantwortung wir als Gesellschaft tragen.

    Ihre sorgfältige Recherche und die vielen weiterführenden Hinweise schätze ich außerordentlich, weil sie Orientierung in einem Feld schaffen, das allzu leicht unterschätzt wird. Eine kleine Anmerkung hätte ich dennoch: Ich hätte mir gewünscht, dass auch Gegenbewegungen oder Initiativen kurz sichtbar werden, die Anlass zu vorsichtigem Optimismus geben. Gerade in schwierigen Zeiten hilft es, zu wissen, dass es Menschen und Projekte gibt, die diesen Entwicklungen etwas entgegensetzen.

    Ein persönlicher Nachsatz: Meine Tochter hat Ihre Bücher sehr gern gelesen und damals sogar eines davon in der Schule vorgestellt. Sie hat viel daraus mitgenommen.

  10. Herr Hertweck,

    man merkt Ihrem Text an, wie sehr Ihnen Kinder, Lesen und Demokratie am Herzen liegen. Vieles, was Sie beschreiben – Aufmerksamkeitsprobleme, aggressive Algorithmen, die ständige Reizflut – ist real und wichtig.

    Genau deshalb finde ich die Einseitigkeit Ihres Artikels so gefährlich. Nicht, weil die Probleme nicht existieren, sondern weil Sie Verantwortung fast komplett nach außen verschieben: zu „den“ Medien, „den“ Konzernen, „den“ Algorithmen. Eltern und andere Erwachsene tauchen vor allem als Opfer der Entwicklung auf – nicht als handelnde Personen, die mit Kindern zusammen Wege finden können.

    Was dabei völlig untergeht, ist die Perspektive der Kinder selbst.

    Kinder lieben heute Computerspiele, genauso wie früher viele Kinder Brettspiele geliebt haben. Sie bewegen sich in Social Media, so wie frühere Generationen auf dem Spielplatz oder am Telefon gehangen haben. Wenn Erwachsene diese Welten pauschal als „Gift“, „Verdummung“ oder „Gefahr“ markieren, kommt bei Kindern nicht an: „Dieses System hat problematische Seiten.“
    Es kommt an: „Das, was dir Spaß macht, ist falsch – also bist du irgendwie auch falsch.“

    Das ist, glaube ich, die schlimmste Botschaft, die man einem Kind senden kann.

    Statt Interesse zu zeigen – „Was spielst du da? Was ist daran cool? Wer ist noch dabei?“ – wird die Medienwelt des Kindes zur verbotenen Zone erklärt. Und damit verschwindet nicht das Problem, sondern das Gespräch. Kinder gehen dann in den Untergrund: Zweitaccount, Zweitgerät, Nutzung bei Freunden. Über das, was sie wirklich beschäftigt, reden sie eher nicht mehr mit den Eltern – zu groß ist die Angst, dass noch mehr verboten oder weggenommen wird.

    Genau so entsteht übrigens keine Medienmündigkeit, sondern das Gegenteil: heimliche Nutzung, Scham und ein Gefühl von „meine Interessen sind minderwertig“.

    Sie schreiben viel über Freiheit. Aber Freiheit von Kindern im digitalen Zeitalter entsteht nicht dadurch, dass wir alles, was sie spannend finden, abwerten – sondern dadurch, dass wir mit ihnen durch diese Welt gehen: Fragen stellen, Grenzen erklären, Risiken benennen, aber auch anerkennen, dass Games, Social Media und digitale Räume heute echte Lebensräume sind.

    Die Forschung stützt das übrigens:
    Die großen Übersichtsarbeiten finden zwischen „Bildschirmzeit“ und seelischer Gesundheit bei Jugendlichen höchstens kleine, gemischte Zusammenhänge – weit entfernt von der Apokalypse, die in vielen Debatten gezeichnet wird. Entscheidend ist wie und in welchem Umfeld digitale Medien genutzt werden, nicht die pure Existenz des Smartphones. Gleichzeitig zeigen Meta-Analysen, dass Medienkompetenz-Programme und soziale-emotionale Förderung viel bringen: Kinder werden kritischer gegenüber Inhalten, sicherer im Umgang und gleichzeitig sozial stabiler.

    Mit anderen Worten:
    Das Problem ist nicht, dass Kinder digitale Medien interessant finden.
    Das Problem ist, wenn sie damit allein gelassen werden – und wenn Erwachsene sich weigern, ihre Welt kennenzulernen, weil alles Digitale nur noch als Bedrohung gesehen wird.

