Home > Veranstaltungen > Thilo Schmid in Bologna Tag 2: Weltmosaik – Wenn Bilder lauter sind als Worte

Thilo Schmid in Bologna Tag 2: Weltmosaik – Wenn Bilder lauter sind als Worte

Auf der Kinderbuchmesse in Bologna (Foto: Thilo Schmid)
Auf der Kinderbuchmesse in Bologna (Foto: Thilo Schmid)

Endlich. Zwischen all den Terminen, den Gesprächen, den Handshakes und dem Kaffee, der hier in Strömen fließt, habe ich heute ein wenig Zeit gefunden, einfach auch einmal durch die Hallen zu streifen… Jagdtrieb pur!

Das Weltmosaik leuchtet

Draußen: grau. Drinnen: eine Explosion aus Farbe, Form und Fantasie. Je trüber der Himmel über Bologna, desto heller leuchten die Bilder in den Hallen. Bücher als Gegenwelt. Bilder als Antwort auf eine Wirklichkeit, die gerade nicht besonders einladend ist.

Besonders beeindruckt haben mich die Arbeiten junger Illustratorinnen und Illustratoren aus Schulen aller Welt – ein echtes Weltmosaik. Sehr eigene Striche. Ungewöhnliche Perspektiven. Bilder, die man so noch nicht gesehen hat. Keine Kopien, keine Trends nachgebetet – sondern echte, neue Stimmen. Und genau das ist es, wonach wir suchen.

Die Italiener:innen und die Kunst des Bildererzählens

Die italienischen Stände sind – wie immer – eine Klasse für sich. Eine andere Tradition des Bilderbuchs. Weniger erklärend, mehr andeutend. Für unser Imprint DRESSLERillustro ist das wundervolle Inspiration – und ein schöner Beweis dafür, dass wir damit einen Nerv getroffen haben.

Was die Italiener:innen auch meisterhaft beherrschen, ist das Silent Book – Bücher, die ganz ohne Worte auskommen, in die jeder seine eigene Geschichte hineinlesen kann. Bücher, über die man sich austauschen muss, weil es keine einzig richtige Antwort gibt. Bücher, die Ängste zeigen, Verstecktes sichtbar machen – mal frech, mal zart und poetisch.

Für den deutschen Markt noch eine Herausforderung: Die Deutschen mögen eigentlich das Eindeutige. Das Interpretierbare ist ihnen ein wenig unheimlich. Dabei sind Silent Books vielleicht die beste Antwort auf eine Welt, in der über den Ständen und Wegen in den Hallen laute, unverständliche Wortfetzen in verschiedenen Sprachen aus Mikrofonen plärren – ein bisschen babylonisch.

Herzlichen Glückwunsch, Jon Klassen!

Ein Highlight des Tages: Heute wurde der Astrid Lindgren Memorial Award 2026 – der wichtigste Kinderbuchpreis der Welt, dotiert mit über 460.000 Euro – an den kanadischen Illustrator und Bilderbuchkünstler Jon Klassen verliehen. Vollkommen zu Recht.

Jon Klassen ist ein Meister des Weglassens und der pointierten Emotion. Die Jury des ALMA würdigt ihn als Künstler, „der neue Perspektiven auf unseren Platz im Universum eröffnet“. Glückwünsche an das NordSüd-Team.

Trends, die man kennen sollte

Nette Monster in Bologna (Foto: Thilo Schmid)

Was sonst noch auffällt: Classic-IPs erleben eine Renaissance. Zum Beispiel James Bond für jüngere Zielgruppen. Und es gibt gefühlt unendlich viele Sherlock-Holmes-Interpretationen. Die Klassiker kommen zurück – in neuem Gewand, für neue Generationen. Gut so.

Und dann wird sich ordentlich gegruselt. Cosy Spooky ist das Stichwort – Bücher, die ein bisschen Schauer bieten, aber sicher genug sind, um sich dabei wohlzufühlen. Passend zu Halloween, passend zu unseren Zeiten. Manchmal ist ein gutes Geisterbuch eben die bessere „gruselige“ Nachrichtenalternative.

Ein dominierender Trend bei den älteren Altersgruppen: Bücher, die Spielmechaniken, Gaming-Sprache und digitale Erlebniswelten integrieren. Die Grenzen zwischen Lesen und Spielen verschwimmen – und das ist keine Bedrohung, sondern eine Einladung.

Viele Bilderbücher zeigen auch Kinder, die in fantastische Welten eintauchen – beim Träumen, beim Spielen, beim Einschlafen. Die Fantasie als Schutzraum. Als Abenteuer. Als Versprechen.

