
Dževad Karahasan erhält in diesem Jahr den mit 7.500 Euro dotierten Jeanette Schocken Preis. Das teilte der Suhrkamp Verlag heute mit. Die Preisverleihung findet am 12. Mai im Historischen Museum Bremerhaven statt.
In der Begründung der Jury heißt es: „Dzevad Karahasans Bücher sind absolut zeitgenössisch, aber auf raffinierte Weise zeitlos. Sie zeigen den Menschen in seiner Verführbarkeit und beschreiben staatliche Systeme und ihren moralischen Verfall. Es ist ein organisches Erzählen, abseits aller formalen und sprachlichen Effekte. In Karahasans Roman Der nächtliche Rat geht es um das Jugoslawien des Jahres 1991, am Vorabend des Bürgerkriegs, und der Autor verbindet dabei einen Proustschen Erinnerungssog mit dem sensiblen Registrieren gesellschaftlicher Veränderungen. Alle seine Bücher vereinen sich zu einer eindringlichen Absage an jede Form von Nationalismus und ideologischer Engstirnigkeit. Karahasan erlebte von 1992-1995 die Belagerung Sarajewos im jugoslawischen Bürgerkrieg und zeichnete in seinen ersten Büchern minuziös nach, wie diese einst multiethnische Stadt danach zu existieren aufgehört hat. Sein bisher letzter Roman Der Trost des Nachthimmels lebt zudem stark von der Tradition der Mündlichkeit, es handelt sich um eine Art Fortschreibung von 1001 Nacht. Der Leser sieht sich zwar in das Reich der Seldschuken im 11. Jahrhundert versetzt, aber es ist in jedem Satz spürbar, dass es sich beileibe nicht um einen „historischen Roman“ im klassischen Sinne handelt: Es geht um den Fundamentalismus, der im Zerfall geordneter Strukturen entsteht. Dieser Autor wurzelt in antiken, islamischen und christlichen Traditionen gleichermaßen, ist ein Spezialist für abendländische und morgenländische Philosophie, kennt die theologischen Verästelungen des Christentums und des Islam und plädiert unbeirrbar für Menschlichkeit und Toleranz. Karahasan bringt die unmittelbare Liebe zum Dasein und das Bewusstsein für die Katastrophe der Geschichte auf eine einzigartige Weise zusammen.“
Der Jury gehören an: Gabriele von Arnim, Helmut Böttiger, Nico Bleutge, Zsuzsanna Gahse und Dorothea Westphal.
Der Jeanette Schocken Preis wird seit 1991 im zweijährigen Turnus verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern zählen Irene Dische, Hanna Krall, Louis Begley, Imre Kertész, Tuvia Rübner, Barbara Honigmann, George Tabori, Bei Dao, Lizzie Doron, Ursula Krechel, Richard Sennett, Péter Esterházy, Gerhard Roth und Aris Fioretos.