Home > Buchhandel > Führt der Gebrauchtbuchmarkt mit zu einer Schieflage?

Führt der Gebrauchtbuchmarkt mit zu einer Schieflage?

"Gebrauchte" Bücher zum Schleuderpreis? (Foto: ChatGPT)
„Gebrauchte“ Bücher zum Schleuderpreis? (Foto: ChatGPT)

Die Umsätze im deutschen Buchhandel stagnieren, der Druck steigt und ein Segment wächst weiter: der Handel mit gebrauchten Büchern. Die Buchhändlerin Vanessa Eggers sieht darin ein strukturelles Problem für den stationären Buchhandel, Autor:innen und kleine Verlage. Wir sind diesem nachgegangen.

Vanessa Eggers, Buchhändlerin der Hamburger Krimiwelt und Mitglied der Verbundgruppe eBuch, beschäftigt eine Frage schon seit Längerem: „Ich denke darüber nach, warum die Umsätze so sind, wie sie sind.“ Immer wieder lande sie bei einem Punkt, der aus ihrer Sicht kaum noch zu übersehen sei: der florierende Markt mit gebrauchten Büchern – insbesondere mit solchen Titeln, die eigentlich noch der Buchpreisbindung unterliegen.

„Wie kann es sein, dass aktuelle Titel so günstig online zu haben sind?“, fragt Eggers. Für sie ist das kein Randphänomen, sondern ein „riesiges Problem für die Buchhandlungen“. Während der Sortimentsbuchhandel keinerlei Spielraum bei der Preisgestaltung habe – „und ich bin absolut für die Buchpreisbindung!!“ –, könnten Verbraucher:innen massenhaft nahezu neuwertige Bücher zu Minimalpreisen erwerben. „Hier muss dringend etwas passieren“, fordert Eggers. „Wir zahlen fleißig unsere Miete, präsentieren die Titel, beraten und dann kaufen die Leute das Buch gebraucht für ein paar Cent. Ist das fair? Nein.“ Und auch die Autor:innen seien letztlich betroffen: „Sie bekommen einmal Geld, obwohl bei jedem Verkauf wieder eine Wertschöpfung stattfindet.“

Rechtlich wenig Spielraum

Birgit Menche, Preisbindungsbevollmächtigte des Sortiments beim Börsenverein, kann die Sorgen nachvollziehen. Rechtlich allerdings seien die Möglichkeiten begrenzt. Der Gebrauchtbuchhandel sei grundsätzlich zulässig, und es gebe keine praktikablen Abstufungen nach Beschädigungs- oder Abnutzungsgraden, die eine andere Behandlung erlauben würden. Hinsichtlich der Konkurrenzsituation lasse sich daher „leider nichts machen“.

Die Pressesprecherin des Gebrauchtbuchhändlers momox Miriam Walter betont: „Bei momox konzentrieren wir uns im Kerngeschäft auf den Verkauf gebrauchter Bücher. Diese sind immer Second Hand – auch wenn sie sich teilweise in einem sehr guten Zustand befinden und beispielsweise nur einmal gelesen wurden.“ Ob Kund:innen neuwertige Bücher an momox verkauften, statt sie beispielsweise in der Buchhandlung umzutauschen, lasse sich aus Sicht des Unternehmens nicht beurteilen.

Ergänzend verkaufe das Unternehmen auf seinen Plattformen aber auch Neuware zum gebundenen Ladenpreis, um Kundinnen ein vollständiges Angebot zu ermöglichen.

In jedem Fall meldet momox seit Jahren steigende Umsätze und positioniert gebrauchte Bücher zunehmend auch als attraktive Geschenkoption zuletzt etwa zur Weihnachtszeit.

Kulturgut unter Druck

Für Vanessa Eggers bleibt ein grundlegendes Unbehagen. Gebrauchte Waren würden in vielen Branchen anders behandelt, räumt sie ein. „Aber hier geht es nicht um ein in Asien zusammengeschustertes Shirt für 4,99 Euro, sondern um ein Kulturgut.“ Bücher, in denen oft Jahre Arbeit steckten, würden im großen Stil verramscht.

Ihre Sorge: Wenn die wirtschaftliche Basis der Buchhandlungen weiter erodiere, verschwänden nicht nur Verkaufsorte, sondern auch Vielfalt, kleine Verlage und viele Autor:innen.

Hanna Schönberg

13 Antworten

  1. Sorry, das Problem besteht seit Jahrzehnten, und besonders ärgerlich fand ich immer den Verkauf von Messeresten stapelweise, neuwertig, kurz nach Erscheinen – in einzelnen Läden in Deutschland. Das Problem haben die Verlage zwischenzeitlich angegangen. Ansonsten: Es sind in den letzten Jahrzehnten haufenweise Ramscher vom Maerkt verschwunden (Weltbild-Läden, Jokers, Wohlthat, …), viele MAs haben geschlossen. Es hat sich ins Internet verlagert, okay. Strukturwandel allgemein. Ich habe 150m entfernt einen kleinen Ramscher in einem Einkaufszentrum. Das piepst mich nicht an. Die Ursachen der zahlreichen Buchhandelsschließungen statt -übergaben liegen m.E. hauptsächlich woanders: horrend steigende Mieten, Gentrifizierungen, mangelnde Professionalität (wer hat seinen Laden so aufgestellt, dass er attraktiv für NachfolgerInnen ist – konzeptionell und wirtschaftlich?, Reagieren auf verändertes Kundenverhalten …

