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Thilo Schmid in Bologna Tag 1: Bologna funktioniert. Blitzlichter von der Kinderbuchmesse

Oetinger-Verlegerin Julia Bielenberg in Bologna (Foto: Thilo Schmid)

Ich hätte nicht gedacht, dass ein Land noch runtergerockter sein kann als Deutschland. Ich lag falsch. Das Gastgeberland zeigt es einem gleich am ersten Tag – mit Infrastruktur, die einem das Leben aktiv schwer macht. Und mit einer Energie, die einen trotzdem sofort und vollständig in den Bann zieht. Willkommen in Bologna.

Mit dem Fahrrad zur Messe. Klingt nach Idylle. Ist es nicht. Ist anstrengend – aber immerhin: kein Bus. Ein Kollege, der den Bus genommen hat, erzählt mir später mit einem müden Lächeln, dass in seinem Bus niemand gelesen hat. Kein einziger. Willkommen in der Gegenwart. Wir arbeiten daran.

Die Hallen der Bologna Children’s Book Fair empfangen einen wie eine große Universität. Überall Worte und Gedanken. An den Wänden im Eingangsbereich hängen Bilder wie Schuppen auf einem schweren Fisch aus Beton. Und doch – kaum betritt man das Gelände, ist da diese Energie. Bologna ist aufgeladen mit Geschichten. Man spürt es sofort. Lange Schlangen vor den Eingängen. Vorfreude, die man fast greifen kann. Menschen, die für Bücher hierher gereist sind – aus aller Welt. Das allein ist schon großartig.

Dann folgen viele fröhliche Wiedersehen, Inspiration an jeder Ecke.

Besonders beeindruckt mich gleich der erste Termin mit den koreanischen Kolleginnen und Kollegen: Menschen, die anders erzählen, die Tradition und Moderne auf eine Art verbinden, die einen innehalten lässt. Eine Begegnung der Kulturen, der Geschichten – genau das, wofür Bologna steht.

Bologna ist die Welt im Kleinen. Jedes Land ist da. Jede Kultur. Jede Vorstellung davon, was Kindheit bedeutet, was Geschichten leisten sollen, was Literatur darf. Und jedes Land – das muss man so sagen – präsentiert sich genau so, wie es sich selbst sieht: mit der ganzen Grandiosität, die es für angemessen hält. Bologna lehrt Demut. Und gelegentlich auch: Humor.

Fun Fact des Tages: WLAN-Totalausfall der gesamten Messe. Gleich zu Beginn. Einige entspannt, einige leicht panisch. Ein wunderbares Detox für alle Buchliebhaber aus den Bussen – und vielleicht der ehrlichste Moment des Tages.

(Foto: Thilo Schmid)

Was hier gefunden wird, geht zum Beispiel nach Deutschland – und deutsche Geschichten von hier dann in die Welt. Eine Idee, die in Seoul entsteht, landet ein Jahr später in Hamburg. Bologna als Marktplatz der globalen Idee.

Und die großen Themen der Messe? Heute: Katzen. Schatzsuchen. Geister. Ich weiß nicht, ob das die Welt rettet – aber es macht sie definitiv lesenswert. Und mal ehrlich: Eine Welt mit mehr Katzenbüchern ist eine bessere Welt. Das ist kein Witz. Das ist Marktforschung.

Was uns in diesem Markt stark macht – und das ist keine Selbstbeweihräucherung, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme: Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Und wir können uns auf unsere Partner verlassen – weltweit.

Unser Mindset wird gestärkt durch Gespräche mit Menschen, die genauso entschlossen positiv sind wie wir – allen voran heute durch unsere französischen, schwedischen und englischen Freunde. Menschen, die verstehen, dass gute Kinderliteratur kein nationales Projekt ist, sondern ein universales.

Zwischendurch: Foodtruck zwischen den Hallen. Und neben uns Kolleginnen und Kollegen von Carlsen und Arctis. Locker, herzlich. Genau solche Momente sind es, die Bologna zu mehr machen als einer Messe.

