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Penguin-Random-House-Verlagsgruppen-Chef Christian Jünger über Strategie, Vielfalt und die Zukunft des Buchmarkts

Christian Jünger (Foto: Dominik Rößler Penguin Random House Verlagsgruppe)

Seit rund anderthalb Jahren steht Christian Jünger an der Spitze der Penguin Random House Verlagsgruppe. Im Gespräch mit BuchMarkt spricht er über seine Rückkehr ins Unternehmen, strategische Schwerpunkte, Investitionen ins Kinder- und Jugendbuch und die Herausforderungen für den Buchmarkt insgesamt.

BuchMarkt: Mit welchem Anspruch sind Sie im Oktober 2024 bei Penguin Random House an den Start gegangen und wo stehen Sie heute?

Christian Jünger: Ich bin mit viel Optimismus gestartet. Für mich war es auch persönlich etwas Besonderes, weil ich meine berufliche Karriere 2012 bei Penguin Random House begonnen habe – als Assistent des damaligen CEOs. Insofern war es auch die Rückkehr an eine frühere Wirkungsstätte und meine Vorfreude entsprechend groß.

Viele meiner Erwartungen haben sich seitdem erfüllt, insbesondere: die große Begeisterung der Kolleginnen und Kollegen bei Penguin Random House für unsere Autor:innen, die Leidenschaft, mit der sie tagtäglich für ihre Bücher kämpfen und unsere Mission, die uns alle vereint. Das macht große Freude.

Wie sieht diese Mission aus? Was ist heute die strategische Leitidee für die Verlagsgruppe?

Zunächst einmal geht es um unser grundlegendes Ziel: Wir wollen die attraktivste Heimat für Autor:innen sein. Das heißt, wir wollen unsere Autorinnen und Autoren bestmöglich dabei unterstützen, gute Bücher zu machen und damit möglichst viele Leserinnen und Leser zu begeistern.

Damit leisten wir auch einen wichtigen gesellschaftlichen Mehrwert. Bücher informieren, unterhalten und inspirieren Menschen. Sie geben unterschiedlichen Stimmen Raum und leisten einen Beitrag zur Meinungsvielfalt und damit auch zum Funktionieren unserer Demokratie.

Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, wollen und müssen wir natürlich auch wirtschaftlich erfolgreich sein. Der gesellschaftliche Mehrwert steht für mich persönlich aber an erster Stelle. Beide Ziele schließen sich also überhaupt nicht aus. Im Gegenteil: Sie sind zwei Seiten derselben Medaille.

Wie setzen Sie diese Strategie konkret um?

Von außen wird Penguin Random House oft als große Gruppe wahrgenommen. Ich sehe uns jedoch eher als Gemeinschaft vieler kleiner Verlage. Zu unserer Verlagsgruppe gehören mehr als 45 einzelne Verlage, die programmatisch eigenständig arbeiten und selbst entscheiden, welche Bücher sie veröffentlichen.

Diese Unabhängigkeit ist ein sehr wichtiger Aspekt unserer Strategie. Wir sind davon überzeugt, dass Vielfalt und Wettbewerb zwischen den einzelnen Programmen am Ende zu besseren Ergebnissen führen.

Gemeinsam decken unsere Verlage nahezu alle Bereiche des Publikumsmarkts ab – vom Sachbuch über Belletristik und Ratgeber bis zum Kinder- und Jugendbuch, und seit neuestem auch Comics und Manga. Schul- und Fachbücher sind die einzigen Segmente, in denen wir nicht aktiv sind.

Wo liegen die künftigen Schwerpunkte der Penguin Random House Verlagsgruppe?

Wir wollen das Kinder- und Jugendbuch deutlich stärken. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens sind wir in diesem Segment im Vergleich zu anderen großen Verlagsgruppen bislang eher unterrepräsentiert. Zweitens hat sich dieser Markt in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt. Und drittens – vielleicht am wichtigsten – sind Kinder und Jugendliche die Leserinnen und Leser von morgen. Wir möchten Menschen möglichst früh fürs Lesen begeistern und sie langfristig als Leser:innen gewinnen.

Deshalb investieren wir gezielt in diesem Bereich: insbesondere in neue Rechte aber auch in neue Mitarbeiter:innen. Kürzlich haben wir beispielsweise einen eigenen Art Director für unsere Kinderbuchverlage eingestellt. Im Vertrieb bauen wir unter der Leitung von Anke Hardt außerdem ein eigenes Vertriebsteam für das Kinder- und Jugendbuch auf. Und auch organisatorisch haben wir etwas verändert: Das Kinder- und Jugendbuch ist jetzt ein eigener Verlagsbereich und ich habe die verantwortliche Verlegerin Carina Mathern in unsere Geschäftsleitung berufen – als erste Kinder- und Jugendbuchverantwortliche in der Geschichte der Verlagsgruppe.

