
Der Welttag der Poesie wurde 1999 von der UNESCO ausgerufen, „um die sprachliche Vielfalt durch poetische Ausdrucksformen zu fördern und gefährdeten Sprachen mehr Gehör zu verschaffen“ und wird seitdem jährlich am 21. März begangen. Höchste Zeit für einen aktuellen Blick auf ein oft verkanntes Genre.
Entgegen der Roman-Neuerscheinungen stehen Lyrik-Novitäten deutlich seltener im Rampenlicht, weshalb wir ein paar Schlaglichter werfen wollen. Im Verlag Das Wunderhorn liegen beispielsweise seit dem 9. März Nadja Küchenmeisters »Schwerkraft und Licht. Über John Burnside« und Bela Chekurishvilis »Margo ist fort«. Eine Nachdichtung von Norbert Hummelt vor.
Ein besonderes Projekt hat außerdem der Kulturmaschinen Verlag angestoßen. Anlässlich des 200. Braille-Jubiläums im vergangenen Jahr ist am gestrigen 20. März in Kooperation mit dem BVN, dem Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen e. V., ein Buch erschienen, das nicht nur in Schwarzdruck, sondern auch in der Braille-Schrift gelesen werden kann, sein Titel:
„Seht her – Poesie in Braille“. Das Buch ist eine zeitgenössische Lyrikanthologie, die Gedichte in Schwarzdruck und Brailleschrift kombiniert und damit Poesie als inklusives, sinnlich erfahrbares Buchobjekt präsentiert. Das Buchprojekt wurde ausgezeichnet mit der Verlagsprämie des Freistaats Bayern und von BVN und Aktion Mensch gefördert. „Seht her – Poesie in Braille“ präsentiert 25 neue Gedichte von 25 Autorinnen und Autoren, unter ihnen eine blind sowie einer stark sehbehindert. Es ist ein poetisches Experiment und ein Plädoyer für Teilhabe – und für eine Literatur, die ihre Leserinnen und Leser dort erreicht, wo Wahrnehmung beginnt. Über das so besondere Buch sagt BVN-Projektleiterin Heike Gronau: „Viele blinde Menschen erleben Lyrik nur über Vorlesen oder Audio. Braille ermöglicht etwas anderes: ein eigenes Tempo, ein eigenes Innehalten, ein eigenes Zurückspringen im Text. Braille und Schwarzschrift sind zwei Wege zur Poesie.“ Das ist ein Nochmehr an lyrischem Ausdruck, so Herausgeber Sagurna: „Für die Augen gedruckt entsteht Rhythmus durch Zeilenfall, Betonungen, Versfüße, Gedichtformen, Gleichklänge, Disharmonien, Weißraum, Satzzeichen oder persönliche Schreibungen wie individuelle Grammatik. In Braille können darüber hinaus Fingerbewegung, Punktmuster und Lesefluss eigene Poesie entfalten“.
Lyrikempfehlungen
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung gibt anlässlich des Welttags der Poesie jährlich die Lyrikempfehlungen des Jahres heraus, die hier einzusehen sind.
Lyrik für Kinder
Der Josef-Guggenmos-Preises für Kinderlyrik wurde gerade an die Schriftstellerin Jutta Richter für Rabenkonzert – Gedichte für kleine und große Menschen (Insel) vergeben. Weitere sechs besonders gelungene Werke hat die Jury für die Empfehlungsliste ausgewählt:
- Heinz Janisch: Ich freue mich furchtbar sehr (Jungbrunnen)
- Lena Raubaum: Schlich ein Puma in den Tag (kunstanstifter)
- Bettina Obrecht: Wo kommen die Ideen her? (kunstanstifter)
- Michael Hammerschmid: wolkenschaum – gedichte für kinder (Jungbrunnen)
- Ulla Schuh: Ich in 100 Teilen (Beltz & Gelberg)
- Clemens J. Setz: Mopsfisch (Insel)
Lyrik erleben
Zugänglich wird Lyrik auch durch Veranstaltungen wie die der gerade in Leipzig zu Ende gegangenen Lyrikbuchhandlung. Die Lyrikbuchhandlung ist eine Initiative, die Verlage unterstützt, welche rund 50% Lyrik im Verlagsprogramm führen und insbesondere zeitgenössische Autor:innen publizieren. 2012 wurde die Lyrikbuchhandlung vom Verlagsnetzwerk hochroth ins Leben gerufen. Von Mittwoch bis Freitag während der Buchmessewoche in Leipzig präsentierten Autor:innen, Übersetzer:innen und Herausgeber:innen Bücher aus den aktuellen Programmen der Verlage. Das Programm kann aber auch nachträglich eine Inspiration für Lyrik-Neuerscheinungen sein, s. www.lyrikbuchhandlung.de.
