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Anne M. Schüller: „Erzählen Sie Ihre Unternehmensgeschichte auf packende Weise, um daraus für die Zukunft zu schöpfen“

Anne Schüller (Foto: privat)
Anne M. Schüller (Foto: privat)

Die Diplom-Betriebswirtin Anne M. Schüller hat ein neues Buch über Narrative geschrieben. Wir haben mit ihr über unsere Branche der Geschichten gesprochen.

BuchMarkt: In unserem Vorgespräch sagten Sie, dass zwar nahezu jede:r den Begriff „Narrativ“ kenne, oft jedoch Unterschiedliches darunter versteht. Was meint der Begriff für Sie?

Anne M. Schüller: Narrative sind Erzählungen mit Bedeutung. Sie geben uns Orientierung, eine Richtung, einen Rahmen und Sinn. Sie helfen, komplexe Ideen und Konzepte verständlich zu machen und gemeinschaftliche Meinungen zu formen. Sie prägen, wie wir Ereignisse, Menschen oder gesellschaftliche Entwicklungen wahrnehmen und bewerten. Sie werden genutzt, um Botschaften zu vermitteln und Unterstützung für eigene Ideen zu gewinnen.

Jeder von uns hat persönliche Glaubenssätze, sprich Narrative, im Gepäck, die sein Leben erhellen oder verdüstern. Für die Arbeitswelt und unsere Zukunftsgestaltung gilt das genauso. Negativnarrative behindern unser Vorankommen, damit reden wir uns selbst in den Abgrund. Positivnarrative sind eine Grundvoraussetzung, damit es vorangeht, sie sorgen für Aufwind und Erfolg. Damit befasst sich mein neues Buch.

In einem Kapitel beschäftigen Sie sich u.a. damit, warum Menschen gute Geschichten so sehr lieben. Können Sie uns das zusammengefasst erklären?

Unsere Gedanken, ja selbst unsere Träume, manifestieren sich fast ausnahmslos in Form von Geschichten. Kopfkino nennen wir das. Demzufolge lassen sich Menschen lieber durch gut gemachte Geschichten zu einem gewünschten Tun inspirieren als durch fixe Vorgaben, nüchterne Erklärungen und trockene Fakten. Fakten gehen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder heraus, sie sind Schwerstarbeit für unseren Denkapparat. Gute Geschichten hingegen betören. Wir können uns ihrem Zauber kaum entziehen.

Vor allem komplexe Sachverhalte brauchen griffige Narrative, um im Oberstübchen Fuß zu fassen. Wem etwas undurchsichtig erscheint, der verweigert sich und schaltet ab. Gutes Storytelling hingegen nimmt uns die Angst vor dem Unbekannten, weil wir uns in Gedanken ganz gefahrlos damit anfreunden können. Gut gemachte Geschichten haben, wie alles Menschliche und alles Emotionale, Vorfahrt im Kopf. Nicht derjenige mit den besten Argumenten überzeugt, sondern derjenige, der die stimmigste Story erzählt.

Im Buch geht es auch darum, was Geschichten für uns selbst und für unsere Arbeit tun können. Was wäre das?

Der Tenor der Geschichten, die wir uns selbst und bei der Arbeit uns gegenseitig erzählen, entscheidet über unsere Lebens- und Arbeitserfolge maßgeblich mit. Deshalb sind Dauergenörgel, Schwarzmalerei und Resignation, wenn wir uns damit umgeben, so zerstörerisch. Es sind vor allem die selbstgestrickten Geschichten, die uns plagen, Angst einjagen und blockieren, da uns das lähmt und zu Opfern der Umstände macht.

Optimistische Erzählungen hingegen weiten den Blick für Möglichkeiten, bewirken Einfallsreichtum, wecken Tatendrang. Zukunft ist ein offener Raum für Gelegenheiten. Doch erst die Erwartung, dass darin Gutes für uns steckt, entfacht Schöpferkraft und bringt uns ins Handeln. Je mehr wir uns auf das Positive und die Überwindung von Hindernissen konzentrieren, desto größer sind unsere Chancen, etwas Vielversprechendes in Gang zu bringen. Im Buch gibt es 40 Tools, wie das geht.

Die Buchbranche strotzt geradezu vor guten Geschichten, die jedoch meist von und über andere handeln. Wie sollten Buchhandlungen und Verlage ihre eigene Geschichte am besten erzählen?

Fast jedes Unternehmen der Branche hat eine interessante Gründungsgeschichte. Voller Ehrgeiz und Enthusiasmus, mit Hingabe und Entschlossenheit packte die Startcrew ihre Aufgaben an. Erzählen wir doch diese Geschichte auf packende Weise, um daraus für die Zukunft zu schöpfen. Stattdessen sehe ich Firmengeschichten sehr oft staubtrocken serviert: als Aufzählung in chronologischer Reihenfolge – mit Jahreszahlen, Daten und Fakten gespickt. Langweiliger kann man‘s ja nun wirklich nicht machen.

Auch im Umfeld einer Buchhandlung stecken viele noch unerzählte Geschichten. Und überall gibt es Originale, die bewegend erzählen: von Geschehnissen aus der fernen Vergangenheit und Visionen für eine bessere Zukunft. Je mehr Fake News, desto mehr Sehnsucht nach echten, wahren Geschichten entsteht. Und je mehr digitaler Dauerstress, desto mehr Lust auf digital ungetrübte Gemeinschaft. „Offline Clubs“ werden gerade zu einer weltweiten Bewegung. Man erzählt einander Geschichten, liest miteinander, spielt Gesellschaftsspiele. Handys werden während der Events weggeschlossen.

Die Fragen stellte Hanna Schönberg

Anne M. Schüller ist Managementdenkerin, Keynote-Speakerin, mehrfache Bestsellerautorin und Businesscoach. Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das narrative Touchpoint Management und eine zukunftsorientierte Unternehmensführung. 2015 wurde sie für ihr Lebenswerk in die Hall of Fame der German Speakers Association aufgenommen. 2024 wurde sie als Unternehmerin der Zukunft ausgezeichnet. Ihr neues Buch „Narrative für eine bessere Zukunft“ erscheint am 19. April bei Vahlen.

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