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„Unser Verlag hat nun nicht mehr den einen Kapitän, sondern eine ganze Crew, die am Ruder steht und einen gemeinsamen Kurs finden muss“

Judith Weber (Foto: Mathias Bothor)

Anfang des Jahres wurde der mare Verlag in eine Genossenschaft umgewandelt. Zum heutigen Tag der Genossenschaften haben wir mit Judith Weber, Buchverlagsleiterin und Vorstandsmitglied, über das neue Modell gesprochen. mare-Gründer Nikolaus Gelpke hat sich im Übrigen gerade als Jazz-Saxophonist selbstständig gemacht.

BuchMarkt: Warum fiel die Wahl für mare auf die Genossenschaft und nicht auf andere Nachfolgemodelle?

Judith Weber: Unser ehemaliger Verleger, der mare-Gründer Nikolaus Gelpke, hat sich diese Form explizit gewünscht, um die Verantwortung für den Verlag in die Hände seiner langjährigen Mitarbeitenden aus dem Buch- und Zeitschriftenteam zu legen. Er wollte sicherstellen, dass wir alle die Chance bekommen, für den Verlag tätig zu bleiben und ihn gemeinsam in die Zukunft zu führen. Zudem gibt es jetzt für Anhänger unseres Verlagsprogramms die Möglichkeit, Anteile an der Genossenschaft zu erwerben, uns auf unserem Weg zu begleiten und einen Beitrag dazu zu leisten, unsere Unabhängigkeit langfristig zu sichern. So wird unser „Verlagsschiff“ nun von ganz vielen Händen getragen – die Anteilseigner:innen geben uns in für unabhängige Verlagshäuser unsicheren Zeiten viel wertvollen Auftrieb, das ist eine der großen Besonderheiten dieser Form.

Gab es Vorbilder innerhalb oder außerhalb der Buchbranche?

Ja, es gab ganz verschiedene Vorbilder: Allen voran die taz, dann mit dem Fußballclub St. Pauli ein prominentes und uns sehr sympathisches Hamburger Beispiel aus einer ganz anderen Branche, und innerhalb der Buchbranche natürlich die Büchergilde. Während unsere Umwandlung schon angedacht war, haben wir außerdem sehr interessiert beobachtet, wie sich zoraLit gegründet und die ersten Schritte als Genossenschaft gemacht hat.

Ein halbes Jahr nach der Umwandlung: Welche Bilanz ziehen Sie?

Für eine echte Bilanz ist es natürlich noch viel zu früh, aber einige wichtige Erfahrungen konnten wir in dem halben Jahr schon sammeln. Am eindrücklichsten war wohl die, was für eine riesige Begeisterung die Nachricht der Umwandlung ausgelöst hat und wie viele Menschen umgehend Anteile erworben haben. Unsere Genossenschaft zählt inzwischen schon über 350 Mitglieder, darunter Autorinnen und Übersetzer, Illustratorinnen, Fotografen, Buchhändlerinnen, sogar ein Verleger eines anderen unabhängigen Verlags und viele, viele Leserinnen und Leser unseres mare-Magazins und der Bücher. Und es werden täglich mehr. Gespiegelt zu bekommen, wie vielen Kulturbegeisterten es ein Anliegen ist, dass unser Verlag fortbesteht, ist eine große Motivation für uns, nicht nachzulassen in unserem Qualitätsanspruch und uns des entgegengebrachten Vertrauens auch zukünftig würdig zu erweisen.

Was hat sich im Arbeitsalltag am stärksten verändert?

