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Warum die Buchbranche Leseförderung & Diversität unterschätzt

Josia Jourdan (Foto: privat)

Josia Jourdan gehört zu den profiliertesten jungen Stimmen der Schweizer Buchszene. Mit 14 Jahren betrieb er den meistgelesenen Buchblog des Landes, heute ist er Autor des Essaybands Fehlfunktion und schreibt u. a. für die ZEIT, das NZZ am Sonntag Magazin und den Tagesspiegel. Er hat die Schweizer Buchbranche in digitalen Strategien und auf BookTok begleitet. Bei BuchMarkt veröffentlicht er seine monatliche Kolumne „Josias Branchenblick“. Im November geht es um das drängende Thema Leseförderung, das diese Woche auch mit dem Vorlesetag in den Blick genommen wird:

Wer nicht lesen kann, kauft auch keine Bücher.

Die Einladung als Gastreferent an eine pädagogische Hochschule in der Schweiz
bringt mich wieder dazu, über Leseförderung und junge Buchkultur zu sprechen.
In der Diskussion mit angehenden und teils bereits unterrichtenden Lehrpersonen zeigt sich schnell: Leseförderung ist und bleibt eine Herausforderung. Manche Jugendliche lesen zwar erstaunlich viel – aber viele scheitern nicht nur an literarischer Lektüre, sondern auch an Texten in anderen Fächern.

Das bestätigen mir später auch ein Lehrer, dem ich in der Raucherpause begegne,
und meine Mutter, die als Schulleiterin täglich mit genau diesem Problem
konfrontiert ist.

Doch die fehlende Lesekompetenz betrifft nicht nur Schulen – sie ist auch ein
Problem für die Buchbranche. Wenn ein immer größerer Teil der Bevölkerung
schlecht lesen kann, werden diese Menschen auch keine Bücher kaufen. Warum
sollten sie?

Dabei gäbe es längst Modelle, die funktionieren. Der Schweizer Verlag dabux
etwa entwickelt seit über zehn Jahren kurze, dünne Bücher in einfacher Sprache – konzipiert für den Unterricht, mit Begleitmaterial inklusive. Warum gibt es keinen deutschen Verlag, der eine Kooperation mit ihnen anstrebt? Das ist verschenktes Marktpotenzial.

Aber Leseförderung bedeutet eben auch, Diversität weiter zu denken – über
Marketingkampagnen und Feuilletonbegriffe hinaus. Diversität hieße, Geschichten zu erzählen, die die Lebensrealität jugendlicher Leser:innen mit migrantischem Hintergrund abbilden – und auch sprachlich zugänglicher sind.

Ja, Literatur darf komplex und anspruchsvoll bleiben. Aber anstatt verzweifelt das nächste „literarische Genie“ zu suchen oder Armut in Unterhaltungsform zu verpacken, könnte der Anspruch ein anderer sein:

Wie schaffen wir es, dass Bücher Menschen erreichen, die sonst nicht lesen?
Welche Geschichten müssen wir erzählen?
Wer erzählt sie – und in welcher Sprache?
Wäre eine Fähigkeit von Literatur nicht gerade, dass sie zugänglich ist? Dass sie
gesamtgesellschaftlich verstanden werden kann?

Wenn die Buchbranche langfristig nicht weiter Leser:innen verlieren will, muss
sie beginnen, sich ernsthaft für Leseförderung zu engagieren. Als Marktstrategie, ja – aber auch aus Überzeugung, dass Literatur für alle da ist. Sonst bleiben Bücher etwas für Akademiker:innen.

Josia Jourdan

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Eine Antwort

  1. Hallo, aber es gibt doch auch in anderen Verlagen und in Deutschland ähnliche Ansätze der Leseförderung für Jugendliche, die sich mit dem Lesen schwerer tun, z.B. die „Super lesbar“-Bücher bei Gulliver oder Carlsen Clips, Jugendbücher in einfacher Sprache bei Arena oder den „Spaß am Lesen“-Verlag, die genau das schon bedienen. Am fehlenden Angebot oder Kooperation liegt es also eher nicht, dass das nicht so gut funktioniert. Schönen Gruß

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