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„Dauerbeleidigtsein ist für manche schon zum Geschäftsmodell geworden“

Anne Vogd: „Etwas mit Humor zu betrachten, heißt ja nicht, sich über etwas lustig zu machen. Das wird leider oft verwechselt. Und Humor kann noch mehr: Er ist auch eine geeignete Methode, um auf alarmierende Zustände hinzuweisen, denn das Dauerbeleidigtsein kommt ja nicht von ungefähr, sondern hat seinen Ursprung mitunter in Situationen, die es sehr wohl wert sind, betrachtet zu werden“ (c) privat

Mit „Ge*gendert wird, was auf den Tisch kommt“ (dtv) beschreibt die Comedienne und Autorin Anne Vogd ihr Leben als Boomer-Mutter mit woker Tochter. Dabei schlägt sie einen großen Bogen von Selfcare bis Nachhaltigkeit, von Modesünden bis Body Positivity. Zeit, mal über die wichtigsten Themen unserer Zeit mit einer zu sprechen, die offenbar die volle Breitseite abbekommen hat.

BuchMarkt: Frau Vogd, Gegendert wird, was auf den Tisch kommt? Klingt das nicht ein bisschen autoritär?

Anne Vogd: Ja, und das soll es auch. Der Titel ist angelehnt an die Ansage „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“ und steht mit seinem Absolutheitsanspruch für Belehrungen, Befehle und Bevormun-dungen – also für typische Phänomene in der heutigen Zeit. Er provoziert und macht Krawall – ein Muster, das uns täglich in gesellschaftlichen Debatten begegnet. Ich habe ihn allerdings nicht deshalb gewählt, weil ich der Ansicht bin, dass ein autoritärer Umgang mit unterschiedlichen Meinungen das Mittel der Wahl sein sollte, sondern, im Gegenteil, weil ich den heute vorherrschenden Absolutheitsanspruch, nach dem Motto „Ich finde meine Meinung super und alle anderen Meinung sollten verboten werden“ kritisieren möchte. Das Buch behandelt viele Minenfelder … Gendern, Klima, Diversity und vieles mehr. Zu diesen Themen toben täglich ideologische Kulturkämpfe, bei denen es immer mehr als eine Meinung gibt, aber immer weniger Verständnis für Andersdenkende. Das Meinungsklima wird aggressiver und rücksichtsloser. Der Titel soll diesbezüglich „Awareness“ schaffen, aber auch  gleichzeitig Neugierde triggern, wie diese Awareness ausgerechnet von einer amüsanten Unterhaltungslektüre geschafft werden will, ohne die Themen dabei ins Lächerliche zu ziehen.

Ist denn Humor die richtige Methode, um auf die allseitigen Empfindlichkeiten hinzuweisen? Treten Sie nicht automatisch ständig allen auf die Füße damit?

Ja! Fakt ist, dass sich ein Betroffenheitskult breit macht. Es wird heute gern „missverstanden“, Dauerbeleidigtsein ist für manche schon zum Geschäftsmodell geworden, was das gesellschaftliche Leben zunehmend anstrengender macht. Humor ist da ein probates Mittel, um mit diesen Entwicklungen besser fertig zu werden. Etwas mit Humor zu betrachten, heißt ja nicht, sich über etwas lustig zu machen. Das wird leider oft verwechselt. Und Humor kann noch mehr: Er ist auch eine geeignete Methode, um auf alarmierende Zustände hinzuweisen, denn das Dauerbeleidigtsein kommt ja nicht von ungefähr, sondern hat seinen Ursprung mitunter in Situationen, die es sehr wohl wert sind, betrachtet zu werden. Humor kann dabei Brücken bauen, er funktioniert wie sozialer Kitt. Er schafft es, die Bereitschaft zuzuhören zu triggern, auch wenn die POV nicht unterschiedlicher sein könnten. Humor kann Kompromisse, macht uns situationselastisch und anpassungsfähig. Würden viele der aktuellen Debatten mit etwas mehr Humor geführt, würden sie nicht so verbiestert rüberkommen. Humor sollte viel öfter zum Einsatz kommen, zumal er ja selbst hier in Deutschland noch nicht steuerpflichtig ist …

Das Buch zu den Themen der Zeit also. Aber was empfehlen Sie dem Buchhandel? Es ins Humor-Regal zu stellen? Da wird es wohl nicht ernst genommen. Oder ins Politik-Regal? Da stünde es dann aber zwischen Obama und Sarah Wagenknecht …

Das Buch gehört natürlich ins …. Bestsellerregal! Aber da es dorthin nur über „Umwege“ geht, würde ich unbedingt vorschlagen, es zunächst neben artverwandten Werken im Habitus „Humor“ anzusiedeln. Dort wird es sich wohlfühlen, denn dort trifft es auf Artgenossen seiner Gattung wie z.B. „Familie macht glücklich“ von Johann König, „Komm zu nix“ von Tommy Jaud, „Älternzeit“ von Jan Weiler, „Mensch Erde!“ von Dr. Eckhart von Hirschhausen, „Es ist nur eine Phase Hase“ von Leo und Gutsch – alles weder Lebensratgeber noch platte Witzesammlungen aus den Gag-Gräbern bekannter Fun-Friedhöfe, sondern zeitgemäße, amüsante Unterhaltungslektüre mit Message.

