
Gestern Abend begann offiziell und wie in den letzten neun Jahren im ausverkauften Saal der Deutschen Nationalbibliothek das Fest Frankfurt liest ein Buch mit einem Lesereigen .

Vom hessischen Kultusministerium war Eric Seng gekommen. Er bemerkte: „Wenn der Saal voll ist, kann die Veranstaltung ihren Sinn nicht verfehlt haben.“ Darüber hinaus berichtete er von einem lange zurückliegenden Besuch einer anfangs nicht so recht begeisternden zweisprachigen Autorenlesung; der Autor Javier Marias las aus dem spanischen Original, Christian Brückner dann den Text auf Deutsch. Nach einigen Passagen nahm sich Marias zurück und überlies Brückner das Feld – vorlesen sei halt nicht gleich vorlesen. Damit legte Seng die Latte allerdings ziemlich hoch, ein Gemurmel auf dem Podium blieb nicht aus.
Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig lobte die „grandiose Auswahl der Bücher“ des Lesefestes. Frankfurt liest ein Buch verdeutliche die Zugewandtheit zur Stadt und zur Literatur. Dabei würden auch Orte im Umfeld mit einbezogen.
Sabine Baumann, Vorsitzende des Vereins Frankfurt liest ein Buch, dankte allen Förderern, Sponsoren und Engagierten. Sie unterstrich, dass der Autor Martin Mosebach selbst an 22 von 85 Veranstaltungen teilnehme.


1992 habe man angesichts des „gegenwartsbesoffenen Berlin“ den großen Hauptstadtroman erwartet. Der sei dann mit Magic Hoffmann von dem in Frankfurt geborenen Jakob Arjouni (Diogenes, 1996) erschienen.
Martin Mosebach schaffe in Westend ein unglaubliches Beziehungsgeflecht. „Es handelt sich um etwas viel Größeres als die Beschreibung eines Frankfurter Stadtteils“, sagte Illies und schätzte das Buch als „zweiten großen Nachkriegsroman nach Martin Walsers Ehen in Philippsburg“ (Suhrkamp, 1957) ein. Deshalb werde aus Frankfurt liest ein Buch nun „Frankfurt liebt ein Buch“.
Anschließend lasen die Gymnasiastin Amelie Lüderssen, der Schriftsteller Prinz Asfa-Wossen Asserate, die Olympiasiegerin im Dressurreiten Ann Kathrin Linsenhoff, die Direktorin des Palmengartens Katja Heubach, der Literaturwissenschaftler Klaus Reichert, die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts/Goethemuseums Anne Bohnenkamp-Renken, der hr2-Ressortleiter Alf Mentzer und die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek Elisabeth Niggemann aus Westend.
Martin Mosebach bemerkte nach den vorgetragenen Passagen: „Die Leser kamen mir vor wie ein Schöffengericht, das dem Angeklagten das Geschriebene vorhält und ihn mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Tat stellt. Der Täter versteht nicht mehr, was damals geschah. Auch der Autor hat sich geändert.“ Westend sei ein weiteres Buch des Autors bei Hoffmann und Campe gewesen, bisher lagen keine großen Verkaufszahlen vor. Mehrmals wurde der Erscheinungstermin verschoben. Mosebach selbst war gegen den Titel: „Aber ich gab nach, obwohl mir ein anderer Titel lieber gewesen wäre.“ Erst sieben Jahre nach Westend erschien sein nächster Roman. „Das Buch hat sich von seinem Autor abgelöst und wird jetzt durch die Leser geprüft“, stellte Mosebach fest. Vor die Wahl gestellt, ob er einen schnellen Erfolg oder einen Misserfolg nach dem Erscheinen und 27 Jahre später eine Wiederauflage favorisieren würde, zog er Letzteres vor.

Im Anschluss konnten die Besucher bei der Buchhandlung Waide den Roman erwerben; Martin Mosebach signierte. Als Zugabe zur Jubiläumsausgabe des Lesefestes erhielt jeder Käufer noch eine hübsche Textiltasche.
JF