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Alexander Schnickmann erhält denDeutschen Preis für Nature Writing 2026

Alexander Schnickmann (Foto: Dennis Schnieber)
Alexander Schnickmann (Foto: Dennis Schnieber)

Der Deutsche Preis für Nature Writing geht 2026 an Alexander Schnickmann. Darüber hinaus erhalten Kameliya Taneva und Lena Schnabl jeweils ein Stipendium zur Teilnahme am prominent besetzten Nature-Writing-Seminar der Stiftung Kunst und Natur im November 2026. Die Preisverleihung wird im Rahmen des ILB – Internationales Literaturfestival Berlin am Dienstag, den 8. September 2026, um 20 Uhr auf der Hinterbühne des Hauses der Berliner Festspiele (Schaperstraße 24, 10719 Berlin) stattfinden. Der Eintritt ist frei.

Die Vergabe erfolgt durch den Verlag Matthes & Seitz Berlin in Kooperation mit dem Umweltbundesamt sowie der Stiftung Kunst und Natur. Die Preisausschreibung steht unter der Schirmherrschaft des Präsidenten des Umweltbundesamtes Dirk Messner. Der Preis ist dotiert mit 10.000 € sowie einem sechswöchigen Schreibaufenthalt in den Räumlichkeiten der Stiftung Kunst und Natur inmitten ihres weitläufigen Natur- und Veranstaltungsgeländes im bayerischen Voralpenland.

Die Jury bilden in diesem Jahr die Journalistin und Autorin Petra Ahne, Jean-Marie Dhur, Mitbetreiber der Kreuzberger Buchhandlung Zabriskie, der Literatur- und Kulturwissenschaftler Steffen Richter, die Bild- und Medienwissenschaftlerin Birgit Schneider sowie der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Florian Werner.

Jurybegründung

„Ein Schubladenfund in den Räumen eines gescheiterten Buchverlags bringt eine Reihe ausgedruckter E-Mails zum Vorschein. Ihr Verfasser, der im Begriff ist, für den Verlag ein Tierportrait über Asseln zu schreiben, äußert darin ein zunehmendes Unbehagen – an der eigenen Arbeit, vor allem aber am Erscheinungsbild des deutschsprachigen Nature Writing. Das ist die Konstellation, die Alexander Schnickmann in seinem Prosaexperiment »Fuck Nature Start Writing« entwirft. Aus der Fülle von über 270 anonymisierten Einreichungen hat er die Jury des Deutschen Preises für Nature Writing am meisten überzeugt.

Mit großer Spielfreude und Widerständigkeit gegenüber den weithin beliebten Tierarten des naturkundigen Genres, die eine idyllische, heroische oder auch possierliche Identifikation ermöglichen, verknüpft Schnickmann in seiner Found-Footage-Fiktion den Cthulhu-Mythos von H.P. Lovecraft mit einer Reflexion über die Fallstricke und Sackgassen des zeitgenössischen Nature Writing. Durch die Wahl der Assel stellt der Autor Erwartungen auf den Kopf: Ein merkwürdiges und fremdartiges Krebstierchen, vor dem viele sich ekeln, das aber seit Millionen von Jahren eine äußerst resistente Existenz führt und im Verborgenen mysteriöse Dinge verrichtet, bekommt endlich die verdiente Aufmerksamkeit. Eine intelligente Kreatur, die in ihrer Fremdartigkeit gut als Hauptdarstellerin in einem Gefahr-aus-dem-Weltraum-Film agieren könnte und uns den Spiegel vorhält, was unser Verhalten gegenüber dem Fremden betrifft. In die konventionelle Naturprosa des Portraitversuchs dringen immer wieder bissige, nachdenkliche und unheimliche Reflexionen ein: etwa über das Unbehagen, angesichts ökologischer und klimatischer Katastrophen in anthropozentrischer Weise über Natur zu schreiben, wenn diese letztendlich nur als Kulisse und vermeintlich heilende Wohlfühlwelt für eigene Emotionen dient. Hinter dieser Kulisse, das führt Schnickmanns Text vor Augen, lauern längst zahllose Krisen, Notlagen und Gefahren — schmatzend und knirschend wie die Tentakel eines Lovecraft’schen Monsters.

Man könnte die Strategie, Nature Writing durch das Prisma einer solchen ungewöhnlichen ökologischen Weird Fiction und mit den Mitteln der Satire zu betreiben, als Versuch missverstehen, das dynamische Genre des Nature Writing zu Grabe zu tragen. Wir verstehen es aber vielmehr als Aufforderung, die Komfortzone uns lieber Naturbeschreibungen zu verlassen, das Beobachten aus sicherer Distanz aufzugeben und sich mitten ins Geschehen zu stürzen, sich den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Um es mit der Philosophin des Cthulhuzän Donna Haraway zu sagen: Staying with the trouble – bleiben wir unruhig!“

Zum Autor

Alexander Schnickmann, 1994 geboren, aufgewachsen in Bergkamen im Ruhrgebiet, lebt als Schriftsteller in Berlin. 2023 wurde er mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet. Essays, Prosa und Gedichte erschienen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien. Sein Debüt »requiem« erschien 2024 bei Matthes & Seitz Berlin. Zuletzt erschien der Gedichtband »Gestirne«, ebenfalls bei Matthes & Seitz Berlin.

Über den Deutschen Preis für Nature Writing

Der einmal jährlich vergebene Preis zeichnet Autor:innen aus, die sich in ihrem literarischen Werk auf ›Natur‹ beziehen. Der Preis knüpft an die vor allem in den USA und in Großbritannien ausgeprägte schriftstellerische Tradition des Nature Writing an, in der sich Autorinnen mit der Wahrnehmung von Natur, mit dem praktischen Umgang mit dem Natürlichen, mit der Reflexion über das Verhältnis von Natur und Kultur und mit der Geschichte der menschlichen Naturaneignung auseinandersetzen. Genreübergreifend findet dabei sowohl essayistisches als auch lyrisches und episches Schreiben Berücksichtigung. Die Thematisierung von ›Natur‹ schließt die Dialektik von äußerer und innerer Natur ebenso mit ein wie die Auflösung der Grenzen von Kultur und Natur, aber auch die Möglichkeiten oder Probleme des Schutzes von Naturerscheinungen und natürlichem Geschehen. Nature Writing spricht nicht von ›der Natur als solcher‹, sondern von der durch Menschen wahrgenommenen, erlebten und erkundeten Natur. Die leibliche Präsenz, die konkrete Tätigkeit des Erkundens und die Reflexion auf die gewonnenen Erkenntnisse werden in der Regel im Text fassbar.

Der Preis wird gemeinsam durch den Verlag Matthes & Seitz Berlin, das Umweltbundesamt und die Stiftung Kunst und Natur vergeben, die zusätzlich einen Schreibaufenthalt der Preisträger:innen in ihren Räumlichkeiten sowie zwei Stipendien für eine Teilnahme an ihrer jährlichen Nature-Writing-Schreibwerkstatt ermöglicht.

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