Klare Anleitungen für das Sortiment also. Aber hilft das dem Buchhandel? Was empfehlen Sie denn den Buchhändlerinnen und Buchhändlern im Umgang mit dem generellen Krisenmodus, in dem wir uns alle befinden?

Meine allgemeine Empfehlung lautet: Bleiben Sie optimistisch. Auch wenn die Welt kompliziert geworden ist, Sie oft den Eindruck gewinnen, nichts mehr richtig machen zu können, sich vielleicht sogar wie ein lupenreiner „Universaldilettant“ fühlen und Ihnen dann Ihr eigenes Leben einsturzgefährdet erscheint. Es geht vielen so. Mit dem Gefühl fallen Sie mittlerweile auf wie ein Sauerstoffatom im Hochschwarzwald. Richtig und falsch zu unterscheiden, ist in einer Welt, die sich immer dynamischer dreht, kaum noch möglich. Was heute richtig ist, kann morgen schon falsch sein und übermorgen richtig (!) falsch. Es ist heute völlig normal, sich schwer zu tun, im Bermudadreieck zwischen Ansprüchen, Widersprüchen und Freisprüchen nicht verloren zu gehen. Leben Sie einfach damit. Wir alle tun es.

Meine spezielle Empfehlung, für alle, die das große Glück haben, im Buchhandel zu arbeiten, lautet: Lesen! Lesen Sie alles, was Ihnen zu den Themen unserer Zeit unterkommt. Und werden Sie nicht müde, Ihren Kunden den Benefit einer solchen Lektüre zu vermitteln. (Im stationären Handel geht das – online eher nicht.) Denn Bücher erreichen Stellen im Gehirn, da kommt Instagram gar nicht hin. Gerade was die brisanten, oft polarisierenden Debatten unserer Zeit anbelangt, ist es wichtig, sich Zeit für eine persönliche Sicht auf die Dinge zu nehmen, einen eigenen Interpretationsspielraum zu schaffen und nicht unreflektiert auf das zurückzugreifen, was uns von vielen Medien „küchenfertig“ um nicht zu sagen „vorgekaut“ und manipulativ vorgesetzt wird. Gegessen wird EBEN NICHT, was auf den Tisch kommt. Sich Zeit für die eigene Bewertung unserer Zeitgeistphänomene im allgemeinen zu nehmen und für die Bestimmung der perfekten Koordinaten im persönlichen Sonnensystem im Besonderen, dazu fordert „Gegendert wird, was auf den Tisch kommt“ auf. Auch wenn man bei sensiblen Themen wie diesen nicht immer gleicher Meinung sein wird, so triggert das Buch doch Lust auf andere Sichtweisen, regt zum Überdenken der eigenen Position an und legt auch mal nahe, diese zu wechseln wie eine Formation von Zugvögeln. Der Button „Mit Selbsttest -Wie daneben bin ich?“ zielt darauf ab. Ich selber habe diesen Test gleich mehrfach während des Schreibens dieses Buches durchlaufen.

Womit wir bei der Autorin wären. Sie schreiben ja gerne anhand vermeintlich authentischer Beispiele. So unperfekt wirken Sie gar nicht, wie Sie sich in ihrem Buch geben …

Bin ich aber. Orientierungslosigkeit gehört in meinem Leben zu einem ganz normalen, handelsüblichen 08/15 Tag dazu. Sie begegnet mir beim Einkaufen im Supermarkt (Was darf man noch kaufen und womit outet man sich als Ignorant?), in komplett durchgegenderten Videocalls, wo Sätze manchmal unnötig lang und kompliziert werden, im Freundeskreis, wo nichts ausgelassen wird, um aus der zweiten Lebenshälfte die Bessere zu machen … Ich schaue mich oft ratlos um, trage mittlerweile Selbstzweifelvorräte in mir, die weit über meine statistische Lebensdauer hinausgehen. Weshalb ich dieses Buch geschrieben habe, was wiederum letztendlich dazu geführt hat, dass mein Ego jetzt tatsächlich etwas weniger wackelig ist. Und zwar nicht weil ich bei meiner Recherche pädagogisch wertvolle Erkenntnisse gewonnen habe, die ich vorher nicht hatte, sondern weil ich erkannt habe, dass „unperfekt“ die neue Norm ist und ich es jetzt immer öfter schaffe,  mich am Rande der Egalität zu bewegen, wenn etwas nicht perfekt läuft oder keiner gängigen Norm entspricht.

Also besser doch mehr Selbstoptimierung? Dafür gibt es ja inzwischen unzählige Methoden.