    Ihr Text verteidigt das Buch – das ist ehrenwert. Aber er transportiert unterschwellig auch: „Früher war alles besser, heute ist fast alles gefährlich.“ Für viele Eltern, die mit neuen Medien ohnehin überfordert sind, ist das eine komfortable Botschaft: Man muss nichts über Games oder Social Media lernen, man muss sich nur empört abwenden. Zurück bleiben Kinder, denen signalisiert wird: „Deine Welt ist falsch.“

    Vielleicht wäre ein nächster Schritt ein anderes Bild: Bücher und digitale Räume nicht als Gegner, sondern als zwei Zugänge zu Fantasie, Wissen und Welt. Eltern nicht als machtlose Opfer eines „digitalen Feudalismus“, sondern als Menschen, die sich weiterbilden und sich ehrlich für das interessieren, was ihre Kinder lieben – und genau daraus ihre Autorität beziehen.

    Kinder brauchen keine Erwachsenen, die ihnen sagen, dass ihre Interessen schlecht sind.
    Sie brauchen Erwachsene, die sagen:
    „Zeig mir deine Welt – ich gehe da mit dir rein. Und dann reden wir darüber, was gut für dich ist und was nicht.“

    Anbei ein paar Quellen die meine Aussagen untermauern:

    Orben & Przybylski (2019), Nature Human Behaviour
    Analyse von über 350.000 Jugendlichen: Digitale Mediennutzung hängt zwar leicht negativ mit Wohlbefinden zusammen, erklärt aber maximal 0,4 % der Unterschiede – also ein sehr kleiner Effekt, weit weg vom Bild der „verlorenen Smartphone-Generation“.
    https://www.nature.com/articles/s41562-018-0506-1

    Odgers & Jensen (2020), Annual Research Review: Adolescent mental health in the digital age
    Großer Überblick über Studien zu Social Media & mentaler Gesundheit: Ergebnis – die Datenlage ist gemischt, Effekte meist klein oder unklar, oft korrelativ. Wichtiger als bloße „Screen Time“ sind Kontext, Inhalte und vorhandene Probleme; Panik-Narrative sind wissenschaftlich nicht gedeckt.
    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8221420/

    Jeong et al. (2012), Media Literacy Interventions: A Meta-Analytic Review
    Meta-Analyse von 51 Medienkompetenz-Programmen: Medienbildung hat deutlich positive Effekte (Effektstärke d≈0,37) auf Medienwissen, kritische Haltung, wahrgenommene Beeinflussbarkeit, Einstellungen und Verhalten. Kurz: Kinder werden nachweislich kritischer und reflektierter, wenn man mit ihnen arbeitet – nicht, wenn man nur verbietet.
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22736807/

    Livingstone & Helsper (2008), Parental Mediation of Children’s Internet Use
    Befragung von >1500 Kindern und >900 Eltern in Großbritannien:
    Restriktive Verbote können Risiken reduzieren, senken aber auch die Online-Aktivität und können zu Rebellion/Umgehung führen. Aktive Begleitung und Austausch sind wichtig, weil Schutz nicht auf Kosten der Möglichkeit gehen sollte, online zu lernen und soziale Kontakte zu pflegen.
    https://eprints.lse.ac.uk/25723/1/Parental_mediation_and_children%27s_internet_use_%28LSERO_version%29.pdf

    Durlak et al. (2011), Meta-Analyse zu Social and Emotional Learning (SEL)
    Auswertung von 213 schulbasierten Programmen mit über 270.000 Schüler*innen:
    Kinder, die systematisch in sozialen und emotionalen Kompetenzen (Empathie, Emotionsregulation, Konfliktlösung) gefördert werden, zeigen bessere soziale Skills, weniger Problemverhalten und bessere schulische Leistungen (im Schnitt +11 Perzentilpunkte). Das sind genau die Fähigkeiten, die auch im digitalen Raum vor Manipulation und Gruppendruck schützen.
    https://srcd.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1467-8624.2010.01564.x

  11. Für mich liest sich Ihr Artikel weniger wie eine Analyse der Gegenwart, sondern wie ein sehr persönlicher Hilferuf eines Erwachsenen, der mit der heutigen Welt überfordert ist und daraus eine Generalanklage gegen alles Digitale macht.

