
Sabine Kuegler wuchs im Dschungel auf, ihr Buch Dschungelkind wurde ein weltweiter Millionenbestseller. „Der Kulturschock von damals bestimmt noch immer mein Leben, aber ich habe die fundamentalen Unterschiede der Kulturen mehr und mehr einzuordnen gelernt“, sagt die Autorin, die in ihrem neuen Buch Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind (Westend) auf ihr Leben zurückblickt. Anlass für Fragen:
BuchMarkt: Worum geht es in dem Buch?
Sabine Kuegler: In Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind setze ich Teile eines Puzzles zusammen, es sind die Teile meines Lebens. Da ist etwa das Stammesleben, das ich in meinen Berichten weder romantisiere noch herabwürdige, mein Blick darauf ist ungeschönt und klar. Anders als in meinem Debüt Dschungelkind erzähle ich hier nicht aus der Perspektive des Kindes, sondern aus der einer Frau, die in den melanesischen Kulturraum zurückgekehrt ist und die Welt ihrer Kindheit mit anderen, gereiften Augen sieht. Erst dort, aus der Entfernung, habe ich begonnen, die westliche Kultur zu verstehen, in der ich ab meinem 17. Lebensjahr gelebt habe, aber in der ich nie angekommen bin. Ich habe die Unterschiede in den Überlebensstrategien der Stämme und der westlichen Gesellschaft erfahren, welchen Preis die Freiheit der Menschen im Westen hat und warum die persönliche Unfreiheit der Menschen im Stamm von ihnen gar nicht als einengend empfunden wird. Ich habe gelernt, dass meine Identität keine Frage der Hautfarbe ist, sondern der Kultur, in der ich aufgewachsen bin.
Während meiner Jahre im Dschungel habe ich Dinge erlebt, die für die Menschen im Westen unvorstellbar und kaum zu glauben sind. Etwa das Zusammentreffen mit Wesen, die weder Mensch noch Tier sind, scheinbar magische Phänomene oder Formen des Kannibalismus, die noch heute in abgeschiedenen Stämmen praktiziert werden. Ich habe dort Heilung von einer schweren Krankheit gefunden, nachdem ich von westlichen Ärzten schon aufgegeben wurde, nur um kurz danach mein Hab und Gut, und beinahe auch mein Leben in einer verheerenden Flut zu verlieren.
Der Kulturschock von damals bestimmt noch immer mein Leben, aber ich habe die fundamentalen Unterschiede der Kulturen mehr und mehr einzuordnen gelernt. Ich habe gelernt anzuerkennen und zu akzeptieren, dass meine Identität einzigartig ist, und das kann eine ungewöhnliche Chance sein. Eine Chance, in einer globalisierten Welt Mittlerin zwischen den Kulturen zu sein.
Wie entstand die Idee, über dieses Thema überhaupt ein Buch zu schreiben?
Im letzten Jahr wurde ich 50 Jahre alt und schaute zurück auf mein bisheriges Leben. Ich bereue nichts, gute wie schlechte Zeiten hatten ihren Sinn und haben mich dahin gebracht, wo ich heute bin. Aber eine Sache hätte ich mir gewünscht, und zwar, dass ich ein Buch wie Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind mit 17 Jahren, als ich aus dem Urwald in die Schweiz ging, hätte lesen können. Dann hätte ich den Kulturschock, den ich erlitt, und damit mich selbst, so viel besser verstanden. Ich bin sicher, mein Leben wäre dann einfacher gewesen. Ich möchte mit dem Buch Mut machen. Mut machen, nie aufzugeben und sich so zu akzeptieren, wie man ist.
Welche Wörter schreiben sich leichter: Die ersten oder die letzten?
Es sind die ersten. Die Seiten liegen wie eine leere Leinwand vor mir, und ich freue mich darauf, sie mit bunten Farben zu bemalen.
An wen richtet sich das Buch?
Es richtet sich an Leserinnen und Leser, die sich für spannende Abenteuer, fremde Kulturen und Reisen in ferne Länder interessieren. Aber auch die, die sich verloren, einsam und unverstanden fühlen, weil sie aus anderen Kulturen kommen.
Mit welchem Argument kann der Buchhandel das Buch ideal verkaufen?
Das Buch ist extrem vielschichtig: Es erzählt die unvorstellbaren Dschungelabenteuer von Sabine Kuegler, gibt tiefe Einblicke in völlig fremde Welten und lässt seine Leserinnen und Leser daran teilhaben, was sich im Innerstem einer Frau abspielt, die zwischen zwei Kulturen hin- und hergerissen ist.
Welche drei Wörter beschreiben es aus Ihrer Sicht perfekt?
Mitreißend, Augen öffnend, Mut machend
Wie sähe ein Schaufenster zum Buch aus?
In dem Schaufenster ist das Bild einer Dschungellandschaft zu sehen, ein Dorf mit seinen Stammesbewohnern und Sabine Kuegler in ihrer Mitte.
Wird es eine Fortsetzung geben?
Wer weiß schon, wie mich Leben weiter verlaufen wird und welche Geschichten erzählt werden müssen? Parallel zu diesem Buchprojekt arbeite ich daran, meine unvorstellbaren Erlebnisse und Abenteuer aus meinen langjährigen Aufenthalten im Dschungel in einem Dokumentarfilm einem breiten Publikum zugänglich zu machen.