Nein, eben nicht. Perfektion ist eine gefährliche Illusion, es sei denn, man entschärft gerade eine Bombe. Die Welt dreht sich dazu viel zu schnell. Der Common Sense ändert sich ständig und mit ihm das Framing. Der Anspruch da mithalten zu können, ploppt zwar auf den unterschiedlichen Ebenen unseres Alltags immer wieder hoch, er ist sozusagen der Herpes unter unseren Ansprüchen, aber würden wir ihm jedes Mal nachgeben, wären wir nach kurzer Zeit fertig und ausgebrannt. Selbstoptimierung halte ich für ein Relikt vergangener Zeiten. Wir sollten heute schlauer sein.

Apropos schlauer sein: Wird uns die Künstliche Intelligenz retten?

Sie wird vieles einfacher machen, aber … Mit Smarthome Technologien hat es vor Jahren angefangen. Es gab Markisen, die intelligenter waren als so mancher Abiturient – mit intuitiver Bedienoberläche und beliebigen Beschattungs- und Beschallungsszenarien. Das war ja noch ganz witzig. Aber mittlerweile haben wir eine ganz neue Dimension erreicht. Viele Haushaltsgeräte verbinden sich schon mit dem WLAN. Man ist zunehmend der Elektronik ausgeliefert. Bei einem Freund von mir sprang Weihnachten die Heizung nicht an, weil die App erstmal ein Update brauchte. Bisher piept mein Kühlschrank nur, wenn ich zu lange die Tür offenstehen habe. Aber wie werde ich es wohl finden, wenn er demnächst entschlossen die Türe von innen verriegelt hält, weil ich fünf Packungen Chocofresh in ihm bevorrate und er gerade mit meiner Personenwaage kommuniziert hat und die ihn schonungslos über meinen Körperfettanteil aufgeklärt hat, meine Krankenkasse direkt mit in cc gesetzt hat, worauf die mich ab dem Tag als Risikopatientin führt? Auch wieder eine Art Diktat, eine Art Bevormundung, die ich ablehne. Gut, das ist jetzt eine übertriebene Betrachtung dessen, für was KI in ein paar Jahren stehen könnte. Aber man darf schon jetzt nicht vergessen, dass jedes Wort, das man mit seiner Alexa spricht, mittgeschnitten werden kann, dass man für große Konzerne durch die freiwillige Bereitstellung persönlicher Daten, immer transparenter wird. Der Umgang mit KI will gelernt werden.

Aber vielleicht rettet die KI ja wenigstens den Buchmarkt?

Ich habe mich noch nicht eingehend genug mit dem Thema KI beschäftigt, um da eine fundierte Aussage treffen zu können. Aber ich habe auch schon mal versucht, mit Hilfe von Chat GPT, einen Text zu verfassen. Dabei ging es nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, bei der die Software sauber recherchierten und empirisch belegten Content liefern sollte, sondern es ging um eine humorvolle Kolumne zum Thema E-Mobilität. Der erste Draft las sich wie ein Wikipedia Eintrag. Ich verlangte „etwas mehr Humor“. Chat GPT reagierte, in dem es weitere Fakten hinzufügte. Ich monierte wieder und benutzte dabei einfache Wörter wie Witz, Gag, etc. Aber auch der dritte Text lieferte nichts Brauchbares. Chat GPT kann sicherlich schon sehr viel und wird die Buchbranche auch verändern, vor allem im Bereich wissenschaftlicher Publikation, aber einer Erzählung eine überraschende Wendung zu geben – und Humor basiert ganz oft genau auf diesem Überraschungsmoment – da tut Chat GPT sich noch schwer, denn künstliche Intelligenz basiert genau auf dem Gegenteil, nämlich auf den Prinzipien der Logik.

Okay, das ist nicht wirklich sehr ermutigend. Wir sollten Ihnen die Gelegenheit zu einem richtig motivierenden Schlusswort geben. Hier haben Sie sie.

Ihr Leben ist nicht das einzige, das oft zu wahr ist, um schön zu sein. Versuchen Sie, damit klarzukommen. „Gegendert wird, was auf den Tisch kommt“, möchte Ihnen dabei helfen. Denn es lebt sich einfach besser, wenn zwischen Wunsch und Wirklichkeit nicht das komplette Saarland passt. Ich gebe zu, „nur noch kurz die Welt retten“, werden Sie nach dieser Lektüre nicht können. Mit der Luftpumpe die Windrichtung ändern, hat auch noch nie funktioniert. Aber in einem überfrachteten Alltag wie dem unseren, hilft es, die Maßstäbe zurecht zu rücken. Mit einem launigen Blick auf eine Weltordnung, die sich ständig neu konfiguriert, bei der jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird die täglich neu justiert wird, plädiert das Buch immer wieder dafür nicht alles immer so bitter ernst zu nehmen. Aus „leben und leben lassen“ darf nicht „schämen und beschämt werden“ werden. Sonst verliert das Leben an Leichtigkeit. Die brauchen wir aber, um Herausforderungen leichter zu meistern.

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