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Joseph Weisbrod zum 125. Geburtstag des Verlegers Dr. Alfred Hüthig und dem 100-jährigen Verlagsjubiläum

Dr. Alfred Hüthig (Foto: Sauer)

Der junge Mann hat den Kopf voller Ideen und den unbändigen Willen, etwas bewegen zu wollen. Schon mit 22 Jahren promoviert Alfred Hüthig an der Universität Leipzig bei Karl Bücher, dem Nestor der deutschen Zeitungswissenschaft, mit einer Machbarkeitsstudie über einen neuen Zeitschriftentyp zum „Dr. phil.“ Inspiriert von einem Volontariat im Vogel Verlag gründet er, noch keine 25 Jahre alt, in unsicheren wirtschaftlichen und politischen Zeiten seine eigene Firma.

Was nach einem aktuellen Start-up in der Gründer-Hochburg Heidelberg klingt, liegt exakt ein Jahrhundert zurück. Einen Bankkredit oder gar Investor hat der gebürtige Thüringer nicht, als er 1925 in Heidelberg dem Dr. Alfred Hüthig Verlag seinen Namen gibt. Das innovative Dissertationsthema setzt der Jungunternehmer mit dem ersten Verlagsobjekt „„Die Holzbearbeitungsmaschine“ erfolgreich in die Praxis um: Die Basis für weitere branchenspezifische technisch-wirtschaftliche Fachzeitschriften bis zum Kriegsbeginn 1939.

Wegen des Verbots „nicht kriegswichtiger Zeitschriften“ verlegt Hüthig sich während des Zweiten Weltkriegs auf die Belletristik. Nach dem Kriegsende könne man mit schöngeistiger Literatur, so der junge Verleger, „keinen Hund mehr hinterm Ofen hervorlocken.“ Doch die aufstrebende Nachkriegswirtschaft dürstet nach Fachwissen. Diesen Know-how-Bedarf will Alfred Hüthig bedienen. Mit seiner Gabe, stets die fähigsten Mitstreiter für seine ehrgeizigen Ziele zu gewinnen, schafft er in Mainz 1947 aus dem Nichts den Neustart mit der Fachzeitschrift „Der Eisenbahn-Fachmann“. Dessen Nachfolger „Deine Bahn“ erscheint heute im Bahn Fachverlag in Berlin, der sich als Marktführer für bildungsrelevante Inhalte in der Bahnbranche etabliert hat. Gründer-Enkel Sebastian Hüthig steht dem Verlag als geschäftsführender Gesellschafter vor.

Nach der Rückkehr von Alfred Hüthig nach Heidelberg am 20. Juni 1948, dem Tag der Währungsunion, beginnt der jahrzehntelange Aufstieg der Verlagsgruppe Hüthig zu einem der bedeutendsten Medienhäuser im Fach- und Wissenschaftsbereich. Gemeinsam mit dem als „Vater der Kunststoffe“ berühmt gewordenen Nobelpreisträger Hermann Staudinger gründet Alfred Hüthig 1952 die international renommierte Zeitschrift „Makromolekulare Chemie“.

Nach der verlegerischen Maxime „Lieber in einem kleinen Markt ein Großer sein als in einem großen Markt ein kleiner“ entwickelt sich auch durch Zukäufe ein vielfältiges Verlagsprogramm mit bis zu 70 Fachzeitschriften und über 3.000 Buchtiteln. 1972 zieht der bekennende „Mann der Fachzeitschrift“ sich aus der Geschäftsführung zurück. Seitdem leitet der damals 30-jährige Sohn Bernd Holger Hüthig die Geschicke des dynamisch wachsenden Familienunternehmens. Der studierte Diplom-Kaufmann setzt neben dem Ausbau des Zeitschriften-Portfolios auf die 1975 in Heidelberg gegründete Arbeitsgemeinschaft (AGV) der Verlage C. F. Müller (gegr. 1797), R. v. Decker (1713) und Kriminalistik (1926). Aus diesen Traditionsmarken schmiedet der gelernte Journalist und promovierte Jurist Hans Windsheimer in der Doppelspitze mit dem Gründersohn ein Tochterunternehmen, das auf dem Gebiet Recht, Justiz und Verwaltung zu den führenden Verlagen avanciert.

Hüthig Verlagsgebäude (Foto: Hüthig)

Nach dem Tod von Dr. Alfred Hüthig am 15. Juli 1996, kurz vor Vollendung des 96. Lebensjahres (12. September), betont Co-Geschäftsführer Dr. Hans Windsheimer in seiner Traueransprache: „Das Bild vom genialen Verleger, in dessen Händen alles wie von selbst zu Gold wird, hat er nie geteilt und gepflegt. Und er hat es auch nicht gelebt. Es war typisch für ihn, allerdings auch für seine Kondition bis ins hohe Alter, dass er die rund 160 Treppenstufen bis in den vierten Stock des Stammhauses stets per pedes absolvierte. Ein Indiz, dass da nicht nur der ‚geborene Verleger‘, sondern auch ein Kämpfer am Werk war.“

Mit der Integration in die Münchner Mediengruppe Süddeutscher Verlag – mit der „Süddeutschen Zeitung“ als Flaggschiff – ab Januar 1999 stellt Bernd Holger Hüthig die Weichen für die Zukunft des einstigen Start-Up. Seitdem lebt der 100 Jahre alte Verlagsname Hüthig in verschiedenen Unternehmen weiter: Im Süddeutschen Verlag Hüthig Fachinformationen. In der auf technisch-industrielle Fachmedien spezialisierten Hüthig GmbH. In der Verlagsgruppe Hüthig Jehle Rehm, einem Topanbieter im Bereich Recht, Verwaltung und Steuern. Der in der juristischen Ausbildung, Praxis und Wissenschaft verankerte Verlag C. F. Müller mit Sitz in Heidelberg hat 2020 im Kölner Verlag Dr. Otto Schmidt eine adäquate verlegerische Heimat gefunden.

Als der Gründersohn und – wie sein Vorbild – begnadete Menschenfänger Bernd Holger Hüthig am 7. Dezember im Alter von 81 Jahren gehen muss, wird er wie der verehrte Vater in Heidelberg beigesetzt.

Joseph Weisbrod

Joseph Weisbrod (Jahrgang 1955) ist gelernter Verlagsbuchhändler. Bis zu seinem Ruhestand war er mehr als drei Jahrzehnte in leitender Position bei der Heidelberger Verlagsgruppe Hüthig, u. a. für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich.

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