Susanna Wengeler denkt Buchmarketing ganz neu – mit einer Frische und Konsequenz, die einem Lust macht, sofort loszulegen. Genau solche Gespräche sind es, die Bologna für mich wertvoll machen.

Ein toller Fund aus Südamerika: eine neue Reihe, die perfekt zu Oetinger passt. Humorvoll, ungewöhnlich. Und dann: Begegnungen der besten Art – mit unseren Lieblingsagenten. Menschen, die nicht einfach Manuskripte schicken, sondern verstehen, wer wir sind. Was uns bewegt. Warum wir manche Dinge machen – und andere bewusst nicht. Das ist kein Geschäft. Das ist Vertrauen.

Ein Projekt aus Israel. Poetisch, dringlich, berührend – gerade weil es aus einem Land kommt, das gerade so viel trägt. Offensichtlich schätzt man uns dort richtig ein. Das freut mich mehr als jeder Umsatz. Abstecher zu einem unserer italienischen Partnerverlage. Espresso, Herzlichkeit – und ein Buch, das mich sofort erwischt. Es geht ums Zuhören und Erinnern. Darum, dass Diskurs auch bedeutet: wissen, wann es gut ist – und wann etwas schlicht absurd wird. Kurz: Deutschland braucht dieses Buch dringend. 😉

Vielleicht der schönste Moment des Tages: Unsere Illustratorensprechstunde. Eine Künstlerin haben wir vom Fleck weg mit unserer Verlegerin verbunden – und schon sitzen sie und spinnen an einer Idee. Offen, flexibel, enthusiastisch, talentiert. Nahbar. Genau das, wonach wir gesucht haben. Bologna funktioniert für uns.

Ein Moment, der bleibt.

(Foto: Thilo Schmid)

Manchmal passiert auf einer Messe etwas, das über Lizenzen und Trends hinausgeht. Etwas, das einen innehalten lässt. In Bologna gab es wieder so einen Moment.

Kirsten Boie wird mit dem IBBY-iRead Outstanding Reading Promoter Award 2026 ausgezeichnet – einem der bedeutendsten internationalen Preise für Leseförderung, vergeben vom International Board on Books for Young People gemeinsam mit der chinesischen Shenzhen iRead Foundation. Die Jury würdigt damit ihr jahrzehntelanges, außergewöhnliches Engagement für das Lesen von Kindern – weit über ihr literarisches Werk hinaus.

Kirsten Boie ist nicht nur eine der bedeutendsten Kinderbuchautorinnen unseres Landes. Sie ist eine Kämpferin – für das Recht jedes Kindes auf Bildung, auf Geschichten, auf eine Welt, die ihnen gehört. Dieser Preis ist keine Ehrung für ein Lebenswerk. Er ist eine Erinnerung daran, was Literatur leisten kann, wenn jemand wirklich daran glaubt. Und Kirsten Boie glaubt. Seit Jahrzehnten. Unermüdlich.

„Kirsten Boie ist nicht nur eine der bedeutendsten Kinderbuchautorinnen unseres Landes – sie ist eine Kämpferin für das Recht jedes Kindes auf Bildung und Lesen. Wir sind sehr stolz, sie als Autorin zu begleiten.“

Julia Bielenberg, Verlegerin bei Oetinger

Für mich persönlich ist diese Nachricht eine Erinnerung daran, warum wir das alles tun. Nicht für Marktanteile. Nicht für Quartalszahlen. Sondern für Kinder, die ein Buch aufschlagen – und darin eine Welt finden, die sie verändert. Bologna ist einer der Orte, an dem das sichtbar wird. Und Kirsten Boie ist einer der Menschen, die es möglich machen.