Menschen, Momente, Melancholie

Eine Autorin, die ich zwischendurch auf dem Gang treffe, wirkt erschlagen. Vom Überangebot der Geschichten, von der Realität des Handels, von der wenigen Zeit, die ein Buch bekommt – und der vielen Zeit und Hoffnung, die darin steckt. Ich verstehe das. Und ich finde es wichtig, das auszusprechen: Bücher zu wertschätzen heißt auch, den Prozess ihrer Entstehung wertzuschätzen – für alle Beteiligten in einer langen Wertschöpfungskette. Umso frustrierender und absurder die Nachricht, die mich über Langendorfs Dienst erreicht: Die Durchschnittspreise in der WG2 sind leicht gefallen…

Humor ist gut vertreten – als Gegenwehr, als Bastionen aus Farbe und Gedanken. Gut so. Wir brauchen das gerade. Und, ach ja – Trendtier der Messe? Ich würde mal die Giraffe und die Schildkröte nennen!

Skandinavien, Bildung und die Frage, wer vorläuft

Abends dann: das traditionelle Essen mit unseren langjährigen Freunden von Opal. Es gibt Menschen die man auf einer Messe treffen muss und solche, die man treffen will. Wir sind Skandinavien sehr verbunden – durch Astrid Lindgren und eben Sven Nordqvist und so viele andere, die bei uns ein Zuhause gefunden haben. Und so ist das Gespräch beim Essen nicht nur freundschaftlich-herzlich, sondern einander bestärkend und sehr konstruktiv. So viele neue Ideen, so tolle Projekte und so spannende Nachrichten aus Schweden: U.a. : Die Regierung dort subventioniert das Lesen und baut die Digitalisierung in Kindergärten und Schulen weiter zurück. Was man dort vor Jahren als Fortschritt gefeiert hat, erweist sich als Irrweg – und man korrigiert ihn. Konsequent. Während wir in Deutschland noch dabei sind, Tablets in Klassenzimmer zu schieben, als wäre das die Antwort auf alle Bildungsfragen. Vielleicht sollten wir öfter nach Norden schauen – um das Lernen zu lernen. Bei den Subventionen bin ich mir nicht so sicher – wir sehen in Frankreich, was passiert, wenn diese dann irgendwann wieder gestrichen werden müssen. Und wir mögen unsere „selbstverdiente“ Freiheit und haben keine Lust auf noch mehr Staat. Um uns herum lautes Getöse in einem kleinen Restaurant. Amerikaner, Niederländer und viel Lachen.

No Shows, Streik und das Wetter

Berichtet wurde mir von anderen Verlagen leider von vielen „No Shows“ und verpassten Terminen – viele Kolleg:innen warteten wohl umsonst, nicht alle Termin-Systeme haben reibungslos funktioniert. Bei uns am Stand war zum Glück die Einzige, die nicht aufgetaucht ist, die Langeweile.

Beherrschendes Thema zum Auftakt wirklich jeden Termins heute: der Lufthansa-Streik, der zu großen Umwegen führt und Nerven aufreibt, die eh schon dünn sind. Danke von hier an die Gewerkschaft – ihr wisst schon. Das Wetter draußen: noch immer mies – mit ähnlichen Zustimmungswerten vor Ort wie der Streik oder aktuell unsere Regierung zu Hause.

(Foto: Thilo Schmid)

Nicht ganz ernst gemeinter Tipp des Tages

Wer in Bologna ist und etwas anderes als die Messe sehen möchte: Passenderweise zeigt die Ausstellung „Artificial Intelligence Creative Intelligence“ im Museum für Industriekultur junge Künstlerinnen und Künstler im Dialog mit KI. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Besonderer Tipp dagegen direkt AUF der Messe: die „Illustrators Survival Corner“ – gut besucht, wichtig. Der Name ist Programm. Und wie die ganze Messe ein Ort, an dem man spürt, dass hinter jedem Bild ein Mensch steckt. Mit Zweifeln, mit Hoffnungen, mit einer Stimme, die gehört werden will – und einer bunten Seele.
Wer nach solchen Menschen sucht, ist in Bologna genau richtig.

Thilo Schmid

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige

Wie war Ihr Monat, Kerstin Gleba?

„Wie war Ihr Monat?“ fragen wir monatlich Branchenmenschen. Dieses MalKiepenheuer & Witsch-Verlegerin Kerstin Gleba, die sich auf den Auftakt des 75. Jubiläumsjahrs des Verlags freut. BuchMarkt: Welcher Tag war Ihr

weiterlesen