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Umgeblättert heute: „Annie Ernaux hat die Grenzen der Fiktion gesprengt, die Autobiografie revolutioniert und ein ganz neues Schreiben ermöglicht“

Jeden Morgen blättern wir für Sie durch die Feuilletons der führenden Tageszeitungen – damit Sie schnell einen Überblick haben, wenn Kunden ein bestimmtes Buch suchen oder Sie nach einer Idee für einen aktuellen Büchertisch:

 

„Sie ist eine Archäologin in eigener Sache“: Der Literaturnobelpreis geht an die Französin Annie Ernaux. Ausgezeichnet wird ein autofiktionales Werk einer feministischen Ikone der ersten Stunde. „Man habe Er­naux vor der gestrigen Bekanntgabe telefonisch gar nicht erreicht, verkündete der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm, in Stockholm. Dass ein Nobelpreisträger die Nachricht erst aus den Medien erfährt, auch das dürfte in der Geschichte des Preises so häufig noch nicht vorgekommen sein. Ausgezeichnet wird Annie Er­naux, die von der Schwedischen Akademie aus einer streng geheim gehaltenen Longlist mit insgesamt 233 Kandidaten gewählt wurde, ‚für ihren Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Grenzen persön­licher Erinnerung thematisiert‘.

„Grundsatzfrage der Energiepolitik“: Bloß keine Reaktoren zwischen Windrädern? Anna Veronika Wendland plädiert für eine Kombination aus Erneuerbaren und Atomkraft. „Ihr Weg zur Kernkraftbefürworterin liest sich ebenso spannend wie ihre Erlebnisse Anfang der Neunzigerjahre bei einem Besuch des 1986 havarierten ukrainischen Kernkraftwerks in Tschernobyl. Ihr fundiertes Wissen über Kerntechnik, das sie in ihrem Buch ausbreitet, fußt vor allem auf Erfahrungen und Beobachtungen, die sie im Rahmen von Forschungen in deutschen Kernkraftwerken für ihre Habilitationsarbeit gemacht hat.“

  • Anna Veronika Wendland, Atomkraft? Ja bitte! Klimawandel und Energiekrise: Wie Kernkraft uns jetzt retten kann (Quadriga Verlag)

„Sozialistin und Feministin blieb sie wohl ihr Leben lang“: Zuneigungsbekundungen sind dringend erwünscht: Susanne Witteck wertet den Briefwechsel von Rosa Schapire und Karl Schmidt-Rottluff aus. „Zu den völlig Vergessenen zählt die Kunsthistorikerin und -sammlerin Rosa Schapire nicht – einige Publikationen, eine Hamburger Ausstellung im Jahr 2009 und ein seit mehreren Jahren regelmäßig verliehener Rosa Schapire Kunstpreis erinner(te)n an sie und ihr Engagement für den deutschen Expressionismus, insbesondere für das Werk von Karl Schmidt-Rottluff. Eine biographische Monographie fehlte aber bislang. Dieser Aufgabe stellte sich nun die Autorin und Übersetzerin Susanne Wittek. Der Untertitel ihres Buches erwähnt zwar den wichtigsten Quellenbestand, auf den sie sich stützt, unterschlägt aber, dass wir es tatsächlich mit einer – freilich nicht alle Lebensabschnitte gleichwertig behandelnden – Biographie Rosa Schapires zu tun haben. Die Jahre 1950 bis 1954, in denen auch die von Wittek analysierten, über fünfhundert Briefe von und an Schmidt-Rottluff geschrieben wurden, bilden darin freilich den Schwerpunkt.“

  • Susanne Wittek, Es gibt keinen direkteren Weg zu mir als über Deine Kunst. Rosa Schapire im Spiegel ihrer Briefe an Karl Schmidt-Rottluff 1950–1954 (Wallstein Verlag)