Wer dachte, Bologna sei „nur“ Bilderbuch und Kinderbuch, hat die Rechnung ohne den Romance-Boom gemacht. Role Play in Romance – Charaktere, die in ihren Geschichten Rollen spielen, Fantasien ausleben, Identitäten erkunden – ist eines der Lizenzthemen dieser Messe. Die Zielgruppe: junge Erwachsene, die auf Social Media groß geworden sind, die Geschichten nicht nur lesen, sondern erleben wollen. Für den Buchhandel bedeutet das: eine treue, kaufkräftige Community, die weiß, was sie will – und bereit ist, dafür zu bezahlen. Wer diese Leserinnen einmal gewonnen hat, kommt wieder. Und bringt ihre Community mit. Das ist kein Nieschenphänomen mehr – das ist ein Markt, der wächst, während andere schrumpfen. Für Oetinger ist das ein klares Signal: Wir werden dort sein, wo unsere Leserinnen und Leser sind. Nicht hinterher. Sondern mittendrin.

Den Multikrisen ist es nämlich egal, wie leid wir uns tun. Herrn Trump auch. Also sind wir resilient. Und diese Resilienz wird genährt von Begegnungen und Ideen, von besonderen Geschichten und besonderen Bildern. Wir betrachten die Revolution des Neuen ernsthaft und kritisch – und gleichzeitig verteidigen wir das Buch als Konterrevolution der Geschichten. Zwischen diesen Polen bewegen wir uns. Das ist kein Widerspruch. Das ist Haltung.

Was uns dabei stärkt: 80 Jahre Unabhängigkeit. Wir haben Haltung – und die Freiheit, sie zu leben. Das ist in Zeiten wie diesen kein Luxus. Das ist unser größter Wettbewerbsvorteil.

Was uns stärker macht als jedes Sprachmodell? Menschliche Intelligenz. Emotionale Intelligenz. Künstlerische Intelligenz. Die kann man nicht prompten. KI kann Texte generieren – aber sie kann nicht spüren, was ein Kind braucht. Sie kann keine Beziehung aufbauen, kein Vertrauen verdienen, keine Geschichte lieben. Das können unsere Autorinnen und Autoren, unsere Illustratorinnen und Illustratoren, unsere Lektorinnen und Lektoren. Und genau deshalb sind wir hier.

Abends beim Freisekt in irgendwelchen schicken Palazzi über KI und Imperialismus zu klagen und sich leid zu tun – das wird niemandem helfen. Uns langweilt es. Wir sind lieber unter Menschen, die Chancen nutzen statt Probleme zu verwalten. Die für die Einzigen da sind, denen ich mich wirklich solidarisch verbunden fühle: die Kinder und Jugendlichen. Die Generation, der wir so viel zumuten – und um die wir uns viel zu wenig kümmern.

Und genau das ist es, was ich heute Abend mitnehme: Nicht die Zahlen. Nicht die Trends. Sondern das Gefühl, dass wir auf der richtigen Seite stehen. Dass wir genau das sind, was diese Branche braucht: ein Haus mit Charakter. Eines, das nicht fragt, was der Markt will – sondern was Kinder brauchen.

Wir fahren mit den Rädern zum Abendessen. Durch Bologna bei Nacht. Laut. Fröhlich. Kein Konferenzraum, kein Verbandsessen, keine Tischkarten mit Titeln drauf. Nur Unternehmer. Freunde. Menschen, die morgens früh aufstehen, weil sie es wollen – nicht weil es jemand von ihnen erwartet. Wir reden über Bücher, über Risiken, über Ideen, die noch keinen Namen haben. Das Essen ist gut. Der Wein auch. Aber das Beste ist das, was zwischen den Sätzen passiert.

Und irgendwann stehen wir auf der Tanzfläche – neben Leuten von Kunstmann und Coppenrath. Gleicher Takt. Gleiche Energie. Und dann wird es ernst: Nord gegen Süd. Hamburg gegen München. Kein Schiedsrichter – nur Rhythmus. Ich sage nur so viel: Der Norden hat gewonnen und Coppenrath hat den Unterschied gemacht.

Thilo Schmid

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