Außerdem steht eine weitere Veranstaltung an. Das Berliner Haus für Poesie lädt am 24. März um 19.00 Uhr ins silent green Kulturquartier im Wedding zu Lesungen von sechs internationalen Dichter:innen ein:
- Julia Cimafejeva (geboren 1982 in Rajon Brahin, Belarus) war im letzten Jahr Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Während ihres Stipendiums erschienen gleich zwei Bände in deutscher Übersetzung, Ich zerschneide die Geschichte (edition frölich) und Blutkreislauf (edition.fotoTAPETA).
- Petr Hruška (geboren 1964 in Ostrava, Tschechien) ist einer der bekanntesten Dichter Tschechiens, in deutscher Übersetzung von Martina Lisa wird in diesem Jahr der bereits dritte Auswahlband seiner Gedichte unter dem Titel Und ich sah mein Gesicht (Voland & Quist) veröffentlicht.
- Jeannette Hunziker (geboren 1985 in Bern, Schweiz) ist Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude. Sie schreibt Lyrik und Prosa und war 2008 Finalistin beim Open Mike. Ihr Prosadebüt Für immer alles erschien 2024 (Lenos Verlag).
- Nikola Huppertz (geboren 1976 in Mönchengladbach) ist derzeit Stipendiatin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia Bamberg. Nach zahlreichen Veröffentlichungen für Kinder und Jugendliche erschien im letzten Jahr ihr erster Lyrikband, in bester unordnung (Wehrhahn Verlag 2025).
- Matthias Nawrat (geboren 1979 in Opole, Polen) war im vergangenen Jahr Stipendiat der Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf. Er veröffentlichte fünf Romane, diesen März folgt sein sechster Roman Das glückliche Schicksal (Rowohlt Verlag 2026), 2022 erschien sein erster Gedichtband Gebete für meine Vorfahren (parasitenpresse).
- Tania Skarynkina (geboren 1969 in Smarhon, Belarus) schreibt Prosa auf Belarusisch und Lyrik auf Russisch, zuletzt erschienen der Essayband Rajcentr (Pflaŭmbaŭm 2021, „Kreisstadtparadies“) und der Gedichtband Yesmomochka (Pflaŭmbaŭm 2022, „YesMom“).
Der Eintritt zur Veranstaltung ist kostenlos. Es wurde um vorherige Anmeldung bis zum 16.3. gemelden, weshalb man sich am besten vorab einmal beim Haus für Poesie meldet.
Die Bayrische Akademie der Schönen Künste lädt zudem am 26. März um 19 Uhr zur Soirée „Aber ohne Ende ist die Erde“ mit Poesie von Rilke ein zu dessen 100. Todestag. Es spielen und lesen Anja Lechner, Violoncello, und Gert Heidenreich, der Eintritt ist frei. Link zur Veranstaltung (inkl. Kurzbiografien der Gäste).
Derweil arbeiten selbstverständlich zahlreiche Dichter:innen an neuen Gedichten. Mit Arbeitsstipendien vom Deutschen Literaturfonds wurden zuletzt beispielsweise die folgenden Schriftsteller:innen ausgezeichnet: Paul-Henri Campbell (Großwallstadt), Paulina Czienskowski (Berlin), Tim Holland (Berlin), Matthias Nawrat (Berlin), Franziska Ostermann (Kiel), Andre Rudolph (Schwielowsee) und Lara Rüter (Leipzig).
Die nächste Antragsfrist endet am 30. April. Der Deutsche Literaturfonds wird gefördert von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.