„Sollte der Liberalismus denn Probleme haben?“: Schlafwandlerisch: Francis Fukuyama kehrt zu seinem alten Thema zurück und hat dabei kaum Neues zu sagen. „Sein Buch ist von geradezu brutaler Pointenfreiheit und zeugt von einem erschreckenden Mangel an Neugierde. Ohne sich weiterzuentwickeln, wird es für den Liberalismus nicht reichen. Nur mit Fukuyama gewappnet, dürfte das Ende des Liberalismus dem Ende der Geschichte zuvorkommen.“

  • Francis Fukuyama, Der Liberalismus undseine Feinde (aus dem Englischen von Karlheinz Dürr; Hoffmann und Campe Verlag)

„Wie man nicht Ich sagt“: Annie Ernaux hat die Grenzen der Fiktion gesprengt, die Autobiografie revolutioniert und ein ganz neues Schreiben ermöglicht. Dafür wird sie jetzt mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. „Dass ihre autobiografischen Erzählungen mit Kritik zu tun haben, dass sie auf einer klaren analytischen Arbeit beruhen, durch die am Individuellen immer die Merkmale des Gesellschaftlichen erkennbar werden, ist das Entscheidende an Annie Ernauxs Werk: viel gepriesen, erforscht, nachgeahmt und jetzt tatsächlich mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.“

„Furz gewinnt“: Julia Donaldson, die Autorin des Grüffelo, erklärt in einem Kurs, wie man Kinderbücher schreibt. „Die Krux mit jeder Kunst-Lehre ist am Ende jedoch, dass die Vermittelbarkeit von Kreativität natürliche Grenzen hat. Wenn Originalität erlernbar wäre, gäbe es sie nicht mehr. Die olle Regel gilt bei Kinderbüchern noch mehr als bei 116-bpm-Standard-Popsongs. In einem der letzten Kapitel schaut ihre Agentin Caroline vorbei, die erzählt, sie erhalte jeden Monat etwa 1000 Manuskripte. Donaldson fragt, was einen guten Autor für sie ausmache? ‚Um ein guter Kinderbuchautor zu sein, musst du mit deinem inneren Kind in Berührung treten.‘ Wie das allerdings funktioniert, kann wahrscheinlich keine Masterclass der Welt erklären.“

„Ein Buch zum Trost“: Eine App lässt ukrainische Väter ihren Kindern Bücher vorlesen.

„Ins Herz des Kollektivs“: Indem Annie Ernaux über sich schreibt, schreibt sie über die Menschen. Es ist frappierend selbstverständlich, dass sie den Nobelpreis für Literatur erhält. „Dieser Nobelpreis ist keine Überraschung. Oder doch, weil es nach der Verkündung am Donnerstagmittag so überraschend einleuchtend und selbstverständlich war, dass Annie Ernaux ihn erhalten musste. Ja, warum hatte die Schwedische Akademie überhaupt noch mehr als 200 andere Namen auf ihrer Liste? Geehrt wird eine Autorin, deren Werk von so überzeugender Klarheit ist, dass es beim Lesen leicht zugänglich erscheint. Zugleich haben die Bücher eine Tiefe, dass ein jedes nachwirkt, geradezu bohrend präsent bleibt, ja die Leserinnen und Leser verändert.“

„Die Panik aus amerikanischen Filmen“: Was ist mit Simon plötzlich los? Lize Spit erzählt in ihrem Roman Ich bin nicht da von einem katastrophal zerberstenden Glück. „Mögen auch die in der flämischen Presse getroffenen Vergleiche mit Tolstoi und John Irving sehr hoch gegriffen sein, so sind da doch ein beachtliches erzählerisches Vermögen und eine Dringlichkeit in der Sprache von Lize Spit, und zugleich auch wieder eine Nüchternheit. Eine Verbindung, die – mit ein paar Abstrichen – auch über die beinahe sechshundert Seiten trägt.“

  • Lize Spit, Ich bin nicht da. Roman. (a. d. Fläm. v. Helga von Beuningen; S. Fischer)
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