Darüber hinaus werden wir das Geschäft mit Klassikern innerhalb des Penguin Verlags analog zu den Penguin Classics in Großbritannien weiter ausbauen und eine neue Reihe auflegen, in der ca. 50 Titel im Jahr erscheinen sollen. Klassiker haben viele begeisterte Leser:innen, die Nachfrage hat deutlich zugenommen.

Selbstverständlich bleiben Zugpferde wie der Spannungsbereich ebenso wie Literatur und Unterhaltung für uns weiterhin wichtig und auch das politische Sachbuch hat in diesen Zeiten eine hohe Relevanz. Bei Penguin haben wir beispielsweise das Sachbuch Der Nahost-Komplex der Journalistin Natalie Amiri veröffentlicht – vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen ist es für mich das Buch der Stunde.

Herausforderungen steht aktuell u.a. das Ratgeber-Geschäft gegenüber, oder?

Der Ratgebermarkt ist im Moment sicherlich strukturell herausfordernder als andere Teilmärkte. Aber auch hier gibt es Bereiche, die eine wahnsinnig hohe Nachfrage erfahren, wenn man etwa an die Bereiche Lebenshilfe, Gesundheit, Psychologie denkt. Mit Mel RobbinsDie Let Them-Theorie, steht ein Titel aus unserem Goldmann-Verlag seit über 40 Wochen ganz oben auf der Paperback-Sachbuchliste, den man genauso gut als Ratgeber bezeichnen könnte.

Wie reiht sich der jüngste Kauf des Comic- und Manga-Verlags Cross Cult in diese Strategie ein?

Wir freuen uns sehr, dass Cross Cult jetzt Teil unserer Verlagsfamilie ist! Zum einen sprechen Comics und Manga ebenfalls eine jüngere Zielgruppe – und damit wieder die Leser:innen von morgen – an. Gleichzeitig erschließen wir damit ein Segment, in dem wir bislang gar nicht vertreten waren. Gerade der Manga-Markt hat in den vergangenen Jahren ein enormes Wachstum erlebt – er hat sich in den letzten fünf Jahren ungefähr verdreifacht. Für uns war und ist es deshalb strategisch sehr sinnvoll, dieses Feld zu erschließen.

Cross Cult ist gleich auch an einem verlagsübergreifenden Projekt, K Pop Demon Hunters, beteiligt. Sind weitere Zusammenarbeiten zwischen den eigenständigen PRH-Verlagen vorgesehen?

Dort, wo es sinnvoll ist, schauen wir uns das natürlich immer an. An der programmatischen Unabhängigkeit der einzelnen Verlage ändert das aber nichts – über die Kooperationen entscheiden die beteiligten Verlage untereinander. Ich mische mich da in der Regel nicht ein.

Ein anderes Beispiel für eine sinnvolle Zusammenarbeit in unserer Gruppe ist der frechverlag, der neben Büchern auch Nonbook-Produkte und Spiele entwickelt. In Verbindung mit dem jüngsten Buch von Walter Moers, Qwert, das im Penguin Verlag erschienen ist, hat der frechverlag ein thematisch passendes Puzzle veröffentlicht, das bereits viele Käufer:innen gefunden hat.

Solche Kooperationen entstehen bei uns ganz organisch aus der Zusammenarbeit der Teams in den einzelnen Verlagen.

Die Geschäftsleitung wurde zuletzt erweitert. Welche Überlegung steckt dahinter?

Unsere Geschäftsleitung besteht heute aus zehn Personen. Fünf von ihnen verantworten Programme als Verlegerinnen und Verleger, die anderen fünf führen zentrale Bereiche wie Marketing, Vertrieb, Finanzen oder Personal.

Mir ist wichtig, dass die Perspektive der Autorinnen und Autoren in unseren Entscheidungen präsent ist. Ohne sie gäbe es uns nicht. Deshalb gehören alle Programmverantwortlichen Verleger:innen auch zur Geschäftsleitung.
Bei unseren Geschäftleitungssitzungen habe ich oft das Bild im Kopf, dass Autor:innen, Buchhändler:innen und Leser:innen gewissermaßen virtuell mit am Tisch sitzen, wenn wir Entscheidungen treffen.

Vor etwa zwei Jahren kam es zu einem Stellenabbau. Sind weitere Maßnahmen zu befürchten?

Richtig, damals wurde ein Freiwilligenprogramm gestartet, das mit einem Stellenabbau verbunden war. Das ist jetzt abgeschlossen. Gleichzeitig ist es natürlich weiterhin wichtig, dass wir unsere Organisationsstrukturen auf die Rahmenbedingungen des Marktes anpassen, damit wir unsere Bücher möglichst zielgenau und effektiv an die Leser:innen bringen.

2028 wollen Sie einen neuen Standort beziehen. Wie ist das strategisch begründet?

Genau, unsere Verlagsgruppe bekommt ab 2028 ein neues Zuhause Das neue Verlagshaus ist nur ungefähr 500 Meter Luftlinie von diesem hier entfernt und wird ganz neu gebaut. Die jetzige Immobilie, in der wir seit fast 25 Jahren sind, ist für eine moderne Arbeitsweise nicht mehr ganz optimal. Wir haben unser Arbeitsmodell geändert und sind nicht mehr an fünf Tagen pro Woche im Büro Wenn die Kolleg:innen im Büro sind, steht der Austausch untereinander heute viel mehr im Zentrum. Das wollen wir mit einer passenden Büroarchitektur unbedingt unterstützen, unser neues Verlagshaus muss mit dieser Entwicklung unbedingt Schritt halten. Wir werden dort sowohl abgeschlossene Büros haben, in denen man still und sehr konzentriert arbeiten kann, aber sehr bewusst auch Flächen, auf denen man auf eine ganz andere Art zusammenarbeiten kann. Außerdem erfüllt das neue Gebäude alle modernsten Standards in Hinblick auf Nachhaltigkeit, was ebenfalls ein wichtiger Aspekt unserer Unternehmensstrategie ist.

Der Buchmarkt erlebt derzeit Konzentrationsbewegungen, sowohl im Verlagsbereich als auch im Handel. Wie bewerten Sie diese Entwicklungen?

Konzentration ist zunächst einmal weder gut noch schlecht. Problematisch wird sie nur dann, wenn sie die Vielfalt einschränkt.

Auf der Verlagsseite sehe ich diese Gefahr aktuell nicht. Penguin Random House ist Marktführer im deutschsprachigen Publikumsmarkt – mit nur rund 13 Prozent Marktanteil. Das zeigt, dass es sehr viele andere starke Verlage gibt.

Auch Übernahmen müssen nicht zwangsläufig die Vielfalt reduzieren. Beim Erwerb von Cross Cult etwa ist das Programm vollständig eigenständig und der Verlag dem Markt erhalten geblieben.

Im Handel beobachten wir tatsächlich eine stärkere Konzentration. Gleichzeitig ist der unabhängige stationäre Buchhandel in Deutschland weiterhin sehr lebendig – und wird auch in Zukunft ein sehr wichtiger Partner für uns bleiben, gerade wenn es darum geht, dem Lesepublikum neue Autor:innen bekannt zu machen.

Wie gut ist der deutsche Buchmarkt insgesamt aufgestellt?

Im Vergleich zu vielen anderen Medienmärkten steht der Buchmarkt erfreulich stabil da. Wenn man etwa auf die Zeitschriften- und Zeitungsbranche schaut, sieht man deutliche Unterschiede.

Die Umsätze im Buchmarkt sind über viele Jahre hinweg relativ konstant und zeigen sogar moderates Wachstum. Bemerkenswert ist auch, dass der Großteil unseres Geschäfts weiterhin mit physischen Büchern gemacht wird.
Das zeigt, wie resilient dieser Markt ist. Ich blicke daher sehr optimistisch auf die Zukunft des Buches und bin davon überzeugt, dass Autor:innen, Bücher, Verlage und Buchhandlungen weiterhin eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz haben werden.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Ein ganz zentrales Thema ist die Leseförderung. Wir müssen es schaffen, mehr Menschen – besonders junge – fürs Lesen zu begeistern.

Zu viele Menschen lesen im Moment wenig oder gar nicht. Dabei ist Lesen etwas Großartiges und hat so viele positive Effekte: Durch Sachbücher erhält man vertiefte Informationen zu verschiedenen Themen und eine wertvolle Einordnung zu relevanten gesellschaftlichen Fragen. Belletristische Bücher öffnen die Tür in andere Welten, in die man abtauchen und in denen man sich in bestimmte Charaktere hineinversetzen kann. Kurzum: Bücher erweitern den eigenen Horizont und vor allem macht Lesen großen Spaß.

Wir engagieren uns auch in diesem Jahr mit großem Einsatz für die Leseförderung, u.a. zum Welttag des Buches und zum Vorlesetag. Buchhandlungen leisten hier schon jetzt einen unschätzbaren Beitrag. Mein Wunsch ist, dass wir als Branche gemeinsam noch effektiver dafür sorgen, dass Lesebegeisterung wieder stärker ins Zentrum und Bewusstsein unserer Gesellschaft rückt.

Die Fragen stellte Hanna Schönberg

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