    Sie machen es sich dabei, ehrlich gesagt, ziemlich einfach. Sie schreiben in einem geschützten Raum der Buchbranche, vor einem Publikum, das ohnehin eher buchaffin ist, vielleicht sogar 50+, und selbst, wie viele andere auch, mit den heutigen Themen wie Faschismus, Krieg, Geldsorgen, „alles geht immer schneller“ … überlastet ist. Viele dort fühlen sich vielleicht auch von Social Media, Games und neuer Sprache verunsichert und finden in Ihrem Text eine bequeme Entlastung: „Ich muss mich nicht damit beschäftigen, es ist ja alles schlecht.“ Das ist nachvollziehbar menschlich, aber gefährlich.

    Sie erzählen von Kindern, die stumpf auf Smartphones starren. Ich erlebe etwas anderes. Noch nie waren Kinder und Jugendliche so erreichbar wie heute. Noch nie konnten sie sich so schnell informieren, vernetzen, organisieren. Junge Menschen setzen sich in exakt diesen digitalen Räumen für Menschenrechte, Klimaschutz, Vielfalt, Feminismus und Demokratie ein. Sie gehen auf die Straße, weil sie Angst um ihre Zukunft haben. Eine Zukunft, die wir Älteren (ich: 58) mit angeknackst haben, weil wir lange zu bequem waren.

    Ja, es gibt problematische Algorithmen, Plattformen und Suchtmechanismen. Aber das eigentliche Desaster beginnt dort, wo Erwachsene sich in die Ecke setzen und alles verteufeln und damit Kindern die Botschaft senden: „Ihr schafft das nicht alleine. Wir müssen euch mit Verboten schützen.“
    Seit 5.000 Jahren, bereits bei Sokrates, gab es schon dieselbe Kritik an den jungen Menschen. Können wir vielleicht mal damit aufhören und auf die jungen Menschen und ihre „unbeschmutzten“ Instinkte vertrauen? Wir müssen sie einfach nur mit unserer Lebenserfahrung begleiten, nicht verteufeln.
    Alles, was Erwachsene zu den vielen positiven Dingen dieser Welt leider auch beigetragen haben, hat Reiche reicher und Mächtige mächtiger gemacht, unsere Erde weiter zerstört und Veränderung durch ständiges Nörgeln, Pessimismus und ein „Es war immer schon so“ aufgehalten. Früher war eben nicht alles besser. Das ist wohl auch eine typisch deutsche Angewohnheit.

    Kinder lieben es, mit Freunden Games zu zocken und online abzuhängen. Sie schauen keine von Erwachsenen vorgegebenen Fernsehprogramme mehr. Das ist keine moralische Katastrophe, das ist schlicht eine andere Zeit. Junge Menschen wollen keine 40 Jahre malochen, bis 70 schuften und dann umfallen. Sie fordern die Vier-Tage-Woche, Work-Life-Balance, andere Kommunikationsformen, kürzere Formate. Das ist nicht Dekadenz, sondern ein veränderter Bedarf in einer Welt, die sich schneller dreht.

    Lösungen sahen historisch nie so aus, dass man Neues verteufelt und sich an die Vergangenheit klammert. Fortschritt, Demokratie und soziale Rechte sind nie daraus entstanden, dass man gesagt hat: „Früher war alles besser.“ Sie entstanden, weil Menschen frei dachten, sich aktiv eingemischt, aufgeklärt und sich den positiven Teilen der Veränderung angepasst haben. Zukunft ist Veränderung. Und Veränderung ist nicht automatisch schlecht.

    Was ich in Ihrem Text fast völlig vermisse, ist die Verantwortung von uns Erwachsenen. Es ist unsere Aufgabe, uns für die Welt unserer Kinder zu interessieren: für ihre Games, ihre Social-Media-Accounts, ihre Memes, ihre Sprache, ihr Leben. Nicht alles gutheißen, aber verstehen wollen. Wer Kindern signalisiert: „Deine digitale Welt ist Müll“, erreicht sie nicht. Er verliert sie. Und dann findet Erziehung nicht mehr statt, sondern Parallelwelten.

    Nein, Smartphone, Social Media und deren Erfinder sind nicht harmlos. Aber das größere Problem sind nicht die Geräte. Das größere Problem sind Erwachsene, die sich weigern dazuzulernen und sich lieber in eine nostalgische Ecke zurückziehen. Mit einem Buch, einem Tee, auf einem bequemen Sessel im schummrigen Licht, das die Umwelt ausblendet. Kinder brauchen keine weiteren Kulturpessimisten, die ihnen sagen, was an ihnen falsch ist. Sie brauchen Erwachsene, die sie an der Hand nehmen.