  2. Die Förderung lauteren Wettbewerbs u.d. Preisbindung wurden vom LV NRW seinerzeit auch bei sog. „Mängelexemplaren “ erfolgreich gerichtlich geklärt. Die erkennenden Richter sind nicht aus Dummsdorf! Nur wollen muss der klageberechtigte Verein, luja! A guats Neiches fom Fuass fon da Zugspitz, LOL

  3. Also zumindest Autor:innen, Übersetzer:innen und Verlagen wäre ja schon geholfen, wenn Momox und Co. eine Abgabe an die VG Wort zahlen müssten bei jedem verkauften Buch. Analog zu den Bibliothekstantiemen könnten die Urheber:innen so zumindest wieder beteiligt werden an der erneuten Wertschöpfung (und den Millionenumsätzen mit ihren teuer produzierten und oft schlecht honorierten Werken). Ist das wirklich so kompliziert?

    1. Sehr gute Idee! Genauso wie über die VG Wort im Grunde auch die Urheberrechtsschädigungen über KI aufgefangen werden könnten – wenn das denn endlich mal gesetzlich geregelt würde – genauso könnte auch dieses Phänomen über VG Wort aufgefangen werden.

  4. Als Vielleser, der neben Buchhandlungen auch Plattformen für gebrauchte Bücher kontaktiert, interessiert es mich, wie der Umtausch in der Buchhandlung aussieht; nehmen alle Buchhandlungen daran teil, woran kann man teilnehmende Buchhandlungen erkennen und was haben Kund:innen davon?

  5. KULTURGUT was ist das Frau Eggers ? Auch Feinschmecker-Läden verkaufen KULTURGUT billiger vor MHD. Zu Ihrer Sorge, die kenne ich seit Jahrzehnten und die Liste der brancheneigenen Fehler ist nie kürzer geworden.

  6. Die ganze Branche diskutiert munter über Gefahren und Chancen von KI, und der BuchMarkt schreibt allen Ernstes: „Foto: ChatGPT“.
    Sollte es nicht „Symbolbild: ChatGPT“ heißen oder wenigstens „Bild: ChatGPT“?
    „Foto“ suggeriert, dass da etwas fotografiert wurde. Etwas Reales.
    Abgesehen davon ist das Bild so fehlerhaft, dass ich mich frage, warum man es überhaupt zeigt.
    (Noch verdienen Autorinnen und Autoren übrigens wenigstens am ersten Verkauf ihrer Bücher. Wenn wir bei ki-generierten Texten ähnlich genau hinschauen und ähnlich anspruchslos sind wie bei ki-generierten Bildern, wird das nicht mehr lange der Fall sein. Billiger als jeder Mensch ist die KI nämlich alle Mal.)

    1. Liebe Frau Treber, da haben Sie recht, wir sind bei der Bezeichnung einfach dem üblichen Schema gefolgt, aber tatsächlich handelt es sich hier nicht um ein reales Foto, weshalb es auch keine wahrheitsgetreue Abbildung ist, es dient lediglich der Bebilderung. Viele Grüße, Hanna Schönberg / BuchMarkt-Redaktion

  7. Das Problem des immer weiter um sich greifenden Gebrauchtbuchmarktes war für mich schon vor 15 Jahren erkennbar! Meines Erachtens schmeißen die Verlage viel zu viele Titel auf den Markt – die Konkurrenz ist zu eng und zu dicht. Das begünstigt auch das stete Wachstum des Gebrauchtbuchmarktes. Der Buchmarkt ist längst „ausgelutscht“, viele Verlage produzieren austauschbare Bücher ohne USP, scheinen oft auch nicht mehr nachzudenken und rennen wie die Lemminge in der Programmplanung hinter erfolgreichen Titel der Konkurrenz her. Wir haben hier dasselbe Phänomen wie in der Autoindustrie – auch dort ist eine ganze Industrie rund um Gebrauchtwagen entstanden, die mindestens so viel Umsatz macht wie die Industrie um die Neuwagen.

    1. Ist das wirklich so, dass der Gebrauchtbuchmarkt wächst? Auch vor dem Internet hat es hier Konzentrationsprozesse gegeben, mit dem Internet den verstärkten Konzentrationsprozess, aber etliche große Player sind am eigenen Wachstum auch zugrunde gegangen. Irgendwann bleibt dann nur noch der Transport zur Papiermühle. Ja, die Überproduktion ist ein Problem, aber das ist nun einmal Kapitalismus!
      Das Problem des Buchhandels: Bedarfsgerechter einkaufen! Das Problem der Verlage: Im Vertrieb das Ohr besser am Buchhandel halten. Tja, ZentraleinkäuferInnen können zwar Konditionen abpressen und marketingmäßig in den Markt pressen, aber nur sehr beschränkt bedarfsgerecht einkaufen. Ich fand es damals hervorragend, als bei den Harry Potter-Bänden beim Ersteinkauf ausdrücklich kein RR gewährt worden war.

Schreibe einen Kommentar zu Hanna Schönberg Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert