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Thilo Schmid in Bologna letzter Tag 3: Richtige Richtung, bitte – ein letzter Blick aus Bologna

(Foto: Thilo Schmid)
(Foto: Thilo Schmid)

Letzter Tag in Bologna. Koffer gepackt. Kopf voll.

Gestern Abend hat jemand aus unserer Runde eine Geschichte erzählt. Eigentlich eine Peinlichkeit. Aber eine mit Tiefgang.

Er hatte den Bus genommen. Richtige Linie. Falscher Einstieg. Falsche Richtung. Und er hat es nicht gemerkt. Nicht sofort. Der Bus fuhr, die Haltestellen zogen vorbei – alles wirkte normal, „wie immer“. Bis die Umgebung immer fremder wurde. Bis nichts mehr stimmte. Erst dann: Stopp. Aussteigen. Umdrehen. Viel zu spät angekommen. Aber angekommen.

Wir haben gelacht. Laut. Und dann wurde es still. Die Geschichte hat nämlich vielleicht etwas mit uns, der Buchbranche und unseren Messen zu tun.

„Brüssel – wir haben ein Problem!“

Heute Morgen beim Frühstück gefragt worden: Was ist dein Resümé der Messe? Unsere Stimmung? Gut. Wirklich gut. Aber das Gesamtbild der Branche – das ist eine andere Geschichte. Kinder hören auf zu lesen. In fast allen Ländern, über fast alle Märkte hinweg.

Das ist keine neue Erkenntnis – Kirsten Boie und wir und viele andere haben es seit Jahren gesagt. Gehört wurde es. Gehandelt wurde zu wenig. Und das hat jetzt dramatische Folgen – für die Bildung, für die Gesellschaft, für die Demokratie und für die Wirtschaft.

Und dazu dann noch die Berichte unserer Agent:innen aus den USA – Selbst- und Fremdzensur, eine Schere im Kopf, die sich leise einschleicht. Weit weg? Naja.

Was mich in diesen Tagen in Bologna beschleicht, ist Ungeduld. Nicht (nur) mit den Menschen, sondern mit den Formaten. Mit den Ritualen. Mit der Art, wie eine Branche, die Bücher über Veränderung verlegt, sich selbst manchmal so beharrlich gegen Veränderung sperrt. Alte Modelle werden weitergeführt, weil sie immer so geführt wurden. Gespräche finden in denselben Räumen statt, mit denselben Gesichtern, über dieselben Themen – und draußen, in der echten Welt, lesen Kinder immer weniger, passen die Produkte oftmals nicht mehr zu den Empfänger:innen und umgekehrt.

Was tun?
Wir wappnen uns mit Büchern. Wir halten die bunten Druckfahnen hoch. Das ist unser Job – und wir machen ihn mit Überzeugung. Mit Herzblut, mit Enthusiasmus. Aber das alleine wird nicht reichen und alleine werden wir es nicht schaffen. Es braucht auch Familien, die anders miteinander leben, anders und analoger miteinander kommunizieren – die Werte weitergeben. Wir müssen Vorbilder sein im Umgang mit allem Neuen UND Alten – wir benötigen eine andere Art der Bildungsvermittlung, eine andere, wirksamere Kultur- und Wirtschaftspolitik – und vor allem Menschen, die verstehen, was auf dem Spiel steht und endlich handeln.

Ansätze gab es auf dieser Messe viele. Gute Gespräche, kluge Ideen, echte Bereitschaft. Die Messe hat sich selbst das Motto gegeben: „Fighting for the Future Reader.“ Gut. Jetzt muss man es auch ernst meinen und umsetzen-
Und während wir hier in Bologna über die Zukunft der Branche reden, dreht sich die Welt in Hamburg weiter. Wir verändern uns gerade – die Verlagsgruppe Oetinger bekommt einen neuen Name, eine neue, weiterentwickelte CI, die unserem heutigen Mindset und unserer Art Geschichten zu erzählen entspricht.

Passend dazu eine Überschrift, die mir heute Morgen im Newsletter des Zukunftsinstituts begegnet ist: „Paradigmenwechsel: Von der Vollkaskomentalität zu Eigenverantwortung und Resilienz.“ Here we go.

Danke – von Herzen

Am Ende dieser vier Tage bleibt mir Danke zu sagen: vor allem an Hanna Schönberg, die mir eine wunderbare Sparringspartnerin war – klug, schnell, zuverlässig. Und an unser Messeteam, das wirklich einen richtig guten Job gemacht hat. Das Stichworte und Beobachtungen geliefert hat. Das vieles gezeigt und noch mehr gesehen hat. Das Kontakte geknüpft und verstärkt hat. Und das grandios gefeiert hat.

Und noch ein letzter Hinweis für alle, die nächstes Jahr kommen: Auf dem Weg zur Messe wird fleißig gebaut. Ab 2027 soll das Gelände per Straßenbahn erreichbar sein. Hoffentlich kommen dann noch ausreichend Ausstellerinnen und Aussteller, um die Fahrt zu lohnen. Das liegt – auch – an uns.

Und dann brechen wir auf – und eine halbe Stunde hinter Bologna klärt das Wetter auf und die Sonne kommt durch. Ich nehme das als Zeichen. Nicht als Garantie – aber als Einladung.

Thilo Schmid

Anmerkung der Redaktion: Unser Dank gilt Thilo Schmid, der die uns die vergangenen Tage so fleißig mit Einblicken aus Bologna versorgt hat!

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