  12. Das ursprüngliche Versprechen des Internets war ein offener Raum mit freiem Zugang zu Wissen, globaler Vernetzung und vielfältigen Perspektiven. Umso deutlicher fällt heute ins Gewicht, wie stark sich der digitale Raum verändert hat. Ein Bereich, der einst frei war, wird zunehmend von wirtschaftlichen Interessen weniger Akteure bestimmt. Sichtbarkeit und Informationsflüsse hängen inzwischen maßgeblich von den Algorithmen einiger großer Plattformen ab. Diese strukturelle Verschiebung berührt zentrale Fragen jeder demokratischen Gesellschaft.
    Vor diesem Hintergrund habe ich den Artikel mit großem Interesse gelesen und teile viele seiner Gedanken. Deshalb irritiert mich der vorherige Kommentar, weil er den eigentlichen Kern des Textes weitgehend verfehlt und auf Annahmen reagiert, die im Artikel nicht zu finden sind.
    Der Kommentator behauptet, der Autor verteufele das Digitale, misstraue der Jugend und plädiere für Verbote. Diese Haltung lässt sich im Text nicht belegen. Der Artikel fordert weder Rückzug noch moralische Abwertung. Er verweist auf Entwicklungen, die seit Jahren von Fachleuten beschrieben werden, etwa die Machtkonzentration bei wenigen Plattformen und die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie. Das ist eine Analyse der Rahmenbedingungen und kein Urteil über junge Menschen.
    Der Hinweis, man müsse der Jugend vertrauen, ist richtig, steht jedoch nicht im Widerspruch zum Artikel. Der Text bestreitet nicht die Fähigkeiten junger Menschen. Er beschreibt lediglich, dass sich ihr Informationszugang zunehmend in eng gesteuerten, wirtschaftlich orientierten Umgebungen vollzieht. Vertrauen in die Jugend ersetzt nicht die Notwendigkeit, die digitalen Strukturen zu verstehen, in denen sie sich bewegen.
    Auch der Vorwurf, der Autor klammere sich an die Vergangenheit, findet im Artikel keine Grundlage. Es wird nicht kritisiert, dass Jugendliche Games spielen oder neue Kommunikationsformen nutzen. Die Frage des Artikels lautet vielmehr, wie sich der Charakter des Informationsraums verändert hat und welche Folgen dies für Bildung und demokratische Prozesse hat.
    Ebenso wenig trägt der Vorwurf, der Text spreche Jugendlichen ab, dass ihre digitale Welt wertvoll sei. Der Artikel richtet seine Kritik nicht an die jungen Menschen, sondern an die Systeme, die ihre Aufmerksamkeit lenken. Wer auf problematische Mechanismen großer Plattformen hinweist, fordert keine Verbote, sondern kritisiert Bedingungen, die von einer kleinen Zahl globaler Akteure gestaltet werden.
    Der Autor stützt seine Argumentation nicht in erster Linie auf persönliche Befindlichkeiten, sondern auf gut recherchierte Quellen und auf Aussagen namhafter Expertinnen und Experten. Ihn als überforderten Erwachsenen darzustellen, wird der Substanz des Textes in keiner Weise gerecht.
    Eine sachliche Diskussion wäre besser geführt, wenn wir zu der Frage zurückkehren, um die es tatsächlich geht. Wie bewerten wir die digitale Umwelt unserer Kinder und unserer Gesellschaft, wenn wesentliche Teile dieses Raums von wirtschaftlichen Interessen geprägt sind, die weder transparent noch demokratisch kontrolliert werden. Die Verantwortung Erwachsener besteht gerade darin, diese Strukturen zu verstehen und einzuordnen, nicht darin, sie auszublenden.
    Gerade deshalb lohnt es sich, die Bedeutung von Literatur hervorzuheben, weil sie nachweislich hilft, die eigene Urteilsfähigkeit zu schärfen. Die Welt der Bücher entzieht sich weitgehend dem Einfluss ökonomisch gesteuerter Algorithmen und bietet einen gedanklichen Raum, der nicht von der Logik der Manipulation, sondern von Verstehen, Tiefe und Reflexion getragen ist.

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