Die größte Veränderung war, dass Nikolaus Gelpke, der den Verlag gegründet und seit fast dreißig Jahren geleitet hatte, sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat: Mit der Umwandlung hat er die Geschäftsführung in die Hände des neu gewählten Vorstands gelegt, die Chefredaktion des Magazins und die Verantwortung fürs Buchprogramm endgültig abgegeben. Über all die Jahre war er die treibende Kraft hinter vielen Ideen und Projekten und der Kopf von mare. Unser Verlag hat nun nicht mehr den einen Kapitän, sondern eine ganze Crew, die am Ruder steht und einen gemeinsamen Kurs finden muss.
Entsprechend müssen wir neue Wege etablieren, wie wir Entscheidungen treffen und Projekte vorantreiben möchten. Dabei hilft uns sehr, dass wir als Team schon lange zusammenarbeiten und uns gut kennen. Das hat sich in den vergangenen Monaten als sehr gute Voraussetzung dafür erwiesen, dass wir nun nicht in ganz
unterschiedliche Richtungen lossteuern, sondern uns wirklich auf einen Kurs einigen können.

Welche Herausforderungen haben sich bei der Umstellung ergeben?

Im Zuge der Umwandlung galt es, eine Satzung zu schreiben, die die Grundlage der neuen Unternehmensform bildet. Dafür haben wir uns die Satzungen der genannten Vorbilder angesehen und wurden vom Genossenschaftsverband beraten. Mit der Umwandlung haben wir dann für die kommenden drei Jahre aus
den eigenen Reihen einen Vorstand und einen Aufsichtsrat gewählt und Strategien erarbeitet, wie wir Menschen für die mare-Genossenschaft begeistern können.
Auch das ist ja neu: dass unser Erfolg sich nicht mehr nur an den Verkaufszahlen unserer Produkte bemisst, sondern auch daran, wie viele Menschen von den Werten, für die wir stehen, so überzeugt sind, dass sie Anteile an der Genossenschaft erwerben, um unseren Fortbestand zu sichern.

Hat die neue Struktur Einfluss auf das Verlagsprogramm?

Nein, nicht im engeren Sinne. Auch in der alten Unternehmensform hätten wir ja immer weiter daran gearbeitet, unsere Inhalte und Programme für unsere Leserschaft interessant zu gestalten und einerseits mit der Zeit zu gehen, andererseits aber traditionelle Werte wie die hochwertige Ausstattung aller unserer Produkte und den fairen Umgang mit allen am kreativen Prozess Beteiligten hochzuhalten. Genau das tun wir auch jetzt.

Ist eine Genossenschaft aus Ihrer Sicht wirtschaftlich widerstandsfähiger als andere Unternehmensformen?

Ja, denn wir stehen durch diese neue Form und die Einlagen unserer Genossenschaftler:innen gewissermaßen auf einem breiteren Fundament, als wir es in einer anderen Form getan hätten. Je mehr Menschen wir von unseren
Qualitäten und Idealen überzeugen und zu uns an Bord holen können, desto tragfähiger wird dieses Fundament und kann dann einen wirklich entscheidenden Beitrag zu unserer unternehmerischen Widerstandsfähigkeit leisten.

Könnte die Genossenschaft ein Zukunftsmodell für unabhängige Verlage sein?

Sicher kommt es dabei stark darauf an, aus welcher Ausgangslage heraus und mit welchen Mitstreiter:innen man sich in das Abenteuer Genossenschaft stürzt.
Viele Menschen im Unternehmen sollten Lust haben, es aktiv zu gestalten und Verantwortung zu übernehmen, es sollte ein Einverständnis in Bezug auf die demokratischen Prinzipien dieser Form geben (unsere Geschäftsführung – der Vorstand – ist ja z.B. nicht für immer gesetzt, sondern wird turnusmäßig neu gewählt), und man sollte sich als Verlag eben nicht nur gern mit dem eigenen Programm und den daran unmittelbar Beteiligten auseinandersetzen, sondern auch aktiven Austausch mit den Menschen pflegen wollen, die das Geschehen im
Verlag von außen begleiten und unterstützen möchten. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, erscheint uns die Genossenschaft nach dem ersten halben Jahr, das wir nun in dieser Form gearbeitet haben, als sehr attraktives Zukunftsmodell.

Die Fragen stellte Hanna Schönberg

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